Da sein … Warum auch ein Wohnungsputz in der Trauerphase um (m)ein verstorbenes Kind wichtiger Support ist

(c) Maren

von M.

Ohne unsere WG wären wir verhungert und erstunken. Ohne Freundin F., die einfach mit mir geweint hat, hätte ich mich noch verlorener gefühlt in meinem Schmerz. Ohne Freundin M., die für uns eine Beratung bei ProFamilia organsiert hat, wären wir vielleicht an einem schwierigeren Punkt in unserer gemeinsamen Realität als Eltern eines Sternenkindes. Da sind Menschen, die mir und uns unglaublich geholfen haben.

Ich bin mir sicher, dass es das Umfeld heillos überfordert, wenn ein Kind stirbt. Was sagt man, wenn eine Freundin eine stille Geburt vor sich hat oder gerade die Trauerfeier für ihr verstorbenes Kind organisieren musste? Das ist ein krasses Thema und alle sind überfordert. Ich versteh das.

Ich bin diese Person, mit der alle überfordert sind. Und ich weiß, dass es schwer sein muss, damit einen Umgang zu finden. Aber es ist auch verdammt schwer, die zu sein, die die Überforderung auslöst und mit der Überforderung der anderen umgehen muss.

Ich wünschte, anderen Frauen und Männern und Familien würde das nicht passieren, was uns passiert ist, aber jedes Jahr werden allein in Deutschland 3.000 Babys tot geboren. In fast der Hälfte der Fälle weiß keiner warum. Was man als Umfeld tun kann? Da sein!

Der Umgang mit Tod ist sehr persönlich uns es gibt kaum allgemein gültige Ratschläge. Ich schreibe daher einfach das auf, was mir in den letzten fünf Monaten geholfen hat, zu überleben – mit allertiefster Dankbarkeit und Liebe für die, die da sind …

Das ganz Praktische: Über Wochen haben die WG-Mitbewohner*innen alles Praktische für uns gemacht. Kochen, putzen, einkaufen, es schön machen, unsere Post bearbeiten, professionelle Hilfsangebote organisieren, Bestatterin suchen, ‚mal ernsthaft reden, ‚mal einfach Small Talk in der Küche. Jeden Tag war die Wohnung voller Kerzen, frischer Blumen und abends gab es immer etwas Warmes zu essen. All das hat unglaublich geholfen, auch wenn es banal klingen mag. Ein Hoch auf eine tolle WG!

Menschen, die keine Berührungsangst haben und auf ihre Weise da sind. Menschen, die von sich aus den Kontakt suchen und halten und mir nicht das Gefühl geben, dass ich eine Belastung bin und um ein Kaffee-Treffen betteln muss. Die schöne Dinge mit mir machen und wir eine ganz „normale“ schöne Zeit haben und lachen, aber wo die Trauer auch mal da sein darf, ohne dass ich etwas verschweigen muss. Es war ein besonderer Moment, mit einer eigentlich noch ganz neuen Freundin einfach zu weinen oder mit einer anderen neuen Freundin die Trauer um verlorene Kinder zu teilen. Aber es muss gar nicht immer hoch emotional sein. Einfach mal rausgescheucht werden zum Frühstücken gehen und über Lieblingsbücher reden und lachen hilft enorm. Oder die Initiative ergreifen und mit mir einen Ausflug in den Tierpark machen, oder oder … Einfach die Menschen, die mir immer wieder angeboten haben und anbieten, etwas zusammen zu machen. Ich hab in einem der Bücher etwas gelesen, das fast immer zutrifft: „Hilfe wird aus einer unerwarteten Ecke kommen, du wirst Freunde verlieren und ganz neue Freunde finden.“ Für mich trifft das absolut zu.

Es sind auch die kleinen Dinge. Jede*r hat andere Dinge, die kurz zum Durchatmen und Lachen bringen. Ich bin sehr von Tieren zu begeistern. In den ersten Wochen und bis jetzt haben mir Freund*innen einfach fast durchgehend entzückende Tier-Gifs und niedliche Videos geschickt. Mir hat das wahnsinnig geholfen, über einen schaukelnden Panda zu lachen, wenn der Tag schwer war.

