Neue Kinderbücher braucht das Land: Nicht-normative Geschichten mit Diversity, Toleranz und Anders-sein gesucht

von Sonja

„Wir können unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns ja doch nur alles nach!“ Stimmt. Wenn ich selbst Brokkoli nicht so gerne esse, dafür aber gerne Torte, muss ich mich nicht wundern, wenn die Kinder das Gemüse verschmähen und nach Lutschern verlangen.
Wer seinen Kindern Toleranz, Vielfalt und Aufgeschlossenheit näher bringen möchte, braucht eigentlich nur selbst so zu leben: Themen und Fragen nicht tabuisieren, einen vielfältigen Freundeskreis haben, jedermann freundlich behandeln – und schon werden die Kinder auch so. Fertig. Ende des Artikels.
Ja. Aber. Irgendwann, je früher die Kinder in die Kita gehen desto eher, wird die Peer-Group der Kinder immer wichtiger. Und hier üben seltsamerweise die Widersacher_innen einen genauso großen Einfluss aus, wie Freundinnen und Freunde des Kindes.
Außerdem erleben und sehen meine Kinder so viel Diversity gar nicht. Ihre Welt ist zwar ethnisch bunt, aber im Alltäglichen komplett heteronormativ. Unseren Freundeskreis außerhalb des Eltern-Clans erleben sie nur ganz peripher. Viele gute Freundinnen und Freunde sehen wir so oft gar nicht – und dann eher mal abends. Dass die Welt aber nicht da endet, was wir per Zufall gerade erleben und wo hinein wir geboren werden – das möchte ich meinen Kindern mitgeben. Und ich möchte meinen Kindern die Freiheit bieten, ihre eigene Identität finden zu können.
Dabei helfen uns neben Gesprächen und Erzählen von Freund_innen eben auch die Fiktion, die Phantasie, das Spielerische und die Kunst. Was wir nicht direkt in der Anschauung erleben, können wir dennoch emotional über unsere Vorstellungskraft und Empathie in der Kunst, in der Fiktion und im Erzählen erfahren. Das empathische und emotionale Verstehen von Geschichten ist eine Ausbildung, die von klein an beginnt. Egal ob Bücher, Hörspiele, Filme, Musik, Lieder, Reime und vieles mehr – all dies hilft auf emotionaler Ebene Erfahrungen zu sammeln und den Horizont zu erweitern. Das ist der Grund, warum mir eine Vielfalt an Themen, Figuren und Lebensentwürfen in Kinderbüchern so wichtig ist.
Vielfalt existiert, sie ist da, auch wenn sie nicht zufällig bei uns in der Nachbarschaft wohnt. (Vielleicht wohnt sie da sogar und wir wissen es nicht?) Vielfalt sollte sichtbar sein können. Inklusion sollte in Kindergärten und Schulen deutlich etablierter werden. Eine Identität sollte nicht schon an der Garderobe eines Büros, einer Schule oder gar im Kindergarten abgeben werden, weil sie nicht „der Norm“ entspricht. Wir wissen, dass z.B. Homosexualität nicht später im Erwachsenenalter irgendwann „passiert“, sondern dass die Menschen ihre sexuelle Identität bereits in jungen Jahren entdecken, oft auch schon im Kindergartenalter.

Wieviel Vielfalt zeigen unsere Kinderbücher?

Wieviel Diversität zeigen die Kinderbücher in unseren Regalen? Wieviele Geschichten mit und über homosexuelle Lebensführung, anderen Ethnien und Kulturen oder „Behinderung“ ist dabei? Kürzlich blätterte ich die Bücher danach durch und das Vielfältigste, was ich in den Händen hielt, war die eigensinnige Pipi Langstrumpf oder die mutige Ronja Räubertochter (wobei die beiden letzteren gerade mit rassistischer Original-Sprache und vor allem komplett patriarchalen Welt zu tun haben.). Am besten waren noch die Kleinkinderbücher mit Geschichten, die in die Tierwelt verlagert sind wie Heule Eule, Bücherschnapp, Regenbogenfisch oder der Elefant Elmar. Alles andere, so wunderschön die Bücher auch waren, verhält sich im Rahmen einer heteronormativen Welt. Es gab nichts zu Inklusion. Lediglich andere Kulturen und Ethnien kamen zur Sprache. Ich hatte bisher einfach nicht darauf geachtet.

