Der umkämpfte Wunsch

von Sandra

Lange Zeit wollte ich schwanger werden und es klappte nicht. Meine Uhr tickte, mit der Zeit lauter, ich wurde unruhig. Irgendwann war ich panisch auf meine fruchtbaren Tage fokussiert, habe Ovulationstests durchgeführt und meinen Freund zum ökonomischen Vögeln genötigt, Sex nur noch, wenn’s was bringt. Ich war Ende 30 und litt an Torschlusspanik. Ich konnte Mütter nicht mehr ertragen. Ich schmeckte bitteren Neid auf meiner Zunge, wenn ich hörte, dass jemand aus meinem Bekanntenkreis schwanger ist.

Warum sie und ich nicht?

Ich habe Kontakte abgebrochen, bin Geburtstagsfeiern ferngeblieben, weil ich Babyglück, Kleinfamilienidylle nicht ertragen konnte. Warum kriegten die anderen alle ein Stück vom Kuchen und ich nicht? Ich empfand meine Periode als wiederkehrende persönliche Niederlage, als würde Fortuna höhnisch lachen. Ich habe Wunschzettel mit den Worten bitte schwanger werden unter mein Kopfkissen gelegt und diesen Wunsch allabendlich in Gedanken ans Universum gesendet. Ich schritt auf die 40 zu – und dann geht das Tor zu, flüsterte mein Teufelchen mir ein: „Hast du dir ‚mal überlegt, wie alt du bist, wenn dein Kind volljährig wird, du Egobitch …“

Ich habe viel geweint. Ich habe Reisen zu meiner Gebärmutter unternommen, um sie zu fragen was los ist. Ich habe von meinem Freund verlangt, an meinen fruchtbaren Tagen gefälligst die Stadt nicht zu verlassen, allzeit bereit bittschön. Kurzum: Ich war fixiert, überspannt, unsymphatisch. Ich mochte mich selbst nicht mehr leiden.

Ein Skypegespräch mit Folgen

Irgendwann in dieser Zeit kam via Facebook eine Nachricht von jemandem, mit dem ich vor langer Zeit in einer weit weit entfernten Galaxy eine Affäre hatte. Er war nun verheiratet, lebte in einer asiatischen Metropole. Zwischen uns lagen einige Zeitzonen, aber weil er eine Nachteule war, entwickelte sich recht schnell eine Art virtuelle Freundschaft. Ich erzählte von meinem Leben in Deutschland, meinem Freund, meiner Arbeit. Wir skypten, hatten uns viel zu sagen. Eines Abends bat er darum, eine persönliche Geschichte teilen zu dürfen. Er erzählte mir von seiner Frau, die so alt ist wie ich, ich kannte sie von Fotos, die plötzlich einen starken Kinderwunsch entwickelte, nachdem ihre Schwester ein Baby bekommen hatte. Und er sprach von sich, der nie Kinder wollte, aber aus Liebe zu ihr einwilligte. Und von der Zeit, die dann folgte, die sich nur noch ums Schwangerwerden drehte.

Er sprach von Wut, Trauer und Hilflosigkeit, als sei ihnen ihre Beziehung abhanden gekommen und er nur noch dazu da, zum richtigen Zeitpunkt Samen abzuliefern. Sex war zu einem Zwei-Minüter an jenen zwei bis drei Tagen im Monat degeneriert, abspritzen, abtreten. Ärzt*innen, Krankenhäuser, In-vitro, mehrfach, alles ohne Erfolg. Er hatte das zwei Jahre lang mitgemacht und wollte nicht mehr. „Wir hatten ‚mal ein gutes Leben. Davon ist nichts mehr übrig“, sagte er sehr leise, „ich erkenne uns nicht mehr wieder.“ Er war ratlos. Er wollte so nicht leben und erwägte ernsthaft die Trennung.

Mir fiel die Kinnlade runter.

