Kinder los

von Karolin

Eigentlich ist es doch das Normalste auf der Welt, dachte es in mir. Und meinte: Frau wird erwachsen, lernt einen Mann kennen, zeugt Nachwuchs. Und dann ist man eine Familie. Der Standard eben. So wie es Generationen vor mir gelebt haben. So läuft es in meiner Umgebung, bei meinen Freund*innen. Die Wahrheit ist aber: So ist es nicht.

Überall Familien oder Frauen mit Kindern. Alle meine Cousinen und Cousins im entsprechenden Alter haben Kinder. Ich, als die Älteste dieser Generation habe keine Kinder. Es gibt sogar eine Abkürzung dafür: CNBC (childfree not by choice).

Ich wollte lange eine große eigene Familie. Vier Kinder sollten es sein. Meine Oma hat sechs Kinder  aufgezogen. Ich stelle mir das toll vor. Bewundere es immer noch, wenn ich Berichte von großen Familie anschaue, besonders natürlich von den glücklichen Familien – die mit den freien Kindern, den liebevollen Eltern und einer alternativen Erziehung.
Ich selbst habe von Anfang an in Gruppen gelebt, nein ich war kein Heimkind. Sondern ich bin in der DDR geboren, kam mit sechs Wochen in die Kinderkrippe, danach in den Kindergarten und dann in die Schule mit angeschlossenem Hort. Später war ich Schlüsselkind. Das heißt kaum Geborgenheit. Es fehlten wirkliche Bezugspersonen. Viele Jahre später habe ich festgestellt, dass ich kaum eine Beziehung zu meinen Eltern hatte.

Als meine Eltern mich bekamen, waren beide erst 21 Jahre alt. Das war damals im Osten durchaus normal. Mein Vater studierte noch und irgendjemand musste uns ernähren, also ging meine Mutter nach sechs Wochen wieder arbeiten. In der DDR war auch das die Norm. Viele Möglichkeiten gab es damals nicht. Also kam das Kind in die Krippe. Eine Generation vorher war das alles noch ganz anders. In den 50/60iger Jahren gab es noch keine flächendeckende Krippenversorgung in der DDR und meine Mutter blieb mit ihren Geschwistern bis zum Schulanfang zu Hause. Ob das nun nur schön war, weiß ich nicht. Vielleicht waren auch diese Kinder schon geprägt durch den deutschen Erziehungsstil. Kinder schreien zu lassen, nach Uhrzeit zu füttern und zu wickeln, das hat sich leider sehr lange gehalten. Ob das die Mutter so machte oder die Erzieherin war am Ende vielleicht egal. Was das Kind lernte war dasselbe, eine tiefe Verunsicherung bis hin zu Todesängsten. Denn das Baby ist ja vollkommen abhängig davon, dass sich jemand kümmert, um Wärme, Nahrung und Sauberkeit. Es braucht Interaktion und Geborgenheit. Ob da später eine freie Kindergartenzeit noch viel ausmachen kann?

Als ich selbst 21 war bekam ich auch meinen ersten Heiratsantrag – mein Freund damals wollte unbedingt Kinder, am besten sofort. Er war der Jüngste und seine drei älteren Schwestern hatten alle  früh eine Familie gegründet. Ich war mitten in meiner Ausbildung und fühlte mich bedrängt. Aber so wie es aussieht, wäre das die Chance gewesen. Dennoch würde ich mich auch heute nicht anders entscheiden.
Auch im Studium war das Kinderkriegen für mich kein Thema. Wir genossen unsere Freiheit damals und hatten andere Themen.

Irgendwann begannen aber die Fragen bei Familienfesten, was denn nun mit mir sei, von wegen Beziehung und Kind. Aber tja, so was lässt sich eben nicht herbei zaubern. Heute fragt schon lange niemand mehr, eigentlich gar nichts. Wohl auch ein Grund, warum man sich selten sieht. Das Anders sein, das andere Leben. Tauschen möchte ich nicht.
Meine Mutter war sich immer sicher das Sie Enkel bekommen würde und dieser dringende Wunsch Ihrerseits lastete allein auf meinen Schultern weil meine Schwester immer klar machte, dass sie ganz sicher keine Kinder bekommen würde. Vor einigen Jahren fing sie andauernd mit dem Thema an und merkte nie, in welchen Wunden sie damit bohrte. Sie beschwerte sich, dass alle ihre Freundinnen schließlich schon Enkelkinder hatten, nur sie nicht.

