Other

von Anna Lisa 

Als Kind wollte ich ein Junge sein. Ich wollte das nicht nur so ein bisschen hin und wieder, weil ich das grad cool fand, sondern das war mein Herzenswunsch. Eine meiner ersten Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit ist, dass ich zu Gott gebetet habe, er möge mir einen Penis wachsen lassen. Nach mehrmaligem Überprüfen, ob die Stoßgebete Wirkung zeigen, musste ich feststellen, dass das mit den Wundern nicht so klappt, wie ich mir das vorstellte. Zu meinen Eltern sagte ich, ich sei ein Bub und der Penis wäre eben noch klein, wobei ich auf meine Klitoris verwies. Das müsse eben noch wachsen, aber das würde schon noch werden. Meine Eltern lachten, ich war unglücklich und fühlte mich nicht ernst genommen.

Meine ganze Kindheit hindurch wurde ich regelmäßig gefragt, was ich denn sei. Da war es ziemlich egal, ob ich lange oder kurze Haare hatte, neue Kleidung trug oder abgelegte von meinem Bruder. Manchmal sagte ich dann eben, ich sei ein Junge und hieß Markus. Das ging ganz gut durch und wurde bis ich etwa 13 Jahre alt war auch nicht angezweifelt.

Allerdings kamen vor allem aus dem näheren Umfeld oft Sätze wie: “An dir ist schon ein Bub verloren gegangen!”, die Bezeichnung burschikos hörte ich sowieso oft. Solche Aussagen gaben mir das Gefühl, irgendwelche an mich herangetragenen Erwartungen nicht zu erfüllen. Immer wieder wünschte ich mir dann doch ein Kleid, versuchte mir die Haare wachsen zu lassen und einen Pferdeschwanz zu tragen. Dann sagten die Leute: “Oh, wie ein richtiges Mädchen!” und waren dabei ganz entzückt. Ich fühlte mich, als hätte ich mich verkleidet und legte die Maske stets rasch wieder ab. Immer mit dem schalen Gefühl, ich würde irgendwen enttäuschen.

Im Laufe der Pubertät veränderte sich das Gefühl aber. So wirklich männlich wollte ich nicht mehr sein, aber das mit dem Mädchensein war mir immer schon fremd gewesen und nur weil ich einmal im Monat aus der Scheide zu bluten begann, hieß das nicht, dass ich mich jetzt weiblicher fühlte als vorher. Ich fühlte mich weiterhin unwohl in meinem Körper, aber welcher Teenager tut das nicht? Und vielleicht sind ja auch andere Kinder totunglücklich, wenn ihre Brüste zu wachsen beginnen und sie nicht mehr einfach so oben ohne durch die Gegend laufen können, ohne sich dabei seltsam vorzukommen? Also alles nicht weiter ungewöhnlich.

Vor vier Jahren wurde ich auf dem Flughafen in Amsterdam von einem Sicherheitsbeamten gefragt, wie ich heiße. Nachdem ich ihm meinen Namen genannt hatte, verwies er mich an seine Kollegin, die mich dann abtastete. Da realisierte ich erst, warum er mich das gefragt hatte. Er konnte nicht zuordnen, ob ich männlich oder weiblich bin. Ich fühlte mich geschmeichelt und wunderte mich gleichzeitig über das Gefühl. Kurz darauf wurde ich schwanger und mit der damit verbundenen Hormonumstellung änderte sich auch mein Körperbewusstsein. Ich fühlte mich zum ersten Mal mit meiner Weiblichkeit wohl, auch damit, mich selbst als Frau zu sehen und zu bezeichnen. Auf Schwangerschaft folgte Stillzeit, darauf noch eine Schwangerschaft und noch einmal 15 Monate stillen. Nach dem Abstillen kam das emotionale Tief. Meine Brüste schrumpften und ich wünschte mir, sie würden ganz verschwinden. Jetzt wo ich den Vergleich hatte, begann ich endlich zu erkennen, was eigentlich los ist: Ich habe ein Problem mit meiner Geschlechtsidentät.

In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich mich viel mit diesem Thema beschäftigt. Ich habe darüber gelesen, mich mit anderen ausgetauscht und viel in mich hinein gespürt. Mittlerweile denke ich, dass Begriffe wie “neutrois” oder „agender“ ganz gut beschreibt, was ich bin und wie ich mich fühle. Je nachdem, passt mal das eine oder das andere Wort besser. 

Ich habe ein Gespräch mit meinem Mann über all das geführt und er meinte Schulter zuckend: “Wie soll man das denn eigentlich festmachen, wie sich jemand als Mann oder Frau fühlen sollte?” Das ist auch eine knifflige Frage und wahrscheinlich gar nicht eindeutig zu beantworten, aber ich für mich selbst weiß nach den Schwangerschaften, wie ich mich als Cis-Frau fühle und das tue ich im unschwangeren Zustand nun mal eben nicht.

