Kilian

von Christina

Ich erinnere mich an manches noch sehr gut. An anderes gar nicht. Vor allem erinnere ich mich daran, dass ich den Sommer davor und jenen danach beinahe vollständig vergessen habe. Eine Unendlichkeit von März bis Oktober.

Elf Jahre ist es jetzt her. Mit Mitte 20 funktionierte mein Leben ganz gut. Mein Germanistikstudium lief prima, ich hatte eine Hiwi-Stelle bei meiner Lieblingsprofessorin und ließ mich zur Aerobic-Trainerin ausbilden. Ich war Single und hatte hin und wieder eine mehr oder weniger heiße Nacht. Ich vermisste einen festen Partner und Familienträume, aber ich wollte sowieso nie wirklich den straighten Weg gehen, sondern ausschließlich meinen eigenen.

Gedanken an eine Zukunft als Linguistin, die für spannende Aufsätze angefragt wird. Forschung am Erst- und Fremdspracherwerb. Melancholische Nächte. Im Dunkeln am spärlich beleuchteten Esstisch sitzen und zu schwerem Jazz noch einen Whiskey vor dem Schlafengehen trinken. Ein weiblicher Lonely-Wolf als Gegenentwurf zum gesellschaftlichen Ideal. Ich erarbeitete mir verschiedene Visionen einer für mich attraktiven Zukunft jenseits weißer Gartenzäune und frei von Erwartungen an einen fiktiven Partner.

Und in einer dieser schweren Nächte begegnete ich einem Mann, der mich völlig aus dem Konzept brachte: Er flirtete mit mir nach allen Regeln der Kunst. Ich verlor die Kontrolle, weil mir so etwas noch nie passiert war. Wir landeten in meinem Bett. Mittendrin erglomm in mir ein kleiner Stern – ich dachte, dass ich schwanger bin und verwarf es sofort als esoterischen Mumpitz – und am nächsten Morgen fluchte er beim Blick auf seine Uhr: „Scheiße! Ich muss dringend ins Büro … fuck, wie erkläre ich das meiner Freundin?“

Einen Monat später wußte ich, dass der kleine Stern in mir tatsächlich ein Kind dieser Nacht war und ich jetzt eine Mutter bin. Zwei Monate später wußte ich, dass der Vater sich vielleicht zu seiner Vaterschaft bekennen würde, aber mehr auch nicht. Sechs Monate später hatte ich alle finanziellen Hilfen angeleiert, den Antrag auf ein Urlaubssemester eingereicht, meine Jobs verloren, mich für einen Geburtsvorbereitungskurs angemeldet, die Abschlussprüfung zur Trainerin nicht wahrgenommen, eine neue Wohnung im Erdgeschoss gefunden, den Umzug gestemmt … und dann spürte ich ihn nicht mehr.

Praeklampsie. Er wurde an einem Dienstag geholt. Drei Monate zu früh. Mit fürchterlichen Prognosen. Ich konnte ihn erst nach 36 Stunden sehen. Ich war selbst aufgequollen und hatte einen bedrohlichen Blutdruck. Ich verstand nichts von dem, was die Ärzt*innen mir sagten. Ich saß neben dem Glaskasten auf der Neonatologie und starrte hinein. Alle meine Bilder von Mutterschaft und Muttergefühlen, meine Visionen von seinem ersten Sonnenstrahl, seinem ersten Schrei, dem ersten Kuss, alles zerstaubte in diesem Moment.

War ich überhaupt eine Mutter, wenn mein Kind in einem Aquarium besser aufgehoben war als auf meinem Arm? Wenn meine Milch es vielleicht krank machen könnte? Wenn nicht mein Baby an meiner Brust zog, sondern eine hässliche laute Maschine? Wenn ich fremde Menschen fragen muss, ob ich mein Kind anfassen darf?

Ich entschied mich dafür, auf die fremden Menschen zu hören und ihren Leitlinien zu folgen. Ich kam pünktlich zu den angegebenen Zeiten und ging, wenn diese endeten. Ich wartete ab, wann ich angesprochen wurde, fasste nichts eigeninitiativ an und saß vor dem Kasten. Manchmal weinte ich versteckt hinter dem Kasten. Manchmal hielt ich mir die Ohren zu, um das Schmatzen der anderen Kinder auf den Armen ihrer ebenfalls mitgenommenen Eltern nicht zu hören. Gespräche mit den Ärzt*innen nickte ich ab. Freundliche Scherze erwiderte ich. Und in Momenten, in denen ich mit meinem Kind „allein“ war, sang ich ihm alles vor, woran ich mich erinnerte.

Meine einzige Zärtlichkeit für mein Kind für die Dauer von über zwei Monaten waren meine Lieder durch den verschlossenen Kasten.

Von außen betrachtet habe ich gekämpft. Hilfe angenommen. War vernünftig. In meinem Inneren war ich den ganzen Tag tot. Meine Wohnung war blitzblank. Ich war ordentlich angezogen. Ich lachte. Ich war freundlich. Und gleichzeitig war ich tot. Ich lebte zwischen den Welten, hinter den Sicherheitstüren der Intensivstationen. Und in mir erlahmte alles, sobald diese Türen mich wieder ausschlossen aus seinem Leben.

Diagnosen über Diagnosen, eine fünfstündige OP, ein Baby an so vielen Schläuchen und Kabeln, Abhängigkeit vom Pflegepersonal, die komplette Dekonstruktion dessen, was Familie ist. Für das eine Wochenende, dass er in seinem Zuhause war, brauchte ich einen Baby-Reanimationskurs, eine Monitor-Schulung, ein DinA4-Blatt voll mit Anweisungen, wann er welche Medikamente braucht, einen Luftkompressor für zuhause mit einem 20m Schlauch, eine Sauerstoffflasche für unterwegs, einen täglichen Kinderkrankenschwesterbesuch, wöchentliche Arzt- und Physiotermine, fünf Rezepte, einen Korb voller Medikamente, 20 Magensonden und eine Schulung, um diese zu legen.