Die Zeit verging, ich war aufgrund einer Krankheit nicht mal sicher, ob ich Kinder bekommen konnte und ein passender Vater für das Wunschkind war auch nicht in Sicht. Ich machte mich schlau über Pflegekinder und Adoptionen. Aber da hat man in Deutschland keine Chance. Ich war kein Pärchen, ich verdiente nicht genug und dann war ich auch schnell zu alt, so läuft das wenn es bürokratisch wird.
Ich hörte von Frauen die nach Holland gehen wollten zu einer Befruchtung – das ist bei uns nicht erlaubt. Manche waren einfach verzweifelt. Der Kinderwunsch so stark.

Immer wieder hieß es, schwängern lassen kann man sich doch einfach so, und der Vater sei ja nicht so wichtig. Nein, geplant alleinerziehend  – das wollte ich nicht sein und einfach so geschwängert werden, wollte ich auch nicht. Das widersprach so ziemlich allem, was für mich ausschlaggebend war. Ich gebe zu, früher dachte ich auch, wer braucht schon einen Mann, die sind doch eh nie da. Sie schienen so vollkommen überflüssig, bis mir klar wurde, wie sehr ich immer einen Vater vermisst hatte, also einen der wirklich da war. Nein, mein Kind sollte einen Vater haben oder zumindest auch eine männliche Bezugsperson.

Auf irgendeine Weise glaube ich an Schicksal, ich glaube daran, dass das Leben Sinn macht, dass es einen Grund gibt, warum es so ist wie es ist, auch wenn ich noch nicht weiß, welchen. Doch vielleicht ist das auch vollkommener Unsinn und ich suche nur etwas, das es mir leichter macht, das Leben so zu nehmen wie es ist. Ich kann Dinge machen, die bei Menschen mit Kindern eher auf der Strecke bleiben. Habe ein anders Leben.
Meine Mutter bohrte immer wieder nach, so als könnte ich auf Knopfdruck Enkelkinder produzieren. Untergründig spürte ich die Vorwürfe und die Schuldzuweisung, weil ich nicht das erbracht habe, was Töchter so tun. Nämlich Nachwuchs auf die Welt bringen. Nachwuchs, den die Oma stolz herzeigen kann, den sie verhätscheln kann und was auch immer. Manchmal wünschte, ich meine Mutter hätte ein Ehrenamt oder ein Haustier.

Immer wieder gab es furchtbar schmerzhafte Zeiten über Jahre hinweg. An manchen Tagen konnte ich kaum Kinder auf der Straße anschauen, da kamen mir schon dir Tränen. Oder auch wenn ich einfach Eltern mit Ihren Kindern sah, vor allem wenn sie liebevoll miteinander umgingen, hatte ich einen Kloß im Hals. Witzigerweise gucken Kinder mich immer an, so manches Kleinkind führt ein Augengespräch mit mir, an der Supermarktkasse oder im Café. Immer wieder versuchte ich mit dem Thema abzuschließen. Ich bin jetzt 40, eine alte Mutter wollte ich nie sein.

Nach langer Zeit besuchte ich meine Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter. Sie hatte vier eigene Kinder und inzwischen fünf Enkelkinder. Und selbst sie sprach von meiner ach so armen Mutter, die sich ja so sehr Enkelkinder wünschte, und das sei ja so schlimm für sie. Das saß mal wieder so richtig. Bohrte sich in die wunde Stelle. Als könnte ich Babys wie Kuchen backen und würde es einfach nur nicht wollen. Nie hat auch nur irgendjemand gesehen, wie schmerzhaft das alles für mich war, wie sehr ich gelitten habe, überall die Übriggebliebene zu sein. Nach und nach ausgeschlossen aus den Kreisen der Frauen, die nur noch mit anderen Müttern etwas unternahmen. Deren Themen ich nicht teilte.
Gern wäre ich Tante gewesen oder Patin, gern hätte ich ein Kind länger begleitet. Immer kannte ich sie alle nur ein paar Jahre. Das finde ich richtig schade. Alles auf Veränderung, Kontakte brechen ab, Leute ziehen weg … was gleich blieb Ich, allein lebend, kinderlos  und die Sehnsucht.

