Wir Hof-Kinder machen die Welt!

von Marlene

Es ist schon länger her, aber ich kann mich gut an das Gespräch erinnern. P. und ich waren aus einer kleinen Marktgemeinde in der Steiermark auf dem Weg zurück nach Wien. Wenn eins da die Straße entlang zum Bahnhof geht, kommt eins an einem Spielplatz vorbei. Er steht am Rand einer dieser bebauten Flächen, die mal Acker waren, plötzlich zum Verkauf standen und dann innerhalb weniger Jahre zu einem Einfamilienhäuser-Ressort wurden. „Voll umsonst. Noch nie hab ich Kinder auf dem Spielplatz gesehen“, murmeln P. und ich abwechselnd. Es ist so ein super fancy Spielplatz, der noch immer glänzt. Hm, Spielplätze sind doch ein Platz zum Spielen und nicht zum Glänzen. Oder? Aber welche Kinder brauchen schon einen öffentlichen Spielplatz in zehn bis hundert Metern Gehweite, wenn jede_r Homeowner_innen sich einen privaten Actionpark in den Garten stellt.

Ich glaube auch nicht, dass dabei verstanden wird, worum es bei Plätzen zum Spielen eigentlich geht. Während für viele Spielplätze sowas wie eine Leerstelle im (öffentlichen) Raum sind, der Kinder zuerkannt wird, ist er für Kinder weniger abstrakt. Als Marlene-Kind in einem dieser hohen Häuser aufgewachsen, die in irgendeiner Modulation immer so zueinander standen, dass sie Höfe, Halbhöfe oder Ecken mit Wiesen bildeten, waren sie unser Ort. Der Ort der Kinder. Geschützt durch Wände, konnten wir uns auf Holzbänken gegenseitig die Köpfe kraulen, Geheimnisse und Bussis hinter Büschen austauschen, Tränke aus Gänseblümchen und Gatsch brauen, um unsere Freund_innen zu retten und mal über Erwachsene schimpfen. Wenn mal ein_e grämige_r Erwachsene_r am Fenster sich über unsere Existenz beschwerte, konnten wir zurückplären, uns lustig machen oder sie einfach ignorieren. Sie waren zu hoch oben, als dass sie uns wehtun hätten können.

Hof-Kind ohne Hof

Alle Hof-Kinder hatten Erziehungsberechtigte, die wie meine Mutter von der Arbeit auf die Couch wanderte, um am nächsten Tag wieder zu arbeiten und Couch zu liegen. Sie waren schlicht zu müde vom Alleinerziehen und Zu-wenig-Geld-verdienen.

Später als ich mit meiner Mutter, ihrem Mann und meinen beiden Geschwistern aufs Land ziehen musste, waren weder Höfe noch Hof-Kinder da. Es gab sie die Spielplätze, neben der Schule, neben der Kirche, in dem umgebauten Vierkanterhof, in dem ich in einer der Wohnungen lebte. Doch obwohl sie alle da waren, waren sie verlassen. Zu nah waren die Ohren der Erwachsenen, die unsere geheimen Spiele belauschen und intervenieren hätten können. Die meisten Kinder waren Haus-Kinder mit Videospielen, Sarah-Connor-Postern und Shoppingcenter-Ausflügen. In ihre Actionparkgärten kam ich nicht rein.

Was machen Kinder mit ihrer Zeit?

Meine Freundin Sherazadeh wohnte im Vorort vom Ort, wo sie und ihre Eltern wie Flüchtlingsfamilien sooft dezentral zu wohnen gezwungen waren. Damit war sie 15-Minuten-Busfahren weit weg – also zu weit. Ein anderer Freund, Dominik, mied Spielplätze. Er war dick. Spielplätze exponierten seinen Körper durch Sport-Spielgeräte und machten ihn damit zur Angriffsfläche für Spott. Wir fuhren lieber Rad und wateten im Bach, bis er mit seiner Familie wegziehen musste – damit war ich ein Hof-Kind ohne Hof.

Dabei hätte ich einen Hof mit den Hof-Kindern so dringend als Entspannungs-, Flucht- und Ausprobier-Ort gebraucht. Zuhause war es oft (zu) eng, laut, beängstigend und anstrengend. Als Marlene-Kind steckte ich in einer Rolle der Haushälterin/Kinderbetreuerin/Streitschlichterin/Emotionenausgleicherin/braven Schülerin fest.