Neue Kinderbücher braucht das Land

Aus diesem Grund habe ich mir neue Kinderbücher gesucht, geeignet für das Alter meiner Kinder, also von 3 bis 6 Jahre. Die Suche ist fortdauernd – und gestaltet sich schwierig. Denn was ich suche, sind nicht ein paar betuliche Geschichten darüber, dass der nette Behinderte auch cool sein kann oder die lieben Ausländerkinder in die Kita kommen. Das finde ich ebenfalls ausgrenzend und einfach schrecklich. Einige der Bücher, die als nicht-normativ gelten, stelle ich unten vor. Darüber hinaus habe ich auch noch riesige, tolle, Spaß machende Literaturlisten gefunden und verlinke sie unten.

Dies vorweg: Ich bin immer noch nicht zufrieden oder glücklich mit meiner Ausbeute und suche weiter. Von jeher lese ich meinen Kindern beispielsweise bei Berufsbeschreibungen in Wimmelbüchern oder beispielsweise in der „Was ist was“-Reihe beide Geschlechtsvarianten vor. „Die Kinderärztin oder der Kinderarzt“, „der Bauarbeiter oder die Bauarbeiterin“. Was das dreijährige Kind damals zu der wunderbaren Frage brachte: „Mama, können Männer eigentlich auch Bundeskanzlerin werden?“ Und ich: “Ja, das können Männer genauso gut wie Frauen.“

Aber zurück zu den gefundenen Büchern, die sich den Themen Geschlechterstereotypen, sexuelle Identität, special needs und Behinderung, unterschiedlichen Ethnien und Kulturen so hingebungsvoll annehmen: Das Problem ist, dass sie sich dieser Themen annehmen. Es sind pädagogisierte Bücher, die das Richtige wollen, nur alles im abgezäunten Bereich. „Jetzt widmen wir uns mal den armen Ausländern“ steht eigentlich über einem Buch, das mit tollen Zeichnungen und guten Argumenten für Toleranz, Vielfalt und Multikulti steht. Oder aber: „Die Geschlechterstereotypen sind xyz, aber du darfst auch gerne Plan B machen. Ist dann aber mal was anderes.“ So nämlich bei der Geschichte von Paul, der gerne mit Puppen spielen würde, sich aber nicht traut, weil er ein Fußball-Ass ist und Angst vor den Reaktionen seiner Fußballkumpels hat. Hier werden alle Geschlechterrollen durchgekaut, bevor Paul und seine Freunde mit Puppen und Kleidern spielen dürfen. Die ganze Zeit über bleibt aber klar: Paul übertritt eine Grenze, das sind eigentlich Mädchensachen, aber die Jungs und er dürfen sich dann trotzdem mal verkleiden.

Anstatt in besonderen Kinderbüchern zu betonen, dass Anders-sein total toll und selbstverständlich ist, wäre es schön, wenn alle Kinderbücher eine vielfältige Welt zeigen würden. Conni im gleichgeschlechtlichen Elternhaus! Mia and Me in Jeans und bequemem Schuhwerk, der Elfenjunge mit Perlen im Haar, behinderte Protagonist_innen, zahlreiche Ethnien und Kinder, die sich nicht erst an sexuellen Stereotypen abarbeiten müssen, um dann sensibel mit Puppen oder wild Fußball spielen zu dürfen.

