Wie wir unser Eltern-Baby-Zentrum gründeten

eine utopischer Rückblick von Antonia

Durch unsere Initiative gibt es nun schon vier Eltern-Baby-Zentren in der Stadt und ich bin sicher, es werden jährlich neue dazukommen. Besonders freut mich, dass ich nun auch selbst – meine Tochter ist vier Monate alt – davon profitieren kann.

Alles hat damit angefangen, dass ich mich in der Säuglingszeit meines ersten Kindes ziemlich isoliert fühlte, vor allem in den ersten Monaten. Das Baby war im Winter geboren, ich kannte quasi keine anderen Menschen mit Kindern im gleichen Alter, meine Freund_innen waren untertags mit Studium oder Job beschäftigt. Manche Tage zogen sich wie Kaugummi, ich fühlte mich in eine andere Welt katapultiert. Zusätzlich fand ich es oft unerträglich, dass ich nicht einmal eine halbe Stunde für mich hatte, oder zu einem Termin (z.B. zu eigenen Ärzt_innenterminen oder Vorstellungsgesprächen) ohne Baby konnte. Wenn eins nicht gerade Großeltern oder nicht erwerbsarbeitende Freund_innen bei der Hand hat, ist das nicht so einfach zu organisieren.

Damals fand ich eine Art Ausweg und Anschluss über den Besuch von Kursen. Ihr wisst schon, Mama-Baby-Yoga, Rückbildungsgymnastik, Stillgruppen, Spielgruppen,…. ein paar Fixpunkte in der Woche schaffen, andere Mütter kennen lernen. Vielleicht findet sich eine, die im Anschluss noch auf einen Kaffee gehen mag. Netzwerke und Freund_innenschaften bilden. Das klappte ganz gut, war aber mit Konsum und dem dafür notwendigen Geld verbunden. Ein bis zwei solcher Kurse pro Woche und die Kaffeehausbesuche im Anschluss können ganz schön ins Geld gehen. Es beschäftigte mich, dass das wohl schon aus finanziellen Gründen eher der Weg der Mittelschichts-Mamas sein musste und so waren auch die Teilnehmerinnen der diversen Kurse immer eine ziemlich homogene Gruppe. Ich fand es schade, dass es so wenige öffentliche oder halböffentliche und konsumfreie Aufenthalteorte (eigentlich gar keine?) für Mütter_Eltern mit Säuglingen gab.

So entstand meine Idee eines selbstverwalteten Tageszentrums für Eltern mit Säuglingen. Unter den neu gewonnen Kontakten zu anderen Müttern fanden sich zwei Mitstreiterinnen, die ich zum Mitmachen begeistern konnte und wir entwickelten ein erstes Konzept. Unser Ziel war es, dass uns die Stadtverwaltung eine Erdgeschoßfläche (es gab einige leerstehende in unserer Gegend) zur Verfügung stellte und uns die Instandsetzung und Betriebskosten finanzierte. Es sollten fast zwei Jahre, viele Gespräche, Verhandlungen und Weiterentwicklungen unserer ursprünglichen Idee ins Land ziehen, bis wir unser Eltern-Baby-Zentrum eröffneten. Aber es klappte!

Wir bekamen ein mittelgroßes, wunderschönes und barrierefreies! Geschäftslokal (ca. 150m2) zur Zwischenmiete, vorerst für fünf Jahre. Der Bezirk und die Stadt finanzierten uns die Renovierung (neue Böden, Ausmalen,…) und eine Küche, sowie die laufenden Miet- und Betriebskosten. Die Anträge und Genehmigungen dafür waren langwierig, aber es gab auch viele Unterstützer_innen. Parallel zur Adaptierung der Räumlichkeiten gründeten wir einen Verein und machten unser Projekt bekannt, stellten es in den Eltern-Kind-Zentren vor, verteilten Flyer und Plakate, gestalteten Website und Social Media.

