Ich mach’s mir selbst

von Marlene

Vor kurzem schrieb mir eine Freund_in diese SMS: „hm wir [sie und ihr Sexpartner] haben uns gestern durch die pronowelt [sic] geklickt und es gibt sooo wenige die i gut find.“ Die immer wiederkehrende Frage, die wir uns beide stellen: Gibt es eigentlich irgendwo in dieser Welt Pornos, die uns (erstens als Personen und zweitens als Frauen_) gefallen?

Zuerst einmal: Solche SMS sind nichts außergewöhnliches in unserer Freundinnen_schaftsbeziehung. Wir sind beide ziemliche Sexfans und tauschen uns gerne darüber aus – und das schon seit der Schule. Mit zunehmendem Alter haben wir gemeinsam unabhängig voneinander festgestellt, dass es für manche Männer_, Frauen_ und Personen, die sich beiden Geschlechtern oder keinem zugehörig fühlen nicht so leicht ist über ihren Sex zu reden. Das hat uns verwundert, und tut es noch immer. Es hielt uns aber nicht davon ab damit weiterzumachen. Im Gegenteil, wir suchen immer wieder neuen_unbekannte(n) Sex(fantasien). In der Auseinandersetzung bzw. im einfachen, zufälligen Gesprächsaustausch finden wir immer mehr Freundinnen_, denen es ähnlich wie uns geht.

Ein Deadend in solchen Diskussionen waren zum Großteil immer Pornos. Meine Gesprächspartnerinnen_ und ich hatten zwar alle schon mal welche gesehen, sind auch schon ab und an mal dazu gekommen, aber geblieben sind wir bei keinem. Zu oft sah ich immer dasselbe, und fand es deswegen vorhersehbar und langweilig. Irgendwann war es mir zu blöd und ich hörte auf mir Web-Mainstreampornos anzusehen. Trotzdem erschien es mir unmöglich, dass es keine Pornos gibt, die mich geil UND klug machen. Dann stellte eine TRACKS-Folge Åslög Enochsson und ihre Arbeit als Pornomacherin_ vor. Unter dem Namen Lo-Fi Cherry produziert die in Berlin lebende Schwedin_ Feminist Tentacle Pornos. Ich war hin und weg – ich hatte gerade sexpositiven, feministischen Porno gefunden!

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht, dass ich unbedingt Pornos brauche. Sie waren mehr etwas, das ich halt nicht so mochte und mich deswegen nicht interessierte. Seit ich aber von Åslög Enochsson weiß, kann ich nicht mehr aufhören mir queer-feministische Pornos reinzuziehen und Pornodarsteller_innen auf Wikipedia und deren Websiten nachzulesen. Zu groß ist Neugierde neuen_unbekannten Sex zu finden und vor allem ihn nachzumachen, zu erweitern und zu adaptieren.

Ich und mein erster feministischer Pornokauf: Dirty Diaries. 12 Shorts of Feminist Porn.

Ich und mein erster feministischer Pornokauf: Dirty Diaries. 12 Shorts of Feminist Porn.

Eine der besten Quellen aus denen eins schöpfen kann, ist der PorYes-Award, der feministische Filmpreis Europas. Er ist das europäische Pendant zu den kanadischen Feminist Porn Awards. Alle zwei Jahre bewertet eine Jury aus Expertinnen_ feministische Pornos. Mindestanforderungen für eine Nominierung sind, laut Homepage, „die sexpositive Darstellung weiblicher Lust, das Aufzeigen vielfältiger sexueller Ausdrucksweisen und das maßgebliche Mitwirken von Frauen bei der Filmproduktion“. Erst im Oktober verlieh die Initiatorin_ Laura Méritt mit vier weiteren Frauen_ in Berlin die diesjährige „Auster“ an fünf Preisträger_innen. Die Jury wählte einen heterogenen Mix mit unterschiedlichen Sex-Schwerpunkten aus. Mit Buck Angel, der_ sich selbst mit „The man with the pussy“ umschreibt, erhielt ein trans_Pornodarsteller_ eine Auster. Die Preisträgerin_ Goodyn Green zeigt in ihren Filmen lesbische Sexualität, die selbst in der feministischen Pornoszene einen blinden Fleck darstellt. Jiz Lee ejakuliert am Set und veröffentlichte gerade ihr neues Buch „Coming Out Like a Porn Star“, in dem sie über ihre Erfahrung als queere Pornodarstellerin_ schreibt. Jennifer Lyon Bell wendet sich der künstlerischen Seite zu und verwendet traditionelle filmische Sprache und Stile um eine neue Perspektive auf Pornos zu zeigen. Gala Vanting bezeichnet sich als „erotic imaginist“ und bringt als Sexlehrerin mit Slow Porn und Dokus z.B. BDSM näher.

Enttäuschend am PorYes-Award ist, dass unter den Preisträger_innen keine POC zu finden sind – setzt sich doch der PorYes-Award das Kriterium „Vielfalt ethnischen Hintergrundes“. Noch so ein blinder Fleck der sexpositiven-feministischen Pornos.

