Du bist nicht ich!

von anonym

Content Note: Dieser Beitrag handelt von sexualisierter Gewalt im Kindesalter und den späteren Folgen und Auswirkungen auf Elternschaft.

Es ist 20:32. Ich liege gerade neben meiner 4-jährigen Tochter P. im Bett. Im gemeinsamen Bett. Sie schläft neben mit. So wie jeden Abend.
Familienbett nenne ich es. Machen viele Familien. Meine Therapeutin meint allerdings, es wäre besser, jede von uns hätte ihren eigenen Schlafbereich. Warum? Weil der Platz neben mir für einen Mann, der irgendwann in mein Leben treten könnte, reserviert sei. Weil ich meine Tochter möglicherweise neben mir schlafen lasse, damit ich sie immer in meiner Nähe habe und damit dieser Mann auf keinen Fall in mein Leben tritt.

Klingt kompliziert, verwirrend. Ist es auch. So wie alles in meinem Kopf seit dem Beginn dieser Therapie.

Ich habe mir und meiner Tochter therapeutische Hilfe gesucht, weil ich nicht mehr konnte. P. hatte vor einigen Monaten angefangen mich zu schlagen. Sie hat auf mich eingeprügelt, mich gebissen, mir Haare ausgerissen, ist völlig ausgerastet. Auslöser waren immer Kleinigkeiten. Die Bettdecke hatte ihre Füße nicht bedeckt, ich hab nur zwei Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, ihr Lieblingsshirt lag nicht richtig… zuvor war es mir immer gelungen, durch Reden oder Alternativen oder aber auch ein klares „Nein“ kleine Wut- oder Trotzanfälle zu lösen. Doch nach mehreren aggressiven Anfällen hatte ich  einen Nervenzusammenbruch. Ich wusste – wir brauchen Hilfe.

Im Kindergarten hat man mir ein Zentrum für Kinder- und Jugendpsychotherapie empfohlen. Ich habe einen Termin für ein Erstgespräch ausgemacht und bin mit P. dort hin. Die Therapeutin war erstaunt, dass ich meine kleine Tochter zum ersten Termin mitnehme. Üblicherweise findet der nur zwischen Elternteil und Therapeut_in statt. Meine Antwort war „Ich will P. nicht ausgrenzen. Sie soll wissen, dass ich sie ernst nehme. Ich will ihr nichts verheimlichen“. Die Augen der Thera blitzen auf. Warum ich denn hier sei? Wo wir Probleme hätten? Fragen über Fragen. Die Frage nach der Schwangerschaft. Ja, die war ein auf und ab. Dank Psychopharmaka war ich aber emotional stabil und gegen Ende ging es mir gut. „Frau A. warum nehmen sie Psychopharmaka? Was ist wirklich los?“

Ich wurde missbraucht. Jahrelang. Bis kurz vor meinem 11. Lebensjahr. Teilweise mehrmals täglich. Selbstmordversuche, Depressionen, Selbstverletzung, Suchtverhalten waren die Folge. Mehrere Aufenthalte in diversen Kliniken. Als ich vollkommen am Boden war, habe ich es geschafft und bin geflüchtet. Habe ein neues Leben in einer neuen Stadt angefangen. Erneut diverse Therapien begonnen, die zu greifen schienen. Denn ich wurde schwanger. Schwanger obwohl ich 2001 das erste Mal und nicht das letzte Mal von Ärzt_innen hörte, dass ich nie Kinder bekommen werde. Mein Körper funktioniert nicht so wie er soll. Weigert sich, Frau zu sein.

Aber in meinem neuen Leben, trug ich nun auch ein neues Leben in mir. Und ich dachte, ich wäre nun am Ziel, hätte es endlich geschafft, ein normales Leben führen zu können. Die Therapien waren erfolgreich, psychisch ging es mir so gut wie nie zu vor.

Bis zu jenem Punkt als P. das Alter erreichte. Das Alter, wo meine ersten Erinnerungen an den Missbrauch aufkommen. 3,5 Jahre alt war meine Tochter zu diesem Zeitpunkt. Und ab da wurde es schwierig.

Wir gehen wöchentlich zur Therapie. Um P. kümmert sich eine sehr, sehr liebe Kindertherapeutin, um mich eine Frau, die ich seit dem ersten Zusammentreffen sehr schätze. Ich kann zum ersten Mal über wirklich alles sprechen und ich lerne von Stunde zu Stunde mehr über mich und meine „falsch“ erlernte Gefühlswelt. Über meine Ängste, P. nicht ernst zu nehmen, etwas zu übersehen, nicht zu bemerken, wenn ihr Gewalt angetan werden würde. Über meine Wut auf meine Eltern, die jahrelang nichts gesehen haben. Über den Hass auf meinen Peiniger und seine Komplizin. Über Liebe, die ich eigentlich erst mit der Geburt meiner Tochter „erlernt“ habe. Über Gefühle, die mir völlig neu sind – Vertrauen, Sicherheit.

