Expertinnenrat zu „Geschwisterstreit“

Vor zwei Wochen hat sich Eva gefragt, wie sie am besten mit den Streitereien ihrer beiden Kinder umgehen soll. Wir haben Rat bei Nadine Hilmar gesucht. Sie ist Familienberaterin i.A., Bloggerin (buntraum), Autorin und bietet online Familienberatungen an. Im Frühjahr 2015 erscheint ihr e-book „Hand in Hand“ über die Begleitung von Geschwisterbeziehungen. Nadine lebt mit ihrer Familie in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt in Wien.

Geschwister streiten. Laut Studien, in denen Forscher*innen gezählt haben, wie oft Geschwister sich streiten, tun sie das im Durchschnitt alle 10 Minuten. Und ja, das ist normal und gehört dazu. Was Geschwister dabei brauchen ist eine gute Konfliktbegleitung. Denn Fakt ist auch, dass Geschwister untereinander heftiger und intensiver streiten als mit ihren Altersgenoss*innen. Weil ihr Kontakt heftiger und intensiver ist, sie viel enger sind, näher. Und – das ist meine persönliche Vermutung – weil sie nicht die Befürchtung haben müssen, dass der oder die andere sie im Stich lässt. Freund*innen gehen, wenn es ihnen zu viel wird. Sie bleiben nach einem heftigen Streit auch mal länger weg oder kehren nie wieder. Geschwister bleiben, egal, wie sehr man sich streitet oder gar verprügelt. Und weil der Streit unter Geschwistern eben so heftig sein kann, so ausarten und letztendlich auch recht gewaltvoll werden kann, ist es wichtig, dass wir wachsam sind, sie begleiten und ihnen Mittel und Methoden mitgeben, die ihnen helfen, ihre Konflikte zu lösen. Ohne, dass wir das für sie tun. Denn ja, es ist wichtig, dass Kinder lernen ihre Konflikte selbst zu lösen, damit sie das im späteren Leben, wenn sie auf sich gestellt sind, auch schaffen. Und nein, wir sollten uns nicht zu schnell und zu viel einmischen und ihnen damit die Möglichkeit nehmen, ihre eigenen Strategien zu finden. Aber das bedeutet für uns Eltern nicht, dass wir sie allein lassen in ihrem Kampf. Es braucht ein gutes Maß an Unterstützung.
Soviel zur Theorie.

