Abgetrieben

von Ama Zing

Mein erstes Kind wäre heute 30 Jahre. Mein zweites lebte nur 12 Wochen, bevor sein Herzschlag aussetzte. Mein drittes Kind ist mein ältester Sohn, heute 21. Mein viertes Kind ist mein zweiter Sohn, bald 17.

Die Entscheidung für die Abtreibung fiel mit dem Satz: „Du weißt aber eh, dass ich für das Kind nicht aufkommen werd!“

Mein damaliger Partner studierte noch und ich auch. Ich lag im Clinch mit meinen Eltern, war finanziell noch von ihnen abhängig. Also entschloss ich mich, das Kind abzutreiben, meinen Kinderwunsch auf später zu verschieben.

Zuerst fertig studieren, verdienen, ein Heim schaffen. Die Beziehung festigen.

Ich hab es nie bereut. Im Gegenteil. Oft war ich dankbar dafür, dass ich diese schwere Entscheidung getroffen habe. Alles wäre sonst anders gekommen. Ich hätte meine Liebe nicht kennengelernt. Ich wäre auf immer mit einem Menschen verbunden gewesen, durch das Band der Elternschaft. Ich bin dankbar, dass ich mit diesem Menschen nichts mehr zu tun habe. Heute erkenne ich ihn wahrscheinlich nicht einmal auf der Straße wieder. Hatte ich je Schuldgefühle? Nein, keinen einzigen Tag. Vielleicht wäre es anders, wäre ich kinderlos geblieben.

Die erste Regel mit 12, schwanger mit 25 – Abtreibung, dann eine Fehlgeburt, danach zwei Söhne. Ein ganz normales Frauenleben, geprägt von Beziehungen, Schwangerschaften, Trennungen, Mutterschaft und immer wieder loslassen. Meine Söhne sind bald beide erwachsen und werden aus dem Haus gehen.

Leider habe ich keine Tochter, die ich ins Erwachsenenalter begleiten durfte. Ob mein erstes Kind ein Mädchen gewesen wäre? Ich habe es immer als Buben gesehen.

Jetzt, nach 30 Jahren denke ich an dich, mein erstes nie geborenes Kind. Welche Möglichkeiten du gehabt hättest, welche Zukunft? Verzeih mir, kleine Seele, ich war verstrickt in Beziehung und Abhängigkeit, in Angst und Ablehnung.

Ich liebe dich, deine Mama

Beitragbild: Every Day for Choice by Jenn Farr via Flickr CC BY-SA 2.0

Beitrag erschienen in kinder.los

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3 Kommentare

  1. Pipi Riot

    wunderschön!

  2. sandra

    Hallo Ama.

    Ich hab grade nach 11 Wochen mein Baby verloren und grade tröstet mich Dein Text. Vor allem „…ein ganz normales Frauenleben… und immer wieder loslassen…“

    Schöner klarer wahrer Text.

    • Ama Zing

      Das freut mich sehr, dass dir mein Text Kraft gibt in dieser schweren Zeit. Verzweifle nicht. So etwas ist ganz „normal“ und passiert fast jeder Frau einmal. Du wirst wieder lachen können, dein Körper wird wieder stark werden und du wirst neue Hoffnung schöpfen! Alles Liebe
      Ama Zing

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