Was mir fehlt sind Kindergeschichten über Freundschaft, Neid, Wut, über Tiere, Fußball und Prinzessinnen, die in einer vielfältigen, diversen Welt stattfinden. Einer Welt, in der die Kinder Kinderspiele spielen, ohne Klischees von Fußballjungs und Puppenmädchen zu bedienen oder betont locker eine Fußballmädchengeschichte zu erzählen. Aber nein, in den meisten Kinderbüchern ist die Welt weiß, heteronormativ und Mama bleibt nachmittags bei den Kindern.

Diversity in Kinderbüchern. Eine Auswahl

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1. König und König

Inhalt: Die alte Königin möchte gerne in den Ruhestand gehen und ihre Verpflichtungen an ihren Sohn übergeben. Dafür muss dieser jedoch heiraten, um als König regieren zu können. Auch wenn ihm dies nicht behagt, willigt der Prinz schließlich ein, alle Prinzessinnen der Welt einzuladen. Für keine von ihnen interessiert sich der Prinz so richtig. Erst als eine der Prinzessinnen ihren Bruder mitbringt, macht sein Herz einen Sprung. Die beiden Prinzen verlieben sich ineinander, feiern Hochzeit mit allen andern und leben fortan als König und König.

Dieses Bilderbuch besticht durch seine klare und einfache Geschichte. Erst kann sich der Prinz für niemanden erwärmen und dann eben doch. Liebe ist Liebe. So einfach. Abgesehen davon gefallen uns die phantasievollen und detailreichen Bilder, auf denen es viel zu entdecken gibt. Eine lange Zeit war es bei uns das Lieblingsbuch. Es lebt eine Welt vor, in der Liebe kein Geschlecht kennt. Es geht um Liebe, Heirat und Familie und das steht bei meinen Kindern immer hoch im Kurs.
König und König. Linda de Haan und Stern Nijland.Hildesheim: Gerstenberg, 2009
Altersempfehlung ab 4 Jahren.

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2. Luzie Libero und der süße Onkel

Inhalt: Luzie ist in den Ferien bei ihrer Oma und freut sich am meisten auf den Besuch von Onkel Tommy. Obwohl er ihre Leidenschaft für Fußball nicht teilt, ist er viel aufregender als die anderen Onkel. Er macht ihr zum Beispiel immer neue Frisuren. Aber in diesen Ferien taucht Günther auf. Luzie mag Günther nicht, er ist ein Langweiler, hat doofe Haaren, aber ist offenbar Tommys Lebensgefährte. Luzie setzt alles daran, ihn loszuwerden. Doch Günther hat eine winzige Chance, Luzies Interesse zu wecken: Auch er ist ein leidenschaftlicher Fußballer!

Die Geschichte und die schönen, unsüßlichen Bilder überzeugen, weil sie aus Sicht von Luzie erzählen. Das Wundervolle an diesem Buch ist, dass es eigentlich gar nicht um gleichgeschlechtliche Lebensformen geht. Das Buch handelt von Zuneigung, Enttäuschung, Eifersucht und Wut. Im Fokus der Geschichte steht Luzie und ihre Beziehung zu ihrem geliebten Onkel.  Die gleichgeschlechtliche Liebe wird ganz selbstverständlich und unaufgeregt mit erzählt.

Luzie Libero und der süße Onkel, Pija Lindenbaum. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2007
Altersempfehlung: ab 4 Jahre

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3. Paul und die Puppen

Inhalt: Paul ist ein guter Fußballer und trifft immer ins Tor. Sein Papa findet das toll und auch die anderen Jungen im Kindergarten. Alle wollen ihn in der Mannschaft haben und sie wollen auch mit ihm raufen. Paul will aber viel lieber mit seiner Puppe spielen und ist genervt vom Fußballfieber. Eines Tages lässt er seinen Ball einfach zu Hause und nimmt seine Puppe mit. Er gesellt sich zu den Mädchen. Die spielen mit ihren Puppen und brauchen lange, bis sie ihn mitspielen lassen. Doch dann haben sie richtig viel Spaß und verkleiden sich mit Ballkleidern. Als die anderen Jungen dazu kommen, läuft Paul lieber aufs Klo und versteckt sich dort. Er befürchtet negative Reaktionen, wenn sie ihn im Kleid sähen. Es kommt aber anders: Am Ende verkleiden sich alle Kinder und spielen gemeinsam Fußball.

