Über 4,12 cm

von Susi

Was viele nicht wissen (oder verschweigen) ist, dass das Leben auch vor dem Tod vorbei sein kann.

Fast jeder kennt jemanden, dem das passiert ist – ein Abort, eine Fehlgeburt, eine stille Geburt, oder gar eine Totgeburt. Fehl-Geburt, also ein Fehler, etwas nicht richtig Gelaufenes. Zitat aus einem Kommentar eines Internetforums: „“Fehlgeburt“, als ob man einen Fehler gemacht hätte, eine Aufgabe nicht richtig bewältigt, als ob Scham angebracht wäre.“

Die Wörter sind grausam – in meinem Fall war es eine missed abortion, eine verhaltene Fehlgeburt, nach den ach so unsicheren ersten drei Monaten, in denen es angeblich nicht erlaubt ist, sich über die Freude der Schwangerschaft mitzuteilen.

Vor nun etwas mehr als einem Monat ist mir das passiert. Unerwartet. Ich habe mich in der Schwangerschaft, die nicht geplant aber doch erwünscht war, mit vielen Ängsten geplagt: wie wird es um meine Freiheit bestellt sein, lassen sich alternative Beziehungskonzepte damit leben, wer wird wann in Karenz gehen, wo kommt das Geld her; wird es meine Partnerschaft beeinflussen und uns in alte Rollenbilder drängen…wer wird mich bzw. uns unterstützen, wenn Familie oder FreundInnen eher mit sich selbst beschäftigt sind…wie vereine ich meine feministischen Ideale mit der Mutterschaft…wie gehe ich mit meiner eigenen Angst vorm Krankwerden um, da dies meiner Mutter früh passiert ist, und sie somit nicht ihren mütterlichen Pflichten nachkommen konnte – wie auch immer diese definiert sind.

Womit ich mich in der Schwangerschaft gar nicht auseinandergesetzt habe, war das Thema Fehlgeburt. Vor so vielen Dingen fürchtete ich mich, aber nicht davor, dass die Schwangerschaft plötzlich vorbei ist. Ich war stark in dem Glauben, dass mit dem kleinen Ding in mir alles ok ist.

Und dann war plötzlich nichts ok. Ich hatte Schmerzen, die ich als Begleiterscheinung der Schwangerschaft interpretierte. Und war irgendwie nervös, hatte furchtbare Alpträume. Also direkt vom Job in die Ambulanz, Ultraschall, ich dachte mir: Wow, groß ist es schon…dabei hatte es keinen Herzschlag mehr. Dann musste ich gleich zur Ausschabung dableiben.

Nun einige Wochen und viele Tränen später weiß ich, dass diese Erfahrung leider auch „normal“ ist.

Trotzdem bin ich noch immer wütend, wütend darauf, das Gefühl haben zu müssen, dass es gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, über so eine Erfahrung zu sprechen. Über die Reaktionen auf den Verlust könnte ich ein eigenes Buch schreiben – am liebsten war mir, wenn gemeint wurde „ich weiß nicht was ich sagen soll“, besser als gut gemeinte Ratschläge wie, es gleich noch mal zu probieren.

Tod und Krankheit haben in unserer Kultur keinen Platz. Der vorgeburtliche Tod noch weniger. Warum? Vielleicht weil das noch kein „Mensch“ war, außerhalb unserer Vorstellungskraft, noch nicht mal an einem Babybauch sichtbar, nur im Leid der nicht gewordenen Mutter. Und am Leid des nicht gewordenen Vaters*. Und die Welt verlangt rasend schnell dass frau wieder funktioniert. Und man(n) ebenso, man(n) wird oft vergessen, welcher sein Nicht-Vater-werden ganz anders betrauert und dem das körperliche Erleben der Schwangerschaft fehlt, im Guten wie im Schlechten.

