Der Klang der Erinnerung

von Marlene

Am diesjährigen Crossing Europe Filmfestival in Linz wurde der akustische Film AOA I Skizze A von Tanja Brüggemann und Susanne Hofer gezeigt. Marlene interviewte ihre Mutter, die Komponistin Tanja Brüggemann zu Matros_innenlieder, Einsamkeit und Antarktismusik.

Was muss Musik für dich können?

Musik muss einen Erinnerungsraum öffnen.

Was bedeutet das?

Das sind wir schon nicht mehr bei Musik, sondern bei Klängen und Sonstigem, das irgendwie akustisch ist. Alles, was einen akustischen Raum bildet an den man sich erinnert, ist für mich Musik. Musik ist eine spezielle Situation in einem Kontext, die mich in eine Erinnerung zurückbringt, die ich vielleicht nicht einmal bewusst wahrnehme. Unterbewusst kommt sie durch die Musik aber wieder.

Erinnerung an ein Unterbewusstes? Nicht die Erinnerung an die Musik oder die Klänge?

Musik erzeugt eine Metaebene und das ist das Interessante. In meiner Forschung mit Stimmen fand ich heraus, dass Klänge weitergegeben werden können und dadurch über Generationen vorhanden bleiben. Für mein Stück „Min Deern“ nahm ich die Stimme meiner Tante auf, wie sie von ihren Verwandten, sprich Urgroßeltern, Großeltern, Mutter, auch von meinem Vater, auf Plattdeutsch Wortfolgen und Anreden sagt oder Geschichten erzählt. Dabei zeigte sich am Spektrogramm, dass sich die Stimme, der Sprachduktus und die Tonlage plötzlich verändern. Wenn ich von Erinnerungsraum spreche, meine ich, dass über Generationen klangliche Räume erhalten bleiben.

Können auch Klänge und Musik Generationen überdauern?

Es ist so, dass Lieblingslieder von Eltern, von Urgroßeltern in der Familie erhalten bleiben. Man singt Wiegenlieder oder Songs, die die Eltern gerne gehört haben den Kindern vor. Das heißt, schon als Kind integriert man den Erinnerungsraum in sein eigenes Leben, ob man will oder nicht. (Lacht) Dasselbe gilt übrigens auch für gehörlose Menschen.

Welche Musik deiner Eltern bleibt dir in Erinnerung?

Ich erinnere mich, dass mein Vater die Brahms Intermezzi liebte. Die sind in meiner Erinnerung immer da. Oder die Lieder der Matrosen und Kapitäne, die mein Vater am Akkordeon begleitet hat und die meine Oma und meine Großtante immer sangen.

portrait bank swWürdest du was anderes machen als Musik?

Mit fünfzehn dachte ich mir ich werde Ärztin oder Musikerin. Nachdem ich als Ärztin unfähig wäre, weil ich zu sehr mit den Menschen mitleide, dachte ich mir ich werde Musikerin. Mittlerweile merke ich, dass ich als Musikerin noch mehr mitleide. (Lacht)

Hast du schon immer gewusst, dass du Musik so machen willst, wie du sie jetzt machst?

Ja, weil es sowieso so in mir ist.

Was meinst du damit?

So wie du gesagt hast, es entstehen verschiedene akustische Bilder. Nach denen gehe ich. Der Grund warum ich noch so spät, also mit 37 Jahren, ein Kompositionsstudium begann, war um dieses akustischen Bilder besser beschreiben und an Interpreten weitergeben zu können. Also eine Vermittlungsweise zu kreieren, um das besser umsetzen zu können, was ich machen will.

Was hat dir dabei am meisten geholfen?

Sicherlich war meine Professorin Adriana Hölszky diejenige, die mich überhaupt einmal von Grund auf unterstützt hat und mich auch einfach einmal bestärkt hat Komposition zu machen. Der Komponistenberuf – und jetzt sage ich absichtlich nicht Komponistinnen – ist ein einsamer. Die Rate der Komponistinnen in Österreich niedriger als der Wissenschaftlerinnen in Fächern wie Mathematik und Physik und liegt glaube ich bei drei Prozent. Aber vielleicht sind die drei Prozent auch nicht ganz korrekt. Auf jeden Fall weiß ich, dass es unter zehn Prozent ist.

Was ist für dich an Musik so besonders?

Keine Ahnung. Wieso kommt die Frage?

Ich möchte gerne wissen, was dich an der Musik so fasziniert, dass du dazu bereit bist Eingeständnisse wie Einsamkeit zu machen.

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich frage mich selbst warum man sich das antut.

Fühlst du dich mit deiner Arbeit einsam?

Die Arbeit ist sehr einsam. Das ist auch der Grund warum ich jetzt Kooperationen suche, weil ich Lust habe mich mit Leuten auszutauschen. Darum arbeitete ich letztens mit Jacob Höhne zusammen, dem Regisseur des Berliner Theaters RambaZamba. Er arbeitet viel mit Downsyndromleuten, die voll schauspielerisch tätig sind, was ich spannend finde. Außerdem arbeite ich jetzt auch mit Film und Audiovisuals. Ein Projekt wird 2017 mit der Video-Künstlerin Conny Zenk sein. Vor Kurzem, Anfang April, wurden im Rahmen einer Installation meine Stücke im Linzer Hummelhof-Schwimmbad aufgeführt. Dafür wurde das Schwimmbad extra umgebaut, Lautsprecherboxen Unterwasser gestellt und dann die Musik übertragen. Solche Sachen interessieren mich, wo Musik nicht nur über die Akustik geht, sondern körperlich spürbar wird.

