Macht es euch doch selbst!

von Marlene

Ich bin weiß, hab die Ausbildung und das Becken dazu. Eigentlich bin ich eine der Kandidatinnen_, an die die Forderung nach mehr Kindern im Land gerichtet ist. Ich sollte mich schuldig fühlen, dass ich die besten-dehnbare-Cervix-Jahre vergeude. Dass ich lieber eine Beziehung beende, weil es uns beiden nicht gut ging als in der Beziehungs-Pyramide aufzusteigen um am Ende die Krönung – „ein Baby!“ – abzuwarten. Dass ich viel lieber arbeite als mir zu überlegen, wann der beste Work-Life-Balance-Zeitpunkt wäre ein Kind zu bekommen.

Mähh, wieder so ein Kommentar von einer, die Karriere machen will. Hat sicher Näheprobleme. Immer dasselbe.

Vielleicht, wenn ich hier den Kommentar beenden würde. Tu ich aber nicht.

Letzte Woche hab ich einen neuen Bruder bekommen. Er ist noch klein und runzelig, hat einen komischen Rot-Ton im Gesicht. Aber vor allem hat er viele, viele lange schwarze Haare. Erst bei meinem zweiten Besuch hab ich ihn mal hochgenommen. Alles easy-peasy. Er ist nicht runtergefallen oder hat jetzt einen kaputten Kopf. Ich hab ihn getragen; schon wenn er begann zu maulen (klares Zeichen für, ich fang jetzt dann an, echt jetzt, ich schrei’ wirklich) bin ich eine Runde aus dem Wohnzimmer ins Kinderzimmer, dreimal um die Wiege in den Vorraum und wieder ins Wohnzimmer gegangen. Irgendwas Unverständliches hab ich auch gesummt. Ich kenne „Aua-hab-Bauchweh“-Gesicht und hörbar aus der Nase gepresste Schmerzluft, in Folge im besten Fall Rülpser und weiße Speibe. Ich kenne das Babygeschrei, das eine seltsame kosmische Frequenz hat, sodass es überall gleich laut hörbar ist, egal wie viele Wände da sind. Kurz: Ich habe wegen vieler jüngerer Brüdern Erfahrung damit, wie es ist mit Kindern zu leben.

Sie ist weiß, hat die Ausbildung und das Becken dazu. Und sie kann mit Kindern umgehen. Sie soll noch ein paar Jahre warten, dann sieht es anders aus.

Code für: Wenn du älter wirst, wirst du ein Baby wollen.

Deswegen habe ich auch viele unterschiedliche Erfahrungen. Vor allem auch die sehr schwierigen. Ich kenne die Müdigkeit, das Nicht-mehr-Wollen, eingeschlafene und krampfige Arme. Ich kenne das lieber Lesen-und-Rausgehen-Wollen als ein Kind durch die Wohnung zu schleppen. Ich kenne es lieber in der Schule zu sein (da hat man Ruhe) als zu Hause für Brüder verantwortlich zu sein. Ich kenne abwesende (in jeder Hinsicht) Väter und zum Zerbrechen überlastete (in jeder Hinsicht) Mütter. Ich kenne gewalttätige Stiefväter und noch immer abwesende Väter. Ich kenne es sich zu etwas zu zwingen, was man nicht will. Ich kenne es Brüder zu beschützen und für Mütter da zu sein. Ich kenne es alleine zu sein und Schmerzen auszuhalten.

Sie ist weiß, hat die Ausbildung und das Becken dazu. Sie kann mit Kindern umgehen und hatte eine schlechte Kindheit. Sie sollte ein Kind bekommen, damit sich später jemand um sie kümmert. Die Arme.

Nur-ein-Wort: Gusch!

Ich habe Brüder, die mich fragen, warum ich weiß, dass Blau Blau ist; die sich mehrmals am Tag umziehen um zu jeder Gelegenheit passend gekleidet zu sein; die Grimassen schneiden, dass man sich zerkugelt. Ich habe Brüder, die still sind und wunderbare Ideen ausbrüten; die ernst und seriös schauen wollen und dann ein Lächeln doch nicht unterdrücken können; die öfters in Schwierigkeiten kommen und Umarmen können. Ich habe Freund_innen die Philosoph_innen zitieren, kochen, Piercings drehen und immer gewinnen wollen; die Konzerte spielen, mit Kindern arbeiten und gerne kiffen. Ich habe Freund_innen, die auf Demos gehen und sich nicht vor Rechten fürchten; die sich nicht entscheiden können, ob sie Schoko- oder Vanillegeschmack besser finden; die gerne tanzen und dabei lustige Moves machen.

banksy_livesaver

Sie alle sind es, die mich nicht alleine machen. Wenn man schon wissen will, warum eine Frau keine Kinder bekommen möchte (in Wahrheit ist diese Frage zu 90 Prozent entbehrlich), sollte man sich die ganze Geschichte anhören. Immer wieder werden Frauenbilder (die elendige Karrierefrau, die geile Schlampe, die brave Mutter) produziert, die sich einen kleinen Part einer Persönlichkeit herauspicken und zum absoluten Definitionsmerkmal aufplustern. Immer wieder werden sie wie tatsächliche Frauen in eine Arena geschickt, um sich zu bekämpfen. Nach dem Motto: Mal sehen wer gewinnen wird.

Macht euer Spektakel, aber ohne mich. Denn: Manchmal mag ich mich um wen kümmern und Kinder kuscheln, manchmal mag ich gar nix machen und Serien schauen, manchmal mag ich viel arbeiten und Karriere machen, manchmal mag ich nur schmusen und Sex haben. Manchmal mag ich Miesmuscheln in Soße und manchmal mag ich Käsetoast mit Ketchup. Manchmal mag ich die Stadt verlassen und umziehen und manchmal mag ich ein Bier im Grätzel trinken.

Aber jetzt gerade mag ich nicht schwanger sein und/oder ein Kind bekommen. Das muss reichen. Wenn ihr „Ah, wir [das weiße, priviligierte Bürgertum] sterben aus!“-Männer unbedingt ein Kind wollt, dann macht es euch doch selbst.

Bild (c) Infrogmation of New Orleans Banksy Lifesaver Swinger Aug08B, CC BY 2.0

Beitrag erschienen in kinder.los

 

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