Was an einer Fehlgeburt so schmerzhaft ist? Die Vorstellung loslassen zu müssen, dass in 40 Wochen (oder in meinem Fall noch 27) auf einmal ein kleiner Mensch in meinem Leben ist, mit seinen Bedürfnissen, Wünschen, seiner Eigenart…auf den man sich einstellt, mental vorbereitet.

In irgendeinem Internetforum habe ich gelesen, dass ein Embryo oder Fötus ja noch kein Kind ist- sondern nur die Möglichkeit eines Kindes; aber ja – genau diese Möglichkeit nicht haben oder vollenden zu können mit der Geburt eines Babies, genau darin liegt die Enttäuschung.

Für Fehlgeburten gibt es viele Gründe und sie sind so „normal“ wie „richtige“ Geburten bzw. ist eine von fünf Geburten (oder auch drei, wie auch immer – fuck the statistik!) sozusagen ein fail… Trotzdem ist es nicht normal darüber zu sprechen und es gibt keinen normalen Umgang damit. Keinen rechtlichen Umgang (die Neos schlagen zum Beispiel vor, dass es eine Art kurzen Mutterschutz für Fehl- und Totgeburten geben soll…) und medizinisch ist man (eigentlich vor allem frau) auf das Glück angewiesen, sozial kompetente ÄrztInnen anzutreffen. Oder sich selbst zu informieren…ich habe gegoogelt und gegoogelt, bin vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Jetzt weiß ich nach der ärztlichen Nachkontrolle, dass ich gesund bin und dass man nie den genauen Grund des „Abgangs“ wissen wird.

Mich hat es zusätzlich aufgeregt, dass mein „Baby“ dadurch, dass die Angelegenheit im Krankenhaus passiert ist, nicht in meinem Eigentum ist und frau nicht automatisch aufgeklärt wird, was mit den Embryos/Föten passiert (kommt das einfach zum Krankenhausmüll?). Das hab ich einem langem Mail dem Krankenhaus geschrieben und mit keiner Antwort darauf gerechnet – die aber dann doch, fünf Wochen nach dem „Abort“, kam – und ich konnte mir also den Fötus, auf Paraffinblöcken konserviert, abholen. Sieht in keinster Weise eklig aus und vor allem nicht wie man sich einen Fötus vorstellt, nur wie ein bisschen Haut in „drei fünfzentimetergroßen Stücken“. Allerdings ist die Möglichkeit einer Abholung nicht üblich – viel mehr ist der Fötus im Fall einer Ausschabung Eigentum der Pathologie, es besteht aber die Möglichkeit einer Sammelbestattung.

Die Traurigkeit kommt in Wellen, vermischt mit Wut. Auch wenn ich nun weiß, dass ich gesund bin und dem Kinder machen bzw. kriegen nichts im Wege steht und vielen Frauen diese traurige Erfahrung beschert ist, trotzdem frage ich mich, warum es für mich so plötzlich wie ich in die Schwangerschaft geplumpst bin, so plötzlich wieder aus ist.

Mich macht diese Erfahrung philosophisch & spirituell (und natürlich unermesslich traurig…) – wo fängt das Leben an, wann nennen wir es Leben? Ist ein Fötus nur eine Ansammlung von Zellen und sind wir auf die Welt gekommenen Menschen mit unseren Lebensjahren nicht ebenso nur eine Zellansammlung?

Ist es nicht ein Wahnsinn, aus was wir entstanden sind und auf die Welt geboren wurden? Genau so könnte man ein Chromosomenfehler sein, und schon vorher „aussortiert“ werden…Das klingt vielleicht hart – und so hart und klug ist die Natur zugleich.

Susi M. Scheucher
Kunstpädagogin und Künstlerin, lebt in Wien.
www.superbiene.com

* Anm. der Redaktion: im konkreten Fall der Autorin und ihrem Partner „am Leid des nicht gewordenen Vaters“, in anderen Fällen möglicherweise auch am Leid der nicht gewordenen (Co-) Mutter oder (weiteren) Nicht-Eltern.

