Nachlese: Mutter sein dagegen sehr – Reflexionen zu mütterlichen Aufbrüchen

von Antonia

Gerline Mauerer und Karin Steger gestalteten in der Wiener Frauenhetz – feministische Bildung, Kultur und Politik – am 14.02.2015 einen Abend mit dem Titel „Mutter sein dagegen sehr” – Reflexionen zu mütterlichen Aufbrüchen“.

Die Sozialwissenschaftlerin, Universitätslektorin und Mitarbeiterin der Frauenhetz, Gerlinde Mauerer hat sich auf vielfältige Weise mit Mutterschaft auseinandergesetzt. Sie ist Autorin des Buches „Medeas Erbe: Kindsmord und Mutterideal“ (Wien: Milena 2002) und forscht derzeit an der Universität Wien zum Thema „Karenzväter“.
Karin Steger ist Journalistin, Moderatorin, Sprecherin und Autorin des 2014 bei Orac erschienen Buches „Hättest halt kein Kind gekriegt! Auf der Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft“.

cover_stegerDie spannende Herangehensweise des Abends war die, dass Steger Abschnitte aus ihrem Buch vorlas und Mauerer diesen Passagen theoretische Texte gegenüberstellte.

Ich möchte versuchen Teile davon zu rekonstruieren, ohne Anspruch auch Vollständigkeit.

Stegers Buch ist ein über sieben Jahre hinweg entstandener Erfahrungsbericht. Sie beschreibt in einem sehr persönlichen Text ihren Weg raus aus einem Zusammenbruch, ausgelöst durch ihr abgehetztes Leben als Alleinerzieherin, der dazu führte, dass sie sich viel mit den Abwertungen des Mutterseins um sie herum auseinandersetzte, hin zu einem ausgeglichen, zufriedenstellendem Lebensentwurf, den sie nun mit ihren beiden Kindern und ihrem Partner lebt.

„Hättest halt kein Kind gekriegt“ beginnt mit der Burnout-Erfahrung einer Mutter, die nicht mehr kann und einer Tochter die sie tröstet.

Meine Tochter ist siebeneinhalb und ihr Mami kann nicht mehr. Sitzt da und heult. Die Augen geschwollen, das Gesicht salzig und nass. Gaaaaanz ruuuhig, sagt die gesenkte Kinderstimme. Jaaaaa, Mama…aaalles wird guuut (15).

Mauerer liest dazu einen Abschnitt aus Sarah Ahmets „Spaßverderberin: Feminismus und die Geschichte des Glücklichseins“ (Übersetzung aus dem Englischen erschienen in dem von Mauerer herausgegebenem Sammelband „Frauengesundheit in Theorie und Praxis (Transkript 2010)) und weist darauf hin, dass in vielen Fällen die Behandlung von Krankheiten bei Frauen erst aufgenommen wird, wenn sie nicht mehr in der Lage sind die notwendige Versorgungsarbeit zu leisten.

Steger beschreibt im Kapitel „eingeknickt“, wie sie ihrem Umfeld von ihrem besorgniserregenden Zustand erzählt und niemand auf ihre Hilferufe reagiert. Sie erzählt Freundinnen, die ebenfalls Mütter sind, von ihren körperlichen Symptomen und kriegt daraufhin deren „Geheimwaffen“ präsentiert. Sie stellt fest: es gehört zum Alltag von Müttern, besonders von alleinerziehenden, ständig am Limit zu sein, sich nur mit Mühe über Wasser halten zu können.

Bevor sie Mutter wurde war sie beruflich erfolgreich. Als Mutter sieht sie sich eindeutig als Absteigerin.

Indem ich Mutter geworden bin, bin ich in unserer Gesellschaft, in der unser Status in erster Linie vom jeweiligen Erwerbseinkommen abhängig ist, zwangsläufig zur Absteigerin geworden (140).

Dazu verweist Mauerer auf Luce Irigarays: Die Frauen, das Heilige, das Geld. (In: Genealogie der Geschlechter. Aus dem Französischen von Xenia Rajewsky. Freiburg 1989, 121-143.)