Schön ist, dass in diesem Bilderbuch ganz selbstverständlich Kinder unterschiedlicher Ethnien und mit unterschiedlicher Hautfarbe dargestellt werden. Allerdings werden bis zum Ende der Geschichte die klassischen geschlechterspezifischen Aktivitäten von Jungs=Fußball, Mädchen=Puppen und Prinzessin statuiert, auch wenn Paul sich in der Zuschreibung nicht wohl fühlt. An der Geschichte gefällt mir auch nicht so gut, dass Paul dem Spiel mit den Puppen eine Dynamik und Phantasie verleiht, die dem Mädchenspiel vorher nicht zugeschrieben wurde. Obwohl Paul erst Angst vor Hänseleien hat, passiert dann aber doch nichts und die Geschlechterzuschreibung lösen sich in Wohlgefallen auf.

Ich lese das Buch nicht vor, da meine Kinder die eigentliche Message des Buchs bereits lautstark kundtun: „Alle Farben sind für alle Kinder da. Alle Spiele sind für alle Kinder da“. Da möchte ich nicht mit einem Buch dazwischen grätschen, das bis zum Schluss etwas anderes propagiert.

Vielleicht eignet sich das Buch für Kinder, die schon eine starke Geschlechterrollenzuschreibung erlebt haben und diese auch weiterhin leben wollen. Dann könnte das Buch hilfreich sein, um aufzuzeigen, dass eben Spiele für alle Kinder da ist und allen Kindern Spaß machen können. Vielleicht eignet es sich auch für Jungs, die das Bedürfnis nach Puppen und Kleidern geäußert haben und zu schüchtern sind, das Interesse auch in der Kita öffentlich zu leben. Ob die sich aber mit dem Fußball-Ass Paul identifizieren können, finde ich sehr fraglich. Insgesamt bin ich mit dem Buch eher unzufrieden.

Pija Lindenbaum: Paul und die Puppen. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2008
Altersempfehlung: ab 4 Jahren

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4. Jakob ist kein armer Vogel

Inhalt: Jakob ist ein Albatros, allerdings kann er nicht fliegen. Ist er nun kein richtiger Albatros? Diese Frage stellen sich die Nachbarn von Jakobs Eltern. Schließlich können alle Albatrosse fliegen – nur Jakob nicht. Jakob soll aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden. Seine Eltern und seine Freunde machen sich große Sorgen um ihn – bloß Jakob selbst nicht. Er ist zufrieden, denn er kann zwar nicht fliegen, aber ein armer Vogel ist er deswegen noch lange nicht. Um ihm zu helfen, macht sich seine Mutter auf eine lange Reise. Am Ende findet Jakob seine Stelle in der Albatros-Gesellschaft.

Man könnte meinen, die Geschichte ist zu betont pädagogisch. Aber für uns funktioniert sie sehr gut, denn sie ist sehr einfühlsam erzählt. Die Reise der besorgten und liebenden Mutter zu den zahlreichen Weisen (alles männliche Figuren, übrigens) erinnert mich, mit meinem geringen Wissen über das Leben mit special needs-Kindern, an die Reise von Ärztin zu Ärztin, Arzt zu Arzt. Momentan ist das eines der Vorlesebücher meiner 5-jährigen Tochter. Sie ist natürlich auf der Seite von Jakob und will nicht, dass er aus der Gemeinschaft der Albatrosse ausgestoßen werden muss. Und wie das bei fünfjährigen Kindern ist, hat sie schon eine Menge verstanden: „Jede_r kann etwas gut. Nur manche vielleicht weniger als andere. Aber das ist ok“, sagt sie. Außerdem kann sie sich mit Jakob identifzieren. Denn etwas nicht gut oder gar nicht zu können, kennt jedes Kind.