Beitrag erschienen in: kinder.los

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8 Kommentare

  1. So viele Frauen müssen diese Erfahrung machen und doch sprechen die anderen erst darüber, wenn man selber davon erzählt. Ich wünsche Dir viele gute Gespräche, Unterstützung und Umarmungen. Mögest Du vollständig heilen!
    P.S. Meine Geschichte findet sich hier: http://mamahatjetztkeinezeit.ch/geschichten/erfahrungsberichte/babys-machen/

  2. Sandra

    Liebe Susi. Du sprichst mir aus der Seele.

    Ich habe grade fast genau dasselbe erlebt. Missed abortion. Vor genau 2 Wochen hab ich während des Routine-Ultraschalls erfahren, dass mein Baby tot ist. Vor 10 Tagen war die Ausschabung im Krankenhaus. Das war alles viel zu plötzlich und abrupt und ad hoc. Grade als ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte, schwanger zu sein, war es auch schon wieder vorbei. Was für eine dichte komplexe emotionale Berg- und Talfahrt. Sehr sehr verrückt.

    Genau wie Du hatte ich, natürlich, überhaupt nicht damit gerechnet, wusste noch nichtmal so richtig oder hatte zumindest nicht auf dem Schirm, dass es sowas wie eine missed abortion gibt. Die 12-Wochen-Regel ist ja total abstrakt und theoretisch, wenn man selbst so sinnlich schwanger ist, mit Übelkeit, Brustwachstum usw., und „vom Besten“ für sich selbst ausgeht. Ich hatte noch nichtmal Blutungen, zu keinem Zeitpunkt außer direkt nach der OP. Das fand ich schon ziemlich zombie, dass etwas nicht-mehr-Lebendiges offensichtlich in mir verweilen möchte.

    Mir wurde durch die Episode klar, wie fragil, kostbar und wundersam doch der ganze Entstehungsprozess eines neuen Lebewesens ist. Und in der Verarbeitung erscheint mir das Wichtigste, der gemachten Erfahrung mit der größtmöglichen Liebe zu begegnen und nicht bitter oder mißgünstig zu werden (im Sinne von “ warum kriegen alle um mich rum so spielend leicht Kinder?“…). Mother Nature lässt sich eben am Ende des Tages doch nicht in die Karten schauen, und darin liegt für mich auch etwas Tröstliches.

    Sei umarmt. Für mich war es grade echt toll, Deinen Text zu lesen und ich fühle mich Dir sehr verbunden, weil wir fast zum gleichen Zeitpunkt diese unfassbare Erfahrung gemacht haben.

    In Liebe, Sandra

  3. susi

    liebe katharina,

    auch deinen text kann ich sehr nachvollziehen, vor allem das gefühl in watte gepackt zu sein und nichts mehr mitzubekommen. ich weiß auch nicht wie ich zu den letzten sätzen (deiner nachbarin) in deinem text stehe – ich habe mich noch nicht als mutter gefühlt. aber als werdende.
    danke für deine genesungswünsche! auch das mit der unterstützung ist nicht leicht – anfangs fühlte ich mich sehr umsorgt, nun habe ich das gefühl nicht mehr traurig sein zu dürfen.

    liebe sandra,

    ja! ich hatte auch keine ahnung was passiert. ist auch die frage, ob das was im guten oder schlechten ändert, wenn man vorher genau über fehlgeburten jeder art bescheid weiß. bezüglich der symptome wars bei mir tragischerweise genau andersrum – hatte nie übelkeit und sowas, erst als sich der abgang ankündigte..und fühlte mich ebenfalls zombie, mit etwas totem in mir drin.
    ich versuch dem ganzen auch mit liebe und zeit zu begegnen – das leben lässt einem halt auch nicht viel zeit, oder wie ein freundin gemeint hat: „zeit zum trauern haben ist luxus“. einerseits habe nun ich große ehrfurcht vor der fortpflanzung ansich, und sehe jeden menschen als was besonderes, und gleichzeitig ist es schon schmerzvoll, gerade jetzt im sommer soviele schwangere zu sehen. ich habe nun aber auch mehr respekt oder verständnis für die trauer bei anderen themen wie abtreibung.

