Gedanken zu weiblichen Körperbildern – was der Frauenkörper leisten soll

(c) Eva Rinaldi

von Karin

Sag mal, bist du schwanger?“ – „Du hast aber ein ordentliches Baucherl bekommen!“ – „Das Füllige steht dir!“ – „So richtig mütterlich schaust du aus!

In etwa so werden Frauen [Anm. der Redaktion: bzw. als Frauen gelesene Menschen] täglich auf ihren Körper angesprochen. Dabei ist es egal, ob frau bereits Mutter ist oder nicht, diese Kommentare beziehen sich nicht allein auf den postnatalen Körper einer Frau. Die Wahrscheinlichkeit auf seinen Körper als Frau angesprochen zu werden, erhöht sich aber in der Altersspanne zwischen 25 und 35 Jahren. Ein anderes häufiges Phänomen ist, dass Frauen in der genannten Altersspanne (auch ohne Bauch) auf ihre Reproduktion angesprochen werden. Fragen wie: „Wann ist es bei dir denn soweit?„, „Tickt deine biologische Uhr schon?“ oder „Du willst ja sicherlich auch Mal Kinder haben!“ hören vor allem Frauen um das 30 Lebensjahr häufiger.

Beide Phänomene sind überaus übergriffig und überschreiten die persönlichen Grenzen von Frauen enorm. Jedoch ist es gesellschaftlich legitim Frauen sehr intime Fragen zu stellen. Dadurch leben viele Frauen in dem Glauben, dass sie diese Fragen ertragen müssen.

Warum ist das so?

Es ist historisch gewachsen, wie alle Geschlechterkonstruktionen. Gildemeister schreibt dazu: „Die Historisierung und Relativierung dessen, was als ‚weiblich‘ oder ‚männlich‘ gilt, macht auch vor dem Körper nicht halt: auf den geschlechtlichen Körper bezogene Bilder und Theorien formen sich in jeder Epoche neu aus, werden zugleich aber jedes Mal zur unveränderbaren Biologie erklärt.“ (Gildemeister 2005, S.74). [1]

Der weibliche Körper wird im Vergleich zum männlichen Körper als objektiv betrachtet. Objektiv meint hier der Allgemeinheit zur Verfügung stehend. Der männliche Körper wird als subjektiv wahrgenommen im Sinne von, ein Mann verfügt selbst über seinen Körper. Gerade die Reproduktionsfähigkeit von Frauen ist demnach ein Allgemeingut und deshalb glauben auch alle mitreden zu dürfen.

Mit dem Moment einer Schwangerschaft wird der weibliche Körper dann „offiziell“ zur Allgemeinsache und deshalb tätscheln frau dann wildfremde Menschen den Bauch und geben sehr intime Ratschläge. Eins stelle sich nur mal vor, Männer würden von Fremden so betätschelt oder mit intimen Fragen konfrontiert werden. Wäre das dann immer noch ok?

Dazu gibt es ein lustiges Video, in dem eine schwangere Frau sich wehrt und ihre Betätschler auch angrabscht.

Was macht es mit Frauen, wenn sie sich in ihrem Alltag ständig zu ihrem Körper rechtfertigen sollen? Ich kenne Frauen, die mindestens einmal pro Woche auf ihren Bauch angesprochen werden. Mir graut vor den Zahlen, wie viele Frauen das österreichweit betrifft.

Sicher ist, dass Frauen hohen Erwartungen ihren Körper betreffend ausgesetzt sind. Sie sollen einerseits einem überzogenen und unrealistischen Schönheitsideal entsprechen, zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr Kinder bekommen und danach wieder wie vor Schwangerschaft und Geburt aussehen. Dieser Leistungsdruck trifft auf andere Gendererwartungen, denen Frauen gerecht werden sollen: Karriere machen, eine gute Mutter sowie gleichzeitig Geliebte und Ehefrau sein. Dies ist schon für cis Frauen ein Irrsinn an zu bewältigenden Aufgaben, wie geht es da trans Frauen oder Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität? Was machen diese Körperbilder mit Mädchen?

