Großmutter – Mutter und Kind : O-MAMA

von Martina

Es war einmal eine Zeit, da war früher.

Da waren Kind und später Kinder im „Kindesalter“. Und im Jugendalter.
Nun habe ich zwei Kinder, die seit Jahren nicht mehr „zu Hause“ leben und  für die der Ort ihrer Kindheit  ab der Trennung der Eltern weiter und weiter verloren ging.
Ich habe zwei Kinder, Tochter und Sohn. Und die Tochter hat ein Kind. Jetzt drei Jahre alt. Und das zweite kommt auch.
Ich bin glücklich, dass es das Enkelkind / Enkelkinder gibt. Wie immer, wenn sich nahe Beziehungen verändern, wenn Neue kommen (oder Alte gehen …), änderte sich das gesamte Familiensystem – und von dem, wie ich mich jetzt als Mutter dieser Frau mit dem Kind erlebe, und welche Vorgeschichte ich habe mit ihr, davon will ich ein bisschen erzählen.

Als junge Mutter war ich oft unsicher, hatte chronisch ein schlechtes Gewissen. War ich wirklich „gut genug“ für das Kind? Ich wollte es allen (!!) recht machen und überschätzte die Gefahr, die von Konflikten ausgeht und unterschätzte die Chance, die Konflikte sind.
Wenn das Kind unglücklich war, war der Gedanke da, ich hätte etwas falsch gemacht. – Was an sich keine schlechte Überlegung ist, denn klar habe ich manches falsch gemacht. Der Blick darauf, wie ich das Kind  ermuntere, die Welt kennen zu lernen und wie ich es schütze, dabei in Gefahr zu geraten, war damit aber erschwert.
Meine Tochter zeigte dennoch ihr Bestreben nach Selbständigkeit und war sich rasch sicher, was sie will / was sie nicht will.
Sie zeigte auch früh ihre Ausrichtung an anderen Menschen,  spielte viel mit anderen, war flexibel in Bezug auf Betreuung, wie wir Eltern sie wegen Beruf und Ausbildung immer wieder tageweise arrangieren mussten. Wir, Kind und ich also,  hatten aber doch auch viel Alltag,  mit dem ich gute Stimmung und viele Ideen und gemeinsamen Aktivitäten verbinde.
Sie hat später große Anstrengungen gemacht und Entscheidungen getroffen, um „da“ zu sein, wenn andere nicht alleine klarkommen. Und diese Feinfühligkeit zeigte sie auch als Kind und ich war beeindruckt, dass sie das so machte.
Mehr Ermunterung, Bestätigung  und Freiraum, Eigenes zu probieren und zu entwickeln war so ab dem Pubertätsalter Thema zwischen uns beiden. Zuvor war ja altersbedingt das Eigene der Kinder noch oft „süß“ und kurios und kreativ. Und harmlos. Und das Eigene in Form von  schwierigen Emotionen (wütend sein, verzweifelt sein, sich alleingelassen fühlen, Angst haben, …) regulierte sie bald selbst.  Meine Botschaft an sie dabei? Ich weiß es gar nicht, ich vermute, es waren vor allem unpassende Botschaften à la: „Oje, jetzt sei doch nicht so. Ich hab‘ es doch nur gut gemeint. Es ist doch nicht so schlimm …“ Anpassen, um der Anpassung willen. Oder um meinetwillen. Es gab dann auch Eskalationen und alle waren dann damit beschäftigt, sich irgendwie selbst zu beruhigen.
Später wurde dann deutlich, dass ich ihr wenig ein Gegenüber war für Auseinandersetzungen.

Ich kannte die Namen ihrer Freund*innen nicht, wusste nichts über die Konflikte und Beziehungen, „Schule“ war der mir am meisten vertraute Lebensbereich und in dem hatte sie auch den Vater.
Zwischen Tochter und Vater gab es mehr Konflikte, heftige. Ich war beruflich viel eingespannt und abgespannt und versuchte zu vermitteln, zu schützen, war verletzt, wenn sie mir vorwarf, ich tue zu wenig, sei zu wenig präsent, was aber definitiv ein Teil des Konfliktes war. Sie zeigte mir so, dass sie unter der Ambivalenz litt, die wir Eltern vermittelten: „Natürlich sind wir progressiv und gleichberechtigt“. – Aber es war klar, wer das Auto finanzierte, manches Berufliche bei mir wurde vom Mann und Vater belächelt, was ich während dem Studium dazuverdiente, war kein „richtiges Geld“, und herbe Bemerkungen über Frauen als Frauen von ihm wurden von mir nicht korrigiert. Ich glaube, sie spürte das, und es war mir peinlich.

