Vom langsamen Ausschleichen der Familie

von Kathrin

Ich war 21 Jahre alt und mitten in meinem Studium der deutschen Philologie – wie es so schön heißt –, als ich an einem nichtssagenden Frühlingsnachmittag auf einen kleinen, mit Zellstoff überzogenen Stift, pinkelte. Vor mir zeichneten sich langsam zwei Streifen in hellrosa Farbe ab.
Was bedeutet es, sich plötzlich zu teilen, zu wissen, dass man in spätestens neun Monaten nicht mehr alleine sein wird (was man de facto ja bereits ab dem Zeitpunkt der gefühlten Schwangerschaft bereits nicht mehr ist)? Und überhaupt: Wieso ist man nicht mehr alleine? Wieso und wie wird man denn zur Familie?

Als zumindest teilweise Verfechterin des Konstruktivismus müsste ich jetzt sagen, dass jede_r von uns tradierte Bilder und Vorstellungen von Familie in sich trägt, aber Familie grundsätzlich kein fixes Gebilde, sondern eine individuelle Gestaltungsaufgabe ist. Und, aber auch, trotzdem (und das kommt jetzt eher aus der postmodernen/dekonstruktivstischen Ecke) gibt es sowas wie hegemoniale Diskurse, die uns ein Verständnis von „normaler“ Familienform (typischerweise: verheiratetes heterosexuelles Pärchen mit leiblichen! Kindern, man nennt es auch die Kernfamilie) „fühlen“ lässt.

Aber nun weiter im Text. Wie geht man jetzt damit um, wenn man um diese ganze paradoxe Kategorie Familie inklusive aller gesellschaftlichen Ungleichheitsproduktionsverhältnisse weiß? Frau denke hier an dieser Stelle zum Beispiel an das Armutsrisiko von alleinerziehenden Frauen, die Diskriminierung von Regenbogenfamilien und sowieso: Familie ist der Ort, an dem die meiste Gewalt ausgeübt wird, egal ob körperlich, psychisch, sexuell oder ökonomisch.

Nun ja, man kann es wie ich machen und sich bewusst und in voller Aufrichtigkeit für das Modell der Kernfamilie entscheiden, mit 22 Jahren heiraten und noch ein weiteres Kind bekommen. Und dann? Nach einer gewissen Zeit habe ich für mich selbst gefühlt, dass irgendetwas in dem Ursprungssetting Familie nicht passt. Ich habe lange in den beinahe unerträglichen emotionalen Selbstkonflikten entschieden, diese Form der Familie nicht weiter leben zu können: Ich verließ meinen Mann ganz und meine Kinder teilzeit. Befremdlich, dem kleinen Zwerg und der noch kleineren Ente beim Abendessen in die Augen zu sehen und sie danach für eine gewisse Zeit loszulassen. Mit all den gesellschaftlichen Ressentiments, die einem als Frau in solch einer Situation zugetragen werden, lebte ich für eine gewisse Zeit eine Form der Teilzeitfamilie.

Irgendwann … erkannte ich einen Menschen, den ich – ohne jetzt zu sehr in einen neu-testamentarischen christlichen Kontext fallen zu wollen – als Agape empfinde. Und genau an dieser Stelle setzt der Punkt um das Ringen der Wörter ein, sodass selbst ich auf den christlichen Sprachgebrauch zurückgreife. Was erwartet man sich von Familie und alternativen Familienmodellen? Wenn man mit gut Mitte Zwanzig bereits zwei Kinder und eine Ehe durchschritten hat, was kann denn danach noch kommen? Soll alles wieder von vorne beginnen? Nochmal heiraten, Wohnung kaufen, „eigene“ gemeinsame Kinder?

Dieser Mensch mit und in meinem Leben hat selbst zwei Kinder, sie sind im gleichen Alter wie meine. Ja, die Familienkenner_innen unter uns werden jetzt sicherlich an das Wort Patchwork denken, von konservativerer Seite hört man gerne auch den Begriff der Stieffamilie.

Um zu einen Abschluss zu kommen … Als in der Gesellschaft verortete Familienpraktikerin könnte ich an dieser Stelle noch zehn weitere – neben den bislang genannten – Familienformen aufzählen. Sie alle würden mit dem Prädikat „alternativ“ versehen werden, weil nun mal alles, was vom Ideal des heteronormativen Klassikers Kernfamilie abweicht, von der Mehrheit als unkonventionell wahrgenommen wird. Selbst dann, wenn das materielle Ist mittlerweile eine Pluralität an Familienformen bietet.

Worum geht es also? In meiner Sicht der Dinge geht es eher um postmoderne Familienverhältnisse, die ein Geflecht von unterschiedlichen Personen, unterschiedlichen Alters, unabhängig von genetischer Verwandtschaft abbilden. Was diese Menschen aber alle miteinander verbindet, sind Beziehungen und Begegnungen. Neben den vier Kindern, die jetzt manchmal in meiner Wohnung leben, gibt es in meinem Leben noch zusätzlich eine „Leihoma“, die mit uns allen nicht verwandt ist, und die auf Beziehungsebene bei den Kindern wie auch den Erwachsenen unheimlich wertvolle Dinge bewirkt.

In solchen Beziehungsstrukturen steht neben dem Lieben auch das „Lieben-Lassen“ irgendwo in der Welt der Pluralität.

Kathrin Jarz, geboren 1987 in Klagenfurt am Wörthersee, Dissertantin der Philosophie an der Universität Graz, Referentin für fem. Politik und freie Journalistin


Erschienen in: Editorial: Utopien

Beitragsbild: Library of Congress collection (via commons.wikimedia.org)

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