Stadt-Land-Kindheit

von Antonia und Cornelia

In der Natur und mit der Natur aufwachsen ist ein Idealbild von Kindheit, das für viele Eltern der Grund für große, auch finanzielle Veränderungen und Umstürze (sprich, Umzüge) ist. Cornelia und Antonia sind beide am Land groß geworden und leben jetzt in einer Großstadt. Wenn auch ihre Erfahrungen ähnlich sind, so sind ihre Gefühle dazu heute was ihre Kinder betrifft ambivalent. Für umstandslos haben sie ihre Gedanken gegenüber gestellt.


Cornelia

„Als Kinder haben wir die Sommer immer draußen verbracht. In mir ist damals ein unbescheidenes Gefühl entstanden, ein Gefühl, als hätte man die Natur selbst erschaffen, weil man so heimisch war in ihr. Als hätte man sie sich wie ein Kleid auf den Leib geschneidert. Alles war vertraut. Nie war man verloren, ganz anders als in der Stadt. In der Stadt ist man immer fremd.“

(Valerie Fritsch | Winters Garten)

>’Ach, zieht ihr jetzt an den Stadtrand?‘ wurden wir nicht selten gefragt, als wir – plötzlich Eltern – uns um eine neue Wohnung umschauten. Nicht nur von allerlei Verwandtschaft, die es nicht besser wusste, weil man uns nicht besser kannte. Nein, auch einige Freund*innen bemühten die Frage nach dem Familienidyll im Grünen, dem so viele vor uns schon ‚zum Wohle‘ der Kinder den Vorzug gegenüber der Stadt gegeben hatten. Aber die neue Landlust brach nicht über uns herein. Ich bin ein gebranntes Kind und habe das eigene enge Heimatdorf liebend gerne hinter mir gelassen. Die kleinkarierten und vorgegebenen Strukturen, die wenigen Möglichkeiten, die Ausgrenzungen, die Missgunst, die Rituale, das Vorhersehbare, das Unter-Beobachtung-Stehen – das Landleben ist für mich die Brutstätte für sehr viel (zwischen)menschlich Böses. Ja, ich weiß. Das mag übertrieben klingen. Aber ich finde es wenig reizvoll, wenn ein ganzes Dorf über mein Leben (vermeintlich) Bescheid weiß und darüber urteilt.

Dabei habe ich persönlich nie ernsthaft unter diesen Strukturen gelitten – höchstens unter der Fadesse und den fehlenden Alternativen. Die einzige Freundin, die ich dort hatte, und ich sind in dem Kaff festgesessen. Beim Fortgehen waren wir auf motorisierte Bekanntschaften und Geschwister angewiesen (nie werde ich diesen einen frühmorgendlichen siebenkilometerlangen Fußmarsch vergessen oder die Fahrt mit dem betrunkenen Direktorinnen-Sohn, die wir nicht mitmachen hätten sollen).

Und trotzdem.

Trotzdem nagt es in mir. Das Dorf war für mich nämlich nur als Teenager ein Albtraum. Die Kinderjahre haben in meiner Erinnerung (fast) Bullerbü-Qualitäten. Vor allem die Sommer. Die Schatten waren lang und in den Gärten wucherten Beeren. Unsere Füße waren immer schmutzig, die Haare rochen nach Gras und Pech. Die genussvolle Langeweile mancher Ferientage trieb uns an den Rändern des Dorfes entlang. Fort, fort. Die Abendessen-Rufe wurden gemeinsam gekonnt überhört.

Am Land aufwachsen heißt mit dem Rhythmus der Natur aufwachsen. Sommermorgen begannen mit Taugras zwischen den Zehen. Im Winter frierten wir uns auf der Bushaltestelle die Finger und Zehen ab. Ich beobachtete kleine Vögel bei ihren ersten Flugstunden. Stibitzte gegen Magenknurren Maiskolben von Nachbars Feld. Vollbrachte waghalsige Kletterkünste auf den Felsen im nahgelegenen Wald. Rodelte nachmittagelang am Berghang hinterm Haus. Durchsuchte mit meiner Freundin den Bauernhof deren Eltern nach den Verstecken der Babykatzen. Fischte im Ortstümpel nach Kaulquappen. Und kletterte mit den Nachbarsmädchen hoch ins Dickicht des uralten Kastanienbaums hinein.

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Bild via skitterphoto.com

Im Nachinein, so erscheint es mir jetzt, machte das Leben in und mit der Natur aus den kleinen Kindern mutige und eigenständige Menschen. Die Natur nahm uns die Scheu vorm Leben, weil wir Teil vom Leben selbst waren. Der Kreislauf des Lebens passiert in der Natur ganz selbstverständlich. Doch ich weiß selbst, wie viel Leben es in der Stadt freilich genauso gibt und wie wenig real der binäre Gegensatz Stadt-Land in der Reinform existiert.

Ich weiß, wie viele tolle Dinge mein Kind erlebt und machen kann, eben nur weil wir in einer Stadt wohnen – Kindertheater, Büchereien, Ausstellungen, Zoobesuche, Bäder. Und dann die allerorts sichtbare Diversität von Menschen und ihren Lebensentwürfen. Die spürbare Vielfalt der Möglichkeiten und das Hoffen, dass es keine allzu präsenten Sittenwächter*innen und Anstandswärter*innen geben wird, die ihre Stirn über dem Kind runzeln – eben weil wir uns in der Stadt unser Dorf, sprich unsere sozialen Kontakte, eben selber aussuchen.

