Kinder of Color in der Hauptrolle: Einige empfehlenswerte Kinderbücher

von Jasmin

In nur wenigen deutschsprachigen Kinderbüchern kommen Kinder of Color überhaupt vor. Für den US-Raum hat das „Cooperative Children’s Book Center“ (im folgenden CCBC) eine Statistik herausgegeben, die zeigt, wie viele Kinderbücher Charaktere of Color beinhalten bzw. von Menschen of Color verfasst wurden. Die Statistik zeigt, dass 37 Prozent der Bevölkerung der USA Personen of Color sind, aber nur etwa 10 Prozent der Kinderbücher Geschichten über sie enthalten oder von ihnen verfasst wurden (The Diversity Gap in Children’s Publishing, 2015). Für den deutschsprachigen Raum gibt es derzeit keine solche Statistik. Aber vermutlich sind hier die Zahlen ähnlich oder sogar geringer.

Die Zahl der Kinderbücher, in denen Menschen of Color eine Hauptrolle spielen, ist vermutlich noch geringer, denn die CCBC-Statistik zählt das Vorkommen von Personen of Color.

Was sagt es über mich, wenn es in Büchern niemanden „wie mich“ gibt?

Die Exkludierung von Charakteren und somit Lebensrealitäten of Color kann dramatische Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl von Kindern of Color haben – denn was sagt es über mich, wenn es keine Identifikationsmöglichkeiten für mich gibt, wenn es in Büchern niemanden „wie mich“ gibt?

Die fehlende Repräsentation, denen Kinder of Color gegenüberstehen, ist gewaltvoll, weil sie exludiert. Durch die fehlende Repräsentation entsteht der Eindruck, dass es keine Menschen of Color gibt. Dadurch wird die Existenz von Personen of Color nicht mitgedacht.

Entsprechend wird weißen Kindern auch die Möglichkeit vorenthalten, sich mit Schwarzen Lebensrealitäten oder Lebensrealitäten of Color zu identifizieren. Es wird ihnen die Chance genommen, mit selbstverständlicher Empathie, Diversität und Inklusion aufzuwachsen. Vielmehr sagt das natürlich über die Gesellschaft aus, in der eine_r lebt, aber Kindern bleibt dieser gedankliche Zugang oft verwehrt.

Während in englischsprachigen Gegenden Kinder of Color in der Hauptrolle schon viel häufiger die Kinderbücher erobert haben, ist das in Deutschland oder Österreich noch lange nicht der Fall. So gibt der „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“ Literaturlisten heraus, auf denen sich oftmals zu einem großen Teil englischsprachige Literatur finden lässt, die nicht für alle zugänglich ist oder von allen gewünscht wird.

Anfangs mag diese sprachliche Barriere vielleicht noch überwindbar sein, beispielsweise solange es nur um einige Sätze in Bilderbüchern geht. Aber spätestens nach einigen Jahren wird das problematisch, nämlich dann, wenn Kinder sich allmählich den ersten Romanen zuwenden. Während bei einem Bilderbuch die vorlesende Person oft noch parallel übersetzen kann, ist das bei Romanen nicht mehr so leicht. Viele Kinder möchten dann mehr und mehr selbstständig lesen.

Auf meinem Blog feminist bookshelf sammle ich feministische Kinderliteratur. Einige der deutschsprachigen Werke, die Kindern of Color Hauptrollen geben, möchte ich im Folgenden vorstellen.

Literaturtipps

  1. „Ein kleines bisschen anders“ ist das 2015 erschienene „Inklusionswerk“ des Gulliver Verlages. Das Buch enthält insgesamt 30 Geschichten mit einer Menge vielfältiger Charaktere und ihrer Eigenheiten. In der Geschichte „Schuh-Kran“ von Julia Breitenöder wird eine beginnende Freundschaft zwischen Youssry, einem arabischstämmigen Jungen und dem Mädchen Fredi erzählt, die beginnt, als die beiden sich gegenseitig deutsche und arabische Wörter beibringen. Die Geschichte „Ein ‚péng-you‘ für Jan“ von Sabine Streufert handelt von der Freundschaft zwischen Jan und Liang, einem chinesisch-stämmigen, deutschsprachigen Kind. Besonders schön ist, dass in den Illustrationen sehr vielfältige Charaktere vorkommen. Das Buch ist ab drei Jahren empfohlen.
  2. “Maxime will ein Geschwister“ ist ein dünnes Büchlein, das sich um Schwangerschaft und Geburt dreht. Maxime lebt mit seinen beiden Müttern in einer WG. Erklärt wird darin auf kindgerechte Weise, aber mit biologisch korrekten Begriffen, wie das mit dem Schwangerwerden bei einem lesbischen cis-Paar funktioniert. Das Aufklärungsbuch ist laut dem Verlag Atelier 9 ¾ schon „für Menschen ab zwei“ empfohlen.
  3. Der Verband binationaler Familien empfiehlt die „Carlotta“-Bücher des Nord-Süd-Verlages, die sich damit beschäftigen, dass Carlotta ihre Haare nicht kämmen will (2010), keine Brille tragen will (2011) und ein Brüderchen bekommt (2012). Die Bücher sind ab 4 Jahren empfohlen.
  4. “Zuhause kann überall sein“ ist ein aus dem Englischen übersetzter Titel von Freya Blackwood und Irena Kobald. Das Buch beschäftigt sich mit Migration und Freundschaft. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von „Wildfang“. Wildfang ist ein Mädchen, das mit ihrer Tante in ein anderes Land kommt, ohne ein Wort der neuen Sprache zu sprechen. Warum die Hauptprotagonistin mit ihrer Tante emigriert ist, bleibt unklar. So bietet das Buch viele Möglichkeiten, mit Kindern darüber zu reden, welche Gründe es dafür geben kann, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Das Buch ist ab 6 Jahren empfohlen.

