Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt

von Antonia

Bei einer Lesung in Wien erzählte Sarah Diehl, dass Mütter sie immer wieder auf ihr Buch ansprechen und ihr sagen, dass sie sich als Mütter besonders dafür interessieren und es gerne gelesen haben. So ging es auch mir. „Die Uhr, die nicht tickt“ ist eines dieser Bücher, in denen ich jeden zweiten Absatz unterstreiche und ganz viele Rufzeichen an den Rand male. Dieses Buch ist meiner Ansicht nach für alle Menschen lesenswert, egal ob sie Kinder haben oder nicht, egal, ob sie welche wollen oder nicht. Es analysiert messerscharf den Status von Müttern in unserer Gesellschaft und welche Auswirkungen diese Überhöhung auch auf Nicht-Mütter hat.

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Sarah Diehl: „Die Uhr, die nicht tickt“ (Arche Verlag)

Es geht um selbstgewählte Kinderlosigkeit und Sarah Diehl hat sich mit allen nur erdenklichen Facetten dieses Themas auseinandergesetzt. Dabei bekommt die Leserin den Eindruck, dass sich hier eine sehr ausführlich mit einer Sache beschäftigt hat, gegen die sie sich schließlich entschieden hat.

So macht ihre historische Analyse (Kapitel 1: Ein kritischer Blick auf historische Rollen- und Familienkonzepte) klar, wie sich die Sichtweise auf den Wert des Kindes erst Mitte des 18. Jahrhunderts änderte und die Mutterrolle in Folge ins nahezu Mythische überhöht wurde. Die Zeit und Arbeit, die fortan in die Fürsorge und Erziehung der Kinder investiert werden musste, musste von jemandem übernommen werde und mit der Erfindung des Mutterinstinkts wurde diese Aufgabe den Frauen zugeschoben. In weiterer Folge wurde die Kleinfamilie bestehend aus Vater-Mutter-Kind als ideale Lebensform konstruiert, eine Entwicklung die bis heute ihre Gültigkeit hat. Kinderlose Frauen wurden bereits im Mittelalter als Gefahr gesehen und selbstgewählte Kinderlosigkeit wird auch noch in der Gegenwart mit Egoismus und Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Den Status Quo der Situation von Mutterschaft in Deutschland, beschreibt Sarah Diehl sehr gut auf den Punkt gebracht so:

Im früheren Referenzsystem des Mütterideals, das die Frau als bescheiden und aufopfernd zeichnete, gab es lange vor allem zwei Widersacherinnen – die weltgewandte sexuell selbstbestimmte und die erwerbstätige Frau. Mittlerweile wurden diese beiden Antipoden in das zeitgenössische Bild der Allround-Mutter integriert. Mit dieser Modernisierung, die sich an den neoliberalen Flexibilitätsanforderungen orientiert, ist der Druck, dem Bild einer erfolgreichen Mutter zu entsprechen, aber nur noch größer und belastender geworden.

(Diehl 2014, 52)

Sarah Diehl hat für ihr Buch kinderlose Frauen zu den Beweggründen für ihre Kinderlosigkeit interviewt. Die Geschichten aus den Interviews, verbunden mit vielen wunderbaren Zitaten daraus, bereichern das Buch sehr.

Dabei wird der Bogen gespannt von Frauen, die sich auch für die Kinderlosigkeit entscheiden würden, wären die gesellschaftlichen Verhältnisse anders, und jenen, die sich aus Folge eines realistischen Abwägens der Chancen und Limitationen, die unsere Gesellschaft bereit hält, gegen Kinder entscheiden.

Es wird dargestellt, wie herausfordernd das „zur eigenen, sebstgewählten Kinderlosigkeit“-Stehen sein kann. Zum Beispiel, wenn alle rundherum plötzlich Kinder kriegen und sich in die Kleinfamilie zurückziehen, oder wenn frau sich nicht gegen Kinder und für eine Karriere entscheidet, sondern gegen Kinder und für mehr persönliche Freiheit und die Chance sich der Leistungsgesellschaft, dem Funktionieren-Müssen, zu entziehen. Oder einfach, weil die selbstgewählte Kinderlosigkeit, solange sich eine im gebärfähigen Alter befindet, von der Gesellschaft ohnehin nicht als abgeschlossene Entscheidung akzeptiert wird.

Von allen neun Kapiteln des Buches möchte ich meine besondere Emfpehlung für das Kapitel „Die Unterträglichkeit der Kleinfamilie“ aussprechen und mit einem Zitat aus einem der Interviews, das ich besonders dick unstrichen habe, diese Leseempfehlung schließen:

Das Patriarchat schränkt die Selbstbestimmung von Frauen auch ein, wenn es die Bedingungen zur Mutterschaft so unattraktiv macht, dass Frauen keine Mütter mehr werden wollen. Selbst wenn es sich damit ins eigene Fleisch schneidet.

(Diehl 2014, 56)


Erschienen in: kinder.los

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