Dass diese Tätigkeiten ebenfalls von Kinder ausgeführt werden, wird meist nicht beachtet. Die Zeitverwendungserhebung der Statistik Austria und der gleichnamigen Erhebung von destatis, des Deutschen Statistischen Bundesamts beziehen als Befragte nur Menschen über zehn Jahre ein. Kinder werden in den Studien ausschließlich als etwas behandelt, in das Zeit investiert werden muss. Was Kinder mit ihrer Zeit machen/machen müssen, wird ausgeblendet. Was zu dieser Ausklammerung führt, sind die theoretische Vorannahme, alle Kinder würden ihre Zeit gleich verbringen (Schule – spielen – speisen), sie könnten keine klaren Aussagen über ihr Leben treffen oder es ist schlicht zu nervig/anstrengend/mühsam, sich um einen kindergerechten Rahmen der Befragung zu bemühen (Erziehungsberechtigte miteinbeziehen, geschütztes Umfeld schaffen, adäquate Fragen stellen, …).

Auch als junge Erwachsene fehlen mir Probier-Räume

Nur weil es Spielplätze gibt, heißt das noch lange nicht, dass sie genutzt werden – vor allem nicht am Land. In der Stadt gibt es viel mehr „verbotene Zonen“, z. B. Straßen, Gehsteige und generell weniger Platz. Viele Ausweichorte in der näheren Umgebung gibt es für Kinder nicht. You take what you get. Der Soziologe Peter Höfflin widmet sich in seiner Studie der Sicht der Kinder und fordert, dass Kinder bei der Planung von Spielräumen als gleichberechtigte Agent_innen miteinbezogen werden. Im Interview mit Die Zeit („Spielplätze sind unattraktiv“) betont er nicht nur die geringe Attraktivität der Spielplätze für Kinder, sondern auch, dass es in der Stadt generell immer weniger Spielflächen gebe.

(c) Marlene

Selbst der kleinste Hof kann der Ort unserer Utopie sein. | Bild: Marlene

Bis heute vermisse ich diesen (geschützten) Hofraum, der nahe genug ist, um sich mit den anderen Hof-Kindern zu treffen. Genügend Platz und Zeit zu haben, um für sich neue Rollen zu erfinden. Sich in neue Welten denken und ganze Szenarien durchspielen, eine andere Rolle durchspielen zu können. Unabhängig von den urteilenden Blicken der „Erwachsenen“ oder wie viel Geld eins hat.

Diese Probier-Räume fehlen mir auch als junge Erwachsene. Räume, die mir und anderen die Möglichkeit geben, aus Verhältnissen rauskommen, die uns erdrücken und gegen die wir Strategien und Rollen entwickelten, um sie auszuhalten.

Denn selbst der kleinste Hof kann der Ort unserer Utopie sein. Wir Hof-Kinder machen die Welt.


Erschienen in: Editorial: Utopien

Beitragsbild: Marlene (Rahmen und Bearbeitung: umstandslos)

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5 Kommentare

  1. madameflamusse

    so ist es. Ich habe auch schöne Erinnerungen an unseren Hof… mitten in der Stadt, und sehr klein aber immer mit Nachbarskindern. Später sind Wir umgezogen in ein Neubaugebiet und eroberten die Erdhügel, aßen Sauerampfer und trieben uns am Waldbach um die Ecke rum. Später wurde ein Spielplatz gebaut, wir bauten uns auch was mit aus dem vorhandenen Material, es wurde aber kaputt gemacht und so verwendet wie vorgesehen. Was aber blieb war ein großer Erdhügel der jeden Winter von uns fleißigst berutscht wurde.

  2. Wir hatten bei/mit unseren Cousinen_Cousins auch einen Erdhügel!

  3. Der text erinnert mich an den rückblick von christiane F, in Wir Kinder vom bhf Zoo, wirklich schön!
    Ich denke heute sind auch die angsträume für kinder ein großes problem, ich wäre ohne meine hinterhoferkundungsausflüge gewiss ein bleiches, übergewichtiges kind ohne körpergefühl geworden…

  4. Pingback: Wir Hof-Kinder machen die Welt! — umstandslos. – herMbit

  5. Regine Franck

    Was habe ich bei uns gekämpft für einen unstrukturierten, nicht von überall her einsehbaren Spielplatz. Nun steht ein Actionpark.

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