    auch dir alles liebe
    susi

  4. Julia

    Es ist so traurig, dass in Deutschland in den meisten Fällen sofort ausgeschabt wird, ohne den Frauen. Zwei zu geben, sich von der Schwangerschaft zu verabschieden oder dir Möglichkeit eines natürlichen Abgangs bzw einer Einleitung mit cytotec in Betracht zu ziehen. Ich hatte vor 2,5 Jahren in der 16. Woche eine missed Abortion. Laut US war das Kind seit vier Wochen tot und ich hatte es nicht gemerkt. Ich habe die Ausschabung verweigert und bin nach Hause, wo ich mit Begleitung meiner Hebamme auf die kleine Geburt gewartet habe. Nach weiteren drei Wochen, als ihn nicht mehr warten wollte, holte ich mir Cytotec von meiner Frauenärztin. Zwei Stunden nach der Einnahme gebar ich meinen kleinen Sohn allein und selbstbestimmt Zuhause. Trotz aller Trauer war es ein wunderschönes Erlebnis, das mich sehr gestärkt hat. Paradoxerweise ging es mir danach wesentlich besser als unmittelbar nach dem ungewollten traumatischen Kaiserschnitt meiner (gesunden) Tochter zwei Jahre zuvor.
    Unser kleiner Junge liegt nun nahe bei uns in unserem Garten. Exakt ein Jahr nach seiner Geburt durften wir seinen kleinen großen Bruder ebenfalls Zuhause in unsere Arme schließen.

    Vielleicht ist der Weg, abzuwarten anstatt auszuschaben, nicht für jede Frau das richtige. Doch jede Frau sollte von dieser Alternative erfahren und selbst entscheiden können. Denn eine Ausschabung ist nur medizinisch wirklich nötig, wenn die Frau extrem blutet, Fieber oder andere Entzündungsanzeichen zeigt oder es eben psychisch nicht mehr aushält, zu warten.

    Ganz viel Kraft wünsche ich euch.

  5. Pingback: Am Abgrund Links – Mal wieder Trolle, Nazi-Sommer-Camps und Griechenland | Daran geht die Welt zugrunde

  6. Rose

    „Vielleicht weil das noch kein „Mensch“ war, außerhalb unserer Vorstellungskraft, noch nicht mal an einem Babybauch sichtbar, nur im Leid der nicht gewordenen Mutter. Und am Leid des nicht gewordenen Vaters*.“

    Seltsamerweise scheinen selbst „Männerrechtler“ (= Antifeministen) das Leid von nicht gewordenen Vätern nur dann schlimm zu finden, wenn die Frau abgetrieben hat. (Und wer von den Pro-Life (=Anti Choice) Aktivisten hat sich je dafür eingesetzt, dass fehlgeborene Embryos ein richtiges Begräbnis bekommen?)

    Das zeigt sehr schön worum es diesen Leuten in Wahrheit geht …

    Du schreibst, das Kind war nur in der Vorstellungskraft ein Mensch. Das stimmt, aber das bedeutet nicht, dass es deswegen nicht echt war. (Es gibt in „Harry Potter“ eine Stelle in der Harry fragt, ob er eine Begegnung nur träumt, und sein Gegenüber antwortet sinngemäß, dass es, nur weil es nur in seinem Kopf ist, darum nicht unwahr sein muss)

    Allein der Respekt vor den Gefühlen anderer Menschen sollte eigentlich gebieten, dass man Frauen die Möglichkeit gibt, die mit der Schwangerschaft verbundenen Hoffnungen würdig zu begraben. Ob es sich objektiv nur um einen Zellhaufen handelt, ist irrelevant.

  7. Pingback: Selbstbestimmt Fehlgebären. | umstandslos.

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