Abschied nehmen vom Kinderwunsch

von Sonja

Die moderne Medizin macht uns glauben, wir Frauen hätten in Sachen Fruchtbarkeit immer die Kontrolle über unseren Körper. Wir können Schwangerschaften verhüten und wir können ein Kind abtreiben. Wir können unsere frischen und knackigen Eizellen einfrieren, um sie später auftauen und befruchten zu lassen. Und mithilfe der modernen Reproduktionsmedizin können auch Frauen/Paare Kinder bekommen, bei denen das sonst nicht möglich wäre.

Blättert man durch Broschüren von Kinderwunschkliniken oder besucht man deren Websites, gewinnt man den Eindruck, künstliche Befruchtung wäre ein Sommerspaziergang. Da lachen die glücklichen Kinder von den Plakaten, dass es nur so eine Freude ist, und man als Betroffene einfach gar nicht anders kann, als Hoffnung zu haben. Wenn das bei anderen so gut funktioniert, wenn andere so wunderhübsche Kinder bekommen können, warum sollt das dann bei mir nicht klappen?

Am Ende bleibt die Hälfte der betroffenen Frauen kinderlos

Was diese Hochglanzbroschüren allerdings selten verraten ist, dass die Erfolgschancen der reproduktionsmedizinischen Maßnahmen im Schnitt bei knapp unter 50 Prozent liegt. Nach drei In-Vitro-Fertilisationen werden von 100 Paaren nur 47 auch Eltern.
Ebenfalls nicht beschrieben wird der lange Leidensweg betroffener Frauen und Paare, die oft viele Jahre andauernde emotionale Achterbahn zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Und schon gar nicht genannt wird die Verzweiflung und Trauer jener Frauen und Paare, die es nicht schaffen ein „Hochglanzbaby“ zu bekommen.

Für Betroffene wird der Wunsch nach einem Kind zum zentralen Thema im Leben und viele beenden Fruchtbarkeitsbehandlungen auch dann nicht, wenn die behandelnden ÄrztInnen vor weiteren Maßnahmen abraten. Es gibt immer irgendwo noch eine Kinderwunschklinik, und sei es im Ausland, die eine neue Technik anpreist und Hoffnung verspricht. Die Spirale aus Bangen und Verzweiflung dreht sich damit weiter. Doch am Ende aller Versuche bleibt trotzdem rund die Hälfte der betroffenen Frauen kinderlos. Irgendwann stehen diese Frauen am Schlusspunkt. Gesetzt wird dieser selten von den Betroffenen selbst, sondern von ärztlicher Seite.

Vom aktiven Abschiednehmen und der Trauer im Alter

Dabei wäre es, vor allem im Hinblick auf das weitere Leben der kinderlosen Frauen und Paare, von großer Wichtigkeit, sich selbst aktiv zu einer Entscheidung für das kinderlose Leben und damit gegen weitere Fruchtbarkeitsbehandlungen durchzuringen. Untersuchungen bei kinderlosen Frauen zeigen, dass sich eine bewusste Entscheidung für das Leben ohne Kinder positiv auswirkt auf die emotionale Verarbeitung der Kinderlosigkeit und in Folge auf das gesamte weitere Leben.

Bei fehlender Entscheidung bleiben betroffene Frauen oft ein Leben lang im Gefühl des Mangels und Verlustes hängen mit Folgen bis in den Lebensabschnitt des Alters. Die Trauer taucht im Alter dann etwa erneut und hefig auf, wenn andere Frauen Großmütter werden – viele betroffene Frauen haben außerdem beim Lebensrückblick das Gefühl etwas versäumt zu haben.

Die bewusste Entscheidung für das Loslassen des Kinderwunsches ermöglicht dagegen ein aktives Verarbeiten der Trauer. Dadurch sind betroffenen Frauen und Paare danach in der Lage den Blick auch auf die Chancen eines kinderlosen Lebens zu richten, es kann zu einer Umorientierung kommen, sie planen das Leben neu.

Sonja Schiff ist Gerontologin und Lebens- und Sozialberaterin. Nach vielen Jahren heftiger Emotionen lebt sie heute zufrieden kinderlos. Sie ist Autorin der Studie Vom Älterwerden und generativen Verhalten kinderloser Frauen und plant gemeinsam mit der Klinischen- und Gesundheitspsychologin Stefanie Zauchner-Mimra am 16. und 17. Mai das Seminar „Erfüllt leben ohne Kinder“ in Salzburg. Die beiden Expertinnen begleiten in dem geschützten Rahmen betroffene Frauen am oft schmerzhaften Weg zu einem bewussten Abschied vom Kinderwunsch.

Beitragsbild: Andrea Silva (Santiago) via commons.wikimedia.org


Der Beitrag ist erschienen in: kinder.los

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Ein Kommentar

  1. Ein recht großes Thema im Verborgenen. Hinzu kommt die gefühlte Ausgrenzung als Kinderlose Frau. So ein Seminar klingt toll.

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