Expertinnenrat zu „Ist er schon trocken?“

Vor zehn Tagen hat Heidi sich gefragt, wie sie mit unerbetenen Kommentaren zum Windeltragen ihres 3 Jahre alten Kindes umgehen soll. Hier folgen Ratschläge.

 

Von TuLA

 

Vorweg die Kurzfassung meiner Antwort:

Ja, kein Stress für niemand !!!

Es gibt hoffentlich auch Menschen, die Dir in dieser Sache guttun – halte Dich an die. Ob Du von denen auch Gelassenheit abgucken kannst — ?

Und dazu noch ein paar Anregungen: …

  • Im Gesundheitssystem besteht Konsens, dass bis zum 6. Geburtstag, (also dann, wenn Kind feiert, dass es nun 5 Jahre alt ist) die Kontrolle für die Schließmuskeln von Blase und After und damit dieses auf-die-Toilette- gehen-Thema „in Entwicklung ist“; davor lernt das Kind noch die Kontrolle über die Schließmuskeln und den passenden Zeitpunkt, wann alles laufen kann. Wer danach noch einnässt oder einkotet, gehört zur Minderheit und dafür gibt es unter Umständen auch körperliche Ursachen. Mit 7 Jahren nässen tags 3-5% der Kinder und nachts noch 10% der Kinder ein. Es kann also dauern, dieses Lernen….
  • Und es geht ja wie beim Essen um Eigenregulation des Kindes und die ist schnell in Gefahr, weil so viele mitreden, übergriffig dreinreden. Es ist toll, dass Du das Kind davor beschützen willst, die „Gate-Keeper“- Funktion übernimmst. Oder Prellbock bist …
  • Ich glaube nicht, dass hinter dieser Nachfragerei immer Besserwisserei und Tadel stecken, es ist eine Art Allgemeingut, über Kinder (normativ) zu reden und es ist Allgemeingut anzunehmen, das mit dem Töpfchen sei „einfach so“ – ist ja nun wirklich noch nicht so ganz lange her, dass Erziehung viel mit „Dressieren“ zu tun hatte, das mit dem eigen- willigen Loslassen zum Ausscheiden bedenken viele nicht als Möglichkeit zum frühen (Aus) Üben von Körperwahrnehmung .
  • Für nervige Mitmenschen und genervte Momente ist es vielleicht nützlich, eine Standard-Reaktion parat zu haben, etwa Bemerkungen à la “ Wo Sie Ihre Augen haben !?“ oder „Kind macht in die Windel, ich mach mir nix draus“
  • Was ist eigentlich, wenn die Bemerkungen auch ihre guten Seiten hätten und mensch vielleicht sogar was draus lernen kann?
    • Es gibt im Zeitalter von Waschmaschine, Trockner, Einwegwindel deutlich weniger äußeren Druck zur Windelfreiheit. Wie gut, diese Unabhängigkeit zu haben!
    • Vorsicht vor Verklärung. Aufs-Klo-gehen ist ein Akt der Selbstregulation und Selbständigkeit, kann aber auch ähnlich lästig werden wie Schuhe binden, Tasche tragen, Reißverschluß schließen, Zimmer aufräumen…. wenn mensch es erst mal kann, also wenn es selbstverständlich geworden ist, dieses Tun, dann soll man es ja auch dann, wenn grade die Lust darauf nicht so groß ist… Ich denke deshalb, die Anfänge, das zu üben, passen gut in eine Zeit und Umgebung, wo Nähe, „zu-Hause-sein“, Aufmerksamkeit, Bezogenheit zwischen Kind und denjenigen, die dann bei der Sache mit dem Klopapier, dem An-und Ausziehen helfen, besteht. Je älter das Kind wird, umso selbständiger ist es in anderen Bereichen dann schon, trennt sich zum Spielen von zu Hause, ist mit mehreren zusammen. Dann ist es schwer, sich ganz und gar festzulegen: Ich will keine Windel mehr tragen – denn es ist schwer, das Spiel zu unterbrechen fürs Pipi- und Kacka-Machen. Die anderen wollen vielleicht nicht so geduldig warten wie Mama/Papa/, etc.. und der Wunsch, keine Windel mehr zu haben, kommt dann zu einem Zeitpunkt, wo es noch sooo viele andere Sachen zu lernen gibt – die dann schon ohne die Nähe zu den Bezugspersonen passieren. Und das Kind interessiert sich ja schon früh sehr dafür, wofür die Toilette so benutzt wird, warum also NUR warten, bis das Kind was sagt — warum nicht auch fragen und anregen, ob da was fürs Kind interessant ist …. denn:
    • Ja, es ist eine intime Sache: den eigenen Körper wahrnehmen und ernstnehmen und regulieren zu lernen. Als das Kind kleiner war, war es selbstverständlich, dass die Rückmeldungen der Bezugspersonen helfen, sich selbst verstehen zu lernen: z.B. Beim Schlaflied hören zu lernen: dieser Zustand, das ist müde sein, und damit kann man umgehen. Beim Essen zu lernen, wie sich hungrig und satt anfühlt. Warum sollte auf die Beobachtung, dass das Kind in unseren Augen gerade mit Ausscheidung beschäftigt ist, nicht auch eine Rückmeldung erfolgen, warum das jetzt aufgeben, bloß weil es reden kann? z. B. Rückmeldung geben, dass jetzt, jetzt grade sich unserer Meinung nach ein Kacken ankündigt, wenn das Kind sich zurückzieht, still wird, so in diese Position geht … und damit einfach signalisieren, „ich krieg das mit. „Wir reagieren darauf. Windeln wechseln — oder: es gibt außer der Windel noch andere Möglichkeiten, das zu deponieren“ — ist das ein „Sauberkeitstraining“ ? Ich finde es gut, vor allem die Eigenwahrnehmung zu unterstützen und nicht nur auf die Selbständigkeit zu setzen.
    • Ich stelle mir vor, dass dort, wo Kinder keine Windel tragen ( sondern nichts oder Schlitzhosen) und wo sie dann schon von klein auf immer wieder „abgehalten“ werden, wenn sie sich entleeren, so etwas passiert: Es gibt damit nicht automatisch einen Erfolgsdruck, aber ein eindeutiges Signal: Wenn da was rauskommt aus dem Körper, kündigt es sich an und das kann Kind selbst auch lernen, es zu merken und dann danach zu handeln. Und der Übergang zwischen dem „abgehalten werden“ und dem selbst „aufs Örtchen gehen“ ist fließender. Das spart Ressourcen an Waschmitteln, Windeln, „kostet“ Aufmerksamkeit fürs Kind im richtigen Moment und ist in unserem Alltag kaum vertreten und kaum vertretbar, und soweit ich weiß, werden diese Kinder auch nicht früher selbständig, aber vielleicht gibt es einen fließenderen ( wörtlich und im übertragenen) Übergang.
    • Hier kommen jetzt aber hoffentlich sommerliche Tage, in denen lockerer ausprobiert werden kann, was so geht …. und wenn die Windel einfach die schönste Lösung ist – dann ist das so. Basta.

Exkurs, nicht zur Experten-Meinung, aber ich denke drüber nach, wo diese Frage Platz hätte: Jungs können tags schneller „trocken“ sein als Mädchen, denn sie stellen sich leicht mal längs des Weges….. Mädchen kriegen einen geschützteren Raum zugewiesen, dürfen/sollen sich nicht einfach so hinhocken…. was bedeutet das für das Trocken- werden?

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Erschienen in: generationen.

Bild: Heidi. Rahmen und Zuschnitt: Umstandslos

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