Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien

von Cornelia u1_978-3-7373-6405-8 Die Norm der weißen Hetero-Kleinfamilie nicht ans Kind weiterzugeben, ist ganz schön schwer, wenn man selber eine solche ist – speziell dann, wenn es im freundschaftlichen Umfeld kaum andere Familien mit Kind(ern) gibt. In einer Großstadt aufzuwachsen hilft ein bisschen mit. Immerhin. Dass Menschen unterschiedlich aussehende Körper mit verschiedenen Haar-, Augen- und Hautfarben haben, dass Menschen unterschiedlich gekleidet sind und unterschiedliche Sprachen sprechen … das alles erlebt mein Kind täglich im Kindergarten, am Spielplatz, bei Freund*innen und unterwegs. Ich bemühe mich darüber hinaus, jegliche Normzuschreibungen zu relativieren und dem dreijährigen Kind zu vermitteln, dass es viel individuellen Spielraum gibt: „Manche Frauen schminken sich, aber manche nicht. Manche Männer schminken sich auch“. Ich merke, dass das Kind Spaß daran hat, diese Offenheit auf sich selber zu übertragen: „Die meisten Kinder mögen Eis. Ich bin die meisten.“ oder auch (was zu entlasten scheint): „Viele Kinder mögen Hunde. Ich bin nicht viele.“

Was weniger sichtbar ist, sind die verschiedenen Familienkonstellationen. Schlichtweg auch deswegen, weil diese selten explizit sichtbar sind. Es bleibt das (Rollen-)Spiel: Meine Stofftierfamilien bestehen dann selten aus Papa – Mama – Kind. Alleinerziehende Väter und Mütter und Sorge tragende Großeltern, Kinder, die mit Tante und Onkel in einer „Höhle“ leben und ein Tierkind hat zwei gleichgeschlechtliche Eltern. Meistens korrigiert mich das Kind dann, akzeptiert meine Spielvariante aber schließlich. Neulich jedoch hat es sich erstmals geweigert, eine Konstellation anzunehmen. Ihre beiden Tiger-Figuren waren Baby und Mama, ich bekam die Giraffe: „Du bist der Papa.“ „Nein, ich bin auch eine Mama.“ „Nein“, rief das Kind vehement. „Zwei Mamas gibt es nicht.“ „Doch, natürlich.“ In meiner Not nannte ich zwei Namen als Beispiel. Das Kind ließ sich jedoch nicht beirren.

Da kam mir eine Idee. Ich holte das Buch „Du gehörst dazu“ aus dem Regal und schlug die gesuchte Seite triumphierend auf: „Schau, da siehst du es!“

Foto

„Manche Kinder haben zwei Mamas oder zwei Papas.“ (c) Ros Asquith (Fischer | Sauerländer)

„Manche Kinder haben zwei Mamas“, las ich vor und zeigte auf das Bild. „Du hast ja recht gehabt“, staunte das Kind. Ich staunte auch. Tatsächlich hatte mir das Kind schlichtweg nicht geglaubt. Ich erklärte ihm, dass es immer in dem Buch nachsehen konnte, wenn es unsicher war: „Familien sind unterschiedlich.“ Was mir an dem Buch besonders gut gefällt, ist, dass People of Color wie selbstverständlich vorkommen, ebenso Menschen mit Rollstuhl, Brillen, Kopftüchern und sonstigen Merkmalen, ohne dass diese zur Differenzmarkierung benutzt werden. Der Familienbegriff wird in alle möglichen Richtungen gedacht – auch quantitativ: „Manche Leute haben eine Menge Brüder und Schwestern … und Onkels und Tanten, und Cousinen und Cousins … Und Omas und Opas. Und sogar Uromas. Und Uropas. Andere Leute haben ganz kleine Familien. Man kann auch zu zweit schon eine Familie sein.“ Und damit nicht genug: Das Buch zeigt viele, viele Aspekte: gewohnt wird im schmucken Einfamilienhaus oder im engen Hochhaus, in einem Turmhaus, einem Wohnwagen oder einem Leuchtturm. Und: „Manche Leute haben überhaupt kein Zuhause.“ Auch beim Thema Beruf wird in viele Richtungen gedacht: „In manchen Familien hat jeder einen Beruf. In anderen geht nur eine Person zur Arbeit. Manche Eltern arbeiten von zu Hause aus. Und manche finden überhaupt keine Arbeit.“ Schön ist, dass an der Stelle auch Hausarbeit gleichberechtigt neben Lohnarbeit gestellt wird und dass im Bild zur Familie, in der nur ein Elternteil arbeitet, diese Person die Frau ist.

