Das Auto-Geschlecht

Katjas Kind J. liebt Autos – oder eigentlich alles mit Reifen und Rädern zum Schieben oder Fahren. J. ist ein Junge und Buben lieben eben Autos. Eh klar. Eh klar? Unsere Autorin reflektiert über Vorlieben, die (zu ihrer lieben Not) perfekt ins Stereotyp der motorisierten Jungenwelt passen. Zufällig. Aber wie zufällig sind solche Zufälle? Und wie geht eine Feministin damit um?

(c) Katja

J.s Fuhrpark (c) Katja

von Katja

Status Anfang April:

Hört mensch meinem Sohn zu, könnte eine/r meinen, er wäre besessen von Autos. Neben seinem aktuell häufigsten Wort „Licht“ ist „Auto“ eindeutig die Nr. 2.
Bis zu seinem ersten Geburtstag gab es kein Fahrzeug in unserer Spielzeugauswahl. Dann erschien ein Bagger auf der Bildfläche und er drehte an den Rädern. Genauso wie er es bereits Monate davor mit den Schubladen-Knöpfen gemacht hatte (bis sie abfielen). Er setzte sein „Drehspiel“ auch mit dem Staubsauger, dem Kreisel, den Pedalen von Fahrrädern und Wäscheklammern auf der Wäscheleine fort. Zu Ostern hat er ein Laufrad bekommen. Als erstes hat er an den Rädern gedreht. In der Krippe löste er sogar einen Trend aus: Jetzt machen das andere Kleinkinder das Drehen der Räder anstatt zu fahren auch schon nach.
Nach einem halben Jahr Krippe hat er das erste Mal ein Spielzeugauto zu Hause in die Hand genommen und ist so damit „gefahren“, wie es ältere spielende Kinder halt tun. „Richtig“ gefahren also.

Auto“ hat er noch immer nicht gesagt. Erst in den Semesterferien, als Vater und Sohn einen Road Trip quer durch Österreich unternommen haben und die Straßen eben stundenlang voller Autos waren und das kommentiert wurde.

Seitdem interessiert sich der Sohn auch nicht mehr als früher für Autos, sondern generell noch immer für alles mit Rädern. Er liebt alles was er schieben kann. Ihm ist es egal, ob es ein Spielzeugeinkaufswagen ist, ein Buggy, ein Puppenwagen, ein Lauflernwagen oder ein Hund mit Rollen unten dran.

Alles ist Auto. Trotzdem, aus traditionellem Blickwinkel: Auto + Junge = eh klar.

(c) Katja

J.s Fuhrpark (c) Katja

Update Mai:

Bagger, Traktor und Kräne sind gerade top. Aus dem Puzzlebuch nimmt J. vorzugweise den Traktor raus und fährt mit dem auf der Fensterbank rum. Im Grazer Kunsthaus gehen wir durch die Ausstellung HyperAmerica. Da steht was von „bug“ und „beetle“ bei einem Bild. Zwei Frauen neben uns sprechen darüber. Der Sohn hört „bug“ und sagt sofort: „Bagger.“
Das Laufrad ist ihm dagegen fast egal. Die Pedale anderer Räder findet er ebenfalls nach wie vor spitze. Beim Reifenwechsel war er kürzlich hellauf begeistert. Auch die Kehrmaschine meiner Eltern und das Düngewagerl erfreuten sich größter Beliebtheit.

Schieben bleibt also. Mechanisches auch. Junge, eh klar.

Dass er liebend gern im Auto rumturnt und am liebsten am Lenkrad sitzt brauch ich ja wohl nicht zu erwähnen. Macht er natürlich mit Papa. Der hat seinen Führerschein grade mal seit 2 Jahren. Ich seit 14 Jahren. Wir hassen Autowaschen und wissen kaum unsere Nummertafel auswendig.

Wir machen uns echt nicht viel aus Autos. J. hingegen kommentiert jedes parkende Auto. Auto, sagt er, Auto, Bagger.

Der Duplozug von Ostern wird ebenfalls eifrig bespielt. Vor allem durch Tunnel fahren und parken ist grad sehr beliebt. Auto. Manchmal ein Zug-Geräusch. „Lugzeug„.

Alles Technik? Alles soweit stereotyp? Womit hab ich das verdient?

… fragt sich ein Teil in mir, der sich gegen geschlechtsspezifisches Spielzeug wehrt und Gender Studies studiert hat.

