„Die geprügelte Generation“ von Ingrid Müller-Münch

Von Katja

 

Gewaltfreie Erziehung ist keine Selbstverständlichkeit

Ingrid Müller-Münch, die Autorin dieses Sachbuchs ist selbst ein geprügeltes Kind. Das war ihr lange nicht bewusst, weil Prügelstrafen in den 50er und 60er Jahren in der BRD eine so allgegenwärtige Erziehungsmethode sind, dass es kaum ein Bedürfnis der Kinder gibt, dieses Faktum einander zu erzählen, Erfahrungen zu teilen oder gar zu hinterfragen. Auch gesellschaftlich wird Gewalt gegen Kinder nur zaghaft hinterfragt. Erst im Jahr 2000 wird  im Bundestag beschlossen, dass jedes Kind ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hat. Auch im internationalen Vergleich zeigt sich, dass es nur 16 Staaten weltweit gibt, die ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert haben. Täglich sterben Kinder an den Folgen häuslicher Gewalt. Überall.

Ingrid Müller-Münch setzt Arten und mögliche Gründe für Gewalt gegen Kinder in Beziehung und platziert in der Mitte dieses Geflechts die Generation der Kinder, die in den 50er und 60er Jahren aufgewachsen sind. Die Nachkriegsgeneration. Dabei webt sie größtenteils Erinnerungen einzelner Interviewpartner*innen aus unterschiedlichen Milieus ineinander und vermischt sie mit Kommentaren und Analysen eines Traumatherapeuten, von Kriminologen, Gewaltforscherinnen und mit Zitaten aus passender Romanliteratur. Historische Fakten lässt sie nebenbei einfließen.

Auslassungen, Verwirrungen und Impulse beim Lesen

Daher wird, wer spezifische Daten und Analysen sucht, sich etwas schwer tun. Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften geben nicht wirklich preis, welche Erkenntnisse auf eine*n warten. So hängt alles mit allem zusammen, liest sich flüssig, aber wenig strukturiert. Das ist ein Problem, wenn eine*r auf der Suche nach bestimmten Details ist. Die Kapitel sind sinnvoller Weise chronologisch geordnet. Allerdings sind Kapitelüberschriften wie „Nun reicht es“, „Nur ja nicht aus dem Rahmen fallen!“, „Du wirst doch sowieso heiraten“ wenig hilfreich, weil sie so beliebig scheinen. Dabei ist das Buch wirklich gut zu lesen. Unterbrechungen (durch Kleinkinder) lassen sich locker wegstecken, weil viel von der durch die Kinder beschriebenen Atmosphäre.

Die Lesbarkeit geht allerdings auf Kosten von Informationen: Wer sich noch nicht mit dem Thema Traumatisierung beschäftigt hat, kann mit den einzelnen Fragmenten, die erwähnt werden, vermutlich nur bedingt etwas anfangen. Durch die persönlichen Anmerkungen der Autorin und das wiederholte Zitieren eines einzigen Traumatherapeuten, aber keiner Studien aus diesem Bereich (die Forschung ist noch relativ jung), kann der Eindruck entstehen, als suche die Autorin vor allem Bestätigung für ihr individuelles Erleben, obwohl es ja tatsächlich eine ganze Generation betrifft. Eine kurze Erklärung darüber, was eigentlich ein Trauma ist, wie es entsteht und was die Folgen davon sind, hätte ich mir gewünscht. Gleichsam überschlagen sich Betroffene mit ihren Rezensionen im Netz im positiven Sinne und finden sich vermutlich genau aufgrund der persönlichen Note und der vielen Beispielen darin wieder und verstanden. Auf jeden Fall offenbart „Die geprügelte Generation“ einen blinden Fleck der Geschichte: Die vermeintliche Normalität des Geschlagenwerdens.

Dabei wird deutlich, dass der Respekt gegenüber den Eltern durch das Schlagen – sei es mit dem Teppichklopfer, Kochlöffel oder Gürtel – schwindet. Spätestens in der Pubertät hören die Schläge bei allen angeführten Interviewparter*innen auf; vermutlich weil die Kinder dann in einem Alter sind, in dem sie sich selbst wehren können und das teilweise auch tun. Die damit verbundenen Machtgefühle, aber auch die Erfahrungen damit, als Kind die eigene Wut an anderen auszulassen wird eindrücklich geschildert. Es scheint glasklar: Gewalt ist vor allem Machtausübung. Eine Macht, die von der Ohnmacht befreien soll.

Auch die Gründe der Eltern für das Schlagen der Kinder werden erwähnt: Die prügelnde Eltern- und Pädagogen-Generation ging scheinbar von Sinn der sogenannten Züchtigung aus Liebe aus, die der kindlichen Entwicklung förderlich sei. Und diese Ansicht hat eine uralte Tradition. Ab dem 19. Jahrhundert kommen als Gegenentwicklung dazu die ersten reformpädagogischen Ansätze auf, die Gewaltlosigkeit gegenüber Kindern fordern. Ab 1933 ist damit Schluss. Hitler lässt in einer Erziehungsanweisung verlauten, dass er eine „gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend“ will. Johanna Haarers vielzitiertes Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ setzt alles daran, den Willen von Säuglingen zu brechen. Aus diesen Säuglinge wird schließlich eine unerlässlich prügelnde Elterngeneration. Eine Elterngeneration, der auch das Schweigen über die Gräuel des NS-Regimes vorgeworfen wird, die aber laut zitiertem Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausnitz auch gar nicht darüber reden wollen, weil sie „nicht in der Lage waren, über sich selbst zu reden.“ Gerade durch das, was sie selbst erlebten „konnten sie die Lebendigkeit und Spontanität ihrer Kinder nicht gut aushalten“ und schlagen zu.

