Mütter, die gehen: Gedanken einer Raben-Mutter

von Anne Bonnie

Wir Rabenmütter, wo finden wir uns?

In Trauer und Wut? In unaussprechlicher Schuld? Oder im Aufatmen und in der Hoffnung? Spürst du die Erleichterung, die Verantwortung verantwortungsvoll abgegeben zu haben? Gibt es diese Ungewissheit, wie sehr die Kinder litten, als du gingst? Oder brodelt in dir das Wissen, die Kinder verletzt der Umstand ihrer abwesenden Mutter, weil alle Welt dies zu vermitteln scheint? Spürst du den Zweifel an deiner Mutterrolle? Wo loten wir ihn aus, den Wert der Mutter? Wie male ich eine Mutter, die ohne ihre Kinder lebt? Wie visualisiere ich das Bild, welches ich von mir habe? Es geht nicht? Bin ich dann überhaupt Mutter? Existiert die Mutter ohne Kind? Welche Rolle schreibe ich mir zu? Mutter, Tante, Freundin? Ambivalent, distanziert, überfordert, abwesend, resigniert? Oder bist du etwa glücklich, anwesend, gefestigt in deinem Muttersein? Und was forderst du von den Kindern? Immer noch bedingungslose Liebe? Dass sie im Leben stark werden, mit dir oder ohne dich? Und wo ist deine Mutter? Suchst du manchmal nach ihr?

Wie stark beeinflusst uns das EX? Die Kanzleien, Jugendämter und Gerichte? Bist du wohlgesonnen gehört worden, oder kritisch beäugt?

Was für Spuren hinterlassen Die Anderen? Bist du verletzt? Hast du das verdient? Was urteilen Die Anderen darüber?

Und wie gehst du damit um? Bist du auf der Suche nach Erfolg außerhalb von Familie? Vertrittst du die Überzeugung keine andere Familie mehr gründen zu sollen? Existiert der Zweifel an der eigenen Mutterrolle? Ärgerst du dich über gesellschaftliche Vorurteile? Verheimlichst du etwa deine Kinder? Vermisst du sie? Oder erschrickst du manchmal, wie selten du an sie denkst? Und gibt es die Angst, den Kontakt nicht aufrecht erhalten zu können? Dass sie zum Ende hin ganz leben ohne dich?

Beschäftigt dich die Frage nach dem, was als Mutter übrig bleibt, ohne die Kinder?

 

Wir, Raben-Mütter!

Noch vor wenigen Jahren hat mich der Begriff Rabenmutter gefühlt sehr alleine zurück gelassen.

Der Begriff wurde im öffentlichen Raum bereits anders besetzt. Von berufstätigen Müttern, oder Müttern, die nicht stillen, oder von Müttern, die in anderen, kleinen Dingen von einem nicht existenten, aber dennoch weit verbreiteten Mutter-Ideal abweichen.

Ich hatte das Gefühl, jedes noch so belanglose Buch über irgendeine Idee von Mutterschaft benutzte diesen Begriff. Mit Vorliebe scheinen privilegierte, white able bodied Women, welche finanziell abgesichert sind, ein Buch über ihren Alltag als Mutter zu schreiben und im Titel findet sich dann irgendwo der Begriff „Rabenmutter“! Ich fand das anfangs unfair. Meine Situation kam mir weit schwerwiegender vor und der einzige Begriff, den ich für mich finden konnte, würde für einen so (unnötigen) Diskurs besetzt (benötigt?).

Es ist mir im Nachhinein schon sehr unangenehm, dass ich die eine Diskriminierung von Müttern gegen meine Diskriminierung als (Nicht-)Mutter aufwiegen wollte. Anstelle die Gemeinsamkeiten zu erkennen und gemeinsam nach Aufklärung, Benennung und Veränderung zu suchen. Dies gelang mir erst, als ich mich im virtuellen Raum mit feministischer Mutterschaft beschäftigt habe. Dort habe ich begonnen zu verstehen, dass wir ein gemeinsames Problem erörtern: die realitätsferne Darstellung vom Mutter-Sein. Den darin beinhalteten Zwang für Frauen, diesem Ideal entsprechen zu müssen/zu wollen und die Vorteile für eine Gesellschaft, wenn sich Frau (aufgrund von Liebe) unentgeltlich um Familie kümmert.

Mir wurde klar, dass es einfach in meiner Verantwortung liegt, meine Sicht der Dinge auch sichtbar zu machen.

So habe ich den Begriff Rabenmutter wieder für mich verwendet. Zum einem aus mangelnden Alternativen und zum anderen, da ich mich besonnen habe, mich mit allen Müttern solidarisieren zu wollen. Die Diskriminierung betrifft uns alle. Der hochgehaltene Mutter-Mythos zerrt an der eigenen Findung im Muttersein. Aber auch hier stoßt man häufig auf Gegenwehr. Nicht alle Menschen mögen sich negativ besetzte Begriffe aneignen und auch erhält man gerade viel Ablehnung von Müttern. Ich musste verstehen lernen, ich bin ihr rotes Tuch. Der Schatten in ihrem Dasein als Mutter. Ich bin der Gedanke, den jede „gute Mutter“ in ihrer Selbst verdrängen muss. Nämlich der Wunsch nach Autonomie. Die Mutter, die geht, ist etwas, das nicht einmal gedacht werden darf.

Doch wer sind wir nun? Wir Rabenmütter, die, die ihre Kinder verlassen? Die einfach gehen?

Was verbindet uns und wo sind unsere Überschneidungen? Da gibt es so viele Frauen, so viele Biographien, und so viele Ebenen von Gefühlen und Handlungen. Findet sich hier einen gemeinsamen Nenner?

Ich denke: Ja! Wir suchen unsere gesellschaftliche Berechtigung, Mutter sein zu können, ohne mit den Kindern zu leben.

Die einen gingen im Einverständnis mit der/dem Partner_in, die anderen im noch immer andauernden Streit und Hass. Die einen vermissen ihre Kinder, die anderen sind froh, ohne sie ihren Alltag zu bestreiten. Die einen ertragen die Vorurteile still, andere wehren sich verbal und manche verheimlichen ihre Tat. So wird sich keine meiner Rabenmütter mit allem identifizieren können. Und meine voraus gegangene Sammlung an Gedanken ist und bleibt unvollständig. Sie ist ein Ansatz, die Komplexität einfangen zu wollen, wie schwer es ist, sich als Mutter räumlich zu distanzieren, gemessen an einem gesellschaftlichen Ideal, welches für viele erstrebenswert scheint.

Der Verein Raben- Mütter e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Anlaufstelle für Mütter, die ihre Kinder verlassen haben, zu sein. Sondern legt einen großen Schwerpunkt auf Aufklärung und Diskurs.

Der Verein widmet sich dem schwierigen Thema Trennung, will Vätern (fern von einer Männerrechtsbewegung) und anderen Beziehungspersonen helfen, sich zu empowern und will den Wandel der biologischen Familie hin zur sozialen Familie unterstützen. So verstehen wir uns als Teil einer Bewegung, der jedem Menschen die Möglichkeit geben soll, sich selbst im Leben und dem eigenen familiären Konstrukt zu definieren.

www.raben-muetter.de sucht noch Mitstreiterinnen.

Beitragsfoto: skitterphoto.com


Beitrag erschienen in: kinder.los

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