Gabriele Heiser: Jakob ist kein armer Vogel! rororo rotfuchs

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5. So bin ich und wie bist Du

Inhalt: Es geht ums Ganze: Toleranz, Integration, Inklusion, kulturelle Vielfalt. „So bin ich und wie bist du?“ ist aus der Zusammenarbeit mit Kindern entstanden und entsprechend freimütig und konkret. Ob es um den Fast-nackt-Einkäufer im Supermarkt geht, der nicht jedes Auge erfreut, oder um das eigene Ich, das schutzbedürftig und liebenswert ist wie ein kleiner Welpe. Pernilla Stalfelt buchstabiert das Thema Toleranz so unterhaltsam und witzig durch, dass man gar nicht merkt, wie sehr man ins Mitdenken gerät.

Das Buch hat ein komplexes und vielschichtiges Thema, dementsprechend wirr und wild ist das Anschauen und schwierig das Verstehen für eine Fünfjährige. Aber mit einigen Dingen kann auch der Dreijährige schon etwas anfangen. Das Buch hat einen Erklärbar-Modus, es erzählt keine Geschichte. Hat aber dafür wilde und schöne Illustrationen. Mir gefällt auch, dass die Problematik von Toleranz (Wann ist es zu viel? Wann muß ich stop sagen, wann darf ich es?) thematisiert wird. Ein Buch, durch das sich viele Gespräche entwickeln können. Das Buch nimmt sich der Sache an und zeigt, wie es gerechter, toleranter und freier zugehen könnte. Dadurch, dass es ein Erklär- Buch ist, verfällt es immerhin nicht in andere Fehler, wie Ungleichheit zunächst statuieren, um sie dann abzubauen.

Pernilla Stalfelt: „So bin ich und wie bist du?“.  Klett Kinderbuch, 2014.
Altersempfehlung ab 5

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6. Alle da

Inhalt: „Alle da“ ist auch im Erklärmodus, der aber locker geschrieben ist und von greifbaren Illustrationen garniert wird. Es geht um Migration, um Krieg, Armut, Flucht, Asyl und um das Teilen. Letztendlich besteht die Einsicht: Wie sind alle irgendwann einmal von woanders her gekommen und leben jetzt alle hier.

Das Buch ist großartig, wenn auch komplex und vielschichtig. Für kleine Kinder ist es noch etwas herausfordernd. Aber gerade für jüngere Kinder ist es wichtig, die Themen in die eigene Erlebniswelt zu überführen. Beispielsweise kann man darüber sprechen, welche Vorfahren der Familie aus welchen Ländern stammen. Warum manche Leute auf der Straße eine andere Sprache sprechen und wir sie nicht verstehen können. Oder man kann erklären, warum es, wie bei uns in der Stadt, so viele Gegendemonstrationen gegen die Pegida / Dügida gab und was das mit „Teilen können“ zu tun hat. Das Thema „Teilen“ hat seit der Demo gegen Dügida eine neue Komponente für uns hinzugewonnen und die Kinder sprangen auf den Gedanken sofort an. Teilen kennen sie von St. Martin. „Natürlich muß man teilen, auch wenn man dann weniger hat. Wenn die anderen sonst noch weniger hätten – dann ist das nur gerecht!“ Andere Menschen mit anderen Sprachen leben hier, weil sie hier arbeiten oder studieren wollen. Oder sie leben hier, weil wir teilen wollen und weil Menschen flüchten mussten und Asyl benötigen. Das ist ein komplexer Sachverhalt, aber das Buch zeigt viele Schnittstellen auf, an denen man thematisch andocken kann, um sie Kindern begreiflich zu machen.