Die Sehnsucht sich zu reproduzieren? Nach was eigentlich genau? Ist das nicht nur irgendwas Biologisches? So ganz kann ich das bis heute nicht ausmachen. Manches mal frage ich mich warum ich mich mit Dingen wie der Aufarbeitung von Familiengeschichte auseinandersetze. Wozu, wenn nach mir eh alles zu Ende ist, und da niemand mehr kommt. Ist die Sehnsucht nach Kindern die Sehnsucht nach etwas das bleibt? Die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe? Zugehörigkeit? Ein eigenes Rudel bilden? Kindheit nachholen? Es besser machen als man selbst es hatte? Welches Bedürfnis steckt dahinter?

Meine Mutter war zu Ostzeiten Hebamme und auch eine meiner Freundinnen. Geburt, Schwangersschaft, Kinder, das hat mich schon immer interessiert, ein bisschen ist es mein Spezialthema geworden. Ich habe unendliche viele Geburten im Netz gesehen, mich mit der Thematik des freien Gebärens beschäftigt und mit Gewalt in der Geburtsmedizin, mit Traumata, Entwicklungspsychologie und Beziehung statt Erziehung usw. Das ist wie eine Spleen. Ich finde ihn selber manchmal komisch.
Das mit der Lebensgestaltung für kleine Menschen geht mir ja noch in den Kopf, das betrifft einfach mein inneres Kind. Aber an meine Geburt kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern. Meine Oma hat ihre Kinder noch zu Hause bekommen. Meine Mutter uns in einem kühlen gekachelten Raum in einer Klinik. Ich habe miterlebt, wie viele meiner Freundinnen im Krankenhaus einen Kaiserschnitt hatten. Ich hab den Umgang dort mit den Frauen und Kindern kaum ertragen und ich bin ziemlich sicher, dass einige traumatisiert sind von den Ereignissen, aber dafür ist kein Bewusstsein da, und wer spricht schon mit einer Frau darüber, die keine Geburt erlebt hat.
Wenn Babys schreien macht mich das nervös, ich halte das kaum aus, da sind die Muttergefühle ganz wach. Ich finde es oft schlimm, wie mit kleinen Kindern umgegangen wird oder die Kinder nicht beruhigt oder getröstet werden. Wie Eltern mit den Kleinen auf der Straße reden als wären sie 14 und nicht knapp ein Jahr. Und so als hätten die Kinder böse Absichten.

Das Modell Mama-Papa-Kind empfinde ich als überholt. Manchmal ist es schlimm mitzubekommen, wie die Menschen drumherum damit leben. Die Kleinfamilie in die alten Muster der Vorfahren zurückfällt. Wie sie auf dem letzten Zahnfleisch kriechen. Die Männer oft in die Arbeit flüchten, die Frauen Dreifachbelastung als normal ansehen und selbst die Kinder müssen oft sehr früh unter selten optimalen Bedingungen in die Betreuung.

Für ein Kind braucht es ein Dorf, ein Spruch, ich glaube, er kommt aus Afrika. Und so sehe ich das auch. Jeder Mensch braucht im Grunde ein Dorf. Eine Anbindung, eine Gruppe, wo er dazu gehört. Manchmal sage ich scherzhaft, adoptiert die Singles, meine es aber genauso.

Karolin, Jg 75, Single mit Katze, hat Kulturgestaltung und Prozessorganisation studiert, ist psychologische Beraterin beschäftigt sich insbesondere mit frühen Traumata, der Kriegsenkelthematik und Biografiearbeit, liebt Kinder, Tiere, Natur und alles Gestalterische. Blog: https://reingelesen.wordpress.com/


Beitrag erschienen in: generationen.