  5. Ein Sachbuch zum Thema, um über Vielfalt ins Gespräch zu kommen, kann „Kinder Deutschlands“ von 2009 sein. „Kinder Deutschlands“ stellt 37 Grundschulkinder unterschiedlicher Herkunft vor. Jedes Kind wird dabei zu verschiedenen Fragen interviewt und durch kurze Steckbriefe vorgestellt. Die Autorinnen sind Tatjana Leichsering und Martina Henschke. Natürlich werden auch Kinder of Color vorgestellt, und kommen in den Interviews selbst zu Wort. Das Buch ist ab der Grundschule einsetzbar.
  6. Letztes Jahr erschien „Das Wort, das Bauchschmerzen macht. Empowerment für Kinder“ von Nancy Della und Rina Rosentreter. Das Buch bespricht auf empowernde Weise Rassismuserfahrungen in der Schule. Die Hauptrolle im Buch spielen Lukas und Lennard, die sich als „Schwarze Deutsche Zwillinge“ vorstellen. Im Buch wird Lukas mit dem N-Wort konfrontiert, als seine Lehrerin ein Kinderbuch vorliest. Die Familie wird daraufhin aktiv. Besonders die muslimische Schulleiterin, Frau Gül-Schmidt, bringt sich aktiv ein, damit keine verletzenden Wörter mehr benutzt werden. Das Buch erklärt auf einfühlsame Weise, warum manche Wörter wehtun und sensibilisiert für eine reflektierte Sprache. Es bestärkt Kinder darin, sich gegen Rassismus zu wehren und ihre negativen Gefühle als ihr persönliches Recht anzuerkennen. Leider kommt in dem Original eine Bemerkung vor, die das Verbrennen von Büchern verharmlost, so dass die Seite mit einer neuen, beigelegten Einklebeseite überklebt werden kann. Diese liegt dem Buch bereits bei, kann aber auch auf der Verlagsseite heruntergeladen werden.
  7. Crystal Bain-Swates, eigentlich als Illustratorin bekannt, schrieb das bekannte „Big Hair, Don’t Care“, das 2015 endlich ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch ist sehr schön illustriert, leidet jedoch an einer holprigen Sprache, was sich bereits im deutschen Titel „Großes Haar, alles klar“ deutlich zeigt. Dennoch bleibt das Buch natürlich empowernd, weswegen es durchaus empfehlenswert ist.
  8. Mit „Rosie & Moussa“ kommen wir langsam in Richtung Kinderromane. Moussa wohnt in einem großen Hochhaus, in das Rosie einzieht. Die beiden lernen sich kennen und werden beste Freunde. Im ersten Band erleben sie ein spannendes Abenteuer und schließen ein Bündnis mit der alten Nachbarin. Die Geschichte behandelt im Hintergrund auch das Thema Armut. Ebenfalls aus der Rosie und Moussa-Reihe stammen „Rosie & Moussa. Der Brief von Papa“ sowie „Rosie & Moussa. Beste Freunde für immer“. Die Bücher sind ab 7 Jahren empfohlen.

  9. Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Malbücher hinweisen, die auch im deutschsprachigen Raum gut erhältlich sind. Hier sind die Werke der Illustratorin Crystal Swain-Bates zu nennen, die sich besonders für afrodeutsche/afroösterreichische Kinder eignen. „The colourful adventures of Cody & Jay“ oder „The colourful adventures of Zoe & Star“ sind jeweils Mal- und Rätselbücher. Von derselben Illustratorin ist auch „Black Fairy Tales“ erschienen, ein Mal- und Rätselbuch, das sich vorwiegend um Märchen dreht. Explizit um Haarfrisuren und die Menschen, die sie tragen, dreht sich „Color my fro“. Crystal Swain-Bates hat sich mit ihrer Arbeit zum Ziel gesetzt, das Selbstwertgefühl von Kindern jeden Alters zu steigern. Eine ähnliche Idee hatte Andrea Pippins mit ihrem Malbuch „I love my hair. A Coloring Book of Braids, Buns, Crimps, Curls, and Doodle Dos“, welches wirklich Haare, Frisuren und Haarpflegemittel in den Fokus rückt. Ein weiteres Malbuch, das dieses Jahr dazugekommen ist und Mädchen an als „mädchenuntypisch“ geltende Berufe heranführen möchte, ist „Dream Big!“ von Stephanie Tabashneck und Tanja Tadic. Unter den abgebildeten Mädchen ist auch ein Mädchen mit Kopftuch, ein blindes Mädchen und eines im Rollstuhl. Wichtig ist auch, dass Kinder Farben wählen können, die ihrer Hautfarbe ähnlich sind. Hier hat beispielsweise LYRA Hautfarben-Stifte auf den Markt gebracht.

