Editorial: gespenster

Jede* trägt mehr oder weniger sichtbar ganz persönliche Gespenster mit sich herum. Manche kommen vielleicht erst dann hervor, wenn man sich plötzlich um einen anderen – im Fall von Babys rund um die Uhr zu betreuenden kleinen – Menschen kümmern muss. Verantwortung und Sorge als Elternteil für Kinder zu tragen, bedeutet einen erschwerten Umgang mit den eigenen Sorgen, Krankheiten, Träumen oder Ängsten. Ein Charakteristikum dieser Gespenster ist meist auch, dass sie vom Umfeld selten wahrgenommen werden – weil sie nicht wahrgenommen werden sollen wie etwa Armut, die aus Scham versteckt wird, oder nicht wahrgenommen werden wollen, wie häusliche Gewalt, vor der vielleicht aus Unsicherheit einmal mehr Augen und Ohren verschlossen werden.

Für unsere Herbst-Ausgabe haben wir umstandslos-Autor*innen frei assoziieren lassen, was ihre persönlichen „Gespenster“ sind und sie gebeten, uns davon zu erzählen.

In einem anonymen Beitrag berichtet eine zweifache Mutter von ihren Erfahrungen einer Traumaaufarbeitung, wenn gleichzeitig der Alltag mit Kleinkindern gemeistert werden muss. Sie wurde als Kind Opfer von sexualisierter Gewalt und beginnt erst jetzt langsam zu begreifen, was damals wirklich passiert ist: „Jede Woche spült mein Gehirn neue Erinnerungsfetzen an die Oberfläche. Ich gebe mir Mühe, nicht vor den Kindern zu weinen. Ich kotze heimlich, nachdem ich die weiße Wäsche aufgehängt habe, die mich derzeit so triggert.“

Mareice kommt es manchmal so vor, als sei ihr Kind das Gespenst der anderen (werdenden) Eltern: „Meine große Tochter ist das Kind, vor dem sich alle werdenden Eltern fürchten. Sie ist das Kind, wegen dem pränatale Untersuchungsmethoden entwickelt wurden. Sie ist das Kind, für – nein, gegen – das es Schwangerschaftsabbrüche gibt. Die Vorstellung, ein Kind wie sie zu bekommen, spukt zwischen den Zeilen des Mutterpasses umher, oft auch in den Gedanken der werdenden Eltern.

Cornelia sammelt in ihrem Beitrag „Die kranke Mutter“ Gedanken zu der ganz speziellen Leidenssituation, wenn sich zur Migräneattacke Elternpflichten gesellen.

Während ihrer Ausbildung zur SAFE-Mentorin wurden so manche Geister aus der Vergangenheit aufgewirbelt. Welche das waren und wie bzw. ob sie diese wieder vertrieben hat, davon berichtet Katja in ihrem Beitrag.

In einem Interview berichtet die Wiener Soziologin Gerlinde Mauerer über ganz besondere Gespenster, die immer wieder durch die Medien geistern: die Karenzväter.

Außerdem möchten wir euch zwei Bücher vorstellen: Ganz neu erschienen ist „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ von Kirsten Achtelik, die das feministische Konzept „Selbstbestimmung“ in Bezug auf Abtreibung analysiert – für umstandslos wird Antonia darin blättern. Anne rezensiert das Buch Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus“ von Gaby Gschwend gelesen, in dem die verhängnisvollen Konsequenzen eines überhöhten Mütterideals aus psychologischer Sicht analysiert werden.

In der Rubrik MischMaschMittwoch stellen wir deutsch- und englischsprachige Texte vor, in denen wir ebenfalls ein paar Mütter*-Gespenster-Erzählungen (von gesellschaftlichen Umgang mit Transelternschaft über depressive Mütter* und die Armut von AlleinerzieherInnen bis hin zu Blasenleiden nach der Schwangerschaft) gefunden haben. Kennt ihr ebenfalls gute und interessante Blogtexte dazu oder habt ihr selber dazu gebloggt? Dann mailt uns doch den Link, wir veröffentlichen und vernetzen gerne!

Außerdem möchten wir euch ein Fotoprojekt über schwangere Flüchtlingsfrauen* und Situation in Flüchtlingslagern schildern. Wir finden, es passt deswegen ganz gut in die „Gespenster“-Ausgabe, da obwohl die Hälfte der Flüchtlinge Frauen* und Mädchen* sind, das Flüchtlingskonstrukt männlich* dominiert ist. Viele Studien kritisieren, dass dies zur Folge hat, dass der Schutz für weibliche* Flüchtlinge nicht ausreichend ist. Das Fotoprojekt, das die Situation syrischer Schwangeren bzw. Jungmütter dokumentiert, macht die unerträgliche Situation dieser Frauen* sichtbar(er).

Eure Umstandslosen

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