Super Mario Spiele spielen nicht nur Jungs

von Patrice (zuerst erschienen bei familierockt)

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Warum Mädchen seltener Computerspiele spielen und Buben schlechter lesen können. Es aber gleichzeitig sehr wohl Spiele gibt, die Mädchen gerne spielen.

Selten sieht man die SpieleprogrammiererInnen in den Medien. Über Spieleentwickler Mike Mika haben Zeitungen in der ganzen Welt geschrieben, und mittlerweile wird er auch in Fernsehshows geladen. Warum? Weil er eine dreijährige Tochter hat, und dieses Mädchen liebt Computerspiele und Mike Mika liebt auch Computerspiele, und er liebt seine Tochter. Als sie eines Tages bei ihrem Lieblingsspiel Donkey Kong nicht als Super Mario die arme Prinzessin Pauline retten wollte, sondern in der Rolle als Prinzessin Pauline den armen Mario, vergrub sich Mike Mika eine Nacht lang in den Codes des Programms und schuf die Version: Donkey Kong: Pauline Edition. Er wollte damit vor allem erreichen, dass die Leidenschaft seiner Tochter für Computerspiele nicht abnimmt.

FrauenrechtlerInnen lieben ihn, ProgrammiererInnen nicht so

Seine Tochter hatte vorher schon sehr gerne Super Mario 2 gespielt. Bei diesem Spiel können die Rollen zwischen Prinzessin und Super Mario vertauscht werden. Selbstverständlich nahm die Kleine also an, dass das auch bei anderen Spielen gehen müsste. Mike Mika wollte ihr den Gefallen tun und wusste natürlich, dass das Experiment seinen Hacker-FreundInnen gefallen würde. Dass danach aber die ganze Welt nach Kansas blickt, hatte er sich nicht gedacht. Seither denkt auch er in vertauschten Rollen. Mike Mika sieht die Welt nun mit den Augen einer Dreijährigen und interessiert sich plötzlich für Geschlechterrollen und Emanzipation. Aber nicht alle waren begeistert von seinem kleinen Sabotage-Eingriff. Nicht alle ProgrammiererInnen finden hacken cool, aber in diesem Fall dürfte auch der emanzipatorische Kontext des Hackens die Gemüter besonders erregt haben. Mike Mika bekam sogar Morddrohungen!

Warum Krystal in einen Catsuit gezwungen wurde

47 % aller Computerspieler sind Computerspielerinnen – also Mädchen und Frauen! Viel mehr als man denkt, oder? Trotzdem sind nur 17 % aller MitarbeiterInnen in der Spielebranche Frauen und die meisten Spiele richten sich an Teenagerbuben. Dabei hätte sich die Spielebranche auch ganz anders entwickeln können – wenn weniger stereotyp denkende Männer in Entscheidungspositionen sitzen würden.  Beispielsweise wurde Anfang des Jahrtausends das Nintendospiel Der Dinosaurier Planet entwickelt. Die Hauptperson sollte Krystal heißen. Sie war eine schlaue Füchsin mit übersinnlichen Kräften. Sie kämpfte gegen große gefährliche Gegner und war leger gekleidet. Doch die Chefs von Nintendo mochten Krystal nicht. Sie wurde daher durch einen schlauen Fuchs ersetzt, das Spiel wurde in Star Fox Adventures umbenannt, Krystal durfte zwar bleiben, erhielt aber ein neues Outfit. Ein ziemliches sexy Outfit natürlich. Außerdem kämpfte sie nicht mehr selber, sondern wurde zur Damsel in Distress. Eine Damsel in Distress ist ein Fräulein in Not sozusagen. Sie wird gewöhnlich entführt und dann vom Helden errettet. Alleine ist sie verloren. So werden ganz bewusst Rollenbilder verstärkt und Kinder fügen sich hier ein. Wenn Computerspiele vorrangig für Buben produziert werden und auch von der Gesellschaft angenommen wird, dass Computer eher etwas für Jungs sind, dann werden auch Jungs eher zum Kontroller greifen.

Machen Computerspiele aggressiv und süchtig?

Dass Videospiele aggressiv machen, können Studien nicht belegen. Buben, die viele Egoshooters spielen, gehen nachher nicht auf die Straße und erschießen echte Menschen. Dass Computerspiele aber süchtig machen, ist keine Frage. Man braucht ein Kind nur aufzufordern den Kontroller wegzulegen und schon glaubt man sich in einer Szene aus Trainspotting wiederzufinden. Schreien, Schlagen, Spucken und Liebesentzugsdrohungen auf dramatischem Niveau sind die Folgen.

Machen Computerspiele dumm?