Professionelle Hilfe: Wir hatten das unglaubliche Glück, in den ersten 48 Stunden nach dem Tod unseres Sohnes ein professionelles Umfeld zu finden, das uns teilweise bis jetzt begleitet. Konkret war/ist das eine tolle Hebamme, die beste-coolste Bestatterin der Welt, eine undogmatisch-spirituelle Begleitung und bis jetzt eine Trauerbegleitung bei ProFamilia.

Dinge tun: Mir hat es total geholfen, wieder etwas mit den Händen zu tun und nicht nur in der emotionalen Trauerglocke zu schwimmen. Ich hab den Balkon in einen Garten verwandelt, viel für die WG gekocht und sogar zwei Pflegepferde gefunden (Stichwort „Hilfe wird aus einer unerwarteten Ecke kommen“). Rausgehen, etwas mit Tieren machen, sich bewegen. Ich behaupte, dass mir (auch) die Pferde das Leben und die Beziehung gerettet haben in den finstersten Stunden. An alle mit Freund*innen, die ein Kind verloren haben: Helft den trauernden Eltern das zu finden, was ihnen gut tut. Und wenn es ein Pferd ist 😉

Elternsein anerkennen: Wir sind Eltern geworden, auch wenn wir unser Kind erst in den Armen hatten, als es schon tot war. Es tut gut, wenn wir als Eltern gesehen werden und Leute auch den Namen unseres Sohnes aussprechen und uns zu unserem Elternsein fragen.

Zum Thema Geld: Wir sind in der privilegierten Situation, dass wir die knapp 4.000 Euro für Trauerfeiert, Feuerbestattung etc. zahlen konnten und noch Geld hatten für eine gemeinsame Reise und ein paar Stunden Therapieangebote (Hallo 60-80 Euro pro Stunde etwa für eine Körpertherapeutin mit Schwerpunkt verwaiste Mütter). Um möglichst heil aus dieser Lebenskrise zu kommen, hilft einfach auch, etwas Geld für das zu haben, was gerade gut tut. Sei es eine Reise oder ein Tag in der Sauna oder eine privat bezahlte Therapie. Ich kann nur wirklich darauf hinweisen, dass Geldsammeln im Freundeskreis kein Tabu sein sollte. Geld kann in diesem Fall viele materielle Sorgen der verwaisten Eltern mindern.

Fragen und ernst nehmen: Menschen, die nicht aufhören zu fragen und auch zuhören, wenn ich ehrlich antworte, wie es mit geht und was ich brauche, sind meine Held*innen. Menschen die wissen, dass Trauer sehr lange dauert und nicht statisch ist und die da sind, über die Zeit der ersten Wochen hinaus. Trauer ist nicht nach ein paar Wochen weg, der zweite richtig harte Part beginnt erst nach einigen Wochen, wenn alle denken „dass es ja jetzt besser wird“ und der akute Support wegfällt. Trauer um ein Kind hört nicht auf, sie verändert sich nur. Die schlimmen Tage werden langsam weniger, aber sie sind weiter da. Die Menschen, die jetzt fragen und da sind, helfen sehr. Wenn ihr für trauernde Eltern da sein wollt, fragt und hört nicht auf zu fragen. Wenn eine schlimme Trauerwoche auch noch nach fünf Monaten kommt, ist das normal.

Und habt keine Angst vor dem was passiert, wenn ihr fragt. Wahrscheinlich kommt auf das „Was brauchst du gerade?“ einfach ein „Zusammen Eis essen gehen und in der Sonne sitzen“. Das hilft nämlich enorm.

Der Verlust eines Kindes ist tiefgreifend und führt auch zu Kollateralschäden im Freundes- und Familienkreis. Und dann es gibt sie, die tollen lieben wunderbaren Menschen, die da sind und für die sich das ganze „Zurück ins Leben kämpfen“ lohnt. Meine ehrliche tiefe Dankbarkeit ist euch auch ewig sicher. I love you!


Beitragsbild: M.

Erschienen in: Sommeredition

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3 Kommentare

  1. Sanneh

    So sehr danke!

  2. Pingback: Linkschau #12 – Coincidence

  3. Pingback: Das Leben eben, Pt. I | Kaiserinnenreich

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