„Viel Erleichterung, aber auch viel Streiterei“. Die Soziologin Gerlinde Mauerer im Interview über Karenzväter

von Cornelia

Die Wiener Sozialwissenschafterin Gerlinde Mauerer hat für ihre Forschungsarbeiten 48 Interviews mit Karenzvätern und deren Partnerinnen geführt. Im Gespräch mit umstandslos erzählt sie von den Ergebnissen ihrer Forschungsarbeiten und verrät, wo es selbst bei den „Best-Practice“-Paaren hakt.

Wenn Sie an Ihre Studien zum Alltagshandeln von Karenzvätern, zur Konstruktion von Väterlichkeit und Männlichkeit (Anm.: gemeinsam mit Paul Scheibelhofer) und zu den Transfersituationen in der Elternarbeit denken – was war in Bezug auf Väterkarenz vielleicht das augenscheinlichste Fazit?  

GERLINDE MAUERER: „Ein großes Manko ist die Großvätergeneration, wo Identifikation tatsächlich über Arbeit stattgefunden hat. Insofern werden sich die Früchte der Väterkarenz auch erst in Zukunft zeigen. Erst in nächster Generation. Diese Erkenntnis war schön und frustrierend zugleich. Die Väterkarenz wird ein Nachwirken in Generationen bewirken. Parallel dazu bestehen die Relikte der Geschlechterdifferenz: Die Väter werden vonseiten der Familie über den grünen Klee gelobt und die berufliche Arbeit der Mütter wird nicht gesehen. Und in der Arbeit wird nach wie vor davon ausgegangen, dass die Frau zuhause bleibt und es herrscht Verwunderung bis Ablehnung, wenn eine Mutter mit einem sechs Monate alten Baby wieder voll in den Job einsteigt. Wo die Paare sich das zwar partnerschaftlich gut ausmachen und teilen, aber im Beruf werden die Frauen gar nicht miteingeplant und müssen sich ihr Bild erkämpfen. Genauso geht’s den Vätern dann im Privaten. Wenn sie – wie ein Vater erzählt hat – zum Beispiel bei der Kindergartenanmeldung gefragt werden, wann die Mutter kommt. Oder auch die Sorge von der eigenen Familie, dass der Mann nicht genug verdient, wenn er in Teilzeit geht.“

Den Frauen wird nicht zugetraut, dass sie Familienernährerinnen sind?

GERLINDE MAUERER: „Genau. Dass das überhaupt nicht ernst genommen wird, ist ein Fazit. Als Familienernährerinnen kommen Frauen bislang nicht vor. Das wird eher als persönlicher Luxus oder als Karrierebestrebung angesehen. Nach außen hin hat sich das Rollenbild in dieser Hinsicht noch nicht verändert. Nach außen hin ist nach wie vor der Mann in die Pflicht genommen, mehr zu verdienen. Es kriegen nach wie vor viele Jungväter tolle Jobangebote, das Angebot ins Ausland zu gehen, weil man kann ja die Frau und die kleinen Kinder so toll mitnehmen. Auch da wird die Karriere der Frau und ihre Anstellung noch immer so als Zubrot gesehen. In Österreich sind wir noch immer in diesem Modell, die Frau ist die Zuverdienerin. Feministisch negativ interpretiert heißt das – auch umgelegt auf gleichgeschlechtliche Paare – ein Adult Worker, ein Adult Carer.“

Das sieht man auch bei der Inszenierung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern in den Medien.

GERLINDE MAUERER: „Genau! Einer oder eine bringt das Geld, der oder die andere ist mehr zuhause. Es wird immer auf dieses zweigeschlechtliche Modell rekurriert, in diesem Erfinden von neuen Familienbildern. Traurigerweise. Auch wenn sich die Paare das anders ausmachen. Der Drang eine Normalität zu extrapolieren ist sehr groß. Es gibt tausend andere Themen, die Lesben, Schwule, Transgender politisch fordern und aufzeigen, aber genau die Themen Familie und Heiraten werden immer wieder medial inszeniert. Es wird quasi die Norm auf neue Art und Weise gefeiert.“

Sie haben auch Karriereverläufe von Vätern in und nach der Karrenz nachgezeichnet. Und?

