Die Quadratur des Bauches – wie du als Mann schwanger wirst, bist, warst und gewesen sein wirst

von Iko Prinz

Von saure Gurke bis saure Milch: Das Abenteuer „Kind selber austragen“ ist bereits für Frauen und andere weibliche Identitäten eine Erfahrung, die eine_n an die körperlichen und psychischen Grenzen bringt und seltsame Kollisionen mit der Heteronormativität verursachen kann. Aber was, wenn das Kind keine biologische Mutter hat, weil der Vater es austrägt? Abgesehen davon, dass „Kinder haben“ definitiv das größere Abenteuer ist, als „Kinder kriegen“, und dass trans* dabei relativ irrelevant ist, hier ein paar Überlebenstipps.

Phase 1 – Die befleckte Empfängnis

  1. Männer, die schwanger werden wollen, benötigen dazu einen Menstruationszyklus. Sorry, liebe Cis-Männer. (Aber versuchen dürft ihr es natürlich!)
  2. Gegebenenfalls Testosteron absetzen. (Funktioniert mit großer Wahrscheinlichkeit auch nach mehreren Jahren auf Testo.)
  3. Samenspender_in besorgen (eigene_r Partner_in, andere_r Vater_Mutter, freundlicher Mensch aus dem Bekanntenkreis, Samenbank). Die Variante mit dem anonymen F*ck nach dem Abend im Club empfiehlt sich aus Safer-Sex-Gründen weniger.

Phase 2 – Der schwangere Mann

  1. Wichtig: ein Netz transfreundlicher Schwangerschaftsprofis: Hebamme, Gynäkolog_in, evtl. Krankenhaus: Holt euch Tipps von Freund_innen und falls ihr nicht in Berlin, Hamburg oder Zürich wohnt, klärt im Voraus per Mail ab, ob die Person transfreundlich ist, oder bereit, es zu werden 🙂
  2. Du bist überall der Erste! Menschen, die noch nie von schwangeren Männern gehört haben, denken, dass du sie entweder veralbern willst oder doch eine Frau bist. Viele verstehen es aber, wenn man es ihnen langsam und freundlich erklärt.
  3. Es gibt keine Schwangerschaftsbücher, die nicht ultra-nervig normierend sind. Das stört auch viele Frauen und Cis-Hetero-Paare. Aber ob deine Übelkeit immer noch normal ist, findest du dennoch heraus.
  4. Falls du in der BRD schwanger bist und keinen Mutterpass möchtest: Du kannst einen Vaterpass haben (Vorlage via Queerulant_in zu beziehen).
  5. Falls du Brüste hast: Sie werden wachsen, schneller als dir lieb ist. Binder eine Nummer größer und viele dunkle T-Shirts und helle Hemden zum offen drüber anziehen können sehr viel kaschieren.
  6. Wenn der Bauch wächst: Die anderen merken es viel, viel später. Du hast jetzt noch Zeit, größere dunkle T-Shirts und helle Jacken oder Hemden zu besorgen.
  7. Du bist der tollste schwangere Mann der Welt! (Je mehr Leute dir das sagen, desto besser.) Auch wenn du wahrscheinlich nicht (mehr) wie ein Cis-Mann aussiehst.
  8. Ich werde Vater! Und ich bin einer der wenigen Männer, die selber schwanger sind.“ Falls dein Umfeld dich für Cis hält, ist jetzt Zeit für ein Doppel-Coming-Out. Es sei denn, du verbringst die letzten zwei bis drei Monate der Schwangerschaft irgendwo, wo dich keine_r kennt.