Ich war 27. Ich hatte die Zwischenprüfung in Germanistik, ein halbes SozPäd-Studium, eine nicht abgeschlossene Trainerinnen-Ausbildung und keinen Partner. Aber ich konnte meinem Baby eine Magensonde durch die Nase schieben.

Ich sei überfordert mit der Pflege eines kranken Kindes, hieß es.

Ich bat um Hilfe. Die Hilfe sei eine Pflegefamilie. Ob ich nicht mit zu der Pflegefamilie könnte? Nein, das wäre nicht möglich. Ich solle mich erst um meine Depression kümmern. Das wäre das Beste für das Kind.

Und dann starb er.
Im Krankenhaus.
Ich wurde nicht dazugerufen.
Ich wurde „danach“ informiert.

Die Taubheit dieses Momentes ist in meinem ganzen Körper jederzeit sofort abrufbar.

Mein Sohn starb völlig überraschend vier Tage vor dem Termin, an dem ich seine Pflegeeltern hätte kennenlernen sollen im Alter von fast sechs Monaten. Ich war erleichtert, dass er mir so nicht weggenommen werden konnte. In diesem einen Punkt, hatten wir dem System ins Gesicht gespuckt. Wir haben ansonsten auf alles gehört, was uns die Ärzt*innen gesagt haben. Wir haben uns an die Regeln und Empfehlungen gehalten. Wir waren immer pünktlich und zuverlässig. Wir haben beide die notwendigen Therapien über uns ergehen lassen. Aber in diesem Moment, in dem es darum ging, nicht nur unsere Präsenz beieinander zu überwachen, sondern auch noch unser Mutter-Kind-Band anzutasten, in diesem Moment ist mein Kind gegangen.

Ich an seiner Stelle hätte schon früher aufgegeben. Sicher bin ich erfüllt von Dankbarkeit dafür, dass ich diesen Menschen kennenlernen durfte. Dass ich diese Liebe spüren durfte und diese Beziehung erfahren. Aber die Kehrseite waren Schmerzen von einem kaum erträglichen Ausmaß. Eine Fremdbestimmung lange über die Schwangerschaft hinaus. Eine Fremdtaktung meiner Selbst und mein erster dokumentierter Kontakt mit dem Wahnsinn.

Todessehnsucht. Verlust des Lebenssinnes. Zusammenbruch jeder Selbsterhaltung. Anderthalb Jahre seelischer Standby.

Was mir von meinem Kind bleibt, ist das Wissen um meine Fähigkeit zu lieben. Und das Wissen um meine Fähigkeit, mich selbst vollständig zu ignorieren, wenn es nötig wird. Sein Geburtsdatum. Sein Todestag. Ein paar Bilder. Ein zweigeteiltes Jahr mit Erinnerungen an ihn in der Zeit von Oktober bis März und Erinnerungen ohne ihn von März bis Oktober. Ich erinnere mich an ein endliches Leben.

Christina ist 37 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und zwei gesunden Kindern zusammen. Das zweite war ebenfalls ein Frühchen mit einem dreiwöchigen Neonat-Aufenthalt und das dritte ist einfach nur gut auf die Welt gekommen. Sie hat auch eine Abtreibungserfahrung. Christina bloggt auf 2kinder/küche/bad/balkon.

 Beitragsbild: Henryk Kowalewski (via commons.wikimedia.org)


Der Text ist erschienen in: kinder.los

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6 Kommentare

  1. Leowana

    Danke. Ein sehr berührender Text. Es tut mir sehr leid.

  2. Ich bin beeindruckt von Ihrer Offenheit und der klaren Beschreibung. Das würde ich sicher so nicht hinbekommen (mein Kind starb vor dreieinhalb Jahren).
    Obwohl jede Beziehung unter solchen Ereignissen auch leidet, stelle ich es mir als sehr schwer vor, dass der Vater des Kindes nicht da war (und wahrscheinlich ist).

    Ich denke an Kilian und was er erlitten haben mochte, wie auch an Ihre Schmerzen. Alles Gute.

    • Danke!
      Vor 7 Jahren sprach ich auch noch anders. Die Zeit heilt nicht, aber sie verändert.
      Das, was wir verlieren, wenn wir unsere Kinder verlieren, ist kaum zu benennen. Es hat Worte und Namen aber bleibt seltsam leer…
      Mein Mitgefühl für Sie und ihr Kind. Von Herzen.

  3. Konnte nicht aufhören zu lesen, kann es so gut nach vollziehen das mit der fremdbestimmung und dem innerlichen Tod sein…haben Sie das in dem Moment auch shcon so gewußt und gesehen oder erst später? Rest in Peace Kilian

    • Ich hab eine Weile gebraucht, bis ich in diese Kommentarspalte schauen konnte: Mein Blick ist retrospektiv. Mein Leben damals war…ja…tot…ich habe gehandelt wie programmiert. Ich habe sogar ab und zu Besuch gehabt. Habe gechattet und Menschen kennengelernt. Aber ich war nie dort, wo ich wirklich war. Ein Teil von mir saß immer neben ihm.
      Ich hätte das so nicht bennen können. Ich habe nichts bennen können. Ich konnte handeln. Unreflektiert, unüberlegt und unflexibel. Wie eine Maschine. Das trifft es am ehesten.

      Grüße aus dem Herbst.

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