GERLINDE MAUERER: „Es geht ihnen wie den Frauen. Punkto Geschlechterdifferenz ist es eine, wenn man so will, Verweiblichung im Karriereverlauf. Einige Väter können sich mehr erlauben, weil sie in der Firma einen guten Stand haben und bei anderen, da kam das der Firma oder den Kollegen und Kolleginnen sehr zupass, da einen Grund zu finden, sie nicht direkt zu mobben, aber doch rauszudrängen. Ich bin insgesamt mit einer sehr genderpolitischen Brille an meine Forschung herangegangen, bin aber immer mehr zu einer sozialpolitischen hinübergewandert, weil sich gezeigt hat: Die soziale Einschränkung gilt immer für eine Person: eine Person ist Haupt-, die andere Zuverdienende. Man geht davon aus, eine Person beißt rein und nimmt es auf sich, weniger zu arbeiten und hat einen unüblicheren Karriereverlauf. Bei manchen Paaren können Großeltern eine Ressource sein – personell oder finanziell. Und da sind wir wieder bei der Großfamilie, die nicht alle haben. Nicht bei der Großfamilie als Idylle, sondern bei der Großfamilie als Verteilungsort von Ressource und Geld. Die informelle Arbeit ist nach wie vor immer noch etwas, das in der Großfamilie geleistet wird – vor allem natürlich bei der Pflege von Angehörigen.“

Mauerer

„Es ist letztlich viel einfacher geworden. Ich bin ’68 geboren und meine Mutter hat die Windeln noch ausgekocht im riesigen Wäschetopf. Ich würde sagen unter diesen Umständen würden auch heute weniger Väter wickeln“, meint die Soziologin Gerlinde Mauerer. (c) Cornelia

Und welchen Einfluss hat die Väterbeteiligung in der Familienarbeit auf die berufliche Karriereentwicklung deren Partnerinnen?

GERLINDE MAUERER: „Die Frauen haben natürlich mehr Möglichkeiten, aber mitnichten Garantien. Auch das hat sich gezeigt. Man redet ja viel von der Work-Life-Balance. Was wenig geredet wird, ist Ansehen von Arbeit und Sinnstiftung von Arbeit. Es wird halt sehr viel übers Gehalt definiert. Gutes Einkommen, gutes Ansehen – wenig Einkommen, wenig Ansehen. Eine Interviewpartnerin war zum Beispiel Rezeptionistin in einer Botschaft, die ein gutes Gehalt verdient. Da gab es nichts zu diskutieren. Die Frau eines anderen Interviewpartners war freie Fotografin. Da habe ich herausgehört, dass jede Minute ihrer Arbeit durchgerechnet wurde: Was bringt Geld, was nicht. Wenn sie am Wochenende Hochzeiten fotografiert hat, das war für den Mann OK, das tragt er mit. Aber wenn sie am Abend Kunstfotografien recherchiert hat, das sei problematisch, da verdiene sie ja nichts. Wenn jede Minute im Raster durchgerechnet wird, im Sinne von Verwertbarkeit der eigenen Arbeit – was bringt Geld, was macht man aus Interesse, wo verschwimmt das – da ist mir klar geworden, dass das ein enormer Druck ist für die Frauen, die tendenziell weniger verdienen. Stichwort: Gender Pay Gap. Und dann noch so viel nach außen hin an Renommee, an Geld etc zu bringen, dass ihnen das überhaupt zugestanden wird …“

In der ersten Studie haben Sie herausgefunden, dass Väter ihre Karenz oft als 8-Stunden-Job wahrnehmen. Ist das bei Frauen anders?

GERLINDE MAUERER: „Grundsätzlich ist herausgekommen, dass die Person, die tagsüber gearbeitet hat, den Abend eher mit den Kindern verbracht hat. Die Frauen in Karenz sind tendenziell am Abend auch eher zu Hause geblieben, es war also die ganze Familie da. Die Väter haben es dann eher so gesehen: Naja, dann ist die Partnerin gekommen und wollte eh Zeit mit den Kindern verbringen und dann konnten sie ja laufen oder ins Fitnesscenter gehen. Die haben quasi die Rückkehr der Partnerin als Startsignal gesehen, ihre Hobbys auszuleben oder eine sportliche Alternative sich zu suchen.“

Spiegelt sich das im Haushalt wider?

GERLINDE MAUERER: „Was die Zusammenarbeit im Haushalt anbelangt habe ich keine quantitativen Zahlen, aber tendenziell kann ich aus den Interviews sagen, dass die Bereitschaft der arbeitenden Mütter größer ist als die der arbeitenden Väter, abends noch etwas im Haushalt zu tun. Aber das zeigen ohnehin die Zeitstudien bei uns, dass die Frauen im Haushalt mehr machen. Der Haushalt war die Krux – das zeigten etwa auch Interviews mit Paaren, die zum Zeitpunkt unseres Gesprächs schon wieder beide berufstätig waren. Da haben alle gesagt, dass sich die Situation verschärft, wenn beide wieder arbeiten, das heißt die Karenzzeit ist eigentlich noch die Insel der Seligen, wo man es sich 50/50 – mit Abstrichen – noch egalitär aufteilen kann. Danach beim langfristigen Modell kommt die Norm wieder mehr zum Tragen. Und wenn das Kind krank wird, steht in der Nacht wieder die Frau auf.“

Aber warum ist das so? Wiegt das Mutterideal so schwer? Wie lässt sich das erklären, dass die Frau zum Beispiel im Krankheitsfall des Kindes, dann bei eigentlich gleicher Aufteilung doch eine größere Verantwortung spürt?