Scheinbar bewahrt es frau nicht einmal dann davor, über ihren Körper bewertet zu werden, wenn sie die mächtigste Frau Deutschlands ist. Selbst Angela Merkel ist nicht davor gefeit, übergriffigen Kommentaren ausgeliefert zu sein. Egal also, wieviel du als Frau leistest, die Medien scheint es mehr zu interessieren, wie tief dein Dekolleté ist.


[1] Gildemeister, Regine. Gleichheitssemantik und die Praxis der Differenzierung. Wann und Wie aus Unterscheidungen Unterschiede werden. In: Vogel, U. (Hrsg.): Was ist weiblich, Was ist männlich. Aktuelles zur Geschlechterforschung in den Sozialwissenschaften, Bielefeld, 2005, S. 71-88


Erschienen in: Sommeredition

Beitragsbild: Eva Rinaldi

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2 Kommentare

  1. Sophie

    Vielen Dank für diesen Artikel! Es tut gut, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Ich bin gerade hochschwanger und habe mich in den letzten Monaten stark mit diesem Thema auseinander gesetzt. Aus meiner Schwangerschaft heraus, habe ich jedoch ein wenig eine andere Perspektive zu diesem Thema.

    Habe ich als nicht-schwangere Frau noch den Eindruck, dass es gewisse soziale Normen gibt, die zumindest fremde Menschen davon abhalten meinen Körper zu kommentieren und zu bewerten, scheinen bei schwangeren Frauen jegliche Grenzen zu fallen. Wie oft ich mir in den letzten 9 Monaten Sprüche wie „Boahhh dein Bauch ist aber groß!“, „Werdens leicht Zwillinge?“, „Wird sicher ein großes Kind.“, „Jetzt wird’s ja bald soweit sein!“ (3 Monate vor dem Entbindungstermin) anhören musste. Jedes einzelne Mal haben mich diese Sprüche verletzt und verunsichert. Gedanke wie solche ausgelöst: „Mein Bauch ist nicht normal. Ich bin nicht normal. Etwas stimmt nicht mit mir. Ich bin falsch. Werde ich ein großes Kind auf natürlichem Weg gebären können? Usw.“ Ich gehöre wohl zu den sehr sensiblen schwangeren Frauen und kann solche Sprüche nicht einfach abstreifen, vor allem wenn sie scheinbar aus dem Nichts von wildfremden Menschen ausgesprochen werden. Ja genau dann empfinde ich solche Aussagen als extreme Grenzüberschreitung meines persönlichen Raumes. Als Nicht-schwangere wurde ich noch nie von Fremden so dermaßen auf mein Äußeres angesprochen. Warum ist eine Schwangerschaft der Freibrief für die Allgemeinheit meinen Körper zu beurteilen, wo doch Frauen in diesem Lebensabschnitt besonders sensibel sind? Ich finde hier fehlt es weitestgehend an Sensibilisierung und ich würde mich freuen, wenn es mehr Bewusstsein für dieses Thema geben würde!

    • Liebe Sophie!
      Vielen Dank für deinen Kommentar! Mir ging es gerade in meiner erste. Schwangerschaft sehr ähnlich wie dir. Mein Bauch war sehr groß und ich habe genau dieselben Kommentare zu höre bekommen wie du sie oben geschildert hast!
      Danke, dass du mich wieder daran erinnert hast. Denn dieser Teil fehlt in meinem Text. Wie verunsichernd solche Kommentare gerade bei schwangeren Frauen sein können!
      Ich hab mittlerweile zwei SS hinter mir mit großen Bäuchen und beide Kinder hatten ein völlig durchschnittliches Körpergewicht. Schwangere Bäuche sind anscheinend genauso unterschiedlich wie alles am menschlichen Körper 😊
      Ich wünsch dir noch eine schöne Schwangerschaft, eine kraftvolle Geburt und eine wunderbare Kuschelzeit!
      Alles Liebe
      Karin

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