Beitragsbild © Karolin

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3 Kommentare

  1. Danke für deinen Beitrag. Eine wichtige Perspektive, die ich im Rahmen der Familienblogs selten gelesen habe. Adoptiert die Singles? Darüber denke ich nach, denn ich habe auch ein paar Freundinnen, die, glücklich oder nicht, wohl keine Kinder bekommen werden. Eine hatte die Tür weit aufgemacht, als plötzlich so viele Babys da waren hatten. Zum Babysitten oder Ähnliches habe ich sie aber nie herangezogen.
    Warum eigentlich nicht? Ich glaube, ich empfinde diese Baby/Kleinkind-Betreuungs-Sache eher als Zumutung für Menschen, die nicht notwendig damit befasst sind. Anfangs ist es schwierig, weil das Kind sich erst einmal an diese Person gewöhnen müsste. Wir bürdeten diese Aufgabe nur den Großeltern auf. Jetzt wo das Kind alt genug wäre, kommen solche Gedanken nicht mehr auf oder höchstens zwischen Eltern mit Kinder im gleichen Alter. Die kinderlosen Freunde sind in den letzten 3-4 Jahren nicht vom Radar verschwunden. Sie sind noch immer wichtig, ich sehe sie aber gerade als „Erholung“ und „Freiraum“ vom Familiären. Vielleicht möchten sie das gar nicht. Das werde ich herausfinden.
    Dich möchte ich gerne ermutigen. Wenn es dein Wunsch ist Anschluss, an die Familien zu bekommen, dann lass dich adoptieren. Nicht im Scherz. Sprich es an. Ich sehe da durchaus Möglichkeiten.
    Liebe Grüße – Dr.Mo

    • madameflamusse

      Hallo Dr. Mo 😉 hab grad nochmal nachlesen müssen, der Text der jetzt hier steht ist die xte Form, ich mußte einiges rauskürzen. Auch die Absätze zum Babysitten wie ich grade sehe – also ich hab nie gerne Babygesittet, mich überfällt da immer so eine lähmende Müdigkeit…ich spiele nicht gerne mit Kindern, lieber beziehe ich Sie im Alltag mit ein. Und auch hasse ich es inzwischen allein in einer fremden Whg zu sitzen nachdem ich die Kinder von Anderen ins Bett gebracht habe umd dann auf die Rückkehr der Eltern zu warten. Früher habe ich das aber öfters mal gemacht als Freundin eben.
      Aber ich hatte auch durchaus Freunde, die die leider weggezogen sind, bei denen ich einfach mal so zum Abendbrot war und dann noch vorgelesen habe, das war immer sehr schön. Da habe ich auch mal 3 Wochen zwischen 2 Umzügen gewohnt, das war eine sehr schöne Zeit, ich liebte es z.B. für uns alle zu kochen, vorallem auch weil sich alle darüber freuten. Auch so Sachen die in Familien ja normal sind wie eben zusammen Essen, fand ich einfach sehr schön. Und grade diese Familie probiert sich jetzt auch in neuen Familienstrukturen aus, was ich ziemlich spannend finde.
      Ich denke es ist schon ganz gut die Freunde eher zu verschonen, außer Sie wollen es – ich mein in Notfällen helfe ich natürlich auch. Aber sonst wäre ich schon gerne lieber mal die Abwechslung, wo auch die Mütter mal über andere Themen reden können oder wenn schon über Kinder mich dann wenigstens ernst nehmen. Naja hat wahrscheinlich auch einfach mit Glück zu tun was man eben für Leute kennenlernt, wie das Umfeld so ist usw. Mal so mal so.
      Ich werde das aufjedenfall weiterverfolgen mit dem adoptiert werden, auch wenn es bisher noch keine Erfolge zu verzeichen gab. Wenns gar nix wird dann vielleicht mal ein Mehrgenerationenhaus oder so. Ich hoffe sehr das sich etwas findet. Danke Dir, liebe Grüße

  2. Pingback: Linkschau #6 – Coincidence

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