Der Schatten dieses Missbrauchs

von anonym

Ich bin Mutter von zwei Kleinkindern und arbeite mein Trauma auf. Ich wurde als Kind Opfer sexualisierter Gewalt. Erst dachte ich, da sei eben ein paar Mal „etwas passiert“, aber es ist schlimmer. Langsam beginne ich die Gewalt zu begreifen, langsam fängt es an, mich zutiefst zu erschüttern. Ich bin seit etwa sechs Monaten in Traumatherapie.

Es dreht sich alles nur darum. Wenn ich die Augen schließe, bin ich entweder am Tatort oder es fühlt sich manchmal körperlich so an, als würde ich gerade vergewaltigt werden. Wenn ich meine Kinder wickle, muss ich unweigerlich daran denken. Wenn ich sie fotografiere, frage ich mich, was wohl mit den Fotos passiert ist, die er von mir gemacht hat. Wie viele das waren und was genau darauf zu sehen ist. Ob ich zu erkennn bin. “Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass solche Aufnahmen meist Nahaufnahmen sind.”, sagt meine Therapeutin. Der Schatten dieses Missbrauchs durchdringt alles. Seit ich Kinder habe und diese langsam in das Alter kommen, in dem der Missbrauch wohl begonnen hat, merke ich es erst so deutlich. Jeden Tag neu und jeden Tag anders.
Jede Woche spült mein Gehirn neue Erinnerungsfetzen an die Oberfläche. Ich gebe mir Mühe, nicht vor den Kindern zu weinen. Ich kotze heimlich, nachdem ich die weiße Wäsche aufgehängt habe, die mich derzeit so triggert. Natürlich bekommen sie trotzdem mit, dass es Mama gerade nicht gut geht. Sie sind ja nicht blöd. Dann sage ich, dass ich derzeit einfach so unendlich müde bin, dass ich Bauchschmerzen habe und auf eine bestimme Art ein bisschen krank bin. Dass ich mich nicht gut fühle, aber das alles nichts mit ihnen zu tun hat und es wieder besser werden wird. Ich mache diese Traumatherapie, um meinen Kindern keinen größeren Schaden zuzufügen, weil mich das alles in meiner Interaktion mit ihnen sehr beeinflusst. Ich begann, es zu spüren, als ich innerlich kochte, weil meine Tochter nackt herum lief. Ich spürte eine tiefe Abscheu und hätte ihr am liebsten gesagt, sie soll sich gefälligst etwas anziehen, während ihr Bruder weiter nackt sein dürfte. Was würde ich meiner Tochter damit beibringen? Ich wusste, jetzt war es an der Zeit, jetzt war es wieder da und die Aufarbeitung müsse beginnen. Ich rief eine Spezialistin in Sachen Trauma und Missbrauch an und machte den ersten Termin aus.

Es fällt mir schwer unter Menschen zu gehen, ich halte nur ganz bestimmte Personen um mich aus. Mir fehlt die Energie für größere Aktivitäten, weil der Alltag sie völlig aufzehrt. Also kuscheln wir viel. Wir liegen ständig im Bett, eng aneinander geschmiegt und lesen ein Buch nach dem anderen. Auch Aufklärungsbücher, weil mir das so wichtig ist. Sie triggern mich, aber ich will es den Kindern so früh wie möglich mitgeben. Dein Körper gehört nur dir! Ich will ihnen Sprache mitgeben, denn ich war wort- und sprachlos. Und machtlos. Das größere Kind umarmt mich viel, versucht mich zu trösten. Ich fühle mich schuldig, weil das nicht seine Aufgabe ist. Manchmal fängt es an zu weinen und sagt, dass es nicht in den Kindergarten gehen möchte, nicht weg von mir will. Kein Wunder. Mein Gesichtsausdruck sagt wahrscheinlich ständig aus, dass wir akut in Gefahr sind. Sind wir erst einmal voneinander getrennt, passiert vielleicht Schlimmes. Wenn es sein muss, dann kuscheln wir uns eben ein Jahr lang ins Bett, bis das alles besser wird. Niemand muss von hier weg, wir bleiben im Bett bis der Schatten eingesperrt ist und die Wunden zu Narben verheilt sind. Bis dahin schauen wir, dass der Schaden sich in Grenzen hält und der Alltag möglichst ruhig abläuft. Trotzdem wünsche ich mir für das Kind, dass es wenigstens ein paar Stunden am Tag weit weg von meiner emotionalen Achterbahn verbringt. 

