Von unten

Das Vorher – Nachher Bild habe ich in meiner Volksschulzeit gemalt. Die Umweltzerstörung hat mich sehr betroffen gemacht.

von Lisa

Als ich ein Kind war, hatte ich das Gefühl, alles auf der Welt würde immer besser werden. Ich dachte mir sozialen Wandel als eine Art linearem Fortschrittsgedanken, getragen von Vernunft und dem, was ich zu diesem Zeitpunkt unter „Menschlichkeit“ oder „Humanität“ verstanden habe (damals waren das für mich sehr positiv besetzte Begriffe, heute besetze ich sie viel realistischer mit dem, was Menschen aktuell sind. Und das ist tatsächlich sehr oft kein bisschen positiv).

Als Kind war mir die Sache klar: Jetzt gerade befanden wir uns in einer Zeit, die nicht optimal war. Aber wir (als globale Menschheit) waren ja gerade dabei, das zu ändern. Von Umweltzerstörung auf Umweltschutz umzustellen, von Krieg auf Frieden, von Hass auf Liebe. Wir würden für die abgeholzten Bäume neue einsetzen, die Tiere schützen, den sinnlosen Hunger in der Welt beenden, allen Medizin, Bildung und Wissenschaft zugänglich machen, erneuerbare Energien einsetzen, nachhaltig und fair produzieren, allen Kindern eine Chance geben, das Müllproblem lösen, fair teilen und verteilen, Toleranz und Respekt gegenüber allen Menschen, Tieren und Pflanzen leben, jede Lebensform und jeden Lebensweg respektieren und natürlich würden wir das Patriarchat überwinden.

Ganz klar.

1993 (mit 11) habe ich dieses „Buch“ darüber geschrieben, wie man mit den Problemen in der Welt umgehen müsste. Sehr naiv. Sehr liebenswert. Und im Grunde tatsächlich keine schlechten Ideen.

1993 (mit 11) habe ich dieses „Buch“ darüber geschrieben, wie man mit den Problemen in der Welt umgehen müsste. Sehr naiv. Sehr liebenswert. Und im Grunde tatsächlich keine schlechten Ideen.

Immerhin wussten ja alle, dass das die beste Idee ist und dass wir uns so, wie wir gerade lebten, selbst zerstören und alles mit uns mit in den Abgrund reißen.

Mittlerweile bin ich Mitte dreißig und so gut wie alles, was damals schon dramatisch war, hat sich noch mehr verschärft. Sah es in den 80ern und 90ern wirklich besser aus? Gab des damals einen Aufwärtstrend? Oder hat die kindliche Naivität (aus einer privilegierten Situation heraus, derer ich mir damals nicht bewusst war) einfach meinen Blick verzerrt?

Inzwischen habe ich zwei geisteswissenschaftliche Studien abgeschlossen und obwohl ich mittlerweile die ganze Welt vielschichtig und tiefgründig hinterfragen und verschiedenste rationale Argumente zu diesem Thema herleiten kann: Wirklich nachvollziehen und verstehen kann ich es nicht.

Ich verstehe es sogar wirklich aus tiefstem Herzen gar nicht.

 Diesen „Auch Vögel haben Rechte“ Adventkalender habe ich als Kind mit meiner Mutter gebastelt. Vögel in Käfigen machen mich seit jeher traurig.

Diesen „Auch Vögel haben Rechte“ Adventkalender habe ich als Kind mit meiner Mutter gebastelt. Vögel in Käfigen machen mich seit jeher traurig.

Vielleicht ist das naiv, weil die Welt natürlich zu komplex ist für einfache Lösungen, aber vielleicht habe ich auch einfach nach wie vor nicht den Glauben daran verloren, dass eine andere Welt machbar wäre, wenn mensch sie einfach machen würde.

Kann es denn tatsächlich sein, dass das so schwer ist? Angesichts der aktuellen Situation in der Welt ist das wohl leider eine rhetorische Frage. Und ja, ich weiß, das klingt alles ziemlich nach Hippie und Esoterik und sowieso.

Aber sollten wir uns nicht eigentlich fragen, warum die im Grunde ganz einfache Idee, uns eine Welt zu gestalten, die für alle und alles gut ist, in unserer Gesellschaft ins Lächerliche gezogen wird?

Die Rechten, die Hetzer_innen, ein wütender, zerstörerischer Mob ist im Aufwind und wir sind mittendrin. Die lange Zeit bequeme Illusion, dass wir uns in unserer kleinen Blase vor der Verantwortung gegenüber der Welt verstecken können (denn hier ist/ war es ja schön und wir hatten und haben von allem genug), löst sich immer mehr in Luft auf.