ABER ist doch auch Bullshit, sich an sowas aufzuhängen. Ich werde ihm ja wohl nix verbieten, weil er ein Junge ist oder weil ich Feministin bin. Das wär echt abstrus.

Dabei hab ich das Auto lang von ihm bewusst ferngehalten. Anbei eine Auflistung der „Autos“ im Leben des Sohnes:

  • 1 Plastikbagger – 1. Geburtstag, Geschenk von Tante
  • 1 Miniholzbagger – übriggebliebenes Geschenk für Gäste (1. Geburtstag)
  • 1 Miniholzfeuerwehrautos – übriggebliebenes Geschenk für Gäste (1. Geburtstag)
  • 1 sehr gebrauchtes Matchbox-Auto, das zufällig in der Second Hand Kleidungsschachtel aufgetaucht ist (?)
  • 1 dreiteiliger Magnet-Zug von Ikea (im Zuge der Weihnachtseinkäufe, Kind 18 Monate)
  • 1 Duplozug von Oma und Opa (Ostern, Kind 22 Monate)
  • Autosymbol in der Kinderkrippe

Eigentlich haben wir nicht gerade viele Autos, wenn ich das mit anderen vergleiche. Sein Symbol in der Krippe ist dafür – na, was wohl? Das Auto. Es ist das einzige, das ich geschlechtsspezifisch zuordnen würde. Beim ersten Blick darauf sah ich mich mit „Satan“ persönlich konfrontiert. Dabei sagte J. lang keinen Mucks dazu. Und jetzt frage ich mich trotzdem: Ist es deshalb?

Aber warum sollte sich ein Kleinkind auch nicht für Bewegliches interessieren?

J. ist jetzt fast 2 Jahre alt. Er interessiert sich neben Rädern und Fahrzeugen für Tiere und Babys. Da kriegt er sich fast nicht ein. Bei jedem Hund müssen wir stehenbleiben, um ihn zu streicheln. Kürzlich haben wir nach einem Regentag sehr viele rote Schnecken einzeln inspiziert. Ameisen, Bienen und Eichhörnchen sind ebenso interessant – aber halt schneller.
Babys quietscht er fröhlich an, stupst sie an, macht ihnen alles nach, krabbelt mit ihnen.

Er zeichnet gern, singt und tanzt ständig, er liebt Rampen und rennt dauernd bergauf und bergab, er dreht an allem, was drehbar ist – auch die Knöpfe an den Schubladen, bis sie ab sind, kuschelt total gern, ist immer in der Sandkiste zu finden und baut dort nichts, sondern berieselt sich stundenlang mit Sand.

Er schaut sich gerne Bücher an und mag Handpuppen, außerdem spielt er gern Verstecken und Abfangen, geht gerne barfuß, liebt Schaukel und Rutsche, klettert unheimlich gern und hat eine Vorliebe für nackte Zehen.

Er vergöttert die Gitarre, drischt gerne mit Stecken irgendwo drauf und chillt in der Hängematte.

Er liebt es, mit Wasser zu spielen, und hat die Gabe, Dinge zu zerlegen (nicht kaputt machen, zerlegen – auch Nagelzwicker). Seine absolute Leidenschaft ist Licht (Taschenlampen, Deckenlampen, Sonnenlicht, buntes Glas, Sonnenuntergang, Lichteffekte, Feuerwerke, aktive Kippschalter, Standby-Leuchten, …).

Aktuell liebt J. ebenfalls das Nudeholz, den Staubwedel, den Kehrwisch und den großen Besen. Auch der Ball ist wieder interessant geworden. Er hortet an den verrücktesten Ecken Mini-Wäscheklammern, Bleistifte und Cashew-Nüsse. Liegt ein Leintuch über dem Wäscheständer, freut er sich über eine Höhle.

Und warum picke ich mir jetzt Autos raus und denke „typisch Junge„?