Und trotzdem.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob es für ein Kind nicht vielleicht doch (ein bisschen) besser ist, all diese Land-Natur-Erfahrungen zu machen. Wie tief das Idealbild einer glücklichen Kindheit am Lande in mir doch sitzt. Wie viel Heimatfilm braucht ein Leben? Wie viel Heimatfilm verträgt ein Leben?<


Antonia:

>In einem kleinen Dorf aufgewachsen, hätte ich mir nie träumen lassen, irgendwann mit Kind in der Großstadt zu leben. Das Idealbild von Kindheit war für mich lange Zeit die Kindheit am Land, die, so der dazugehörende Mythos, gleichzusetzen ist mit unabhängigem und freiem Aufwachsen in der Natur. Ein bisschen war sie auch so, meine Kindheit. Aber eben nur ein bisschen.

Was mir als Kind dabei nicht aufgefallen ist: wir Kinder konnten uns sicher fühlend draußen herumtreiben, weil wir wussten, dass zu Hause immer jemand auf uns wartet. Unsere Mütter – zumindest waren sie das bei mir und allen anderen Kindern in meiner Umgebung.

Nach Kindergarten oder Schule waren wir zu Mittag zu Hause und dann wurde draußen oder drinnen gespielt. Erwerbstätigkeit für Mütter, die sich außerhalb von 8 bis 13 Uhr abspielte, war Anfang der achtziger Jahre in den ländlichen Gegenden Österreichs offenbar nicht vorgesehen. Wie auch immer das zu beurteilen ist, dieser Tagesablauf wäre in unserer Lebenssituation nicht möglich.

Das Kind könnte während der Woche nachmittags nicht durch die Wälder streunen, während wir Eltern in der Arbeit sind. Im Winter könnte es erst zum Rodeln kommen, wenn alle anderen schon nach Hause gehen, weil es bereits dunkel wird.

Und dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass dem Kind etwas fehlt oder es keine unbeschwerten Erlebnisse von Freiheit hat. Es sind nur eben andere. Und das ist gut so.

(c) id-iom via flickr CC BY-NC 2.0

(c) id-iom via flickr CC BY-NC 2.0

Klar, fände ich einen eigenen Garten schön. Aber dafür am Stadtrand zu leben, wo die Vorteile von Stadt und Land magisch vereint sind? Abgesehen davon, dass ich sehr gerne mitten in der Stadt lebe und ich die Naturerlebnisse, die mir die Stadt bietet, als ausreichend empfinde, bringt das Leben weiter draußen auch tendenziell längere Arbeitswege und eine schlechtere öffentliche Anbindung mit sich. Das macht die Umsetzung des Modells „beide Eltern arbeiten Teilzeit“ schwieriger und das Geld, das womöglich in den Besitz von ein bis zwei Autos investiert werden muss, würde ich, wenn ich es mir aussuchen kann, lieber in „weniger erwerbsarbeiten“ umlenken.

Aber all dieses Argumentieren ist im Grunde müßig.

Die Dichotomie von Natur und Kultur gibt es ebenso wenig, wie es nur am Land Kinder gibt, die sich frei bewegen können. Wir sollten viel mehr den Blick darauf richten, wie viel Natur es in der Stadt gibt und wie viel Kultur am Land und als Gesellschaft daran arbeiten, dass beide Bereiche für Kinder am Land wie in der Stadt zugänglich und erlebbar sind.

In den urbanen Räumen finde ich es wichtig sich für den Erhalt und die Zugänglichkeit der Grünflächen (auch abseits von reglementieren Kinderspielplätzen, die tatsächlich wenig Raum abseits der vorgesehenen Nutzung zulassen) einzusetzen und in den ländlichen Gegenden für die Förderung von kulturellen Angeboten für Kinder. Damit Kinder und Erwachsene dort wie da nicht gezwungen sind, sich für das eine oder das andere zu entscheiden.<


Beitrag erschienen in: spielen.

Beitragsbild via skitterphoto.com

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Ein Kommentar

  1. Almut

    Ich bin in einem kleinen, fürchterlich piefigem Dorf aufgewachsen und auch ich habe es als Kind geliebt und als Teenager gehasst. Ich wollte nie mehr zurück aufs Dorf. Aber jetzt lebe ich mit Mann und Kind in Worpswede, 10.000 Einwohner. Als Künstlerdorf ist es hier deutlich weltoffener und auch die Nähe zu Bremen ist dabei förderlich. Ich fühle mich wohl hier und nicht überwacht. Ich glaube aber, meine Tochter hätte auch in der Stadt eine schöne Kindheit. Als Teenie wird sie bestimmt viel nach Bremen fahren und das Stadtleben genießen, diese Möglichkeit hatte ich nicht. Und auch das Internet gab es damals (Gott bin ich alt!) noch nicht. Ich denke, die Lebenswirklichkeit hat sich in Stadt und Land angeglichen. Ob man als Kind glücklich ist, hat bestimmt nicht nur mit dem Wohnort zu tun.

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