Unsere Vision war es, dass das Zentrum von den Vereinsmitgliedern selbst gestaltet und verwaltet wird. Wir wollten einen Rahmen dafür zur Verfügung stellen und eine Gruppe von wechselnden Vereinskoordinator_innen sollte das Projekt immer weiter tragen können. Es war uns von Anfang an bewusst, dass wir eine Struktur schaffen mussten, die den laufenden Ein- und Ausstieg neuer Menschen gut begleitet und ermöglicht. Die Zeit, für die unser Angebot für Eltern interessant ist, dauert ja jeweils nur 1-2 Jahre. Dann sind die Kinder meistens in Krippen- oder Kindergärten betreut und die Eltern widmen sich wieder mehr anderen Dingen. Wir sammelten unsere Ideen und viele davon konnten wir nach und nach umsetzen. So gibt es im Moment z.B. einen gemeinsamen Mittagstisch (für den abwechselnd gekocht und eingekauft wird), Menschen die dazu Lust haben und so etwas können, bieten verschiedene Gruppen an (Yoga, Spielgruppen, Nähen,…), Gesprächsrunden zu verschiedenen Themen, Informationsaustausch zu Elternfragen, und was sich als sehr beliebt entwickelt hat: das „Ich-übernehme-dein-Baby“-Angebot. Das läuft über ein Zeitkonto und in dem Ausmaß, in dem mensch selbst andere Babys betreut hat, kann eins auch sein eigenes Kind zur Betreuung dalassen. Bzw. was auch sehr beliebt ist, sich für eine Stunde oder mehr in unseren Arbeitsraum zurückziehen, um mal in Ruhe E-mails zu checken oder sonstiges ungestört zu arbeiten.

Zentraler Ort unseres Zentrums ist das Baby-Cafe. Im ersten und zentralen Raum des Zentrums angesiedelt, läuft hier alles zusammen. Es ist ein Ort zum Kennenlernen, sich Austauschen und auch einfach nur zum Abhängen. Die Babys kugeln am Boden herum, größere Geschwisterkinder sind natürlich auch willkommen, Spielzeug liegt überall. Kaffee und Kuchen machen wir uns selbst und bezahlen dafür den Einkaufspreis. Zwischendurch gibts Babygeschrei und stinkende Windeln. Im Sommer sitzen wir in unserem kleinen Vorgarten oder machen gemeinsame Ausflüge in den Park.

Alle Eltern verpflichten sich eine gewisse Anzahl an Stunden pro Monat für das Zentrum zu arbeiten, z.B. Auf- und Zusperren in der Früh und am Abend, Mittagsdienst, Küche sauber halten, organisatorische Aufgaben übernehmen und regelmäßig am Plenum teilnehmen. Einmal pro Woche öffnen wir das Café für interessierte neue Menschen.

Seit Kurzem geben wir auch Workshops für Menschen, die in einem anderen Stadtteil ein Baby-Zentrum gründen wollen, um unsere gewonnen Erfahrungen zu teilen und weiterzugeben.

Ein zentraler Punkt unseres Projektes, den ich besonders schön und wichtig finde, ist die Verankerung im Stadtviertel. Wer schon einmal einen Säugling betreut hat, weiß, dass es nicht immer so einfach ist schnell quer durch die Stadt zu fahren, um eine Freundin zu treffen. Distanz und Mobilität bekommen unter Umständen eine ganz neue Bedeutung. In unserem Eltern-Baby-Zentrum lernt mensch von Anfang an Eltern in der gleichen Situation und aus der gleichen Umgebung kennen. Manchmal kommen hier Menschen, die im selben Haus wohnen, zum ersten Mal ins Gespräch. Die Netzwerke, Kontakte und vielleicht sogar Freund_innenschaften die sie hier knüpfen, unterstützen sie und ihre Kinder im schönsten Fall auf einem langen Stück ihres weiteren Weges.

Beitragsbild (c) Bianca Nogrady CC BY-NC 2.0 via flickr (Rahmen und schwarz-weiß umstandslos)

Erschienen in: Utopien

 

 

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Ein Kommentar

  1. Das ist mal eine tolle Aktion.

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