Antifeministisch? Väterbewegung in Deutschland

von Anne Bonnie

 

Vorwort

Diesen Beitrag zu verfassen ist mir schwer gefallen. Er treibt mich umher. Es fällt mir schwer mich abzugrenzen, ich suche meine Position. Auf den whiten Cis-Dudes alias Vätern herumzuhacken, ist angesagt.

Nicht, dass sie es nicht verdient hätten. Aber es ist nicht meine Art. Ich bin naiv – ich möchte Dinge wieder vereinen, sie nicht weiter auseinander dividieren. Ich möchte, dass Mütter und Väter wieder erkennen, was sie sind: ELTERN.

Das wird mir mit diesem Beitrag nicht gelingen.

Ich behandle heute ein Cis Thema und schreibe zur besseren Verständlichkeit von BioEltern und in Rollenklischees ohne irgendMensch ausgrenzen zu wollen

 

Rückblende

Noch in den 1970er Jahren ist es in der BRD einer Frau gesetzlich nicht erlaubt, ohne die Zustimmung ihres Mannes einer Arbeit nachzugehen. Sie ist laut Gesetz verantwortlich für den Haushalt. Sie muss bei einer Heirat den Nachnamen ihres Mannes annehmen. Eine Ehescheidung ist nur mit anerkannter Schuldzuweisung möglich. Kann eine Frau diese nicht gegen ihren Mann erbringen, verliert sie das Recht auf Unterhalt. Vergewaltigung in der Ehe ist nicht strafbar. Abtreibung schon.

Per Gesetz ist bis Ende der 1970er Jahren die Vorherrschaft des Mannes über seine Frau festgelegt.

Mit der Änderung dieser gesetzlicher Regelungen, wandelt sich viel für den Vater:

Mütter können sich aus der Abhängigkeit vom Ehemann lösen. Zumindest theoretisch. Oft bleibt es auch es nach der Trennung bei der kleinfamiliären Arbeitsaufteilung. Viele Väter fühlen sich zu so genannten Zahlväter degradiert: Werden dem Vater die Kinder entzogen, hat er keine guten Aussichten vor Gericht dagegen anzugehen. Sind Mutter und Vater nicht verheiratet, hat der Vater bis 1998 kein Recht auf die Vaterschaftsanerkennung.  

Dann erst wird die Gesetzeslage erneut geändert: Innerhalb der Ehe ist der Mann weiterhin automatisch der eingetragene Vater. Er hat somit das Recht auf Sorge und Umgang und kann beides gleichberechtigt nach der Trennung einfordern. Väter, die nicht mit der Mutter verheiratet sind, können nun ihre Vaterschaft anerkennen lassen. Nach der Trennung muss Unterhalt für den_die Expartner_in nur noch bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres des jüngsten Kindes geleistet werden. Und nicht, wie es zuvor üblich war, bis der_die Expartner_in anfängt zu arbeiten, bzw wieder heiratet.

 

Väterbewegung

Die Scheidung ist und bleibt zentrales Thema der Bewegung. Es findet sich kaum eine Homepage, auf welcher Vätergruppen, Väterempowerment nicht automatisch Rechtshilfe anbieten. Es wird hierbei nicht hinterfragt, warum es zur Scheidung kommt oder warum Väter oft erst nach der Trennung oder Scheidung Interesse an ihrer Vaterrolle zeigen.

Trotz der Gleichberechtigung auf dem Papier entscheiden die Gerichte vielfach weiterhin zu Gunsten der Mutter. In der so genannten Väterbewegung arbeiten Väter weiterhin aktiv an der Durchsetzung ihrer Rechte. Leider hat sich häufig gezeigt, dass es Vätern nicht immer um die Sorge des Kindes geht, sondern oft um das, was sie als ihr Recht empfinden. Und Gerichte hier nicht selten mitziehen.

Zum Beispiel wird noch bis 2015 nach Trennung der Eltern häufig das 50:50 Modell zur Betreuung der Kinder angewandt. Das Kind soll seinen Lebensmittelpunkt zugunsten beider Eltern gerecht aufteilen. Dass Kinder unter mangelnder Kommunikation seitens der Eltern, die alltägliche Dinge nicht absprechen, enorm leiden, wird erst allmählich berücksichtigt. Väter können ihr Recht auf Umgang ohne Berücksichtigung des Kindeswohls nicht mehr immer durchsetzen.

Nicht nur das Kindeswohl wird oft übersehen, auch die Haltung der Mutter wird ignoriert oder gar instrumentalisiert. Opferumkehr ist eine beliebte Herangehensweise: Der Vater stilisiert sich vor Gericht und im eigenen Umfeld als Opfer manipulierender Frauen, gegen die er sich sein Recht erkämpfen muss. So behandeln Teile der Väterbewegung Gewalt an Frauen schlichtweg als Strategie von Müttern. Vor Gericht kann so immer wieder ein Recht auf Umgang mit dem Kind eingeklagt werden. Auch wenn die Mutter der Kinder vom Vater Gewalt erlitt.

Der Schutz der Frau wird zugunsten des Mannes, sein Recht als (gewalttätiger!) Vater auszuüben, hintangestellt. 

Leidet ein Kind unter psychischen oder pysischer Belastungsanzeichen beim Umgang mit dem Vater, wird dies unter anderem als Lüge oder Manipulation der Mutter betrachtet. Es werden teils Atteste von Ärztinnen vor Gericht angezweifelt und das Wohl des Kindes ignoriert. Mütter werden gesetzlich verpflichtet, ihre Kinder in eine Situation zu bringen, die sie, Mütter und Kinder, enorm belastet.

Wäre es hier im Sinne der Sorge auf sein Recht als Elternteil zu verzichten?

 

Antifeminismus

Wenn innerhalb der Väterbewegungen über Trennungen oder Scheidung gesprochen wird, ist deren antifeministischen Haltung leicht auszumachen. Sie spiegelt sich unter anderem wider im Sprachjargon: „Lösegeldforderung“ als Bezeichnung für Unterhalt, Worte wie „Scheidungsindustrie“, „Kindesentzug“ und „Frauenhauslüge“. Es kursieren Bücher mit Titeln wie Die vaterlose Gesellschaft: die Folgen der Feminisierung unserer Gesellschaft.

Die Arbeit der Bewegung ist in den Medien präsent und nicht nur auf gesetzlicher Ebene verändert sie die Wahrnehmung von Familienkonstellationen. Unter dem Deckmäntelchen des Kindeswohls versteckt sich Antifeminismus: Der Vater wird zur besseren Mutter ernannt.

Aber auch: Die Vaterrolle verhält sich jenseits von echter Verantwortung. Väter produzieren sich gerne als gute-Laune-Dads. Sie sind die Abenteurer, haben weniger Angst, sind aktiver als Mütter und finden sich deswegen so wichtig für die kindliche Entwicklung. Sie verhalten sich klischeehaft und angeblich männlich und ignorieren damit die Schwere, die Müttern mit der vollen Verantwortung aufgebürdet ist.

All diese Darstellungen von Vaterschaft haben ein Paradoxon gemeinsam, das sich nur lösen lässt, indem man der Frau oder dem Feminismus die Schuld an den herrschenden Zuständen zuweist. Wenn ein konservatives Gehirn doch eigentlich die Frau als Versorgerin der Kinder betrachtet, die aufopfernd, emotional und liebend ist, wie kann Mann sich dann als Vater erhöhen? Sich auch außerhalb der Rolle des Ernährers seinen Platz sichern?

Indem er die Schuld am Ist-Zustand der Frau gibt. Das kann das harmlosere „ich wurde ja in meiner Vaterrolle nicht bestärkt“- Gejammere sein. Oder die Bezeichnung der Frau als unfähige Mutter. Oder die Schuldzuweisung an den Feminismus: Er hätte den Frauen Flausen in die Köpfe gesetzt.

Dann ist es nämlich die ehrenwerte Errettung des Kindes, wenn Mann sich kümmert – und nicht einfach das Übernehmen seiner bestehenden Verantwortung.

An diesem Punkt wird die Väterbewegung bereits anti-feministisch. Denn es geht nicht um die gerechte Aufteilung. Es geht nicht um das Umsorgen des Kindes. Es geht den Vätern um Verlust von Ansehen und Macht nach außen. Von Verlust von Sicherheit und Liebe nach innen.

Und es geht um Schuldzuweisung. Darum, dass irgendwer verantwortlich sein muss. Für die Trennung. Für die Angst vorm Vater. Für die Kämpfe, die ausgefochten sein müssen.

Es muss anti-feministisch agiert werden, da sonst die eigenen Handlungsweisen widersprüchlich wären. Das Nicht-Kümmern und dann plötzlich Doch-Kümmern. Handlungsweisen, die sich mit der eigenen Weltanschauung von Ehe und Familie nicht vereinbaren ließen und die dem konservativen Kern der Bewegung widersprechen.

Und hier ebnet die Väterbewegung den Weg für Frauenhass

Eine Bewegung, die allein schon deshalb als antifeministisch zu gelten hat, weil hier pivilegierte Menschen sich „ihr Recht“ erkämpfen, statt die eigenen Privilegien zu hinterfragen, öffnet leider alle Tore für Misogynie und antifeministische Mütterinitiativen, welche sich als Gegenreaktion mit ähnlich konservativem Gedankengut gründen.


Beitrag erschienen in: Väter

Bild von Skitterphoto. Zuschnitt und Rahmen von umstandslos.