20150213_204856 (1)Eine weitere interessante Stelle aus Stegers Text ist die: sie schickt einer Freundin ein Foto von ihr und ihrem Sohn und diese antwortet: „Wow! Du siehst super aus! Überhaupt nicht wie eine Mutter!“ Das hat Steger sehr irritiert und verwirrt. „Wie sieht man denn aus als Mutter? Und warum wow, wenn man es schafft, dem zu entkommen (123)?

Es folgte eine Passage aus Mechthild Rumpf: Gute Mutter, böse Mutter. Zur Rekonstruktion einer Ambivalenz. In Barbara Schaeffer-Hegel (Hg.): Frauen und Macht. Der alltägliche Beitrag der Frauen zur Politik des Partriarchats. Berlin 1984. S 112-122

Steger setzt sich in „Hättest halt kein Kind gekriegt!“ auch mit ihrer eigenen, verinnerlichten Frauenverachtung, wie sie es nennt, auseinander.

 

Ich habe mich gerne als Feministin bezeichnet und habe die Abwertung und Diskriminierung von Frauen stets bei den anderen, bei den reaktionären Kräften vermutet.

Mittlerweile ist mir aber auch meine eigene, sehr subtil verinnerlichte Frauenverachtung gedämmert (121).

Welche Auswege sieht Steger, nicht nur für sich sondern für das gesamte System? Wie viele andere fordert sie ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Reduktion der Normalarbeitszeit von Männern und Frauen auf 30 Stunden pro Woche (80).

Ich sehe eine Familie, in der Mama und Papa (oder Mama und Mama oder Papa und Papa, also jedenfalls: verbindliche und liebevolle Bezugspersonen) abwechselnd einmal mehr und dann wieder weniger Erwerbsarbeit leisten. Die Erwachsenen in dieser Familie würden sich dabei nach ihren eigenen Wünschen sowie nach den Bedürfnissen der Kinder richten, sich phasenweise auf mehr bezahlte Kinderbetreuung verlassen und dann wieder auf weniger.

Ich sehe eine Familie, die sich dazwischen immer wieder auf ein Grundeinkommen verlassen kann, sodass auch in den erwerbsschwächeren Phasen zumindest die Miete und die Notwendigen Fixkosten für Eltern und Kinder abgedeckt sind.

Ich wünsche mir Familien, in denen Eltern und Kinder jeweils so viel Zeit miteinander verbringen können, wie sie wollen (116).

Weitere Texte, die an diesem Abend angerissen bzw. empfohlen wurden:

  • Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe: Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Stroemfeld 1993
  • Bettina Schmitz: Intellektualität und Mütterlichkeit, versöhnt gedacht: eine weibliche Identitätskatastrophe im Symbolischen. Julia Kristevas Rationalitätskritik. In: Die Philosophin. Forum für feministische Theologie und Philosophie 19 (1999) S. 55-73

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Von Gerlinde Mauerer gibt es am 17. April 2015, 19 Uhr einen weiteren Vortrag:
Mütter, Dinge, Widerstand und Eigensinn
im Depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien www.depot.or.at
feminismen diskutieren

„Mütter werden gern dafür verantwortlich gemacht, eine Ordnung der Dinge herzustellen. Das wird im Vortrag hinsichtlich (über)mächtiger Eigenarten sowie zeit- und raumvernichtender Mechanismen beleuchtet: Der Handschuh, die Mikrowelle, das Handy sind Hauptgegenstände einer Analyse, in der mach-lose Aufgaben von Haben und Besorgen(-Müssen/-Wollen/-Sollen) und scheinbar ohnmächtige Positionen im Zirkulieren von Waren und Dingen feministisch-kritisch untersucht werden.“

Moderation: Sabine Prokop, VfW
In Kooperation mit der Bildungsstätte Frauenhetz

Beitrag erschienen in: Im Fluss

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Ein Kommentar

  1. Pingback: 23.02.2015 | feministmum

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