Der profilierte britische Psychologe Philip Zimbardo brachte 2012 das Buch „The Demise Of Guys: Why Boys Are Struggling And What We Can Do About It”. heraus. Seine These: Buben verbringen in der Regel zu viel Zeit vor dem Computer. Sie konsumieren zu viele Spiele und zu viele Pornos. Das Gehirn gewöhnt sich an die ständige Stimulanz und fordert pausenlos neue spannende oder extreme Eindrücke. Dadurch können sich die Buben schwer auf den Schulunterricht einstellen, wenn dieser sehr analog, passiv und langsam vor sich geht. Auch romantische Beziehungen entwickeln sich im echten Leben viel langsamer und emotionaler, als es die Buben im Internet gelernt haben. Fakt ist nämlich: Buben spielen mehr Computerspiele und können schlechter lesen als Mädchen. Und hier dürfte ein Zusammenhang bestehen. Aber warum ist das so? Warum spielen Buben lieber Computerspiele als Mädchen? Das Lesen ist ja keine außergewöhnlich anspruchsvolle Fähigkeit. Viel plausibler ist, dass es nicht mehr als männlich gilt, Bücher zu lesen, genauso wenig wie es als männlich gilt, sich um jemanden zu sorgen, oder über Gefühle zu reden und Gefühle zu zeigen. Nicht nur die Väter, auch Mütter sind sehr empfindlich, wenn es um die Geschlechteridentität ihrer Kinder geht. Ein Mädchen mit kurzen Haaren oder ein Bub, der mal eine Barbiezeitung lesen will, rufen bei vielen Müttern tiefe Ängste hervor. Nur ein bubiger Bub ist ein gelungener ganzer Junge. Nur ein mädchenhaftes Mädchen ist ein gelungenes herzeigbares Mädl.

Die sexistische Welt der Computerspiele

Die Computerspielewelt ist keine Parallelwelt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Sie ist genauso sexistisch und unreflektiert wie die reale Welt. Buben werden tendenziell dazu erzogen, sich als etwas besseres als Mädchen zu fühlen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Buben schon als Kinder und auch später im Leben mit unfairen Mitteln versuchen Frauen als Konkurentinnen auf Abstand zu halten. Sie drängen sich vor, werten Frauen ab und präsentieren sich ungeniert als kompetenter als sie sind. Genauso wollen viele keine Mädchen in ihre Computerspiele-Welt einbinden. Das ergab auch eine Studie an der Universität von Ohio. Wenn Burschen glaubten, hinter einer Spielfigur stünde ein Mädchen, waren sie herablassender und gemeiner zu ihr und zwar unabhängig davon, ob es tatsächlich ein Mädchen war und wie die Person im Spiel agierte.

Computerspiele müssen nicht sexistisch sein

Mädchen haben tendenziell einen anderen Umgang mit Computerspielen als Buben. Während viele Buben und Männer das Spielen als leidenschaftliches Hobby betreiben, spielen Mädchen oft nur dann, wenn es nichts Besseres zu tun gibt. Sie wählen Spiele, in denen sie Gefühle wie Leidenschaft oder Frustration ausagieren können. Buben sehen ein Spiel eher wie ein Buch, mit Anfang und Ende, in das man sich tagelang vergräbt bis man es geschafft hat. Es gibt aber Ausnahmen. Beispielsweise begeisterte Zelda in den 90 er Jahren Buben wie Mädchen, Männer wie Frauen. Obwohl es im Grunde ein Kampfspiel war. Aber es fehlte die typische Helden-Ästhetik der Computerspielewelt, die eindeutig Männern Identifikationsfläche bieten soll. Muskelmänner mit coolen Stimmen, die mit technologisch aufwendigen Waffen Frauen retten, gab es in Zeldas Welt nicht. Es musste nicht nur gekämpft sondern auch gerätselt werden. Die Entwickler von Zelda haben scheinbar begriffen, dass man auch mit Spielen Geld verdienen kann, die unisex funktionieren. In der neuesten Version gibts sogar eine Vaterfigur, die mit Baby am Rücken in einem Topf Suppe rührt.

Hannah und Claas

Das heutige Rollenbild verlangt nach hübschen, kommunikativen, sozial kompetenten und tüchtigen Mädchen à la Hannah Montana und nach frechen, technikaffinen Buben, die nicht mithelfen brauchen und vor allem das Leben genießen wollen á la Yoko und Claas.

Buben spielen bubige Computerspiele, weil es in das Rollenbild passt, das die Gesellschaft für sie zugeschneidert hat. Mädchen spielen weniger und andere Spiele, weil Computerspiele weniger in ihre Geschlechterrolle eingearbeitet sind. Wir sollten uns die Frage stellen, wie sich das später auf unsere Kinder auswirkt: Unsere Töchter dürfte die Hannah-Montana-Erziehung die Eingliederung ins Arbeitsleben kaum erschweren. Sie werden lernbegierig, kompetent und tüchtig und selbstbewusst sein. Die Buben hingegen könnten sich schwerer tun. Wer will schon spaßverliebte, verantwortungslose Männer einstellen, die kaum Lesen und Schreiben können?

Das Problem hat Mike Mika nicht. Sein Sohn spielt gar nicht gern Computerspiele. Umso glücklicher ist er, dass seine Tochter seine Leidenschaft teilt.

Patrice Fuchs ist Herausgeberin von familierockt, „ein Blogportal für coole Elternblogs, ein Magazin für erwachsene Menschen, die mit Kindern leben und außerdem ein Printmagazin und eine TV-Show“ und bloggt selbst unter Absolute Patrice.

Bild (c) familierockt

Beitrag erschienen in: spielen

 

 

 

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