So lebte ich in einer Mutterrolle, die ich nie leben wollte, obwohl ich doch nach außen so eine moderne Familie hatte. Berufstätige Eltern, die das mit der Aufteilung in der Familie prima hinkriegen. Ich lebte die Rolle einer klassischen „ich kann doch nicht anders“-Rolle.
Sich weiter auseinander zu entwickeln, Rückzug, getrennte Mahlzeiten, Unternehmungen – das war einerseits ganz altersgemäß, aber doch sehr stark ausgeprägt, ich habe bis heute keine Ahnung, durch welche Tiefen sie dabei auch gegangen ist. Sie „kriegte das selber hin“. Entwickelte ernsthafte, gut überlegte Wertorientierungen (zum Beispiel, sich vegetarisch zu ernähren) und ist dabei sehr konsequent.
Es ist nicht immer leicht für mich, dass ich dabei die eigenen Inkonsequenzen gespiegelt erkenne. Und ich habe Angst, dass sie zu streng mit sich dabei umgeht und mit der Welt und damit lebensfeindlich, aber Besorgnis auszudrücken, das gerät oft in ein ganz ungutes Fahrwasser.
Es gibt immer wieder Situationen, in denen eine Rollenumkehr stattfindet: sie sorgt für die Mutter in deren Krisen. Wir können das jetzt besser wahrnehmen und gelten lassen. Das hat sich geändert in der Zeit der Schwangerschaft, wo wir einige Male aneinandergeraten sind. Und ich spüre wieder klarer, wenn sie fragt, erzählt, zeigt, dass auch sie Durchhänger hat. Und dass das dann auch Platz braucht. Das ist gut.  Insofern sind wir offener miteinander geworden und können uns besser unterstützen, denke ich.

"Junge Oma" mit ihren Enkelkindern im Sommerurlaub.

„Junge Oma“ mit ihren Enkelkindern im Sommerurlaub. © Anna Lisa Chang

Es gab da den Tag, an dem ich hörte: „Wir kriegen ein Kind“. Boah, ich hab mich so gefreut, das Thema „Kindheit“ und „Kinder haben“ war also nicht zu einem „No-go“ geworden!
Ich bin überrascht, mit einbezogen zu sein, das empfinde ich gar nicht als selbstverständlich. Es ist ein Vertrauen, dass es ok ist, dass das Kind nunmal diese Oma hat und sie kennt, und das freut mich. Verbunden ist nun damit auch, dass sich unsere Lebenswelten wieder treffen, dass wir Themen und Erfahrungen miteinander auch im Alltag haben.

Für mich ist es die Chance, mich klarer und freier zu fühlen, im Umgang mit dem Enkelkind. Weniger unsicher. Auch im Umgang mit meiner Tochter. Wenn ich zu sehr darauf aus bin, die Tochter zu entlasten, kommt eine Verkrampfung, Verabredungen werden kompliziert, ich bin im Umgang mit dem Enkelkind zu bemüht und dann kommt die Erkenntnis: Es geht nicht um irgendeinen Wert ( z.B. Entlastung), es geht darum, etwas zu tun, das sich vielleicht so auswirkt. Manchmal wäre ich gerne die souveräne Großmutter, die den nächsten Generationen „etwas bietet“ und das geht dann in die Hose, z.B. gab es einen Winterurlaub, der zu überladen war mit „allem“. –  Und dann kommt die Chance, daraus etwas zu lernen und zu verändern. Wir haben / Ich habe einerseits diese Zeitorientierung, „jetzt“ etwas zu machen und zu klären  und doch auch immer diese Perspektive, dass etwas weitergeht, dass auch Konflikte nicht bedeuten, dass etwas zerbricht. Und das ist gut!

Immer wieder werde ich auch darauf angesprochen, eine junge Oma zu sein. Ich verstehe nicht, was damit gemeint ist, was daran problematisiert werden soll. Zwischen meiner Tochter und mir ist es kein Thema. Und ich sage offen, dass ich im Umgang mit dem Enkel sehr wohl merke, dass ich in der Großelterngeneration bin und nicht so fit und belastbar wie die Mama des Kindes.

Ich meine, meine Tochter und ich können uns nun leichter auch eigene Bedürfnisse und Bedürftigkeiten formulieren.
Und ganz nebenbei kommen wir auch über Vergangenes ins Gespräch. Gut so!!!

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