Sabine Bode wird zitiert mit ihrer Einschätzung, dass es weniger das eigene Gewalterleben dieser Eltern ist, das weitergegeben wird, sondern dass vor allem die erlebten Traumatisierungen daran schuld seien. So wird auch an späterer Stelle statistisch erläutert, dass Gewalt nicht immer unbedingt über Generationen weitergegeben wird, aber wenn jemand als besonders gewalttätig auffällt, hat die Person mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auch selbst massive Gewalterfahrungen gemacht. Von Impuls-Kontrollstörungen ist dann die Rede. „Und dann fangen die Leute auf eine nicht vernünftige, irrationale Weise an, die Muster, die sie erlebt haben, nachzuvollziehen. Und wenn sie geprügelt worden sind, prügeln sie und bauen auf diese Weise Stress ab oder versuchen es wenigstens.“

Besonders aufschlussreich sind die angeführten Thesen der US-amerikanischen Psychologin und Bindungsforscherin Patricia Crittenden. Sie beschreibt die deutsche Nachkriegsgeneration nicht als wütend, sondern als ängstlich. Sie hätte gelernt: „Wenn du etwas falsch machst, bezahlst du das möglicherweise mit dem Leben.“ Insofern ergibt sich das überzogene Ausmaß an Bestrafung für ein umgeschüttetes Glas und Ähnliches aus der Angstreaktion der Eltern. Das erscheint verkürzt beschrieben, möglicherweise etwas unlogisch, bei weiterer Lektüre von Münch-Müller und mit dem Wissen um Entwicklungspsychologie, dass Kinder in dem Alter, in dem Magie für sie real existiert auch Kausalzusammenhänge herstellen zwischen unzusammenhängenden Ereignissen (nicht aufgegessen/ Opa stirbt), machen dieser übertriebene Kontrollwahn und die damit einhergehenden Strafen durchaus Sinn.

Keine Monster

Trotz der zahlreichen eindringlichen und furchtbaren Kindheitserinnerungen, die Ingrid Müller-Münch zusammenfasst, zeichnet sie insgesamt kein Bild von monströsen Eltern. Vielmehr zeigt sie auf, wie eine gesellschaftliche und auch gesetzliche Normalität des Schlagens von Kindern und der Verlust von Empathiefähigkeit durch eigene traumatische Erfahrungen im Kontext des NS-Regimes zu den Erfahrungen führen, die die Interviewpartner*innen und sie selbst berichten. Und auch, welche Konsequenzen sie haben – seien es anhaltende Flashbacks, Schwierigkeit im Umgang mit den eigenen Kindern, psychische Erkrankungen, und/oder auch der Bruch mit den eigenen Eltern. Gleichzeitig führt sie auch die Überlebensstrategien ihrer Protagonisten*Protagonistinnen an, wie diese zu ihrer Stärke und teils auch zur Versöhnung mit der eigenen Kindheit gefunden haben. Davon hätte es aber noch ein bisschen mehr sein können. Auch die Entwicklung der anti-autoritären Erziehung scheint eine logische Konsequenz aus dem Erleben dieser Generation. Zum Ende hin bleiben allerdings noch viele Fragen zum Heute offen. Wie sich die 68er Pädagogik weiterentwickelt hat, und wie und warum genau bestimmte Kritikpunkte daran entstanden sind bleibt offen. Das lose Interview mit einem 16-jährigen am Schluss wirft mehr Fragen auf, als es einen runden Abschluss schaffen kann.

„Die geprügelte Generation“ stellt auf jeden Fall eine gute Grundlage für viele Diskussionen dar. Bei der Anzahl der aufgezählten schlagenden Mütter wird auch wieder einmal deutlich, wie sehr es den Muttermythos zu hinterfragen gilt. Gleichzeitig stimmen mich die Erzählungen mit einer irrsinnigen Demut, dass ich in dieser Zeit geboren bin, in der es – selbst wenn ich geschlagen werde – immerhin einen größtenteils gesellschaftlichen Konsens in meinem Umfeld sowie im Gesetz gibt, dass Gewalt absolut als Erziehungsmittel abzulehnen ist. Falls dies jemand nicht tut, nehme ich mir auf die Aussage „Mir hat es ja auch nicht geschadet“ eine wunderbare Antwort von Lore Peschel-Gutzeit aus der Lektüre mit: Weißt du, was für ein bezaubernder Mensch du geworden wärst, wärst du nicht geschlagen worden?

 

I. Müller-Münch: Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. Klett-Cotta. 2012

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Erschienen in: generationen.

 

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Ein Kommentar

  1. madameflamusse

    Das mag ich – so differnzierte Buchbesprechungen. Oft verwechseln Leute da nämlich was und findens toll nur weil Sie sich wiederfinden..wie es hier ja auch angedeutet wird. Es ist halt auch so ein Kapitel aus vielen, diese Erziehungsmethode des Schlagens. Manche haben auch anders gewalt angewendet. Ich finde die Thematisierung aufjedenfall sehr gut.
    Mir ging es übrigens sehr ähnlich mit einem Kriegsenkelbuch (von M.Lohre) und ich bin da bisschen allergisch auf diese Art des berichtens..also vom eigenen auf alles zu schließen. Aber es ist bestimmt auch schwierig…manchmal sind die Autoren selbst noch zu nah an Ihrem Thema dran, und da vermisse ich dann ein gutes Lektorat.
    Was ich immer wieder erschreckend finde ist wie normal noch „kleine“ Schläge angesehen werden und wieviel Gewalt gegen Kinder eben immer noch existiert schlagend oder anders. Unser Gemeinschaftsbewußtsein scheint da noch lang nicht im hier und jetzt angekommen zu sein. Ich hoffe das ändert sich bald.

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