GERLINDE MAUERER: „Nach wie vor wird das Thema Gesundheit – das ist so ein Relikt der Geschlechterdifferenz – der Frau zugesprochen. Sie fühlt sich tatsächlich eher zuständig bzw. ist in den meisten Fällen durch Schwangerschaft und Geburt oft schon eingelesen. Es heißt ja auch Mutter-Kind-Pass, obwohl nach der Geburt nur mehr das Kind untersucht wird. Also, man könnte das ja auch trennen. Da hat sich gezeigt, dass gerade bei Paaren, die einen besonders hoher Grad an Egalität bei vielen Themen erreicht haben, haben sich die Streitigkeiten zu Gesundheitsthemen wie Antibiotika – ja oder nein, Impfen – ja oder nein, Schulmedizin versus Homöopathie, potenziert haben. Was das Thema Krankheit bei jenen Männern gezeigt hat, die wirklich dauerhaft eingestiegen sind in die Familien- und Erziehungsarbeit: Ihnen wurde auch immer klarer, dass 40 Stunden arbeiten gar nicht mehr geht. Die gehen zurück vom Vollernährer. Diese Paare haben aber nicht immer die Chance, dass sie mit dem Modell ‚beide arbeiten 25 oder 30 Stunden‘ auch finanziell über die Runden kommen. Aber das haben viele geäußert, dass sie es zumindest planen, weniger Stunden weiterarbeiten zu wollen. Vielen Männern fällt durch ihre zeitweise Abwesenheit am Arbeitsplatz erst auf, welche Show dort manchmal stattfindet. Besprechungen, die um 17 Uhr angesetzt werden, wo es eher um ein Face-Lifting als um die Besprechung geht. Diese Männer fangen dann natürlich an, Sinn und Unsinn, die Wertigkeiten in der eigenen Arbeit zu hinterfragen. So wie auch die Arbeit zuhause nach dem Mütterlichkeitsideal infrage gestellt wird.“

Weicht die partnerschaftliche Elternkarenz klassischen Geschlechterrollen daheim auf? 

GERLINDE MAUERER: „Es hat sich bereits etwas geändert – aber auch bei den Familien, in denen die Väter nicht in Karenz gehen. Heutzutage wickeln Großväter ihre Enkelkinder, die früher ihre eigenen Kinder niemals gewickelt haben. Es ist letztlich viel einfacher geworden. Ich bin ’68 geboren und meine Mutter hat die Windeln noch ausgekocht im riesigen Wäschetopf. Ich würde sagen unter diesen Umständen würden auch heute weniger Väter wickeln. (lacht) Ich kenne auch viele Paare, wo auch heute eher die Frauen die Stoffwindeln nehmen wollen und die Partner machen es halt irgendwie mit. Es gibt natürlich auch Ökofreaks unter den Vätern, aber – wenn ich an die Tagesbeschreibungen in meinen Interviews denke – ich orte schon tendenziell ein Geschlechterungleichgewicht, was Ressourcen schonenden Umgang von Kleinkindarbeit punkto Biohaushalt, Mülltrennung etc. betrifft.“

Gibt es so etwas wie Vorbildwirkung? Im Sinne einer Väterkarenz, die bei befreundeten Paaren weiterwirkt – vor allem vielleicht als Forderung von Frauen an den eigenen Partner?