Beitragsfoto: skitterphoto.com


Beitrag erschienen in: spielen

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Ein Kommentar

  1. OddOneMom

    Sehr schön, hoffentlich bewahrt er sich diese vielfältigen Spielbedürfnisse noch lange und rettet etwas von dem „Sinn für Zweckentfremdung“ ins Erwachsenenalter!
    Mein erstes Wort war „Auto“, dabei komme ich aus einem Land, in dem der Traum vom eigenen Auto Anfang der 80er für viele Leute unerreichbar schien. Wir hatten keines und kannten auch keine Leute mit Auto. Bis ich vier Jahre alt war, habe ich zu allen sich selbst bewegenden Dingen (und Personen) „Auto“ gesagt, es sei denn, es war eine bekannte Person wie Tante Simone.
    Bereits mit 3 fing ich an, leidenschaftlich Sachen zu zerlegen – alles mit Schaltkreisen oder anderem geheimen Innenleben übte eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Meine Mutter war verzweifelt, nichts war vor mir sicher. Das Radio, das kleine Aufzieh-Ruderboot, dass sie dreimal nachkaufte, es blieb nichts verschont. Kamen Handwerker ins Haus oder besuchten wir einen Baumarkt, blühte ich auf.
    Trotz eines Emma-Abos und dem „Kleinen Unterschied“ auf dem heimischen Bücherbord wünschte sich meine Mutter ein kleines „Mädchen-Mädchen“, wie ich sie bei mir nannte. Ich hasste Rosa, meine Farbei war Blau. Die netten Kleidchen, in denen ich hin und wieder verschnürt wurde, tauschte ich bei der nächsten Gelegenheit nur allzugern gegen die grüne Lieblingscordhose. Als ich mir zum 5. Geburtstag ein Barbiehaus (und, zugegebenermaßen etwas dringender: ein Fahrrad) wünschte, war meine Mutter außer sich vor Freude, wähnte alle „Probleme“ auf dem Wege der Besserung – bis sie feststellte, dass mein Wunsch auf einem Werbeprospekt fußte, der in diesem Haus einen funktionierenden Aufzug (Fahrstuhl) anpries. Wie bitter enttäuscht ich war, dass es sich dabei lediglich um eine dünne Plastikkiste mit einer Schnur, die über einen Flaschenzug lief, handelte! Dafür lernte ich bald, meinen ersten Reifen zu wechseln… Die Spielzeigautos mit den angedeuteten Motoren und der Fähigkeit, die Farbe zu wechseln waren stets das Highlight in meiner Spielzeugkiste, neben den Eisenbahnschienen und dem ersten Lego-Mondfahrzeug. Die dicken Reifen habe ich stundenlang gedreht.
    Als ich sechs wurde, gab meine Mutter auf, drückte mir die gute alte Kress-Bohrmaschine in die Hand und zeigte mir, wie man die besten Löcher macht. Mit zwölf fuhr ich das erste Mal auf dem Zirkusplatz mit unserem kleinen, roten Auto – himmlisch! Meine Mutter stieg aus, da ihr meine Versuche, mit geschmeidigen 50 km/h über den Kiesboden zu brettern, den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Bald konnte ich perfekt anfahren, bremsen und parallel einparken.
    Und heute? Ich kann Decken einziehen, Steckdosen installieren und Laminat verlegen.
    Trotzdem: Ich habe bis heute keinen Führerschein, dafür lange Haare, trage am liebsten Kleider (natürlich nur blaue) mit High Heels, spiele mit Skateboard, Star Wars-Lego und Laserschwertern.
    Und ich habe einen frischgeschlüpften kleinen Jungen, von dem ich hoffe, dass er meine Leidenschaften teilt, sobald er alt genug dafür ist – und ein wenig Angst davor, dass gerade er sich als Prinzessin Lillifee-Anbeter entpuppt…
    Will sagen: gerade als Feministin ist es gut im Auge zu behalten, dass solche persönlichen Vorlieben unseren Umgang mit anderen Menschen und Ihre Einordnung nicht beeinflussen – dass es darum gehen sollte, jedem Individuum seinen eigenen Raum zur Entfaltung zum eröffnen, ob dieser nun unseren (oder anderen) Vorstellungen von Angemessenheit entspricht – oder nicht.
    Und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass unsere Söhne wissen, dass ein Mädchen in Rosa mit pinkem Nagellack genau den gleichen Respekt verdient wie seine Fußballkumpels – und dass dem Jungen, der den Mädchen so gern tolle Frisuren macht und deren Röcke anprobiert, dieser ebenso zusteht. Und dass diese beiden wiederum wissen, dass der Junge, der ständig die beiden Autos zusammenkrachen lässt und jeden Nachmittag auf dem Bolzplatz herumhängt kein Ewiggestriger, eindimensional denkend und fühlender Golem, sondern ein Mensch ist, dessen Gefühle ebensoviel zählen wie ihre eigenen.
    Im besten Fall sind wir doch alle Menschen und keine holzschnittartige Repräsentation ausgedienter Geschlechterstereotypen – oder gar ihr trotziger Kontrapunkt.

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