Foto2

„In anderen geht nur eine Person zur Arbeit.“ (c) Ros Asquith (Fischer | Sauerländer)

Was machen Familien noch so? Die Kinder gehen in Schule und Kindergarten, verbringen ihre Ferien, kaufen ein und essen, kleiden sich ein, haben (keine) Haustiere, feiern Feste, gehen ihren Hobbys nach und bewegen sich fort.

Foto3

„Nicht alle Familien können es sich leisten, in den Ferien wegzufahren. Aber die meisten Leute nehmen einige Zeit frei von der Arbeit, Selbst ein Wochenende zu Hause kann ein kleiner Urlaub sein.“ (c) Ros Asquith (Fischer | Sauerländer)

All das steht gleichberechtigt nebeneinander. Und das ist es auch, was für mich die Besonderheit dieses Buches ausmacht: All die Merkmale, die in unserer Gesellschaft so oft als „anders“ hervorgehoben werden, existieren in dem Buch neben Merkmalen, die als „normal“ wahrgenommen werden. Kinder sehen, worin sie sich von anderen unterscheiden, aber auch auch wie vieles sie verbindet. Besonders gerne habe ich die Doppelseite „Gefühle“: „In manchen Familien teilen alle ihre Gefühle. Andere Leute sind eher schüchtern. Oder vielleicht wollen sie ihre Gefühle ganz einfach für sich behalten. Manchmal fühlt nicht jeder in der Familie dasselbe. Außerdem können sich Gefühle schnell ändern.“

Foto4

„Manchmal fühlt nicht jeder in der Familie dasselbe.“ (c) Ros Asquith (Fischer | Sauerländer)

Familien, das zeigt „Du gehörst dazu“ können „groß, klein, glücklich, traurig, reich, arm, laut, leise, brummig, gutgelaunt, besorgt oder unbekümmert“ sein, aber: „Die meisten Familien sind mal so oder mal so.“ Wir sind alle wandelbar, Familien auch! Für Kinder ist das wichtig zu wissen und diese Seite kann zum Beispiel auch Anlass sein, über eine bevorstehende elterliche Trennung oder Familienvergrößerung (etwa die Geburt eines Babys oder ein geplanter Patchwork-Familienzusammenschluss) zu reden. Neben dem schlichten Sachbuch-Text, der all die familiären/menschlichen Unterschiedlichkeiten lexikonmäßig konstatiert, lebt das Buch vor allem von den liebevollen und lustigen Illustrationen mit vielen bezaubernden Details.

Der heteronormativen bürgerlichen Kleinfamilie mit klassischer Geschlechterrollenverteilung ist übrigens auch eine Doppelseite gewidmet, die erste sogar: Da stehen ihre Mitglieder unbekümmert nebeneinander: Papa im Karo-Hemd und Spaten, Mama mit der Gießkanne, der Sohn mit Ball, die Tochter mit Puppe, ein Hund, eine Katze und das kleine Häuschen mit Garten. „Vor langer, langer Zeit“, heißt es, „sahen die meisten Familien in Bücher so aus. Aber im echten Leben kommen Familien in allen möglichen Formen und Größen vor.“

Du gehörst dazu. Das Große Buch der Familien. Von Mary Hoffmann, Illustrationen: Ros Asquith. Fischer-Sauerländer. ISBN: 978-3-7373-6405-8 (vom Verlag empfohlen ab 4 Jahren)

Beitrag erschienen in: Beziehungsweise

Advertisements

2 Kommentare

  1. Das Buch haben wir seit einem Jahr (da war der boy 2,5) und anfangs war es wohl noch etwas früh, jetzt kommen wir über das Buch schön in den Dialog. Wir finden Beispiele und reden darüber. Das ist schön.
    Mein Wehrmutstropfen- ich mag die Zeichnungen überhaupt nicht. Aber das is ja echt zweitrangig. Außerdem mag ich, bei der Seite übers Arbeiten, die Darstellung der betrübten Gesichter nicht in der Familie wo keiner eine Arbeit „findet“.
    Denn manche wollen das ja garnicht und sind damit glücklich.

  2. Pingback: Noch mehr gute Kinderbücher | fuckermothers

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: