Preguntando caminamos

von Robert

Grundsätzlich schreibe ich ja ganz gerne. Aber diesen Text zu verfassen war dann doch weit schwieriger, als zunächst angenommen. Bei genauerem Nachdenken erlebte ich das Thema – feministische Vaterschaft – immer komplexer und bestimmte Standpunkte wurden insbesondere durch Gespräche mit meiner Partnerin immer wackliger.

Wann beginnt feministische Vaterschaft und wo endet sie? Klare Antworten habe ich keine gefunden.

Insbesondere deshalb, weil wir nun mal in einer Gesellschaft leben, die von struktureller Ungerechtigkeit insbesondere in Hinsicht auf die Geschlechterfrage geprägt ist. Natürlich hat diese strukturelle Ungerechtigkeit Auswirkungen auf unseren gelebten Alltag und auf jede Familienstruktur. Und jede Familienstruktur hat wiederum eine ganz eigene Geschichte. Wenn es so etwas wie feministische Vaterschaft gibt, dann ist es nun mal einfacher eine solche in ökonomisch abgesicherten Familien zu leben, die von patriarchalen Abhängigkeiten weniger betroffen sind.
Ich freue mich schon darauf, mehr über dieses Thema zu lesen. Selber komme ich nicht so recht weiter. Warum ich mich trotz der Unsicherheiten dennoch als feministischen Vater bezeichne und wie wir als Familie unseren Alltag leben wollen, möchte ich kurz beschreiben.

Aufgewachsen bin ich in ländlich, bürgerlichen Verhältnissen. Die männlichen Rollenbilder, mit denen ich in der Zeit des Erwachsenwerdens konfrontiert war, können großteils als patriarchalisch, autoritär beschrieben werden. Ziemlich traurige Gestalten, mit denen ich möglichst wenig zu tun haben wollte. Mein eigener Vater war hier glücklicherweise eine kleine Ausnahme.
Als ich in der Pubertät über den Punkrock mit politischen Themen in Berührung kam und folglich auch mit dem Feminismus, waren diese Texte und Essays eine immense Bereicherung für mich und die Gestaltung meines Alltags. Mein spröder Wunsch anders zu leben bekam nun Worte, Selbstvertrauen und wurde eine lustvolle Angelegenheit.

An diesem positiven Grundgefühl hat sich nichts geändert. Sicherlich wurde mir durch den Feminismus auch immer klarer, welche Privilegien ich als weißer Cis-Mann besitze und wie diese meinen Alltag auf Kosten anderer erleichtern. Natürlich war das keine angenehme Erkenntnis, aber nun mal Tatsache. Und diese Tatsache änderte auch nichts daran, dass ich dank feministischer Ideen einen klareren Blick für patriarchale Strukturen, die unseren Alltag prägen, erlernt habe.

Und Vater bin ich nun mal auch verdammt gerne. Beides in Kombination – kitschig formuliert – bereichert meinen Alltag.
Ich lebe gemeinsam mit meiner Partnerin und unserem fast zweijährigen Kind in einem Haushalt. Wir haben die gemeinsame Obsorge beantragt und uns beide dafür entschieden für ein Jahr in Karenz zu gehen. Das waren dann auch schon die Grundstrukturen die wir festgelegt hatten, damit wir unsere Vorstellungen vom Elternsein im Alltag leichter umsetzen konnten.

Meine Entscheidung für ein Jahr in Karenz zu gehen, war beispielsweise vor allem deshalb möglich, weil unsere ökonomische Situation relativ abgesichert war. Um über die Runden zu kommen, war es zwar sehr wohl notwendig, dass meine Partnerin einen Job findet. Da wir aber ohnehin auf niedriger Flamme leben und außerdem über ein Netzwerk aus Freund*innen und Verwandten verfügen, das uns im Krisenfall auch unterstützen würde, war das Risiko in finanziellen Schwierigkeiten und damit Abhängigkeiten zu kommen relativ gering. Und glücklicherweise fand meine Partnerin dann auch bald einen Job. Nichtsdestotrotz zeigt aber auch dieses Beispiel einmal mehr, dass emanzipierte Entscheidungen leichter getroffen werden können, wenn eine finanzielle Absicherung gegeben ist, die einen gewissen Grad an Unabhängigkeit ermöglicht.

Und wie könnte ein gelungener Alltag (bei uns) aussehen? Am ehesten wäre das wohl in banalen Alltagssituation sichtbar. In einem respektvollen Umgang miteinander. In einer sensiblen Wortwahl. Darin, dass alltägliche Pflichten nicht nach der Kategorie Geschlecht aufgeteilt werden, sondern dass (in unserem Fall) beide Eltern dafür verantwortlich sind. Dass beide Erwachsenen darauf achten, dass auch ausreichend Raum und Zeit für Aktivitäten und Interessen außerhalb des Familienalltags geschaffen werden. Dass unser Kind von Anfang an einen möglichst positiven Zugang zum Körper erhält. Dass Körperteile, insbesondere Geschlechtsorgane, richtig benannt werden. Dass ein „Nein“ akzeptiert wird, auch vom Umfeld. Dass unser Kind sich möglichst sicher und frei entwickeln kann, fernab von nervenden Belehrungen.

