Vom Fotografieren eines Sternchens

von Anna Lisa

Eine Bekannte postete eines Tages auf Facebook, dass sie sich gerade bei “dein-sternenkind” angemeldet hätte. Die Fotograf_innen der Organisation schenken Eltern von Kindern, die entweder schon im Mutterleib verstorben sind oder nach der Geburt nur kurz leben, Erinnerungsfotos. Bilder im Kopf verblassen schnell, Fotos nicht. Ich fand das gut, überlegte nicht lang, trug mich ein und war schon dabei. Hmm…ups…hatte ich wirklich gut darüber nachgedacht? Was, wenn ich den Anblick eines Frühchens nicht ertragen kann? Was, wenn ein Kind schwere Missbildungen hat? Wie sieht ein Körper aus, der bereits eine oder gar zwei Wochen in der Pathologie gekühlt wurde? Wie ein Kind, das eine Zeitlang tot im Fruchtwasser lag? Ich schob die Gedanken wieder beiseite und fing an Kontakte zum Krankenhaus zu knüpfen. Der erste Einsatz kam schneller als erwartet.

V. verschwand unter all den Schläuchen so winzig war sie. Vier Hände hoben sie vorsichtig aus dem Inkubator und in den Schoß ihres Vaters. Ich fotografierte. Der Pfarrer des Krankenhauses schaffte es, in dem dunklen Zimmer der Intensivstation eine feierliche Stimmung aufkommen zu lassen. V. wurde im Leben willkommen geheißen und gleichzeitig verabschiedet. Während der Taufe führte ich eine Art Tanz auf, sprang vor und zurück, machte ein Foto und ließ die Kamera wieder sinken, betete mit der Familie ein Vater unser. Der Spiegelschlag klang für mich jedes mal wie ein Donner und ich hätte mich gern lautlos und unsichtbar gemacht. Anschließend machten wir Bilder von allen zusammen, die Familie bedankte sich viele Male bei mir, ich ging bevor die Schläuche entfernt wurden und hörte nie wieder etwas von ihnen. Manchmal hoffe ich, V. hat einfach weiter geatmet – auch ohne die Maschinen.

Ich weiß nie, was ich sagen soll, wenn ich den Eltern gegenüber stehe. Und das sage ich ihnen dann ehrlich. Es gibt keine richtigen Worte. Ich habe es selbst nicht erlebt und kann es mir gar nicht vorstellen, welchen Schmerz sie wohl gerade empfinden. Welche schweren Entscheidungen sie fällen müssen. Zu Beginn stelle ich nur gleich mal klar, dass sie mich jederzeit weg schicken können, wenn es zu viel für sie wird. Ich nenne die Kinder bei ihrem Namen und fasse sie nicht an, ohne davor die Eltern um Erlaubnis gefragt zu haben. Das sind die Regeln, die ich für mich selbst aufgestellt habe und die bisher ganz gut funktioniert haben.

In den letzten zwölf Monaten hatte ich drei Einsätze und wurde ein paar Mal vom Krankenhaus angerufen, ob ich eventuell kommen könnte. Meistens lehnen die Eltern jedoch ab. Entweder kommt es für sie einfach nicht in Frage, aber ich glaube, ganz oft überrumpelt sie dieses Angebot. Eine Abteilung des Krankenhauses will für uns nicht “werben” (dieses Wort wurde tatsächlich verwendet), also den Familien nichts von der Möglichkeit sagen. Das finde ich furchtbar. Allein in meiner Nachbarschaft leben zwei Frauen, die zu mir sagten: “Oh wenn ich das nur gewusst hätte! Hättest du mein Kind auch fotografiert?” Oder: “Wir wären froh gewesen, wenn uns das jemand abgenommen hätte. Das war schon sehr schwer für uns.” Niemand kann die Eltern zwingen, Fotos von ihrem Kind zu machen oder machen zu lassen, aber ich finde, sie sollten wissen, dass Bilder die Trauerarbeit unterstützen können. Sie müssen auswählen können. Was brauche ich? Was kann mir helfen? Um diese Entscheidungen fällen zu können, müssen sie aber erst einmal wissen, welche Angebote und Möglichkeiten es überhaupt gibt.

Ich habe zu Hause einen Stapel Informationsmaterial der Organisation liegen und ich würde gern Ärzt_innen und Hebammen kontaktieren, um mehr Eltern zu erreichen. Aber derzeit weiß ich nicht, ob ich das wirklich will. Ich bin die einzige Fotografin, die direkt in der Stadt wohnt, das Krankenhaus kontaktiert zuerst mich. Wir sollten eigentlich nicht mehr als 2-3 Einsätze im Jahr machen (manche Fotograf_innen aus Deutschland fahren allerdings zu  2-3 Sternenkindern in der Woche und lehnen so gut wie nie ab). Eigentlich sollte ich also zuerst mehr Fotograf_innen finden, aber ehrenamtliche Arbeit mit dem Tod scheint hier in dieser Branche nicht sehr beliebt zu sein.