 


Beitrag erschienen in: selbst.bestimmen

Zur Autorin: Jasmin ist Feministin, Bloggerin, Studentin und Schriftstellerin. Seit November 2014 bloggt sie auf feminist bookshelf über feministische & inklusive Kinder- und Jugendliteratur. Vielfalt und Repräsentation sind dabei die Hauptthemen des Blogs.

Momentan arbeitet sie an der Veröffentlichung eines trans_inklusiven Kinderbuchs.


 

Nachtrag: Eine Leserin hat uns ihre umfangreiche Medienliste für Kinder und Jugendliche zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Darin sind Werke mit schwarzen Hauptakteur*innen verzeichnet und nach Altersklassen sortiert. Vielen Dank an dieser Stelle!

Die umfangreiche Liste (112 Seiten!) ist unter folgendem Link abrufbar:

Medien-Liste Kinder & Jugendliche von Berit Pohle 2015-10

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12 Kommentare

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Queere Adventskalender, faule Frauen auf Achse und Kinderbücher-Tipps – die Blogschau

  2. Ortrud

    Ich finde manche der Bücher nicht empfehlswert (Zuhause kann überall sein, Carlotta: Meine Haare kämme ich nicht!) bzw. nicht ansprechend für Kinder (Kinder Deutschlands) bzw nicht mit Hauptfiguren (Charlotta-Bücher)

  3. Nicola

    Schwierig finde ich immer, wenn in den Büchern das Andersein thematisiert wird. Auch das gibt dem Kinder wieder das Gefühl anders zu sein und nicht wirklich dazu zu gehören. Ich vermisse Kinderbücher in denen Kinder die „anders“ (schwarz, behindert, zwischen den Gschlechtern, ja auch Mädchen…) ganz selbst verständlich Hauptriollen einnehmen. Einiges dazu gibt es bei http://www.baobabbooks.ch/, wo auch Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien und dem Nahen Osten gefördert werden.
    Ich empflehle z.B.:
    Toledo, Eymard: Bené, schneller als das schnellste Huhn
    Lomas Garza, Carmen: Eine Piñata zum Geburtstag
    Iplikçi, Müge: Der fliegende Dienstag

    • danke für deine empfehlungen. ja, es ist wirklich schwierig, bücher zu finden und die „inszenierung“ (auch wenn es vielfach nicht so intentiert ist) von andersheit ist dabei, wie du auch ansprichst, ein großes problem – selbst, wenn diese andersheit eben positiv betrachtet wird. alleine das hervorheben ist fast immer automatisch problematisch, weil damit ja wieder nur die norm reproduziert und bestärkt wird.

      • Ortrud

        Ich abe eine Medienliste mit Schwarzenhauptfiguren erstellt, die ich gerne teile.

        • ja, gerne! gibt es diese online zugänglich bzw. unter einem link abrufbar? oder magst du sie uns mailen (umstandslos @ gmx.net) und wir senden sie auf anfrage hin weiter?

          • Ortrud

            Die e-mail-Adresse funktioniert nicht, ich bekomme eine Fehlermeldung :(.

          • eigenartig, ich maile an dich – wenn deine hinterlegte stimmt, und du antwortest – versuchen wir’s so

          • Ortrud

            Habe die Liste jetzt geschickt und keine Fehlermeldung bekommen… 🙂

  4. Nicola

    Das Problem bei diesen Bücher ist natürlich wieder, dass die Kinder in ihrer eigenen Kultur leben und nicht als Migrantenkinder. Es ist echt schwierig da überhaupt etwas zu finden, das Kinder aus anderen Kulturen mitdenkt.

    • Wie meinst du das, dass „die Kinder in ihrer eigenen Kultur leben“? In den Büchern werden auch Geschichten von Kindern mit Migrationshintergrund erzählt, insbesondere in „Ein kleines bisschen anders“, „Zuhause kann überall sein“, „Rosie und Moussa“ und „Das Wort, das Bauchschmerzen macht“ ist das der Fall. Oder habe ich dich falsch verstanden?
      Bücher, die über andere Kulturen „berichten“, sind natürlich immer nah an einer Kulturalisierung und können daher schnell problematisch werden.

  5. Ich bin ein bißchen spät dran, weil ich es jetzt erst gesehen habe, aber ich empfehle auch immer das dossier von der heinrich-böll-stiftung zum thema http://heimatkunde.boell.de/vorurteilsbewusste-kinderliteratur-jenseits-hegemonialer-weltbilder, mit der liste vom gladt e.V. (und verdammt noch mal ich muss endlich meine BA veröffentlichen m) )

    hier sind auch noch ein paar links https://memyselfandchild.wordpress.com/2014/03/25/representation-matters-einige-links/ ich könnte allerdings auch mal wieder was neues zusammenstellen.

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