GERLINDE MAUERER: „Die Väter in Führungspositionen – das habe ich mehr beobachtet –, die haben eine Vorbildfunktion für ihre Mitarbeiter. Wenn der Chef darf, dann darf der Mitarbeiter auch. Quasi dieses Alphamodell unter den Vätern – diese verschiedenen Ebenen, auf denen Männlichkeit wirkt – da hat sich gezeigt, dass sich diese nutzen ließen, um das Väterkarenz-Modell zu propagieren. Wenn alle Führungskräfte jetzt in Karenz gingen, dann wäre das ein gutes Signal, an alle Mitarbeiter, dass das opportun ist, dass man das tut. Vice versa hat sich gezeigt, so ein männlicher Schulterschluss im Privaten – ich hatte eine Gruppe, wo sich die Karenzväter getroffen haben und sich gegenseitig Tipps gaben. Einer hat dezidiert gesagt: Er möchte nicht im Fahrwasser seiner Frau agieren. Oder ein anderer, der sich immer ‚Andi und Alex‘ angeschaut hat, diese Kochsendung, und hat nach dem gekocht, wenn das Kind geschlafen hat. Hm, das ist jetzt nicht die Antwort auf genau die Frage. Ich kann’s nicht bestätigen. Aber ich glaube, wenn wer nicht will, gibt es ‚zig Gründe. Das hab‘ ich viel mehr im Ohr – natürlich nicht von meinen Interviewpartnern und -partnerinnen – aber die Erklärung gerade auch von Frauen, warum der Mann nicht in Karenz gehen kann. Die männliche Berufsentwicklung, die Vorrang hat. Das höre ich wirklich immer gerade von Frauen. Österreich ist noch immer ein sehr traditionelles Land, was diese Familienökonomie betrifft.“

Kann Väterkarenz einen Wandel für Mutterschaft bedeuten? Sodass die Grenzen zwischen Vaterschaft und Mutterschaft dadurch vielleicht zunehmend verschwimmen?

GERLINDE MAUERER: „Ja, es gibt Studien, die besagen: Wenn der Vater im ersten Lebensjahr des Kindes Kinderbetreuung übernimmt, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Karriereverlaufes der Mutter gegeben. In weiterer Folge führt die Berufstätigkeit der Mutter immer auch zu einem Wandel des Mutterbildes. Und: Die Väter die schon im ersten Lebensjahr Kinderbetreuung übernehmen haben auch später einen engeren Kontakt zum Kind, auch wenn sich das Paar später trennt. Da wird der Grundstein gelegt. Das ist den Vätern in Karenz auch klar, das haben meine Interviewpartner zum Teil auch explizit so formuliert, dass sie Beziehungsarbeit leisten.“

Weitergedacht: Wenn die Frau dann alleinerziehend wird, dann wird sie keine von jenen Alleinerzieherinnen, die tatsächlich auf sich alleine gestellt sind?

GERLINDE MAUERER: „Die Hoffnung besteht. Wobei die Frage bringt mich zu einem Punkt: Das halte ich für eine Gefahr, es quasi den Mütter zu verantworten: Wenn sie den Vater nur früh genug ans Kind ranlassen – jetzt im Volksmund gesprochen  – dann wird er sich nachher als, weiß ich nicht, kinderlieb oder tüchtig erweisen. Es gibt Frauen, die haben gute Gründe, ihre Partner nicht alleine mit den Kindern zu lassen und denen dann aufs Auge zu drücken, dass sie den Kontakt quasi unterbunden haben – und das sage ich auch als ehemalige Frauenhaus-Mitarbeiterin. Es gibt zig Gründe, warum es besser ist, warum ein Kind nicht so viel Kontakt zum Vater hat. Aus meinen Interviews lässt sich schließen: Keine Frau hat Interesse, einem Vater, der Verantwortung übernimmt, etwas abzusprechen.“

Die Auflösung der traditionellen Rollenverteilung bedeutet ein ständiges Ausverhandeln nach außen, aber auch nach innen hin. Wie ging es den Paaren in Ihren Studien insgesamt damit? 

GERLINDE MAUERER: „Ich hab schon gemerkt, die Väter waren ganz, ganz stolz auf sich und haben gerne von sich erzählt – was für mich super war als Wissenschafterin (lacht). Es ging ihnen schon darum, das Ganze positiv darzustellen. Darum habe ich mir auch die Partnerinnen in einem eigenen Projekt dazugeholt. Weil ich mir gedacht habe: Vielleicht entzaubert es diese Väter ein bisschen. Aber ich muss sagen: Es hat sie nicht entzaubert. Es ist viel Erleichterung dabei, aber, ja, auch viel Streiterei und Aushandlung. Eine Mutter hat gesagt, man dürfe das eigentlich gar nicht nach außen tragen, wie es bei ihnen zuhause in der Früh zugehe, bevor sie das Haus verlassen. Das hat auch eine andere Frau gesagt, dass sie permanent streiten, sonst wäre das alle nicht so. Bei mir hat sich gezeigt: Die Väter tun oft einfach und treffen Entscheidungen und die Frauen fragen dreimal nach: punkto Zeiteinteilung, wann man etwas ausmacht, und wie man sich entscheidet. Es ist sehr viel die Mehrarbeit in der Kommunikation der Paare, die die Frauen machen. Aber auf diesem hohen Niveau haben sich in den Studien die Unterschiede gezeigt. Weil das ist ein hohes Niveau – dass man es nämlich grundsätzlich ausverhandelt und es nur darum geht, wer den Anfang von einem unangenehmen Gespräch setzt. Eine Frau hat aber gesagt, manche Themen spricht sie erst gar nicht an, weil so ein Streitgespräch kostet so viel Energie und laugt sie den ganzen nächsten Tag aus.“

