Mutterschaft und Sexarbeit. Zwei Interviews.

von Cornelia

Anna* ist geborene Ungarin und lebt seit acht Jahren in Österreich. Sie ist 30 Jahre alt und hat zwei Söhne im Alter von vier und neun Jahren.

Kristyna* stammt aus Tschechien und lebt seit sieben Jahren in Österreich. Die 29-Jährige hat eine einjährige Tochter. Über ihren akademischen Grad in ihrem Heimatland sagt sie: „Der ist völlig sinnlos, wenn es darum geht, etwas zum Essen auf den Tisch zu bekommen.“

Ein gängiges Bild in unserer Gesellschaft ist, dass Mutterschaft und Sexarbeit nicht zusammengehen. Wie geht es Ihnen damit?

ANNA: „Es gibt ein Klischee, das richtig ist: Das goldene Hurenherz – und ich kümmere mich nicht, was manche Leute denken, was ich tun soll oder kann. Mein Mann und ich sind glücklich. Meine Kinder gesund – was sonst ist wichtig?“

KRISTYNA: „Manche Leute sagen komische Dinge – und wissen immer besser, wie man sich verhalten soll – speziell dann, wenn sie selbst nicht betroffen sind.“

Was stört Sie an den Klischees von Mutterschaft und/oder Sexarbeit?

ANNA: „Dass sie falsch sind.“

KRISTYNA: „Ich kenne die nicht wirklich, weil die meisten Leute viel zu beschäftigt sind, über mich zu reden, statt mich zu fragen. Aber ehrlich: Ich weiß nicht mal, ob ich mit denen reden will.“

Haben Sie im Arbeitsumfeld bzw. von Menschen, die wissen, dass Sie Sexarbeiterin sind, oder von Behördenseite negative Kommentare bezüglich Schwangerschaft/Mutterschaft erhalten?

ANNA: „Mein Partner weiß es – er passt auf die Kinder auf, wenn ich im Studio bin. Er findet keine Arbeit. Bei der Versicherung hat man mich einmal dumm angeredet – besser gesagt: Während meiner Gegenwart über mich als ’so eine‘ gesprochen. Die haben gedacht, dass ich nicht Deutsch kann. Dass ich Deutsch verstehe, zeige ich auch nicht immer, da ich mit diesen Leuten nicht viel sprechen will. Das habe ich durch das österreichische Finanzamt gelernt – oft ist es besser ’nix verstehen‘ zu sagen.“

KRISTYNA: „Mein Mann weiß es und auch meine Schwester. Freundlich ist niemand am Amt zu Prostituierten – da lernt man damit leben.“

AMMAR

(c) AMMAR | Ogilvy & Mather, Buenos Aires (via theguardian.com)

Sie möchten anonym bleiben. Wie belastet Sie, dass in ihrem (Eltern-)Alltag – zB dass Kindergarten/Schule – keine_r von Ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterin erfahren soll? Verschweigen Sie Ihre Arbeit vor Ihrem Kind?

ANNA: „Natürlich ist das ein Problem – ob Mutter oder nicht. Sexarbeit ist grundsätzlich mit Doppelleben verbunden. Wenn meine Kinder fragen, dann nehme ich eine Ausrede. Noch geht das. Später weiß ich nicht. Vielleicht findet sich doch ein Beruf, wo ich nicht lügen muss. Aber ohne Geld zu sein, ist schlechter als Lügen-Müssen.“

KRISTYNA: „Meine Tochter ist noch zu klein – Ich habe damit kein Problem.“

Welche spezielle Absicherungen erhalten Sexarbeiterinnen, die ein Kind bekommen? Wie war das bei Ihnen?

ANNA: „Eine Beratungsstelle in Salzburg hat mir geholfen, dass ich vorzeitigen Mutterschutz in Anspruch nehmen konnte – Kindebeihilfe gibt es normal.“

KRISTYNA: „Ich habe von der Familie Unterstützung bekommen – und jetzt bekomme ich Kinderbeihilfe.“

Wo sehen Sie konkret einen Unterstützungsbedarf für sich und ihr(e) Kind(er)? Bzw. wo generell für Sexarbeiterinnen, die Mutter werden/sind?

ANNA: „Jede Mutter braucht Hilfe – vielleicht sollte man keine Angst haben müssen. Einer Kollegin ist bei der Scheidung das Kind genommen worden, weil sie Prostituierte war. Das ist nicht gut! Davor hat man Angst.“

KRISTYNA: „MigrantIn – SexarbeiterIn – weiblich – das ist 3-fache schlechtere Stellung. Die Amtstermine in der Schnirchgasse [Anm.: Gesundheitsamt; Sexarbeiter_innen in Wien müssen sich hier wöchentlich untersuchen lassen] sind ein Problem – wenn ich in der Nacht arbeite, so ist es schwer um 8 Uhr früh dort hinzufahren. Wenn ich es nicht schaffe, dann fehlt der Stempel und ich darf eine Woche nicht arbeiten. Das ist jedes Mal eine kleine Katastrophe für uns.“

Waren Sie als Schwangere als Sexarbeiterin tätig? Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

ANNA: „Ich habe bei der Schwangerschaft mit meinem 2. Sohn als Sexarbeiterin gearbeitet und für mich war es nicht wirklich ein Unterschied. Manche Jobs hatte ich weil ich schwanger war – bis zum 7 Monat habe ich ohne Probleme gearbeitet. Manche Männer wollen einen dicken Bauch. Aber es waren immer zärtliche Männer. Als ich Pause gemacht habe, haben die immer im Studio gefragt, wie es mir geht – einmal auch Blumen für mich hinterlassen. Und Schokolade – auch jetzt fragen die Kunden, die es wissen, oft nach meinen Kindern. Das ist mir nicht unangenehm – ich finde es irgendwie sogar süß.“  

KRISTYNA: „Ich habe erst nach der Geburt mit Sexarbeit angefangen.“

Inwiefern glauben Sie, dass Kinder von Sexarbeiterinnen vom gesellschaftlichen Stigma Sexarbeit mitbetroffen sind? Was könnte/sollte dagegen gemacht werden?

ANNA: „Jeder, der jemanden diskriminiert, muss eine Strafe bekommen. Egal, ob wegen Sexarbeit oder weil sie nicht schön ist. Oder aus Jugoslawien kommt. Oder auch Muslima. Es ist immer schlecht – nicht nur für Prostituierte.“

KRISTYNA: „Ich habe darüber noch nicht nachgedacht – Ich will nicht darüber nachdenken.“

Tauschen Sie sich mit anderen Müttern, die Sexarbeiterinnen sind aus?

ANNA: „Wir zeigen uns manchmal Fotos von Kindern – mir tun die Frauen leid, die ihre Kinder nicht da haben. Dann sind oft Tränen die Folge.“

KRISTYNA: „Ich spreche nicht mit Kolleginnen über meine Tochter. Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps.“

AMMAR

(c) AMMAR | Ogilvy & Mather, Buenos Aires (via theguardian.com)

* Die Interviews wurden zur Wahrung der Anonymität per E-Mail geführt, die Namen wurden geändert.

Anmerkung zu den Bildern: Argentina’s prostitutes – mothers first, sex workers second


Erschienen in: des nächtens.

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