Und was bringt mir das jetzt?

Ich beginne mich mit mir selbst wohler zu fühlen, weniger fehl am Platz. Das Gefühl nirgendwo so recht dazu zu gehören wird weniger. Ich höre langsam auf, mich auf etwas zu reduzieren, von dem ich glaube, ich müsse es (oder so) sein. Ich bin ehrlicher zu mir selbst.

Seit kurzem habe ich die Jungenabteilung der Bekleidungsgeschäfte für mich entdeckt und genieße diese neue Freiheit. Freiheit?! Ist das nicht etwas übertrieben? Jede_r kann doch einkaufen, wo sie oder er will! Ja. Und leider habe ich mich bisher trotzdem von unseren gesellschaftlichen Strukturen und den allgemeinen Vorstellungen davon, wie Mann und Frau zu sein haben, so sehr beinflussen lassen, dass ich es mich nicht “getraut” habe. Zumindest nicht im Erwachsenenalter. Als Kind empfand ich das als deutlich leichter. Da war es auch noch einfacher zwischen den Geschlechtern hin und her zu hüpfen, wenn ich das wollte. Jetzt habe ich diesen Anspruch gar nicht mehr so sehr, aber ich merke schon, wie mir eindeutig weibliche Köperlichkeiten zusetzen. Ich wäre froh, wenn ich meine Brüste loswerden könnte (zum Glück sind die sowieso nicht besonders groß) und gerade um die Zeit des Eisprungs falle ich regelmäßig in ein ziemliches Stimmungsloch. Seit ich Mutter bin, empfinde ich es als noch schwieriger, mich von dem, was als “typisch weiblich” angesehen wird, loszusprechen. Noch mehr Erwartungen, die mir das Gefühl geben, sie nicht erfüllen zu können, denn anders als im Kindesalter geht es jetzt nicht mehr nur ums Spielen wie ein Mädchen und dazu Kleidchen tragen.

Ich wünsche mir wirklich, unsere Gesellschaft würde aufhören mit diesem strikten Denken und Unterteilen in die zwei starren Kategorien von “männlich-weiblich”/“Mann -Frau”. Dann müsste sich deswegen auch niemand mehr unzulänglich fühlen. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft irgendwann an einem Punkt angekommen sind, an dem alle Identitäten ihren Platz haben und Menschen einfach sein können, ohne kategorisiert und bewertet zu werden.

Das ist meine kleine Utopie, die vermutlich gar nicht so klein und noch in weiter Ferne ist.

Was aber bedeutet das für mein Muttersein?

Das weiß ich (noch) nicht. Vor kurzem hat mich meine dreijährige Tochter gefragt: “Mama, bist du eigentlich eine Frau?” Ich musste etwas nachdenken und fand dann die Antwort: “Ja, eigentlich schon. Aber ich fühle mich nicht so.” Sie kam mir am ehrlichsten vor. Für jetzt. Ich weiß nicht, in welche Richtung sich das alles entwickeln wird, wenn ich erst einmal gelernt habe, mich voll und ganz so anzunehmen wie ich bin. Es zulasse und einfach lebe.


Erschienen in: Editorial: Utopien

Beitragsbild: Screenshot von Google+

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3 Kommentare

  1. Mutiger Text! In Indien gibt es das dritte Geschlecht, die Hijras. http://www.welt.de/politik/ausland/article126989897/In-Indien-gibt-es-jetzt-drei-Geschlechter.html

    Leider haben auch sie mit sozialer Ausgrenzung zu kämpfen. Ich wünsche dir viel Kraft auf deinem Weg!

  2. Janes

    Vielen Dank für diesen Text! In einigen Stellen finde ich mich wieder, in anderen nicht – all das fühlt sich sehr hilfreich und gut an. 🙂

  3. mel

    Gerade vorhin habe ich einen änlichen Text gelesen und möchte ihn hier verlinken, weil ich das Gefühl habe, dass es hier her passt: http://www.lennyletter.com/style/a433/always-arriving/
    Da gehts unter anderem darum, dass ein 6 Jähriger mit der Autorin über – naja in etwa das selbe Thema spricht und er dann feststellt: „instead of asking what’s between someone’s legs, we asked, „What’s in their heart?“
    Ich find das schön!
    Ich war auch immer ein Mädchen dass „einen so guten Jungen abgab“. Mein Geschlecht war mir zu der Zeit nicht wichtig. Ich wollte nur ich sein und mochte die Anmaßungen von außen was ich war oder bin überhaupt nicht. Leider muss ich jetzt erst wieder lernen mich zu mögen so wie ich bin…
    Danke, dass du von dir schreibst und deinen Text postest! Ich wünsche Dir alles Gute!

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