Drachenzeit. Die verborgene Kraft der Menstruation

von Katja

So. Ich hatte die Aufgabe „Drachenzeit“ von Luisa Francia zu rezensieren. Natürlich mach ich das wie immer im letzten Moment. Genauso wie ich meist im letzten Moment draufkomme, dass ich ja meine Tage habe. Die Kreuzchen auf dem Kalender mach ich schon seit Jahren nicht mehr. Ich habe mich mit meiner Drachenzeit angefreundet. Sehr. Es ist mehr ein: Huch, da ist sie ja wieder. Komm nur rein, mach es dir gemütlich. Ob Luisa Francia etwas damit zu tun hat? Ich bin mir nicht sicher.  Obwohl, wenn ich dieses Buch nach zehn Jahren erstmals wieder durchblättere wird mir bewusst, ja, Luisa Francia hat zur Enttabuisierung meiner Menstruation beigetragen.

"Drachenzeit" von Luisa Francia | Verlag Frauenoffensive

„Drachenzeit“ von Luisa Francia | Verlag Frauenoffensive

„Drachenzeit“ besteht aus zwei Teilen: der Annäherung an den Mythos Menstruation und die praktische Arbeit damit. Konkret heißt das, dass sie erst die kultur- und religionsgeschichtliche Wandlung des weiblichen kraftvollen Drachen in jenen, dem generell der Kopf abgeschlagen wird, nachzeichnet, als auch die verwandten Symbole wie den Kessel für den weiblichen Bauch und das Blut selbst. Sie verweist auf die Zusammenhänge zwischen Mond und Blutungen und den Umgang anderer– teils matriarchaler – Kulturen mit der freien Menstruation. Sie findet Spuren der Menstruationsgeschichte in der Weiberfasnacht ebenso wie im Aschenputtel; stellt die Verbindung zwischen magischem Blutfluss und christlichem Opferblut her. Dabei tauchen immer wieder Drachenjungfrau, Drachin und Drachengroßmutter auf. Wer Angelika Alitis „Weibliche Macht und Magie“ gelesen hat, muss dabei unweigerlich an die Amazone, die Mutter und die alte Weise denken. Der Verweis, den ich jedoch vermisse heißt Heide Göttner-Abendroth. In der „Göttin und ihr Heros“ setzt sie sich mit der (Ver-)Wandlung der Märchen auseinander, wie diese durch patriarchale und monotheistische Ideen durchsetzt und umgeschrieben werden.

Chaotisches Wissen, in vollem Fluss
Luisa Francia geht aber weniger analytisch vor, sie schüttet ihr Wissen aus – ein wenig chaotisch, aber in vollem Fluss. Oft springt sie mir zu schnell von einem Informationsbrocken zum nächsten, mischt diesen dabei mit persönlichen Erfahrungen und Empfindungen. Ihr Text hat Tempo und Tiefe und saugt die Lesenden ein in die Materie, füttert sie beständig mit Bildern von schuppigen Drachinnen die Feuer aus ihrer Vagina speien und dies sei gut so. Ich, die sich immer schwer tut mit dem, was Frausein ausmacht, fühle mich seltsam angekommen in ihrem dünnen Büchlein, fühle mich verstanden, und nicht überschwemmt mit langsam sezierten Fakten. Fühle mich nicht erdrückt vom Differenzfeminismus. Fruchtbarkeit muss nicht Kinder kriegen sein, schreibt sie. Fruchtbarkeit ist auch schöpferische Energie. Sie schafft es rasant der Wärmeflaschenzeit eine besondere Magie zu verleihen, in der sich Drachinnen zurecht der Leistungsgesellschaft entziehen und im Dunkel ihrer Höhle friedvolle Tage mit allerlei Ritualen und Schlangenfraß verbringen.

Genau diesen Ritualen und „verbündeten Wesen“ widmet sie den zweiten Teil ihres Buches. Sie gibt Anregungen, wie eine in der jeweiligen Mondphase ihre Mens besonders zelebrieren kann. Regt ein Menstruations- und/oder Traum-Tagebuch an, liefert Rezepte, Körperübungen, Anleitungen für Menstruationshütten, Menstruationsfeste, -Amulette, -Altare und Feiern. Francia schreibt mit einer derartigen Begeisterung und Freude, dass einer die klassische o.b.-Werbung wie eine total irre Sci-Fi-Variante der Verhandlung von Menstruation erscheint.

Zum Drachin-Sein braucht’s kein Mensstruationsfest
Ich besitze dieses Büchlein nun seit gut 10 Jahren. Menstruationsfest hab ich noch immer keines veranstaltet. Ich weiß auch nicht mal zu welcher Mondphase ich blute. Aber mittlerweile fühle ich, dass es mir zusteht Drachin zu sein. Spreche von Drachenzeit, wenn es soweit ist und mein Partner kümmert sich ebenfalls darum, mir meine dunkle wohlige Höhle zu schaffen. Und immer wieder und immer noch erzähle ich zum gefühlt hundertsten Mal die Geschichte der Urschlange Tiamat, die aus ihrem Menstruationsblut die Erde erschaffen hat.

„Der Zustand der Drachin ist der der menstruierenden, reifen Frau. Die Feuer speiende […], auch im übertragenen Sinn: die zornige, aggressive oder einfach nur energiegeladene Frau. Sie lebt in einer Höhle, ist bei sich, mit sich eins, in ihre Zeit verwoben. […] Drachen sollte man sich nicht ohne besondere Einfühlung nähern, denn sie widerstehen den gesellschaftlichen Umgangsformen. Die Drachenzeit, die Menstruation ist das letzte Überbleibsel der nicht domestizierten Frau.“

Irgendwann werd‘  ich mal meine Sachen packen und mit meinen Freundinnen ans Rote Meer fahren. Nach Tiamat, zu unserer Ahnin.

Drachenzeit. Von Luisa Francia. Verlag Frauenoffensive.  ISBN 3-88104-165-6


Erschienen in: Im Fluss

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2 Kommentare

  1. Vor Jaaaahren, noch wirklich jung und fern ab von jeder Idee um Feminismus und Co habe ich dieses Buch aus irgendeinem damaligen Eso Kontext heraus mal gelesen.
    Ich erinnere mich quasi garnicht mehr dran und hätte es wohl eher als „Quatsch“ abgetan, so aus der fehlenden Erinnerung.
    Danke für diese Rezension. Ich werde es mir vielleicht nochmal besorgen.

  2. Ok jetzt werd ich Sie doch lesen, und zwar genau dieses Buch 😉

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