Auf der Flucht sein. Mutter sein.

Der Fotograf Muhammed Muheisen fotografierte im März syrische Flüchtlingsfrauen in unterschiedlichsten Schwangerschaftsstadien in Jordanien. Die Frauen seien ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, sagte er später im Gespräch mit Naina Bajekal von time.com: „I could not stop thinking about these women. It’s not just a project. It’s personal, I feel involved. They opened their doors to me and the least I can do is raise their voices.“ Also machte er sich Monate später erneut auf die Suche nach ihnen. Muheisen verbrachte Wochen damit, die Frauen aufzuspüren und sie erneut zu fotografieren und ihre Geschichten aufzuschreiben. Sie alle hatte die Erfahrung der Mutterschaft sichtbar verändert.

Faduma Hussein Yagoub, a polio sufferer who came with her family to Dadaab. Her husband and two of her five young children died of hunger on the way. Despite the dangers thousands of refugees every week are making the journey, walking for weeks across the desert and braving attacks by armed robbers and wild animals. ÒWe came from Somalia on a donkey cart to escape the war and the drought. It took us more than 15 days to get here. My husband and two of my young children died of hunger on the way. Near the border we were caught by bandits, who took everything we had. ÒWe had to leave Somalia. There was shooting and killing innocent people. We came here because we thought we would get support. But there is no food, no water, no shelter. My children and I have not eaten anything since last night. There are many others like me, and we need your support.Ó Fadumo has a food ration card, but as she is disabled she cannot walk to get the food, so she relies on her neighbours to collect it for her.

(Bild via commons.wikimedia.org | Urheber: Oxfam East Africa | Bearbeitung umstandslos/cog)

[Aus rechtlichen Gründen betten wir die Bilder nicht ein, sondern verlinken nachstehend]

Wadhah Hamada (22) zum Beispiel war bei ihrem ersten Treffen wütend und verzweifelt, als trüge sie den Schmerz der ganzen Welt auf ihren Schultern. Nach der Geburt ihres Kindes beschreibt sie der Fotograf als „totally defeated“, „völlig bezwungen“, sie hatte ihr Vertrauen in die Menschlichkeit verloren. (Wadhah Hamada | letzte Bildkombination und Wadhah Hamada mit ihrem zehn Tage altem Sohn Ra’fat Bild 2)

Bushra Eidah, ein 16-jähriges Mädchen, war in den wenigen Monaten zwischen März und Juli um Jahre geältert: “When it was only me and my husband, it didn’t matter if we went to sleep hungry. Now we have a child and I don’t know how we are going to feed her.” (Bushra Eidha | Bildkombination 2 und Bushra Eidah mit ihrer Tochter Salam Bild 4)

Eine der Frauen jedoch, die 20-jährige Huda Alsayil, hat aus ihren Erfahrungen Stärke gezogen. Sie hatte zuvor große Angst vor medizinischen Komplikationen. Nach der Geburt ihres Sohnes fühlte sie sich jedoch: „complete“, als ob ihr selbst ein neues Leben gegeben worden wäre: “Holding him feels like the best gift I could be granted.” (Huda Alsayil|5 Monate schwanger – Bild 1 und Huda Alsayil mit ihrem eine Woche altem Sohn Mezwid – Bild 1)

Muheisen machte mit den persönlichen und ganz privaten Geschichten auf die verzweifelte Situation der Frauen und Familien in provisorisch geführten Flüchtlingslagern aufmerksam – die Fotografien wurden in vielen, auflagenstarken Magazinen und Zeitungen gedruckt und veröffentlicht (Syrian Refugee Mothers’ Changing Lives).

„Hört uns zu“

Auch die Lage der nach Österreich geflüchteten Frauen ist zumindest im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen desaströs (und spitzt sich weiterhin zu) – das geht aus dem Bericht von „Ärzte ohne Grenzen“ vom August hervor. In dem Abschnitt zur Versorgung von Schwangeren heißt es: „Schwangere sind teilweise unter inakzeptablen Bedingungen in Zelten untergebracht und insgesamt nicht ausreichend über ihre Möglichkeiten der medizinischen Versorgung informiert. Schwangere Frauen leben im Lager verteilt, auch in von Privatpersonen gespendeten Camping zelten. Auch auf mehrfaches Ansuchen durch die Familien werden schwangeren Frauen oft keine festen Unterkünfte zugewiesen. Die medizinische Versorgung ist für jene Frauen gut, die mit dem österreichischen Gesundheitssystem vertraut sind und wissen, dass sie jederzeit außerhalb des Lagers einen Arzt besuchen können. Diese Information dringt aber nicht zu allen Frauen durch. Ein Teil der schwangeren Frauen ist daher in diesem sensiblen Lebensabschnitt sich selbst überlassen. Die im Zentrum tätigen Ärzte und Ärztinnen wissen nicht wie viele Frauen schwanger sind.