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4 Kommentare

  1. Ortrud

    Mein Eindruck ist, in dem Artikel gibt es sachliche Fehler.
    So weit ich weiß, gab es bereits VOR 1998 (Kindschaftsrechtsreform) ein Rechts auf Vaterschaftsanerkennung.
    Zentral war in der Kindschaftsrechtsreform die Möglichkeit, dass Mütter mit den Vätern ihrer Kinder das Sorgerecht teilen konnten, wenn sie nicht verheiratet waren (die Väter aber nicht das geteilte Sorgerecht beantragen können, das geht seit 2014) und dass das geteilte Sorgerecht nach einer Scheidung zum Regelfall wurde.
    Außerdem wurden die Rechte des Kindes bezüglich des Umgangs des von ihm getrennt lebenden Elternteil (meist der Vater) gestärkt.
    Allerdings hatte das oft zur Folge, dass z.B. der Kontext Gewalt gegen die Mutter (z.B. Trennung wegen Gewalt durch den Mann) ignoriert wurde / wird. Dies wurd z.B. vor der KSR von Frauenhäusern kritisiert (Was die Autorin auch anspricht, allerdings nicht im Kontext Umgangs oder gemeinsames Sorgerecht, sondern Lebensmittelpunkt(e) der Kinder ).
    Ich meine das auch die Rechte von Männern eine Vaterschaft anzufechten gestärkt wurden.
    Die 50 : 50 Betreuungsregelung ist meiner Wahrnehmung nach immer noch die Ausnahme, nicht die Regel wie im Artikel geschrieben. „Väterrechtler“ fordern oft, dass das zur Regel wird.
    Dass nach einer Trennung bei verheirateten nur bis zum 3. Lebensjahr des jüngsten Kind Unterhalt gezahlt werden muss, wurde erst etliche Jahre nach der KSRR geändert und steht gar nicht mit dieser im Kontext.
    Positiv geändert hat sich allerdings, dass getrennt vom Vater lebende Mütter bis zum 3.Lebensjahr ires jüngsten Kinder Anspruch auf Unterhalt aben. Das Jahr weiß ich nicht. Das war aber nach 1998.

    Ich habe einige Kritik an vielen, die sich „Väterrechtler“ nennen und sehe auch, dass viele Forderungen sexistisch / mysogyn, androzentrisch bzw. egozentrisch sind.
    Auch gibt es innerhalb dieser Bewegung auch Männer, die zur Bewegung „Gegen den Missbrauch mit dem Missbrauch“ gehören, also sexualisierte Gewalt an Kindern verneint.

    Doch mir behagt die Pauschalisierung des Artikels nicht. Inhaltlich kann ich das noch nicht greifen, doch ich merke, dass mir der Artikel widerstrebt.
    Ich weiß nicht, ob ich falsch liege, doch mein Eindruck ist, dass Väterrechtsbewegung nur eine Teilgruppe von Väterbewegung ist und absolut von Vätern geprägt ist, die getrennt von den Müttern ihrer Kinder und iren Kindern leben und diese Trennung sehr negativ verlaufen ist und das die Beziehung der getrennten Eltern nachhaltig vergiftet.
    Mein Eindruck ist, dass der Begriff Väterbewgung in dem Artikel deplatziert ist und durchgehende Verwendung von Väterrectsbewegung klarer wäre.

  2. Danke für den Beitrag! Ich finde ihn vor allem deswegen gut, weil er dem Thema Verantwortung einmal etwas mehr Raum gibt. Es fällt mir ebenfallse schwer, in der ewigen Nörgelei der Väterrechtsbewegung einen wirklichen Anspruch an Verantwortungsübernahme (vor der Trennung) zu erkennen. Es geht in den Texten der vermeintlich bestohlenen Väter allzu oft um sie selbst, kaum um andere, ihre Kinder oder gar ihre Ex-Partnerinnen.
    Ich wünschte mir, dass Väter ihre Probleme in der Verantwortungsübernahme endlich einmal offen thematisieren würden. Angesichts der vielfachen sozialen Verquickungen und Abhängigkeiten mag ‚Verantwortungsübernahme‘ einfacher klingen als sie für die realen Menschen (wie auch oft für die Mütter) ist, aber genau dieses Thema fehlt in der Väterrechtsbewegung nahezu völlig.

  3. Ich finde die Pauschalierungen dämlich, da sie den sachlich vielleicht gerechtfertigten Argumenten die Grundlage und Glaubwürdigkeit entziehen….

  4. Eva

    Ich finde den Beitrag auch zu pauschalisierend. Ich denke mal, eine Trennung/Scheidung ist oft eine Situation, in der es für beide Partner_innen sehr schwer ist, sich fair zu verhalten. Da ist es nicht so klar, dass nicht oft auch die Väter schlimme Verletzungen erleiden und eine davon die Entfremdung von den Kindern ist.
    Dass Leute in der Väterrechtsbewegung den Feminismus als Schuldigen (für schwierige Trennungen?) ausmacht, finde ich ziemlich abgefahren. Ich denke eher, wenn das feministische Ziel einer gerechten Aufteilung von außerhäuslicher Arbeit und Haus-/Kinderarbeit in einer Beziehung erreicht ist, dann sind beide Partner_innen in der Trennung in einer besseren Ausgangssituation: Denn dann ist eine Trennungslösung, in der beide in etwa gleich viel Nähe zu und Verantwortung für die Kinder haben, viel naheliegender.

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