Gedanken zum Roses Revolution Day 2015

von Lisa

In ein paar Tagen ist es wieder so weit. Es ist der 25.11., der Roses Revolution Day – der Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe.
Dieser Tag wurde im November 2013 auf der dritten „Human Rights in Childbirth“ Konferenz in Belgien nach einer Idee von Jesusa Ricoy ins Leben gerufen und innerhalb nur weniger Wochen entstanden parallel viele Aktionen weltweit. Seitdem wird dieser Tag jedes Jahr begangen und findet mehr und mehr Öffentlichkeit.

rosrev

Der Hintergrund: Gebären ist ein Tabuthema und oft voller Gewalterlebnisse

Das klingt auf den ersten Blick seltsam und paradox – aber Gebären ist tatsächlich auch nach wie vor ein Tabuthema.

Um zu verstehen, wieso ein so präsentes Thema gleichzeitig ein Tabu sein kann, muss man sich die Bestandteile eines Tabus kurz ansehen, denn ein Tabu beinhaltet nicht nur eine latente, versteckte Seite, sondern immer auch eine manifeste und öffentliche Seite.

Bei der Geburt kann man die manifeste Seite schnell erkennen: Es gibt eine Vielzahl an Ratgebern, Zeitschriften und Online Material zum Thema Geburt, es finden Geburtsvorbereitungskurse statt und man kann sich Videos zur Vorbereitung anschauen. Die Geburt soll angenehm sein im Sternenhimmel Zimmer mit hübsch gestrichenen Wänden und selbst gewählter Musik.

Klingt toll? Ist es auch.
Aber das ist leider bei weitem nicht die ganze Geschichte.

Auf der anderen Seite – sozusagen im Dunklen – findet man nämlich zum Beispiel das Thema des konkreten Geburtsvorgangs. Noch immer wird viel zu selten über Vor- und Nachteile verschiedener Geburtshaltungen informiert, über Dammschnitte, den Ablauf von Sectios, geschweige denn über das Thema Blut (wer sagt einem zum Beispiel vorher ganz konkret, dass man nach der Geburt wochenlang gefühlt fast ausblutet?) oder Ausscheidungen während der Geburt.

Und ganz zentral ist hier im versteckten Tabubereich auch das Thema Gewalt in der Geburtshilfe zu finden.

Doch was bedeutet Gewalt in der Geburtshilfe genau und wo findet man sie?

„Hauptsache das Kind ist gesund.“

Das ist eines der Totschlagargumente, hinter denen fast immer ein traumatisches oder gewaltvolles Erlebnis zu finden ist. Alles Erlebte, vielleicht für Gebärende nachhaltig Traumatische, wird weg gewischt, hat keine Berechtigung mehr und wird unsichtbar hinter dem Wunder des neu geborenen Kindes.

Und darin steckt schon die erste Lüge: Denn natürlich ist es wichtig, dass es dem Kind gut geht! Aber es ist auch wichtig, dass es der Mutter gut geht.

Eine Hebamme sagte ein Mal zu mir, dass das Erleben einer schönen, selbstbestimmten Geburt einen unglaublichen Effekt auf das Selbstbewusstsein einer Frau/einer/eines Gebärenden haben kann. Sie leistet etwas schier Unglaubliches, sie ist stark und mutig und selbstbewusst. Dieser Moment kann sie für immer stärken und sich positiv auf ihr restliches Leben auswirken.

Und im Gegenzug kann sich auch eine traumatische Geburt nachhaltig auf das Leben auswirken und dabei nicht „nur“ das eigene Sexleben, den Körper oder die Beziehung zum Kind beeinflussen, sondern auch das gesamte Selbstbild, die Selbstwirksamkeit und die Möglichkeit an sich, ein glückliches Leben zu führen.

Das Erleben von Gewalt kann in diesem Zusammenhang viele verschiedene Formen und Hintergründe haben und vaginale Geburten genauso betreffen wie Sectios.

Es kann bedeuten, dass man unter den Wehen gegen dein eigenen Willen zum still liegen gezwungen wurde, dass die Geburtsposition vorgeschrieben wurde, ohne medizinische Notwendigkeit ein Dammschnitt durchgeführt wurde, ohne medizinische Notwendigkeit eine Sectio gemacht wurde.

Das Erleben von Gewalt kann empfunden werden, wenn die eigene Würde verletzt wird, man sich fremdbestimmt fühlt oder man schlecht behandelt wird („wenn sie jetzt nicht mitarbeiten, dann stirbt ihr Baby, jetzt stellen sie sich nicht so an,…).

Manche der Verletzungen, die dabei erlebt werden, können auf bestimmte Menschen festgemacht werden, deren Handlungen man nicht nachvollziehen kann. Andere Verletzungen haben einen systemischen Hintergrund, liegen in der Art unseres medizinischen Systems begraben und in dazu gehörenden Vorschriften und Gesetzen.

Doch ganz egal, welchen Hintergrund die Gewalterfahrung hat – sie sollte nicht totgeschwiegen und unsichtbar gemacht werden – sondern aufgezeigt und öffentlich gemacht, damit sich etwas an der Praxis der Geburtshilfe ändern kann.

Körperliche Unversehrtheit, das Recht auf Aufklärung, Information und das Einholen einer Einverständniserklärung vor jedem Schritt sollten für alle Schwangeren und Gebärenden gelten.

Aus diesen Gründen wurde der Roses Revolution Day ins Leben gerufen und mit ihm die Aktion, am 25. November als Zeichen der Anteilnahme oder der eigenen Betroffenheit eine Rose und einen Brief vor die Kreissaaltüre zu legen, hinter der das Gewalterlebnis stattgefunden hat.

In dem Brief können Betroffene und Mitbetroffene ihre Geburtsberichte niederschreiben und ihre Gedanken darüber mitteilen.

Diese Rosen und Bilder werden mit Fotos dokumentiert und danach auf Facebook oder Twitter mit dem Hashtag #rosrev gepostet. Viele Betroffene veröffentlichen auf diese Weise auch (meist anonym über die Roses Revolution Day Facebook Seiten des jeweiligen Landes) ihr traumatischen Geburtsberichte.

Jedes Jahr gibt es mehr Menschen, die sich der Aktion anschließen, damit sich endlich etwas verändert!

Das hier ist der Link zur Österreich Seite:

Und hier gibt es viele weitere Infos zum Thema:

Lisa: Mutter von zwei Kindern (2 und 5), Soziologin, Geschlechterforscherin, Querdenkerin, Bloggerin (meine-kinder.at), Mitbetreiberin der Österreich Seite des Roses Revolution Day

erschienen in: selbst.bestimmen

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