Oje, ich schwitze! Oder: Perspiration ruined her Dress

von Cornelia

„Wie 16! Ich fühle mich wie als Teenager.“ Diese Erkenntnis traf mich als Neo-Mutter eines Babys etwas unerwartet. Das Unterwegssein mit diesem kleinen Menschen verlangte mir in der Großstadt anfangs einiges ab. Barrieren über Barrieren, die meine Wege verzögerten, veränderten oder manchmal unmöglich machten. Das Ganze war gerade in der Eltern-Anfangszeit eingebettet in eine große Unsicherheit. Ich war es gewohnt, mich schnell und gedankenlos durch die Stadt zu bewegen. Damit war es nun vorbei – besonders wenn ich nicht mit der Tragehilfe, sondern dem Kinderwagen unterwegs war. Ich hängte, steckte und wetzte an Türrahmen, in Straßenbahnschienen und zwischen Geschäftsregalen. Diese Unsicherheit war aber nicht der einzige Pubertäts-Flashback. Schweißausbrüche wurden zu treuen Begleitern der Babyzeit.

Ich schwitzte. Und wie!

In den meisten Fällen ausgelöst durch schlichtweg nicht der Situation angepasste Kleidung – aber kein Mensch kann sich sooft umziehen, wie sich die Situationen damals für mich änderten! Alles begann mit der Blüte meiner Schwangerschaft, die zufällig in die Blüte des Sommers fiel. Die ganze Stadt schien zu baden und sich abzukühlen. Nur ich schwitzte vor mich hin. Die Anreise zu Freibädern erschien mir zuletzt unüberwindbar – dem Hitzestau in den alten Straßenbahngarnituren wollte ich mich nicht aussetzen. Ich erinnere mich an die kühne Idee, das idyllische Freibad meiner Wahl am anderen Ende der Stadt mit dem eigenen Auto anzusteuern. Die kleine Ausfahrt endete nach einer einstündigen vergeblichen Parkplatzsuche Schweiß durchnässt im Schatten der Parkbäume ums Eck.

Unbestreitbarer Höhepunkt des elterlichen Schwitzens war freilich die Geburt an sich. Anders als erträumt waren diese Flüssigkeitsströme (nicht zu reden von all den anderen Flüssigkeiten) danach noch lange nicht versiegt. Stillen und Wickeln an öffentlichen Orten taten das Ihrige dazu. Stillen unter Fremden war mir eher unangenehm (Danke, Anja Maier). Es war also jedes Mal begleitet mit hastigem Abchecken der Lage und verstohlenen Blicken, ob die Brustwarze sich zurückhält und eh nicht blindlings Leute verärgert – bei einem Kind, das gerne ganz langsam und gemütlich vor sich hin trank, besonders nett.

Beim Wickeln hauptstress- und schweißauslösend erwiesen sich fehlende Wickeltische, Haken und Ablageflächen. Selbst beim kaum beweglichen Neugeborenen war das mühsam. Mit einem Wintermantel in einer überheizten Kaufhaus-Toilette Windeln wechseln hat schon keinen Charme, wenn das Kind dann älter und zappeliger wird und mit den Füßchen wahlweise in den eigenen oder fremden Ausscheidungen tanzt, beim Im-Stehen-Wickeln im besten Fall die Spülung, im schlechtesten Fall die Klobrille mit dem Mund liebkost oder mit den Händen die natürlich (!) notwendig gewordene Wechselkleidung durch den immer viel zu engen Raum schmeißt – ja, dann fließt der Schweiß verständlicherweise in Strömen. Dazu: ein olfaktorisches Highlight!

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„Perspiration ruined her Dress“ (c) Miami U. Libraries – Digital Collections via http://commons.wikimedia.org

Wie oft hatte ich beim Anziehen vor dem Weggehen mit Tragehilfe den Faktor Kind nicht berücksichtigt. Ich wandelte schwitzend in der Wintersonne, schwitzend in der langen Schlange der Bibliotheksausleihe, schwitzend in der U-Bahn und schwitzend durch die Lebensmittelgeschäfte.

Muss ich erwähnen, dass das Tragen eines Kindes, das schon längst der Tragehilfe entwachsen ist, sich aber manchmal dennoch weigert zu laufen, auch schweißtreibend ist? Zum höheren Alter gesellen sich die von Kindesseite manchmal heftigst ausgelebten Unstimmigkeiten („Ich will aber am Zebrastreifen sitzen bleiben!“, „Dein Schatten darf meinen nicht überholen!“, „Ich brauche jetzt sofort die blaue Hose!“). Ach ja, in diesen Situationen sind häufig ein Laufrad und/oder schwere Einkaufstaschen involviert (Mehrfacheltern, woher nehmt ihr Arme und Kraft?).

Letztens hatte ich dann ein – glücklicherweise seltenes – Schweißerlebnis der anderen Art: Wir waren bei Freund*innen zu Besuch. Plötzlich war das Kind unauffindbar. Nicht lange. Gefühlt habe ich es aber bestimmt eine halbe Stunde gesucht und dabei versucht, die Bilder von grausamen Unfällen zu vertreiben. Dieser Moment ließ einen kalten Schweiß in mir aufsteigen – Angst.

Eine Ahnung sagt mir, dass sich die mittlerweile fast schon vertrauten Schwitzsituationen aus meinem gut dreijährigen Elternleben zwar langsam aber sicher verabschieden, dieser spezielle Angstschweiß jedoch wohl noch eine Weile ein beständiger Gefährte sein wird.


Beitragsbild (c) Friedrich Böhringer via commons.wikimedia.org (CC Licenses)

Beitrag erschienen in: Im Fluss

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Ein Kommentar

  1. Nun…ich bin aus wickelräumen rückwerts wieder raus, aus wirklich treffend beschriebenen gründen…ich hab im kinderwagen gewickelt, wickelunterlage rein und los..dabei habe ich mich einen dreck um pikierte menschen gekümmert, hätte je ein_e angestellte_r eines einkaufszentrums oä mich deshalb angesprochen, hätte ich sofort den text mit defiziten der vorhandenen wickelmöglichkeiten parat gehabt, im stehen wickeln ging bei uns aber später super, die Große hat da immer mitgeholfen..nein…moment…sie ist monate lang dabei vor mir weg gelaufen, in der zeit hab ich nicht draußen gewickelt, es war kalt und das kind dauernd krank…
    Aber drum rum gings immer so und ja diese hitze ist immer noch nicht weg, seit der ersten schwangerschaft, duschen hat keinen zweck, im sommer und gerade im winter, sobald wir irgendwo reingehen, jacke, schal, mütze aus…langsam zieht sich diese hitze nun zurück, ich habe gerade abgestillt, vielleicht brauch ich nun nicht mehr drei t-shirts am tag….
    Lovis

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