Die Künstlerin und Aktivistin Jessica Mills beschreibt das in ihrem Buch „My mother wears combat boots. A parenting guide for the rest of us“ mit dem Begriff „yes environment“ meiner Meinung nach sehr treffend. Schlichtweg eine „positive“ Umgebung gestalten, in dem das Kind sich relativ frei und sicher bewegen kann, persönliche Grenzen aller Beteiligten möglichst nicht überschritten werden und nervende Belehrungen keinen Raum haben. Soll heißen, die geliebten Schallplatten außer Reichweite platzieren und besser keine Eddings herumliegen lassen.

Nach meinem Studium war ich für längere Zeit in Mexiko und Zentralamerika unterwegs. Eine Zeit lang lebte ich auch in einem zapatistischen Dorf. Viele Gebäude waren mit Wandmalerein verziert und ein Spruch der häufig zu lesen war, war: „preguntando caminamos“ (fragend schreiten wir voran).

Aus irgendeinem Grund begeistert mich dieser Satz. Auch in Hinsicht auf meine Vorstellung vom Papa-Sein finde ich mich in diesen Worten wieder. Ich bin kein Fan von fixen Antworten geschweige denn strenger Dogmen. Auf die Erwachsenen, die mir als Kind immer vorgaukelten sie wüssten alles bzw. haben alles unter Kontrolle, bin ich heute noch wütend. Was eine gute Vaterschaft auszeichnet, weiß auch ich nicht genau. Mit „preguntando caminamos“ verbinde ich jedoch die Bereitschaft zum Dialog, die Bereitschaft Kritik zu äußern und anzunehmen, die Bereitschaft Fehler zuzulassen und ja, eben gemeinsam zu gehen.

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Beitragsbild von aclark71 (Rahmen hinzugefügt)

Beitrag erschienen in: väter.

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2 Kommentare

  1. Studien zeigen, dass es eine gleichberechtigtere Arbeitsteilung eben gerade nicht „in ökonomisch abgesicherten Familien“ gibt, sondern wenn überhaupt dann in Familien, die es sich nicht leisten können, komplett und für längere Zeit auf ein Einkommen zu verzichten. Oder anders: Wenn Väter die Wahl haben, treffen sie gerade eher nicht die hier zitierten „emanzipierten Entscheidungen“.

    Hm, und natürlich ist es schön, respektvoll miteinander umzugehen und auch, dass sich beide Eltern für alltägliche Pflichten verantwortlich fühlen. Ob das allein aber zu einem anderen Resultat führt als in anderen Familien, die sich zumindest eingestehen, die Arbeiten nach dem Geschlecht aufzuteilen, wage ich zu bezweifeln…

  2. Lars

    Lieber Robert,

    ich finde, dass du in deinem Text ziemlich gute Antworten darauf gefunden hast, wo feministische Vaterschaft beginnt. Du sprichst von deinem Wunsch, die Verhältnisse in deinem Leben zu ändern, von der Auseinandersetzung mit struktureller Ungleichheit und Geschlechterhierachie, von Aufgabenverteilung nicht qua Geschlecht, Sorge beider Eltern und von der Freude Vater zu sein. Auch deiner Einschätzung, dass es vor allem der Bereitschaft zum Dialog, Kritik und dem Wunsch, die Elternschaft gemeinsam zu beschreiten bedarf, stimme ich voll und ganz zu.

    Ich habe mich an vielen Stellen beim Lesen selbst wiedergefunden. Auch ich bin in stark patriachalen Strukturen groß geworden. So hat mein Vater meine Mutter dafür angemeckert, dass wir beim Abtrocknen helfen, weil „das ist Frauenarbeit“, mein Interesse am Kochen und Backen wurde als „weibisch“ belächelt und als ich dann noch geäußert habe, dass ich gerne mal mit Kindern arbeiten möchte, gab es gleich die Sorge, dass ich „schwul“ sein könnte. Als ich mit 22 ausgezogen bin, hatte ich noch nie eine Waschmaschine bedient. Für mich kam die Auseinandersetzung mit feministischen Standpunkten im Austausch mit meiner Partnerin. Dass ich mittlerweile ein profeministischer Vater bin, hat mich viel Denkarbeit und meine Partnerin viel Geduld gekostet. Zudem ist unsere kleine Familie auch ein Beispiel dafür, dass feministische Elternschaft wie du sagst von Sicherheiten und Privilegien abhängig ist. Wir sind beide Wieder/immer-noch-Studierende, gesichert durch staatliche Unterstützung. Nur dies ermöglicht es uns im Moment die Sorge- und Hausarbeit gerecht zu teilen. Den „Erfolg“ unserer Beziehung und Elternschaft verdanken wir meiner Meinung nach Achtsamkeit und vor allem gemeinsamer Auseinandersetzungen. So folgen auch wir deinem Leitsatz, fragend schreiten wir voran.

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