Anja Tuckermann, Tine Schulz: Alle da! Unser kunterbuntes Leben. Klett Kinderbuch, 2014.
Altersempfehlung: ab 5

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7. Echte Kerle

Inhalt: Zwei Brüder reden abends im Bett über Mädchen. Voll langweilig sind die, kämmen den ganzen Tag ihre Puppen, machen sich vor Angst in die Hosen, nee, pah! – ins Nachthemd. Und glauben doch tatsächlich an Gespenster!!! Sowas Blödes, die gibt’s doch gar nicht, die Gespenster! Oder? Oder doch? Plötzlich müssen die beiden dringend Pipi machen. Und danach finden sie ihr Bett nicht mehr, sondern flüchten zitternd zum friedlich schlafenden Schwesterchen, das nicht im Traum daran denkt, sich vor Gespenstern zu fürchten…

Wir mögen dieses Buch überhaupt nicht. Sorry. Trotz der tollen Beschreibungen, der Empfehlung von allen Gender-Buchlisten und trotz der Nominierung für Kinderbuchpreise. Denn es wird erstmal durchgekaut, warum Mädchen langweilig sind, warum sie nerven, wie sie Pipi machen und vor Gespenstern Angst haben. Ganz so, wie es die stereotype Geschlechterzuordnung will. Am Ende fürchten sich die Jungen zwar doch und retten sich mit Kuscheltieren, die sie vorher angeblich nicht nötig hatten, in das Bett der ruhig schlafenden Schwester. Aber ob die anderen Beschreibungen von Mädchen nun auch nicht stimmen, bleibt der Meinung der Kinder überlassen. Auch wenn das Ende nett ist, statuiert es für unseren Geschmack erstmal zu sehr, was an Mädchen angeblich alles uncool ist. Mädchen werden erstmal richtig gedisst. Ich bin mir nicht sicher, wie authentisch und glaubhaft es bei Kindern ankommt, dass die Jungs auf der ganzen Linie Unrecht hatten und nicht nur in der Behauptung, sie hätten keine Angst vor Gespenstern. Bei mir bleibt vor allem das Mädchen-Bashing kleben, das über 4/5 des kleinen Buchs einnimmt.

Manuela Olten: Echte Kerle. Beltz & Gelberg, 2012
Altersempfehlung: ab 5 Jahre

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8. Ein kleines bisschen anders. Vorlesegeschichten für 3, 4, 5 Minuten

Inhalt: 30 Geschichten erzählen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten und davon, dass man gut so ist, wie man eben ist. Jedes Kind ist etwas ganz Besonderes. Ein Kind redet ohne Unterlass, das andere spricht nur zu Tieren und ein anderes gar nicht, weil es niemand versteht. Es geht um Vorurteile, Schüchternheit, Missverständnisse, Toleranz und Aufgeschlossenheit.

Eigentlich geht es nicht speziell um Vielfalt, Ethnien oder Gender, sondern es geht um das individuelle anders sein. In diesem Vorlesebuch wird das Andere vielfältig dargestellt und es wird jedes Mal deutlich, dass Anders-sein ok und sogar wünschenswert ist. Einige Geschichten finde ich von der Tonalität eher etwas für deutlich über 6 Jährige geeignet, andere Geschichten gefallen dem Dreijährigen jetzt schon gut. Schön auch, dass sich die kurzen Geschichten hervorragend als Gute Nacht Geschichten eignen.

Katrin Hartmann (Hrsg.): Ein kleines bisschen anders. Vorlesegeschichten für 3-4-5 Minuten. Mit Illustrationen von Petra Eime. Beltz & Gelberg, 2015.
Altersempfehlung ab 5.

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9. Lila. Oder was ist Intersexualität?
http://db.intersexuelle-menschen.net/includes/pdf/Lila.pdf

Inhalt:  Alle Menschen sind verschieden. Es gibt Männer und Frauen. Oder? Intersexualität und ihre Hintergründe werden kindgerecht erzählt. Lila ist die Mischung aus blau (männlich) und rot (weiblich), ähnlich wie die Intersexualität. All diese Vielfalt macht unsere Welt bunt.