Es kommt alles langsam und doch rasant. Wären mir manche Dinge vor drei Monaten eingefallen, ich wäre daran zerbrochen. Meine Therapeutin ist großartig und ich gebe mir alle Mühe, kreative Lösungen zu finden, um weiterhin funktionieren zu können. Manchmal fragt sie: „Geht’s noch? Geht der Alltag mit den Kindern noch?“ Klar, immer! An Tagen, an denen scheinbar keine Kraft mehr da ist, klebe ich mir Tape mit kleinen Ninjas drauf aufs Handgelenk, um die Kriegerin in mir wieder wach zu rütteln. Das hilft. Manchmal schneide ich mir ein Büschel Haare ab, um mich von irgendetwas zu befreien. Meine Tochter lacht und sagt, ich würde wie ein Igel aussehen. Ja, ein Igel, der von einem Rasenmäher überfahren wurde – das trifft’s derzeit, aber ich brauche auch eine äußerliche Transformation, eine kleine Katharsis.

Jede Woche kann ich mehr ertragen, jede Woche kommt ein kleines Bisschen Schrecklichkeit dazu, bald haben wir alles. Bald ist der ganze Schmerz da, bald werde ich wirklich und tatsächlich verstehen, was passiert ist. Nur wer die Trauer spürt, kann sie verarbeiten. Ich glaube ganz fest an die Heilung und daran, dass ich mein Leben werde leben können. Ich werde nicht mehr so viel kotzen, ich werde Schals benutzen, mich einem Springmesser stellen, ein Fenster öffnen ohne dabei Angst zu haben, dass mich jemand langsam immer weiter über das Sims hinaus schiebt, schmerzfreien Sex haben und nicht das Gefühl empfinden, dass Sperma mich wie eine ätzende Flüssigkeit von innen zerfrisst. Ich weiß, dass all das möglich ist, weil in den letzten Monaten schon so viel Positives passiert ist. Ich habe den Drang, mich selbst zu verletzen abgelegt, ich kann meine nackte Tochter wieder auf den Arm nehmen und mir von ihr ein Geheimnis ins Ohr flüstern lassen, ich kann den Kindern Erdbeeren servieren ohne Panik zu bekommen und fühle endlich diesen unsagbaren Schmerz und nicht die blanke, rasende, alles zerstörende Wut, die manchmal scheinbar aus dem Nichts heraus auftauchte und sich auch gegen meine Kinder richtete.

Beitrag erschienen in: gespenster.

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7 Kommentare

  1. Eine Trigger Warnung wär schön…

  2. Danke für den mutigen Text. Er hat mich sehr berührt.
    Aus meiner Arbeit in einem Frauennotruf weiß ich, wie schwer es Frauen fällt über das Erlebte zu sprechen oder zu schreiben.

    Liebe Grüße, Katharina

  3. Danke auch von mir für diesen mutigen Text und den Mut, Dich mitzuteilen. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für Deinen weiteren Weg.

  4. Danke fürs aufschreiben.
    Ich sende klare Sicht und Nebelfelder, je nachdem, was Du wann brauchst (irgendwie eso, aber von Herzen!)

  5. Dinah

    Danke. Ich kenne Dich nicht, aber ich bewundere Deinen Mut und Deine Kraft. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du kuscheln kannst, bis der Schmerz eingesperrt ist.

  6. Pingback: Doing Family. Oder: Die Mutter, das Janus-Wesen | umstandslos.

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