umstandslose Muttertagsforderungen

Muttertag als Tag der Wünsche? Blumen, Gedichte und Schokolade? Das ist schön und gut, aber viel dringender sind gesellschaftliche Veränderungen notwendig, die feministische Mutterschaft zur gelebten Praxis werden lassen. Wir haben in der umstandslos-Redaktion eine subjektive, nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebende Forderungsliste erstellt. Dinge, für die es sich aus unserer Sicht lohnt zu kämpfen, am MutterKAMPFtag, wie an allen anderen Tagen.

Wir freuen uns über eure Ergänzungen in den Kommentaren!

  • Biologische Mutterschaft ist nur eine Form von Mutterschaft und nicht zwangsweise die beste. Daraus folgt, dass Privilegien von biologischen Eltern gegenüber sozialen Eltern abgeschafft werden müssen (z.B. Anspruch auf Elternkarenz).
  • Menschen mit Gebärmutter haben das Recht auf selbstbestimmtes Gebären. Dem Abbau von Gewalt in der Geburtshilfe muss verstärkt Aufmerksamkeit zukommen. Gebärende entscheiden selbst, wo, wie und mit wem sie ihr/e Kind/er auf die Welt bringen.
  • Ebenso obliegt die Form der Geburtsvorbereitung den Schwangeren. D.h. z.B. auch eine intensivere Betreuung durch eine Hebamme anstelle eines_r Gynäkologen_in darf keine finanziellen Nachteile mit sich bringen.
  • Die Arbeit von Hebammen muss ebenso wie die Arbeit von Gynäkolog_innen von den Krankenkassen übernommen werden.
  • Es gibt keine Norm und allgemein gültige Maßstäbe für „gute Mutterschaft“. Die patriarchale Konstruktion der „guten Mutter“, zu der zentral Opferbereitschaft, Verzicht und Selbstaufgabe gehören, dient ausschließlich dem Patriarchat und muss dekonstruiert werden.
  • Mutterschaft kann Teil eines Frauen*lebens sein, muss sie aber nicht. Sie macht dieses dadurch nicht besser oder wertvoller.
  • Weibliche Identität ist nicht mit Mutterschaft gleichzusetzen. Frauen*, die Mütter* sind, sind nicht ausschließlich Mütter*. Muttersein ist nur eine ihrer verschiedenen Rollen im Leben.
  • Für die Betreuung und Versorgung von Kindern können Mütter* nicht alleine verantwortlich gemacht werden. Diese gesellschaftliche Aufgabe muss auf verschiedenen Menschen, Institutionen,… aufgeteilt werden. Das gilt auch und besonders für die Betreuung und Versorgung von Kindern mit Behinderung.
  • Die Benachteiligung von Menschen, die sich um Kinder kümmern, am Arbeitsmarkt (und Mütter* sind davon in besonderer Weise betroffen), muss etwa durch einen neu definierten Stundenumfang für Vollzeitarbeit beendet werden.
  • Die sogenannte Vereinbarkeitsdebatte muss breiter geführt werden. Es sind in einem Leben nicht nur Beruf und Kind(er) zu vereinbaren. Weitere zentrale Lebensbedürfnisse (z.B. gesellschaftspolitische Arbeit, Kunst, Bildung, etc.) müssen ebenfalls Platz finden. Die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug ist eine der wenigen ausformulierten Alternativen in diese Richtung. Dahingehend muss weitergedacht und ausprobiert werden.
  • Die strukturell begünstigte Benachteiligung von nicht der heteronormativen Kleinfamilie entsprechenden Familien muss beendet werden.
  • Familien definieren sich selber als Famlien. D.h. Alleinerziehende mit Kind(ern) sind keine defizitäre Form von Familie. Gleichgeschlechtliche Paare mit Kind(ern) sind keine defizitäre Form von Familie.
  • Die Möglichkeit zur Abtreibung muss geschaffen werden, die Benachteiligungen von Frauen* in einzelnen Bundesländern, wie es in Österreich der Fall ist, ist nicht tragbar. Der Zugang zu Abtreibungen darf nicht von finanziellen Möglichkeiten abhängig sein, die Kosten müssen von den Krankenkassen getragen werden.
  • Die Mütter*sterblichkeit in vielen Ländern des globalen Südens ist erschreckend hoch. Gelder aus der Entwicklungszusammenarbeit müssen zur Bekämpfung dieser Todesursache eingesetzt werden. Es gilt: Wo Frauenrechte insgesamt gestärkt werden, sinkt die Mütter*sterblichkeit. (Quelle: diestandard.at: Mutter werden kann tödlich sein)
  • Frauen* mit Behinderung mit Kinderwunsch müssen unterstützt werden.
  • Care-Arbeit muss sichtbar gemacht und aufgewertet werden. Eine Care-Revolution ist notwendig, denn wir brauchen, wie es das Netzwerk Care-Revolution formuliert, eine Care-Ökonomie, „die nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt, und die Sorgearbeiten und Care-Ressourcen nicht nach rassistischen, geschlechtlichen oder klassenbezogenen Strukturierungen verteilt.“ Die Umverteilung der Care-Arbeit auf illegalisierte und/oder prekarisierte Migrant*innen, ist nicht die Lösung der Care-Arbeitskrise.
  • Die Kinderbetreuungsplätze vor allem in ländlichen Regionen und für Unter-Zweieinhalbjährige müssen massiv erhöht werden, ihre Öffnungszeiten müssen ausgebaut werden.
  • Die Arbeitsbedingungen von Menschen, die sich beruflich um Kinder kümmern, müssen verbessert werden und ihre Bezahlung muss erhöht werden.
  • Damit feministische Mutterschaft zu feministischer Elternschaft werden kann, und die binäre Konstruktion von Elternschaft grundsätzlich aufgelöst werden kann, muss sich auch das gesellschaftliche Bild von Vaterschaft ändern. Vaterschaft (aus feministischer Perspektive) muss auf vielen Ebenen eingebracht werden: in der Arbeitswelt, im Freund_innenkreis, im familiären Umfeld, in der Politik, der Wissenschaft,…
  • Die öffentliche Verhandlung von als weiblich gelesenen Körpern und die an sie herangetragenen Normierungen betreffen Frauen* auch und besonders in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Es wird immer präziser festgeschrieben, wie viel oder wenig eine Schwangere zunehmen darf/soll bzw. wie schnell ein Körper nach einer Geburt wieder zum „Normalzustand“ zurückzukehren hat etc. „Mein Körper gehört mir“ gilt es auch und besonders in Zeiten von Schwangerschaft und Muttersein zu verteidigen.
  • Frauen*armut, von der u.a. alleinerziehende Mütter* besonders betroffen sind und die viele Frauen* im Alter betrifft, weil sich der Gender Pay Gap und die fehlende Anerkennung von unbezahlter Care-Arbeit in der Pensionshöhe noch einmal besonders niederschlägt, muss beseitigt werden.