Es war als spräche er über mich und nicht über seine Frau. Ich habe mich nie gefragt, wie das alles auf meinen Freund wirkt, mein freudloses Monothema, und dass es gut möglich ist, dass er ebenso am Stock ging wie grade mein Skypegesprächspartner am anderen Ende der Welt. Ich war in meiner Schwangerwerdenwollen-Blase schockgefroren, und etwas in mir taute während dieses Gesprächs. Mir ging schlagartig auf, dass auch ich so nicht leben will. Und dass ich mein Lebensglück nicht davon abhängig machen kann, ob ich ein Kind gebäre und eine Familie gründe. Wahrlich keine bahnbrechende Erkenntnis. Aber es hat wohl diesen Hinweis von außerhalb gebraucht, um mir der Situation bewusst zu werden, die ich selbst geschaffen hatte.

Kinderlosigkeit nicht mit Scheitern gleichsetzen

So viele Sehnsüchte und Begehrlichkeiten knüpfen sich an meinen Kinderwunsch, dass ich mitunter nicht unterscheiden kann, was davon meins und was Projektion ist. Es ist ein diffuser ambivalenter komplexer Wunsch bei mir, bei dem die Frage “wie will ich leben?” eine zentrale Rolle spielt. Es geht gewissermaßen um alles. Ich frage mich manchmal, wieviel Anteil meines Wunsches aus dem Streben nach Zugehörigkeit besteht und ob es sein könnte, dass ich im Grunde meines Herzens gar keine Mutter sein will und ich deshalb nicht schwanger werde. Ich kann diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Fakt ist, dass ich kein klares Bild vom Muttersein in mir trage, und ich träume mich auch nicht mit einem Baby im Arm auf eine Sommerblumenwiese. Ich habe immensen Respekt vor der Verantwortung und dem Mühsal, die Mutterschaft mitsichbringen. Aber es ist eben auch eine der intensivsten Erfahrungen, die überhaupt möglich sind. Im guten wie schlechten wie neutralen Sinne.

Mich selbst mit meinem Kinderwunsch in all seiner Widersprüchlichkeit anzunehmen, erscheint mir das Wichtigste. Dank des Spiegels, der mir aus großer Distanz und unbeabsichtigterweise vorgehalten wurde, habe ich immerhin die Verbissenheit erkannt, mit der ich lebte und die alles andere überlagert hat. Nun da ich diese hinter mir lasse, kann ich gedankliche Alternativen entwickeln, die Kinderlosigkeit nicht mit Scheitern gleichsetzen und schauen, was das Leben sonst noch so bereithält.

… und wenn ich erst meinen Job geschmissen habe, um Sexguru zu werden und keine strukturellen Sicherheiten und kein Geld mehr habe, klappt’s sicher auch mit der Schwangerschaft.

Beitragsbild: Nachtfrau (Ausschnitt) von Ernst Ludwig Kirchner via commons.wikimedia.org


Beitrag erschienen in: kinder.los

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Ein Kommentar

  1. Eva

    Liebe Sandra,
    vielen Dank für den offenen und nachdenklich machenden Beitrag. Ich frage mich ähnlich wie Du, wie weit Kinderwünsche von Frauen von dem gesellschaftlichen Anspruch herrühren, dass frau eben (mindestens) 1-2 Kinder zu kriegen hat. Und inwieweit sie die die eigenen Wünsche sind, die frau aus sich selbst heraus hat. Der von außen an eine herangetragene Anspruch, dass eigene Kinder zu kriegen sind, ist vielleicht weniger explizit und durchgängig als sagen wir mal in den 1950ern. Aber vielleicht macht die Tatsache, dass dieser Anspruch subtil und implizit weiter wirkt, die Sache für die Frauen, die vor der Frage stehen, ob sie Kinder kriegen wollen oder können, eher noch schwerer.

    Ein Schuh, den Du Dir meiner Meinung nach nicht anziehen brauchst, ist der, „dass ich [vielleicht] im Grunde meines Herzens gar keine Mutter sein will und ich deshalb nicht schwanger werde.“ In Deinem Bericht jedenfalls hört sich Dein Kinderwunsch sehr echt und tiefgehend an. Wenn’s nicht klappt, heißt das nicht, dass letztendlich Du mit irgendwelchen unterdrückten Wünschen selbst dran Schuld bist. Sondern u.U. eben einfach, dass es nicht klappt, und nichts weiter.

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