Phase 3 – Der Mann und das sehr kleine Baby

  1. Manche Männer haben Angst vor einer sogenannten „spontanen“ Geburt. Jede_r Gynäkolog_in akzeptiert heutzutage, wenn man einen geplanten Kaiserschnitt möchte. Aber hey, vielleicht muss man auch das mal erlebt haben: Es ist deine Wahl.
  2. Falls du im Krankenhaus bist: Informiere das Personal auf der Gebärstation und auf der Wochenbettstation, dass du kommst. Sage ihnen, dass du als Mann nicht mit Frauen im Zimmer liegen kannst und wie du angesprochen werden möchtest. Sag ruhig dazu, dass du verstehst, wenn sie einen schwangeren Mann ungewöhnlich finden.
  3. Falls du keine Lust auf Diskussionen im Krankenhaus hast, kannst du auch eine Hausgeburt machen.
  4. Stillen ist selbst dann möglich, wenn man eine Mastektomie hatte. Tu, was für dich gut ist. Wenn du dich zum Stillen zwingst, hat auch das Kind keine Freude. Viele finden es praktisch. Ist es auch, wenn es funktioniert. Es ist deine Wahl.
  5. Testosteron erst nach dem Abstillen! Falls du nicht stillst: Ca. 4-6 Wochen nach der Geburt kannst du loslegen. Der Körper wird dir dankbar sein, wenn du die Hormonumstellung nach der Geburt noch etwas sich selbst überlässt. Bei Testo-Gel aufpassen, dass die Körperstellen bedeckt sind, wenn du mit deinem Baby in Kontakt bist.
  6. Du bist als Mann mit deinem sehr kleinen Baby unterwegs. Rechne damit, dass die Menschen verunsichert um sich blicken, wo zum Teufel denn nur die Mutter steckt. Es kann aber auch sein, dass sie auf die Idee kommen, dass du die Mutter bist.
  7. Unterwegs stillen geht auch bei Männern, z. B. im Tragetuch, im Ergo Carrier oder in der Manduca. Braucht bisschen Übung, kann aber extrem diskret sein. Falls du nicht diskret sein willst: Um so besser!
  8. Leg dir eine Antwort zurecht, für die Frage nach der Mutter. Je nach deiner Sympathie fürs Gegenüber: „Fragen Sie auch jede Frau, die mit Baby unterwegs ist, wo sie den Vater gelassen hat? Leben wir im 21. Jahrhundert oder in den 50er Jahren?“ // „Es hat keine Mutter.“ (traurig schauen und seufzen) // Ein fröhliches: „Es hat zwei Papas.“ oder „Ich bin Mama und Papa.“ oder „Die braucht es nicht, ich kann das schon.“, je nach Situation und eigener Anschauung. // „Ach, das ist eine längere Geschichte, die erzähle ich ein andermal.“ (mit einem ironisch-erschöpften Unterton) // Die Wahrheit: „Es hat keine Mutter. Ich bin biologisch so ausgestattet, dass ich es selber kriegen konnte.“

Phase 4 – Wie sag ich’s meinem Kinde, anderen Kindern, deren Erzieher_innen, Eltern und Großeltern, sowie dem Freund der Mutter der Cousine der Gemüsehändlerin?

  1. Deine Familienform gibt es. „Mein Kind hat keine Mama.“ „Mein Kind hat nur einen Papa.“ „Mein Kind hat eben zwei Papas.“ Alles adäquate Antworten auf die Frage nach der Mutter. Und auf: „Aber warum?“ darf man kleinen Kindern und deren Eltern durchaus antworten: „Weil das bei manchen Kindern so ist. Wie ist denn deine Familie?“
  2. Lass dich nicht auf Streitereien um deine Identität ein. Wenn Erzieher_innen, medizinische Fachpersonen und Lehrkräfte dir oder deinem Kind erzählen wollen, du seist eine Frau und Männer können keine Kinder kriegen – dann geht woanders hin.
  3. Wieso du ein Kind kriegen konntest, wo Männer das doch angeblich nicht können? „Manche können es eben doch, aber das wissen nicht sehr viele Menschen.“, „Manche Männer werden mit einem Uterus, Eierstöcken etc. geboren. Die können dann Kinder kriegen.“ – Dass eure Eltern euch als Mädchen großgezogen haben, dass könnt ihr euren Kindern später mal erzählen, wenn sie danach fragen. Ich vermeide Formulierungen, die klingen, als müsse man weiblich sein, um Kinder zu kriegen.
  4. Stealth? Kannst du vergessen. Bereite dich darauf vor, dass dein Kind gut hörbar durch den Bus ruft: „Stimmt’s Papi, ich war in deinem Bauch?“

Dieser Beitrag ist bei Queerulant_in ersterschienen. Die ganze Ausgabe zum Thema „Trans* und Elternschaft“ gibt es hier zu lesen.
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Beitrag erschienen in: väter.

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Ein Kommentar

  1. Lasse

    Kann man nicht mit dem Kind reden, Damit es das nicht unpassenderweise in der kompletten Öffentlichkeit durch den Bus ruft?

    Im Kindergarten kann man ja auch mal hinkommen und reden.
    Ich meine, in fast jedem Kindergarten wird über die Geschlechter in Projektwochen geredet.
    Und spätestens wenn mein Kind anfängt, dass manchmal der liebe Gott müde ist und deshalb manchmal männliche Kinder einen Mädchen Körper haben, geht die Post ab.
    Oder wenn es heißt: aber bei mir war mein Papa schwanger!
    Ich glaube, man muss damit ganz ruhig umgehen.
    Und wenn die Erzieher und Eltern zu viele Probleme machen, dann melde ich um.
    Waldorf soll sehr tolerant sein.
    Aber ganz ehrlich: Kita OK, aber im Bus oder Restaurant?
    Das ist schwierig.

    Wie geht man damit um?

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