Möchtest du oft zitierten Gegensätze Körperlich – Geistig bzw. Konkret – Abstrakt mit deiner Musik zusammenzuführen?

Es ist einfach beides da und aus. Ich habe keine Überlegungen dazu, weil es einfach so ist. Meine Musik ist für mich persönlich total körperlich. Dass das für andere völlig abstrakt ist, ist mir nicht bewusst und es ist mir auch egal. (Lacht) Für mich ist meine Musik nicht abstrakt, weil ich sie konkret empfinde. Es ist halt einfach so.

Bei einer Gedenkveranstaltung im Stollen in Ebensee wurde 2009 das Stück „Knochenmann“ von dir uraufgeführt. Neonazis hatten diese gestört, die auch KZ-Überlebende attackiert hatten.

Einige Delegationen sind dann auch tatsächlich weggefahren.

Was bedeutet es für dich in einer Zeit der politischen Spannungen Musik zu machen?

Das ist für mich keine politische Frage. Aber es ist ganz wichtig, dass man als Künstler die Integrität sich selbst und der Menschlichkeit, der Humanität gegenüber bewahrt. Das bedeutet, dass man ohne politisch zu sein, politisch ist. Als wir in Ebensee probten, gab es die Überlegung die Veranstaltung und die Proben abzusagen, weil wir nicht wussten, womit die Neonazis schießen. Erst später hat es sich herausgestellt, dass es Softguns waren. Wir alle waren aber der Meinung, dass wir nicht weichen, bleiben und eine Stellungnahme abgeben, indem wir konkret unsere Sachen machen.

Sachen machen, heißt Musik machen?

Ja. Ich hatte ja einen Kompositionsauftrag der Universität Mozarteum – Gender Studies. Ich bekam ein Gedicht von Francois Wetterwald, einem KZ-Häftling, der in diesem Stollen arbeitete. Sein Gedicht fand ich unglaublich interessant und toll. Im Zuge der Komposition sprach ich die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus an, nämlich derjenigen Frauen, die sich über die Männer definiert haben. Es sind nicht nur die Männer, die daran Schuld sind, dass der Nationalsozialismus zu dem werden konnte, was er wurde, auch die Frauen spielten eine große Rolle. Deswegen war das Stück „Knochenmann“ für vier Frauenstimmen, Schlagzeug und Akkordeon.

Das war das erste Mal, dass ich einen Auftrag zur Erinnerung an die KZ-Überlebenden annahm. Ich hatte mir das sehr gut überlegt, ob ich das mache. Wenn man komponiert geht es ja nicht nur darum, dass man einfach ein Stück schreibt. Also für mich geht es nicht nur darum. Man beschäftigt sich eine halbes, dreiviertel Jahr oder vielleicht sogar länger – kommt auf den Auftrag an – mit einem Thema.

Glaubst du, dass du mit deiner Musik neue Erinnerungen schaffen kannst?

Ja. Das war auch der Auslöser dafür, dass ich überhaupt Komposition weitermachte, weil sich Menschen an den Raum, den ich mit Musik erzeuge, erinnern konnten und mich immer wieder darauf ansprachen. Einmal sagte mir eine Bäuerin aus dem Mühlviertel: „Wisst’s, sowas hab‘ i zwar überhaupt nu nie g’hert. I kenn mi zwar ned aus mit der Musik und sans ma ned bes, aber des war so toll.“ Ich fand das super, dass jemand, der nichts von Musik – ausser wahrscheinlich Volksmusik – weiß, zu mir kommt und sagt: „Ja das fand ich toll. Das hat irgendwas in mir hervorgerufen.“ Was auch immer das dann ist.

Woran arbeitest du aktuell?

Jetzt arbeite ich an Antarktisklängen. Die Arbeit wird ein ganzer Zyklus mit dem Namen PALAOA. Dazu gehört auch der Film AOA I Skizze A und eine bereits veröffentlichte CD mit Flötenstücken.

Die Komposition ist ausgehend von der Annahme, dass sich in der Antarktis nichts tut, weil die Oberfläche so still ist. Es zeigt sich aber, dass sie das produktivste Ökosystem ist, das die Erde hat. Sobald man Hydrophone Unterwasser platziert, kann man die erstaunlichsten Klänge von Tieren über Erdbeben bis Blitzaktivitäten oder Teilchen, die aus dem Weltraum auf die Wasseroberfläche treffen, aufnehmen. Das fasziniert mich: Das etwas, das an der Oberfläche unscheinbar ist darunter einen unglaublichen Reichtum besitzt.

Wie kommst du zu den Aufnahmen?

Der Wissenschaftler Lars Kindermann, der am Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven arbeitet, machte durchgehend über fast zehn Jahre akustische Aufnahmen der Antarktis. Er stellte mir seine Aufnahmen zur Verfügung und mit denen arbeite ich nun schon fast drei Jahren. Ich versuche die Aufnahmen für mich künstlerisch zu entziffern und daraus meine eigene Sprache zu machen. Auch wenn das, was ich mache paradox ist. Ich arbeite mit künstlichen Aufnahmen, die schon nicht mehr die Realität sind und übersetze das in akustische Instrumente. Ich bilde damit eine Realität auf eine Realität, die schon nicht mehr Realität ist und wieder zu einer Realität wird. (Lacht)

Ist das Musik nicht immer?

Eben. Musik ist wie ein artifizieller Körper, den man immer mit sich trägt und der jederzeit erscheinen kann.
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Den Film „ AOA I Skizze A“ findet ihr unter folgendem Link: https://vimeo.com/146995923

Beitrag erschienen in: generationen.

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Ein Kommentar

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