Und mitten in dem ganzen Wahnsinn meine Kinder. „Mama, warum führen Menschen Krieg?“ „Mama, warum gibt es arme Menschen?“ „Mama, warum machen manche einen Unterschied zwischen Menschen?“ „Mama, was ist ein Flüchtling?“ „Mama, spenden wir mein Stofftier? Ich habe eh genug“ „Mama, was hat der böse Mensch gegen fremde Menschen?“

Die aktuellen Fragen bohren sich in meine eigene Wunde. Klar, ich kann es erklären – ohne es mir in Wahrheit selbst wirklich erklären zu können. Ich höre mich selbst Sätze sagen, bei denen sich mir der Magen umdreht. Möchte unbekümmert wirken, mache mir Sorgen. Entsetzte Kinderblicke „aber warum ist das denn so?“ „Mama, warum nur? Das müsste ja nicht so sein!“

Ich weiß. Sehe etwas in den Kinderaugen zerbrechen, das nie wieder zurück gewonnen werden kann. Erinnere mich daran, wie ich selbst zum ersten Mal diesen Weltschmerz gespürt habe.
Ich lese, dass in meiner Heimatstadt Rechtsradikale frei gesprochen wurden, die in einer Gruppe mit Schlagstöcken auf ein paar Linke los gegangen sind. Einfach so, trotz Beweisen. Lese von Pfefferspray und Polizeigewalt. Von Schweineköpfen vor Moscheen. Sehe die Statistiken von stark gestiegener rechter Gewalt. Sehe Bilder von brennenden Unterkünften und einem wütenden Mob, der immer selbstbewusster Hassparolen schreit.

Und als würde diese viel tiefer (als uns lieb ist) in der Mitte unserer Gesellschaft angesiedelte

Das Vorher – Nachher Bild habe ich in meiner Volksschulzeit gemalt. Die Umweltzerstörung hat mich sehr betroffen gemacht.

Das Vorher – Nachher Bild habe ich in meiner Volksschulzeit gemalt. Die Umweltzerstörung hat mich sehr betroffen gemacht.

Problematik nicht reichen, sind alle Nachrichtenkanäle voll mit globalen Krisen, mit Müll im Meer, zerstörten Landschaften, ausgerotteten Tierarten, Tierquälerei, verstrahlten Gebieten, giftiger Nahrung, geplanter Obsoleszenz. Voll mit Kinderarbeit, patriarchalen Unterdrückungsmechanismen, Selbst- (und Fremd-) Hass Strategien, Ausbeutung, Gewalt.

Ich könnte an diesem Punkt vieles davon begründen, zusammenfassen,  Zusammenhänge erklären, historisch und kulturell ableiten. Werde ich aber nicht machen. Es kotzt mich so was von an.

Stattdessen frage ich: Wie willst du das deinem Kind erklären?

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Titelbild und Bilder im Text: Copyright Lisa

Beitrag erschienen in: Sommeredition

Lisa, 1982, 2 Kinder, Bloggerin auf meine-kinder.at, Soziologin und Geschlechterforscherin. Lebt in Graz.

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Ein Kommentar

  1. Koukou

    Danke.
    Manchmal kommt bei mir noch die Wut hinzu, warum ich so naiv bin mir darüber überhaupt Gedanken zu machen -Moralapostel, Gutmensch, Idealist der ich bin und deren Kinder genervt sind, warum Mama so’n „Öko“ ist, der ich ja tatsächlich nichtmal bin. Denn neben all diesen Gedanken fehlt vor allem eines – Engagement. Und das ist vielleicht auch die Antwort, unsere Unzufriedenheit mit uns mit der Situation adäquat umzugehen, wenn auch nur gedacht. Denn natürlich wünsche ich mir ein „besserer“ Mensch in meinem Tun zu sein, aber scheiter im Alltag gezwungenermaßen an drei Kindern, denn meine Kräfte sind endlich. So bleibt eine adäquate Antwort, nämlich das aktive Entgegenwirken gegen all jene Prozesse aus Hass, Schmerz und Leid, die du beschreibst, aus.
    Meine Kinder fragen nicht mehr, denn sie sind zu groß, sie haben sich ebenso in Gedanken arrangiert wie ich und nur hie und da regen wir uns auf statt loszugehen und gegen den Mob zu stehen.
    LG.

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