Ich habe noch einen langen Weg vor mir, von dem ich mit meinen 35 Jahren eigentlich dachte, ihn schon hinter mir zu haben.
Ich muss lernen, dass meine Geschichte auch meine bleiben muss. P. hat damit nichts zu tun, sie hat ihr eigenes Leben. Ich darf nicht zwanghaft ihren Genitalbereich kontrollieren, sie nicht ständig fragen, ob ihr jemand weh tut, ihr nicht ständig erklären, wer ihr helfen darf, ihre Vulva sauber zu machen…Ich kann nicht meine Themen zu den ihren machen. 

Die Aggressionen meiner Tochter mir gegenüber, seien das Resultat meiner Ängsten. Ängste, die meine Tochter absolut nicht nachvollziehen kann. Sie könnte mein Angst, dass sie von einem Auto angefahren wird, begreifen. Autos, Straßen und auch Unfälle sind ihr ein Begriff. Aber sexueller Missbrauch findet in ihrem Leben nicht statt, es wurde für sie mit ihren zarten 4 Jahren zum Glück noch nie Thema. Sie weiß nicht, wovor ich Angst habe. Sie kann sie nicht zuordnen und ihr Ventil ihre Verwirrtheit loszuwerden, sind anscheinend die Aggressionen mir gegenüber.

Es ist schwierig, denn die Linie zwischen normaler Sorge und dem Projizieren meiner Kindheit auf meine Tochter ist für mich noch nicht klar erkenntlich. Ich lerne es erst. Und es ist eine sehr, sehr harte Lektion. Denn nun muss ich endgültig meine Vergangenheit neu ordnen. Sie so gestalten, dass ich damit gemeinsam mit meiner Tochter einen normalen Alltag haben kann, ohne der ständigen Angst, ich könnte „etwas übersehen“.

Momentan stelle ich mir tagtäglich die Frage, ob ich wirklich „Familienbett“ praktiziere, oder aus Angst meine Tochter neben mir schlafen lasse. Fungiert sie als Schutz, dass ja nie mehr ein Mann neben mir Platz findet? Dass ich sie nachts jede Minute beobachten kann, ob es ihr wohl gut geht?
Kann ich meiner Tochter eine gesunde Einstellung zu Sexualität und Männern vermitteln? Kann ich ihr die Sicherheit und das Vertrauen mitgeben, das ich nie hatte?

Sexueller Missbraucht hört nie auf. Er wiederholt sich in den verschiedenen Lebensphasen in unterschiedlichen Gestalten. Ich wünsche mir so sehr, dass wir bald wieder so leben können wie in P.s ersten 3,5 Jahren. Unbeschwert, glücklich, angstfrei, sicher.

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6 Kommentare

  1. Ich muss schlucken… puh.

  2. vielen Dank für diesen sehr berührenden, reflektierten und liebevollen Text!!

  3. Lotta

    Danke für den Text.

    Ich habe viel zu viele Fragen und weder Ort noch Zeit dafür.

  4. jo65

    Danke! Ich habe keine Kinder, aber ich kann es nachvollziehen, leider…

  5. Susanne Maurer

    Find ich sehr mutig von dir, deine Geschichte öffentlich zu machen. Hab ne ähnliche Geschichte hinter mir und ich weiss wie hart der Weg raus ist. Manchmal denkt man, man schafft es nie. Ich kann auch deine Wut und deinen Hass nachvollziehen. Denn diese Phase kenn auch ich.
    Und egal wie lange es her ist, es gibt immer wieder Situationen, in denen man daran erinnert wir.
    Verstehe auch nicht das es so „lasche“ Gesetze in Bezug auf sexuellen Missbrauch an Kindern bei uns gibt. Meine Therapeutin sagte mir damals, diese Individuen sind nicht therapierbar!
    Sollte man vielleicht mal drüber nachdenken!!!

  6. merla

    Vielen Dank für deine Worte!
    Warum du mit deiner Tochter im Familienbett schläfst, weiß ich natürlich nicht. Aber warum ich es tue, sage ich dir gern: weil ich sie liebe! weil ich ihre Nähe genieße und sie die meine. Weil ich es absolut ok finde, den Schlaf mit einem für mich wertvollen Menschlein zu teilen. Ich finde es großartig, von ihrem strahlenden Gesicht geweckt zu werden. Es ist auch toll, mich einfach zu ihr rüber rollen zu können, um sie zu trösten, wenn sie schlecht träumt, und nicht erst in ihr Zimmer watscheln zu müssen und sie so länger weinen lassen müsste.
    Mein Mann hat auch Platz im Bett! Es geht also auch mit drei Personen. Und ob da nun ein Mann für dich kommen soll, oder eine Frau, oder erst mal keiner – die Nähe und Liebe und Wärme zwischen dir und deiner Tochter dürfen sein. Auch im Schlaf!

    Ich wünsche euch beiden Kraft und Stärke und weiterhin viel Mut!

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