Keine Altersempfehlung, ich würde sagen: ab 5.

Das Buch ist über das pdf komplett einsehbar. Herausgeber ist der Bundesverband Intersexuelle Menschen, über dessen Webseite das pdf frei zugänglich ist.

Literaturlisten für Diversity-Kinderbücher

Die angekündigten Literaturlisten findet ihr hier auf meinem Blog unten im Text. Bitte klickt da rein, es sind so tolle Kinderbücher dabei, ihr werdet Euren Spaß haben allein die Kurzbeschreibungen zu lesen. Die Listen sind sehr aufschlussreich: Coverbild der Bücher, Kurzbeschreibung, teilweise mit pädagogischer Herangehensweise als Vorschlag, und Altersempfehlung ausgestattet. Ich verteile eine Auswahl der Bücher als Wunschliste an Verwandte und lasse sie uns schenken. Ich freue mich schon darauf.

Über die Autorin: Ich bin Sonja und notiere mir als Mama notes mein Zeug ins Internet. Auf meinem Blog teile ich die schönen und (aber)witzigen Momente des Familienlebens genauso, wie die chaotischen und unperfekten. Denn für mich gehört beides dazu. Neben Familienerlebnissen, verblogge ich meine Erziehungsexperimente, rezensiere Bücher und schreibe über meine Selbstfindung als Mutter und Mensch, über Feminismus, Job und Vereinbarkeit sowie immer mal wieder halbgare politisch-gesellschaftliche Themen.

Beitragsbild: fly via flickr CC BY 2.0 Lizenz

7 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel! Wir werden uns Stück für Stück durch lesen🙂

  2. Ein paar schöne Leseempfehlungen wurden auch von der ORF-Redaktion zusammengetragen: http://orf.at/m/stories/2286682/2286676/ – Danke an umstandslos-Leserin Marlies W. für den Hinweis! [Anmerkung: Enid Blytons „Fünf Freunde“ würden wir wegen des Antiziganismus darin nicht empfehlen – ohnehin darf darin nur eine der Freund_innen aus dem Genderstereotyp ausbrechen]

  3. Hallo!
    Ich blogge auch über nicht-normative Kinderbücher. Ich freu‘ mich, wenn ihr mal reinschaut🙂

  4. Pingback: Der Genderwahn der bösen Wölfin |

  5. Liebe Sonja, ich freue mich auf deinen Blogartikel aufmerksam geworden zu sein. Ich schreibe selbst einen Blog und Geschlechterfragen, Diversity und ähnliches sind auch immer wieder Themen, die mich beschäftigen. Als werdende Mutter habe ich angefangen über meine Schwangerschaft in einem Blog zu schreiben. Insbesondere meine Rolle als (schwangere) Frau und wie ich wahrgenommen wurde, spielte eine zentrale Rolle. In meinem aktuellen Beitrag geht es jedoch mehr um Darstellungen in Kinderbüchern. Bei meiner Recherche wurde ich dann auf deinen Artikel aufmerksam und habe dich daher in meinem Artikel verlinkt. Wenn du mehr erfahren möchtest, schau doch einfach mal vorbei. Vielen Dank. Liebe Grüße Dana (Lilly Konfusius) http://schwangerschaftsturbulenzen.com/2015/12/03/rollenvielfalt-in-kinderbuchern/#more-561

  6. Pingback: Neue Kinderbücher braucht das Land - „gerne anders!“

  7. Hallo Sonja,

    ich bin vor kurzem auf ein schönes Kinderbuch gestoßen, welches das Thema Vielfalt ganz selbstverständlich erklärt für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Der Titel ist „Bunt, gleich und anders… wie Du und ich.“ Die Bilder sind sehr schön und am Ende, kann das Kind sich selbst mit der Familie, dem besten Freund oder Freundin oder dessen Haustiere malen. Hier ist die Seite: http://www.diaab.de/de

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