Doch wie begleite ich nun einen für mich scheinbar lächerlichen Streit um ein Spielzeug, das eben noch unbeachtet auf dem Küchentisch lag? Wie bleibe ich bei einem stetig steigenden Lärmpegel ruhig und vor allem: Wie bleibe ich neutral? Wie behandle ich meine Kinder gleichermaßen? Auch wenn ich weiß, wenn ich gesehen habe, wer zuerst was hatte, wer wem etwas genommen oder wer zuerst gezwickt, gezupft oder geschubst hat?
Indem ich wirklich ruhig bleibe, dem Lärmpegel trotzend beschreibe, was ich sehe: „Ihr seid aber laut. Das klingt nach heftigem Streit.“ Indem ich mit so einer Ruhe und Gelassenheit so einer explosiven Situation begegne, werden beide Kinder in ihrer Wut vorerst unterbrochen. Und schon werden sich beide Kinder statt sich zu bekriegen an mich wenden und mir um die Ohren fegen, wer denn nun was und wie zuerst. Das kann ich ein wenig einbremsen und „moderieren“, sie bitten, mir nacheinander zu sagen, was war, oder, wenn ich schon erkannt habe, was das Problem vermutlich ist und dieses für beide in Worte verpacken und genau aussprechen. „Du hast die Puppe genommen, die auf dem Küchentisch lag und wolltest damit spielen. – Und Du willst nicht, dass er sie nimmt. Weil sie Dir gehört.“ „Ihr wollt beide bestimmen, wer jetzt im Urwald den Leoparden fangen darf.“ Dann werden sie vermutlich heftig nicken oder laut „Jaaa!“ oder „Ich will aber!“ rufen. Und wir können uns schon langsam wieder zurückziehen, indem wir sagen: „Nun, ich glaube, dass es dafür eine gute Lösung gibt und ich bin mir sicher, dass ihr sie gemeinsam finden werdet.“ Was, so einfach? Nun, nicht immer. Es kommt natürlich auf das Alter der Kinder an. Aber auch Dreijährige können bereits verhandeln. Und wenn ich ihnen das nicht ganz zutraue beziehungsweise sie das bisher auch nicht gewohnt waren, dann kann ich kleine Hinweise geben. „Ich glaube, dass es genug Figuren im Urwald gibt, für die es etwas zu bestimmen gibt. Vielleicht könnt Ihr Euch das aufteilen.“„Die Puppe gehört Dir und es liegt ganz an Dir, ob Du sie verborgen willst, wenn Du sie nicht brauchst. Vielleicht kannst Du mit Deinem Bruder gemeinsam eine Einigung finden?“ Aber ich überlasse den Kindern die letztendliche Entscheidung. Das funktioniert von daher gut, dass beide Kinder sich gleichermaßen behandelt und gesehen fühlen. Jedes wird in seinem Recht bestätigt (ja, das gehört Dir!) und keines wird bevorzugt oder benachteiligt. Dennoch werden beide Seiten wahrgenommen und respektiert.
Und so, wie ich das Gesehene beschreibe, kann ich auch einfach mal die Gefühle eines Kindes beschreiben: „Es nervt Dich unglaublich, wenn Dein Bruder Dich beim Reden unterbricht.“ Da wird Deine Tochter in ihrer Wut vermutlich laut „JA!!!“ rufen. Zu recht, denn es nervt einfach, ständig unterbrochen zu werden. Aber mehr braucht es auch nicht. Das reicht, damit sie sich einmal so richtig verstanden und gehört fühlt und der kleine Bruder hört da ganz nebenbei, was die große Schwester eigentlich wirklich stört. Ob er es kontrollieren kann, ist eine ganz andere Sache. Doch wird es ihm so schneller und leichter gelingen, als wenn er gemaßregelt wird für etwas, von dem er gar nicht genau weiß oder verstanden hat, was das Problem ist. Sehr wichtig ist es auch, die Hausregeln klar zu definieren. Es wird sich nicht gegenseitig weh getan. Denn eine gewaltfreie Erziehung heißt auch, dass sich auch die Geschwister nicht weh tun. (Was nicht bedeutet, das Aggressionen und Wut komplett unterbunden werden, das wäre fatal, ist aber letztendlich auch ein ganz neues und hier zu weitreichendes Thema). Es werden aus unseren eigenen Empfindungen heraus Grenzen aufgezeigt – was ist zu laut, zu viel, zu wild. Es wird nichts kaputt gemacht. Das gilt auch für eine Küchentür, der es nicht gut tut, wenn an jeder Seite ein Kind hängt. Wir müssen nicht immer auf den Streit direkt eingehen, wir können auch einfach auf klare Regeln hinweisen.

Letztendlich geht es beim Geschwisterstreit für uns Eltern weder um das Lösen noch ums Ignorieren. Es geht auch nicht darum Fairness, Teilen oder Gleichberechtigung zwanghaft zu lehren. Es braucht kein „Aber sie müssen doch lernen…“ Sie lernen, indem wir vorleben, was wir von ihnen erwarten. Und so geht es schlichtweg um eine respektvolle Begleitung und das gleichwertige Behandeln beider Seiten. Den Rest machen die Kinder dann wirklich unter sich aus. Und das oft mit ganz eigenen, uns überraschenden und staunend stehen lassenden Ideen und Vorschlägen.

Beitrag erschienen in: Beziehungsweise

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3 Kommentare

  1. Vorleben allein genügt nicht! Kinder brauchen Regeln und die muss man mit ihnen besprechen! Dann können sie diese Regeln anwenden, Erfahrungen machen und erkennen, dass die Regeln sprich Lösungswege hilfreich sind! Das ist meine Erfahrung als Mutter von 4 Kindern und Elterntrainerin.

  2. Eva

    Vielen Dank für die vielen Vorschläge für einen planvolleren/durchdachteren Umgang mit den Streits meiner Kinder … Die Herausforderung wird sein, das in einer konkreten Situation auch umzusetzen. Aber ich glaube, es hilft mir, nochmal mehr im Hinterkopf zu haben, welche Konfliktfähigkeiten der Kinder eigentlich langfristig bei Streitereien rauskommen sollen. Also, danke nochmal für die Ideen!

  3. Pingback: Hand in Hand I Ein Aufruf zu Fragen rund um die Geschwisterbeziehung | BUNTRAUM

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