Im Rosarausch

von Cornelia

„Für ein Mädchen oder einen Jungen?“ Ich weiß nicht, wie oft ich diese Gegenfrage auf meine Frage nach einem bestimmten Spielzeug, Kleidungsstück oder Gebrauchsgegenstand für mein Kind vom Verkaufspersonal erhalten habe. Zu oft. Und ebenso oft stehe ich dann vor einem Regal, das in Rosa oder Blau/Bunt zweigeteilt ist und die leidige vermeintliche Dualität der Geschlechter fortschreibt (Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit).

Mädchensein als Rosasein. Die Farbe ist so dominant, dass sie die Nuancen der Inhalte dahinter verdeckt. Wir Erwachsene sehen zehn rosa Prinzessinnen-Rucksäcke, während das Kind von Elfen, Zauberinnen und Reiterinnen erzählt. Manchmal wäre genaueres Hinsehen gefragt. Bei einer Farbe mit einem derlei heftigen Konnotations-Impetus ist das jedoch nicht so leicht.

Was noch augenscheinlich ist: Je günstiger ein Geschäft umso massiver die farbliche Trennung von vermeintlichen Buben- und Mädchensachen. Wer heutzutage sein Kind neutral und nicht von außen offensichtlich als ein bestimmtes Geschlecht gelesen aufwachsen lassen will, braucht ein volles Geldbörserl. Und selbst die, die ein solches haben, wollen für einen Kinderrucksack nicht unbedingt 60 statt 15 Euro ausgeben, nur um dem Rosarausch zu entgehen.

Warum aber besagtem Rosarausch überhaupt entgehen wollen?

Pinkstinks, also „Rosa stinkt“, nennt sich eine Kampagne gegen Produkte und Medieninhalte, die Mädchen eine limitierte Rolle zuweisen. Darunter leiden freilich auch Buben. Allerdings ist es unterm Strich doch so: Wenn Buben in Rosa ausgelacht und diskriminiert werden, dann hängt das mit der Abwertung der Farbe Rosa und in Folge mit der Abwertung von Weiblichkeit zusammen. Eine schöne und wichtige Antwort auf die im ersten Moment sinnvoll klingende Pinkstinks-Protestaktion schreibt Hengameh bei der Mädchenmannschaft. Schon der Name von Pinkstinks sei problematisch: „Der Name wertet Femininität ab und macht queere Kämpfe unsichtbar beziehungsweise stellt sie als irrelevant dar.“ Denn: „Die Kampagne existiert in keinem sozialen Vakuum, sondern in einer Soziokultur, in der Pink_Rosa für Femininität, Frauen*, Homosexualität, Optimismus, Spaß, Kindlichkeit und Sexualität an sich steht. Der Slogan ‚Pink stinks!‘ diskreditiert all dies. So funktioniert Semiotik. So funktioniert Sprache.“

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Rosa Sammelsurium aus dem Besitz des Kindes

Rosa abzuwerten heißt vielfach schlichtweg Mädchenvorlieben abzuwerten, heißt kapitalistische Zusammenhänge zu ignorieren, heißt sich in Misogynie, Adultismus und Klassismus zu üben – und ist darum einfach scheiße.

Trotzdem neige ich gelegentlich dazu bei der Farbwahl des Kindes gegenzulenken [„Den Pulli in Rosa? Hm, nein, leider. Den gibt es in deiner Größe nicht mehr.“ (Gelogen!) „Diesen rosaroten Zahnputzbecher? Was hältst du von diesem in Grün, der ist billiger.“ (Gelogen!) Das Neuausmalen des Zimmers schiebe ich vor mich hin: Der aktuelle Kinderwunsch lautet Rosa statt Gelb.] Gleichzeitig ärgere ich mich darüber, weil ich nicht schaffe, dass mir die Farbe gleichgültig ist oder ich Stärke in ihr sehe. Besonders da ich weiß, dass Buben mit rosa lackierten Fingernägeln und rosa Rollern in alternativen Elternkreisen um mich herum dazu ermuntert werden, stereotype Farblimits und damit verbundene Verhaltensnormen zu ignorieren. Aber ich weiß und erlebe, wie meiner Tochter begegnet wird, wenn sie wahlweise klischee-mädchenhaft oder klischee-bubenhaft gekleidet ist.

Ich drehe mich argumentativ und emotional im Kreis. Es ist zum Schreien.

Ein kurzer Blick zurück

Kaum eine Farbe hat sich im Laufe seiner relativ jungen Geschichte so mit Bedeutung aufgeladen wie Pink. Ein kleiner Rundgang in die Vergangenheit gefällig? Die Farbe wurde als „pink-färbig“ erstmalig im Englischen im 17. Jahrhundert erwähnt, um den Farbton von Nelken (engl.: pink) zu beschreiben. Als selbstständige Farbbezeichnung gibt es Pink belegt seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Das deutsche „Rosa“ geht auf Wildrosen zurück und hat sich Ende des 18. Jahrhunderts als alleinstehende Benennung eingebürgert.