Bildschirmfoto 2015-09-04 um 14.44.48

Screenshot | „Ärzte ohne Grenzen“-Bericht zur medizinisch-humanitären Lage im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen August 2015

Bei dem davor stattgefundenen Besuch von Amnesty International im August in dem völlig überfüllten Flüchtlingslager  im niederösterreichischen Traiskirchen lebten unter den 861 Frauen auch 271 alleinreisende Frauen mit Kindern (zum AI-Bericht). In dem Bericht stelle AI eine unzureichende medizinische und soziale Versorgung fest, grobe, auch bei größter Ressourcenknappheit vermeidbare Ignoranz und Gedankenlosigkeit im Umgang mit den Flüchtlingen, eine besonders prekäre Situation für Kinder und Jugendliche, die allein nach Österreich geflüchtet sind und eine untragbare Massenobdachlosigkeit von 1.500 Menschen.

Bei Treffen mit Frauen in Traiskirchen sammelten Netzwerke, wie die Initiative „Women* meet RefugeeWomen“,  „Frauen begegnen Frauen“, „ladies first – Frauen zuerst“, „freedom not frontex“  oder „Frauen auf der Flucht“ folgende Statements und Stimmen. Diese wurden über die „Refugeesolidarity mailing list“ versendet und wir möchten sie an dieser Stelle ungekürzt wiedergeben:

Statements und Stimmen der geflüchteten Frauen aus Traiskirchen

  • What are our rights? Welche Rechte haben wir?
  • Wir wollen unsere rechtliche Situation verstehen können – auch sprachlich.
  • Wir wollen in Sicherheit und Frieden leben können
  • Wir verdienen Respekt und menschenwürdige Behandlung und Versorgung!
  • Das heißt auch ein Ende der verbalen und körperlichen Übergriffe auf uns und eine Ende der Diskriminierungen – beides passiert  auch immer wieder im Lager Traiskirchen
  • Wir haben ein Recht auf unsere Privatssphäre und unsere Intimssphäre, das heißt auch saubere und hygiensche Duschen und Toiletten, die nur für Frauen sind.
  • Wir wollen einen Rückzugsort für uns. Räume, Wohnungen oder ein Haus für Frauen.
  • Wir sorgen uns um die Versorgung unserer Kinder und wir wollen unsere Kinder versorgen können!
  • Wir brauchen genügend und kindergerechte Nahrung und Hygieneartikel. Ausreichend medizinische Versorgung ist für unsere Kinder und uns lebensnotwendig.
  • Unsere Kinder möchten in die Schule gehen. Wir möchten die Möglicheit haben Deutsch zu lernen und mit unseren Kindern Bücher zu lesen.
  • Wir wollen lernen und arbeiten können und dass unsere Bildung anerkannt wird.
  • Wir wollen keine Vergewaltigungen , Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung und Säureattacken  –  generell – keine Gewalt mehr gegen uns erleben müssen. Und dass sind unter anderen auch die Gründe weswegen wir fliehen mussten. Deshalb erkennt unsere spezifischen Fluchtgründe – frauenspezifische Fluchtgründe an. Und versteht uns wenn wir nicht darüber sprechen wollen und können, aber hört uns zu wenn wir davon berichten.
  • Schiebt uns nicht ab! Auch nicht nach dem europäischen Dublinsystem! Besonders nicht nach Ungarn oder Bulgarien. Einige von uns haben Gewalt und Gefängnis in Ungarn, Bulgarien oder Mazedonien gesehen und selbst erlebt. Wir Frauen, Mädchen, Lesben brauchen hier Schutz.
  • Trennt uns nicht bei Transfers oder wegen Abschiebungen von unseren Männern und unsere Kinder von ihren Vätern.
  • Wir wollen hier in Österreich bleiben und in Frieden und Ruhe mit Euch leben können.

Beitrag erschienen in: gespenster.

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