Wenn wir uns darauf einigen, dass unsere Gesellschaft Veränderungen will, wo sollte die Politik Anreize setzen, um Veränderungen zu bewirken?

GERLINDE MAUERER: „Teilzeitkräfte in Führungspositionen. Überlegungen zu Teamzusammenarbeit bei Abwesenheiten – denn da geht es ja nicht nur um Kinderbetreuung. Also ein Modell schaffen, wo man auch wechseln kann, wo es Vertretungen gibt oder Radl-Dienst. Dass nicht immer gleich die Krise ausbricht, wenn zwei Mitarbeiter*innen im Krankenstand sind. Weg von Excel-Tabellen und möglichst wenig Personen. Es muss einen Puffer geben. Oder eine Ressource, dass diese permanente Dauer- und Überbelastung in eine andere Richtung geht. Aber das ist ein sozialpolitisches Phänomen oder Problem unabhängig von Elternschaft. Man könnte von Teilzeitkräften aufgrund von Elterschaft aber viel lernen und diesen Modell auf alles andere auch übertragen. Wenn man sich das Buch von Frigga Haug ‚Die Vier-in-einem-Perspektive‘ anschaut: mehr Zeit für ehrenamtliche Arbeit, ein Instrument lernen, etwas Kreatives machen – das wünschen sich total viele. Und da kommen manche erst in der Elternkarenz drauf, was sie vielleicht noch alles in ihrem Leben gerne machen würden und sich nicht für die Pension aufheben wollen. Elternschaft ist da eigentlich nur eine Chiffre für ‚Noch etwas anderes im Leben machen als 60 Stunden leistungsorientierte Einbringung als Arbeitskraft‘. Aber das Traurge ist ja, das es bei diesem Modell – und da seh ich die Grenzen meiner eigenen Studien – es geht halt um die eigenen Kinder und um Elternschaft. Und das ist im Leistungsdenken gut unterzubringen. Aber es gäbe noch so viel mehr: ehrenamtlich migrantische Kinder unterrichten zum Beispiel. Das wäre für mich der nächste Schritt. Engagement, nicht nur für die eigenen Kinder, obwohl ich das für meine eigene Tochter natürlich gerne mach‘, aber dass etwas anderes auch mehr Platz hat. Das wäre eine andere Ökonomie, eine andere Ethik im Umgang im Miteinander. “

ZUR SACHE:

Männer können in Österreich seit 1991 Elternkarenz in Anspruch nehmen. Der Anteil der Väter in Karenz liegt derzeit bei nur 18 Prozent – und selbst das erweist sich bei genauerer Betrachtung vor allem als Spiel mit dem Kinderbetreuungsgeld. Denn davon gibt es mehr, wenn auch das zweite Elternteil beim Kind bleibt. Die Folge dieser Politik: Der Anteil der Väter, die in Karenz gingen, hat sich verdoppelt: Sie blieben allerdings kürzer und nur knapp die Hälfte unterbricht die Erwerbsarbeit tatsächlich. Mehr dazu: Väterkarenz: Je kürzer, desto lieber.

„Fragt man Eltern danach, was der Umsetzung einer Teilung der Karenz oder Übernahme von Väterkarenz im Weg steht, so werden unter anderem Einkommensunterschiede, die Orientierung am Kindeswohl und die berufliche Karriere des Mannes angeführt. Häufig wird auch davon ausgegangen, dass Männer, die eine Karenz antreten möchten, an ihrem Arbeitsplatz auf Barrieren stoßen“, heißt es dazu in einer Studie der Stadt Wien („Erwerbsarbeit und Elternarbeit“ | Statistik Journal 2/2011 | MA5 Stadt Wien). Allerdings erfuhren die dabei befragten Männer im Gegenteil keinerlei Nachteile, sondern eher eine Sonderbehandlung und erlebten die Karenzsituation unter günstigeren Bedingungen als Frauen in vergleichbaren Situationen.


Beitragsbild: Albert Henry Barnes via commons.wikimedia.org

Beitrag erschienen in: gespenster.

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