Sinnamon Love fordert in ihrem Beitrag zum Buch „The Feminist Porn Book: The Politics of Producing Pleasure“ Black Porn for Black Women. In ihrem Beitrag kritisiert die Pornodarstellerin_ die Anonymisierung durch Herabsetzung und Verniedlichung von WoC: „Black and Latina women in porn are very often given names of food, cars, inanimate objects, countries, and spices. No one ever told me, or many women of my generation, how important it was to have a name that was a real woman’s name.“

Selbstbestimmung ist die Ermächtigung sich selbst eine Stimme zu geben (zu können). Das schließt auch ein unverstärktes Stöhnen und „Fuck Ja!“ mit ein. Sexualität auszuleben, heißt für mich zu wissen/entdecken welcher Sex mir gefällt. Feministische Pornos können eine Inspiration sein und eine Ermunterung neues ungemachtes auszuprobieren. Das impliziert auch, dass Sex nicht nur geil sein muss, wenn es um Boy-Girl Penetration geht, sondern er kann viel weiter sein. Für manche kann das Requisiten-Sex sein, für andere ein gemeinsames sich eine_n runterholen oder auch eine heiße Schmuseeskalation sein. Oder alles drei oder ganz was anderes. Das coole am Sex ist, es gibt nicht den Sex, sondern nur die Sex (pl.), die eins (gemeinsam) macht. Was feministischer Porno geben kann: Die Versicherung, dass das was mir gefällt oder gefallen könnte nicht nur okay, sondern geil ist. Deswegen: Beim Sex mach ich es mir selbst (oder entscheide, ob du es für mich machen darfst.)

Liebstens, Marlene

(c) Fotot: privat

erschienen in: selbst.bestimmen

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14 Kommentare

  1. Hier ein Veranstaltungshinweis: Feminist P*rn Club mit der PorYes-Presiträgerin_ Jennifer Lyon Bell!!!
    https://www.facebook.com/events/142167366140078/

  2. Hat dies auf herMbit rebloggt und kommentierte:
    Beste Sonntagsbeschäftigung: Ein paar feministische Pornos reinziehen. Mein Beitrag dazu auf umstandslos.com

  3. eternallyn00by

    Nicht nur für Männer_ und Frauen_ kann es schwer sein, über Sex zu reden 😉

  4. Marlene

    das stimmt! würde ich noch ändern wenn ich Zugriff bekomme.

  5. 🙂 Ich hab darüber kürzlich auch gebloggt ( https://hirngefickt.wordpress.com/2015/10/11/porno-baby/ ) und kann die XConfessions-Reihe von Erika Lust sehr empfehlen. 😀
    Von Buck Angel hab ich erst einen Film gesehen – den finde ich eigentlich SO SO sympathisch und charismatisch, aber den Film, den ich gesehen habe, war kein bisschen besser als die Mainstream-Pornos. Kannst du da vielleicht was empfehlen? 🙂

  6. Marlene

    Was Buck Angel anbelangt bin ich voll bei dir. Ich mag ihn_ voll gern in Interviews, aber mich turnen seine Sachen auch nicht wirklich an. Bis jetzt hab ich noch nix von ihm gefunden, dass mir persönlich so zugesagt hätte, dass ich dabei geblieben wäre. (Bin u.a. etwas irrtiert von „Dykeboy“,…)

  7. madameflamusse

    Ich hätte jetzt auch Erika Lust empfohlen und merke grade das ich mich doch auch schon länger nicht mehr mit dem Thema beschäftigt habe. Verlagstechnisch ist sicher der Konkursbuch Verlag zu empfehlen, z.B. das heimliche Auge oder auch das lesbische Auge etc. Aufjedenfall cool so ne Freundin zu haben, ich finde auch das es da viel zuwenig Gespräche gibt…

    • Danke für den Hinweis! Ich hab mich mit Büchern noch gar nicht auseinander gesetzt. Der Konkursbuch Verlag ist mir aber schon mal untergekommen. Die Verlegerin des Verlags Claudia Gehrke war auch dieses Jahr in der Jury des PorYes-Awards.
      Ich wünsche allen eine so coole Freundin_!

      • madameflamusse

        Echt Sie war dabei, sehr cool. Aber Erika Lust…gibts da nochn Comic? Ich meine die Pornoproduzentin.. oder meintest Du Buch wg Verlag? Vermutlich.. 😀 Ich möchte einen Blog machen zum Theme „Unsere Geschichten“ wie eben Zwiegespräche…so das man sieht das man nicht allein ist mit seinen Themen. Über Körperlichkeiten, Sexualität, Zyklus, Freundinnen, Sex, Whatever uns Frauen beschäftigt, hab den auch schon aufgemacht nur fehlen noch die Storys…werd ich wohl selber erstmal ein paar schreiben müssen bevor noch andere Nachziehen 😀

  8. Marlene

    @madameflamusse (Irgendwie geht die Antwortfunktion nicht) Wie heisst denn der Blog?

    • madameflamusse

      oh sehs grad ersthttps://purpurnest.wordpress.com/ is halt noch leer..aber ab Januar mache ich da fett Werbung für, und ich freue mich über jede Geschichte

  9. Lange hat es gedauert, aber jetzt bin ich drauf‘ gekommen: ich finde ja, das ’normale‘ Pornos nicht so sehr langweilig wären, weil es da immer wie erwartet zugeht. Dass ich immer etwas ganz Neues und Ungeahntes bräuchte. Normale Pornographie finde ich vor allem langweilig, weil sie auf ihre Art klinisch ist, d.h. rein genital fixiert und alle möglichen anderen Empfindungen und Gefühle außer Acht lässt. Ich glaube, das turned mich am meisten ab. Dieses Ewige Wild-Gucken und yes-yes-yes, dabei aber immer total abwesend und desinteressiert wirken.

    Vielleicht finde ich ja noch mal eine bessere Beschreibung – mit so wenigen Worten.

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