Manche fragen mich, wie ich das aushalte. Sie würden sofort zu weinen beginnen. Andere schauen mich irritiert oder angewidert an und fragen, warum ich sowas mache. Warum irgendjemand überhaupt Bilder von seinem toten Kind haben möchte oder ob bei mir irgendwie eine Schraube locker sei. Ich sage dann nur, dass jeder Mensch auf andere Weise trauert, andere Dinge für die Trauerarbeit braucht. Manchmal zucke ich auch nur mit den Schultern. 

Ich habe ehrlich gesagt noch nicht geweint, aber das heißt nicht, dass mir die Situationen nicht nahe gegangen sind. Es fällt mir schwer, die Fotos und Videos zu bearbeiten. Manchmal schaffe ich nur ein Bild am Tag. Die Gedanken drehen sich im Kreis und es hört erst auf, wenn ich den Eltern die CD mit den Fotos übergeben habe. Vergessen werde ich sie aber nie. Ich denke oft an V., F. und L. – manchmal jeden Tag.
Ich habe im vergangenen Jahr viel gelernt. Über den Umgang mit Sternenkindern und ihren Eltern, der in manchen Krankenhäusern einfach nur furchtbar ist und in anderen widerum sehr einfühlsam. Ich denke, ich weiß jetzt auch, was ich in dieser Situation brauchen würde und ich bin mir sicher, dass ich vieles verkehrt gemacht hätte, wäre eines meiner beiden Kinder ein Sternchen gewesen. Ich habe viele liebe Menschen kennengelernt, die alle einen kleinen oder großen Beitrag dazu leisten, dass dieses Thema weniger tabuisiert wird und Kinder und Eltern mit mehr Respekt, Würde und Offenheit behandelt werden.

Vor kurzem habe ich eine meiner Nachbarinnen noch einmal auf ihre Tochter angesprochen und ihr angeboten, die Fotos, die sie vom Krankenhaus bekommen hat, zu bearbeiten (auch das ist Teil des Angebots der Organisation). Sie hat nur sehr kleine Abzüge, die wir erst scannen müssen. Ich habe sie eingeladen, das mit mir gemeinsam zu machen, damit sie die Bilder gar nicht aus der Hand geben muss. „Danke, dass du sie und mich ernst nimmst.“, schrieb sie mir und ich frage mich, wie jemand diesen Schmerz und diese Trauer nicht ernst nehmen kann.

Mittlerweile weiß ich, dass all die anfänglichen Fragen und Zweifel (fast) gleichgültig sind. Es ist für mich gut, vor einem Einsatz zu wissen, was mich in etwa erwarten wird, damit ich mich darauf einstellen kann. Aber es ist keine Diagnose, Schwangerschaftswoche oder Grammzahl, die ich im Krankenhaus treffen werde, sondern ein kleiner Mensch, der unendlich geliebt und beweint wird.

Beitrag erschienen in kinder.los

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5 Kommentare

  1. Name

    Anna Lisa,
    einen ganz großen Dank, dass Du tust, was Du tust! Ich habe zwei meiner Drillinge auf der Intensivstation verloren und hatte nicht die Möglichkeit, Fotos machen zu lassen. Das fehlt mir sehr. Im Herzen ist alles wie am damals, aber die Bilder im Kopf verschwimmen ohne Fotos immer wieder. Ich kann Deine Arbeit nicht hoch genug loben! Bitte mache weiter.

  2. Ich verneige mich vor Deinem Mut und Deiner Grosszügigkeit.
    Was Du tust, gibt Familien so viel!

  3. Danke für Deinen Artikel! An ein Sternenkind hat man so unendlich wenige „greifbare“ Erinnerungen. Für mich war – und ist – das eine Foto, das wir selbst gemacht haben, die allerwichtigste. Es steht auch nach sieben Jahren noch bei Fotos meiner lebenden Kinder.

  4. Hey, danke für die Arbeit die du machst. Bei uns hatte leider keine(r) fotografiert außer dem Krankenhaus-Personal und das bereue ich sehr. Ich glaub die allerallermeisten Eltern von Sternenkindern sind in der Situation so überfordert wie wir, dass es das Krankenhaus, Gynäkolog*innen, Hebammen und Angehörige braucht, die wissen wie wichtig Fotos für die meisten Eltern sind und sich darum kümmern und den Kontakt zu Fotograf*innen herstellen (wenn die Eltern das wollen).

    • Anna Lisa Chang

      Liebe Maren!
      Das tut mir sehr Leid für euch! Ich denke, in vielen Köpfen ist dieses Bewusstsein leider noch nicht angekommen. Ich kämpfe bei meiner Aufklärungsarbeit auch oft damit, dass die Menschen sich nur schwer vorstellen können, dass die Qualität der Fotos tatsächlich einen großen Unterschied machen kann. Ich möchte den Eltern ein Foto ihres Kindes geben, das sie auch Freund*innen, Verwandten und eventuellen Geschwisterkindern zeigen können.
      Mittlerweile habe ich acht Sternenkinder fotografiert und nur in einem Fall hat mich die Familie selbst gefunden. Sie hatten allerdings viele Wochen Zeit, um sich vorzubereiten und das haben sie sehr gewissenhaft getan. In allen anderen Fällen war es entweder das Krankenhaus direkt oder die privat betreuende Hebamme, weil alles viel zu schnell ging.
      Ich wünsche euch alles Gute!

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