Anfang des 19. Jahrhunderts war Rosa als eine pastellige Rot-Variation, bereits einem Geschlecht zugeordnet: dem männlichen (Blau wurde entsprechend der christlichen Tradition Maria, und somit dem Weiblichen per se, zugeordnet). Als Erinnerung daran darf vermutlich auch das Sieger-Shirt des italienischen (Männer-)Radrennens Giro d’Italia gelten – es ist seit 1931 rosa.

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Rosa Sammelsurium aus meinem Besitz

Aber das Farbzuweisungkarussell drehte sich weiter und nach dem Ersten Weltkrieg war Blau symbolisch gestützt durch Marineuniform und Arbeitsanzüge zum Symbol für die Männer- und Arbeitswelt geworden. Stärke. Kampf. Aktivität. Bla. Die Dichotomie Blau-Rosa wurde beibehalten und so galt Rosa plötzlich als sanft, zart und weiblich.

Unter den Nazis erfuhr Rosa eine weiteres sehr trauriges Kapitel: Wegen Homosexualität inhaftierte Männer wurden in KZs mit einem umgedrehten rosa Dreieck, dem Rosa Winkel, gekennzeichnet. Das Symbol eignete sich später die Schwulenbewegung an und die Farbe Rosa erinnert indirekt in Namen von schwul(-lesbischen) Projekten und aktivistischen Zusammenschlüssen (z.B.: Rosa Sitzung, Rosa Liste München, Rosa Funken, Rosa Telefon) daran. (Allein angesichts dieser Historie ist es mir ein Rätsel, wie der Kampagnenname „Pinkstinks“ passieren konnte …)

Eine Farbe, die mehr als nur eine Farbe ist

Rosa/Pink ist mehr als eine Farbe und ist in ihren Nuancen extrem wandelbar – vom weichen Pastellrosa zum grellen Shocking Pink. Sie dient der Abgrenzung und Limitierung, kann aber auch (politisches) Statement sein. Die australische Künstlerin Bianca Beetson hat sie für sich als identitätsstiftendes Moment entdeckt: „The more I developed my identity of voice as an Indigenous artist, the more using pink became about being a black woman and the way Australian history has been so candy coated to make it palatable.“ (In: Think Pink!)

Als Eltern können wir nicht mehr tun, als unsere Kindern in ihren Wünschen zu bestärken und ihnen dennoch und weiterhin alle möglichen anderen Wege zu zeigen. Wenn Mädchen von der Außenwelt in ein liebliches Rosa-Korsett gedrängt werden, dann können wir dieses zumindest ein bisschen brechen – indem wir genauer hinschauen und nicht nur die Nuancen der Farben wahrnehmen, sondern auch die der Inhalte.

Prinzessin ist nicht gleich Prinzessin. Und wenn Mädchen sich gerne in Rosarausch hüllen, dann können wir sie auch darin bestärken – und ihnen zeigen, was alles auf dieser Welt Rosa sein kann: Riot Grrrls zum Beispiel.


Fotos: Cornelia

Beitrag erschienen in: spielen.

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3 Kommentare

  1. Grossartig! Den Beitrag habe ich gerade sehr genossen!!!! DANKE fuer die Recherche und die Ehrlichkeit! I

  2. Eva

    Das Problem am Rosa ist, finde ich, dass es zur Segregation von Jungen- und Mädchen-Spielwelten eingesetzt wird. Wenn es Spielsachen aller Art in allen Farben gäbe, und die Mädchen kriegen die rosa Version gekauft und die Jungen die olivgrüne, wäre da vielleicht nicht viel dabei. Aber tatsächlich ist es so, dass die Mädchen auf Inhalte wie „Elfen, Zauberinnen und Reiterinnen“ (und Einhörner, Pferde, Freundinnen, Schmuck) geeicht werden, während Jungen auf Bagger, Autos, Dinos, Ritter, Ninjas, Superhelden, … festgelegt werden. Von daher ist es die Trennung zwischen rosa-nur-zahm-und-sozial-Spielewelt vs. olivgrün-möglichst-technik-und-kampforientiert-Spielwelt, die ich eigentlich zum Kotzen finde – und wegen der ich mich auch mit Rosa als Farbe für Mädchen nicht anfreunden kann und will.

  3. Lena

    Danke für den Text & den verlinkten Mädchenmannschaft-Artikel. Ich finde diesen Punkt der Abwertung von Femininität total wichtig und mir fiel beim Lesen ein, dass ich – vor längerer Zeit, als ich mich damit beschäftigt habe – noch auf einen weiteren Text gestoßen war, der mir damals voll die Augen geöffnet hat. Es war dieser hier:
    http://maedchenmannschaft.net/pretty-in-pink/
    (Die Kommentare fand ich auch sehr lesenswert.)

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