 

Nachtrag:

Auch fuckermothers hat sich Gedanken gemacht und diese Forderungsliste um wichtige Punkte erweitert [Anm.: unsere Hervorhebung]:

Vielleicht liesse sich die Liste sogar teilweise noch erweitern, z.B. um Rassismus, Altersdiskriminierung von Müttern (die angeblich ‘zu jung’ oder ‘zu alt’ sind) und um die massive Diskriminierung von geflüchteten Menschen (während Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit mehr Kinder bekommen sollen, werden Kinder, die hier ohne deutsche Staatsangehörigkeit leben, ausgegrenzt und benachteiligt, etc.).


 

Beitragbild: Ausschnitt Laura Forest via flickr Who needs feminism? CC BY-NC 2.0

Beitrag erschienen in kinder.los

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5 Kommentare

  1. Pingback: Statt Blumen: Mutterkampftagsforderungen auf umstandslos | fuckermothers

  2. Pingback: Am Abgrund Links – Cards Against Humanity, Age of Ultron und der Muttertag | Daran geht die Welt zugrunde

  3. Die „richtigen“ Leute sollen die „richtigen“ Kinder bekommen und in die „richtige“ Form bringen oder wenigstens ohne größere Andersheit einpassen. Falsche oder fehlende Philosophie (Ethik und politische).

  4. Pingback: Doing Family. Oder: Die Mutter, das Janus-Wesen | umstandslos.

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