Schlaflos

von Cornelia

„Liebe ist nicht genug, wenn es um Kinder geht. So einfach ist das wohl.“

Sarah Moss

Sarah Moss. Schlaflos. Mare Verlag, Hamburg 2013. ISBN 9783866481770. Übersetzung: Nicole Seifert. Vom Verlag zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar.

Sarah Moss erzählt in „Schlaflos“ so viel mehr als die Geschichte einer schlaflosen Mutter. Wie nebenbei geht es um Selbstbestimmtheit, Frauenrechte, Kinderrechte, gescheiterte Elternbeziehungen, Familienkonstellationen, Psychoanalyse, Gleichberechtigung, Neid auf andere Leben, Hegemonie, Karriere, Vereinbarung, Bevormundung, Klassismus.

Die Historikerin Anna, ihr Mann Giles und deren beiden Söhne (2 und 7 Jahre) haben sich auf eine karge Insel im Westen Schottlands zurückgezogen. Bis auf ein später als Feriengäste hinzustoßendes Ehepaar samt Teenager-Tochter sind sie dort auf sich allein gestellt. Abenteuerliche Bootsüberfahrten ans Festland mit Friedhofs-, Supermarkt- und Bibliotheksbesuchen inklusive. Giles erforscht eine Vogelkolonie und Anna schreibt ein Buch über Kindheit im 18. Jahrhundert. Oder besser gesagt, sie versucht es zu schreiben. Die Kinder wollen schließlich versorgt und beschäftigt werden. Daneben birgt die Insel noch ein düsteres Geheimnis, das Anna nicht loslässt und sogar die Polizei auf den Plan bringt.

Schlaflosigkeit macht grantig. Schlaflosigkeit macht traurig. Schlaflosigkeit macht verzweifelt. In dem Buch „Schlaflos“ gelingt es Sarah Moss Seite für Seite tiefer in die Gefühlswelt ihrer Protagonistin einzutauchen. Dies gelingt besonders durch das Verweben unterschiedlicher Ebenen und Textformen.

In Annas dialoglastige Ich-Erzählung sind Textbausteine aus ihrem entstehenden Buch gestreut („Ich produziere unsterbliche Prosa, die die Geschichtsschreibung des achtzehnten Jahrhunderts verändern und meine Karriere aus dem Sumpf von Windeln und ausgespuckten Keksen erretten wird, in den sie geraten ist.“). Zwischen den Kapiteln stehen unkommentiert, sich aber langsam mit Annas Recherchen verwebende alte Briefe der unbedarften Hebamme May, die in den 1870er Jahren auf derselben Insel wie das Forscher-Ehepaar gelandet war, um etwas gegen die eklatante Säuglingssterblichkeit dort zu unternehmen, und auch alte gerichtliche Befragungsprotokolle. Kapitel einleitend stehen Zitate aus psychoanalytischen Schriften von Anna Freud, John Bowlby und Dorothy Burlington, die Titel tragen wie „Heimatlose Kinder“, „Trennung: Angst und Zorn“  oder „Wege und Irrwege in der Kinderentwicklung“ sowie absatzweise bedeutungsschwere Sätze aus allerlei Studien.

Aufgefüllt ist das Gemisch mit Alltag. Mit sehr viel Alltag. Redundantem Alltag.

„Moth griff in die Polsterung über meinen früher sichtbaren Rippen und schob sich meine Brust in den Mund. Einen Moment lang war es im Zimmer still, dann war Schlucken zu hören. Giles reichte mir ein Glas Wasser. Es war 18:25 Uhr.“

„Der Wind wurde stärker und der Strom fiel wieder aus, ehe ich mit dem Mittagessen für die Kinder fertig war. Da keins der Kinder Eier mochte, war das Kochen von vornherein nur ein symbolischer Akt.“

„Und ich würde zum Abendessen etwas Vernünftiges kochen, vielleicht sogar etwas, dem normalerweise Kartoffeln beilagen, und dann ein Kinderprojekt von der Art durchführen, für das ich normalerweise Geld bezahlte, Pappmaché (aus Giles‘ Guardian-Archiv) oder eine Collage aus Blättern und Federn oder Männchen aus Lebkuchen (…).“

„Als Bildschirmhintergrund habe ich ein Foto der Kinder, nicht weil ich es so gern ansehe, sondern um mich daran zu erinnern, dass meine Zeit begrenzt ist und ich keinen Blödsinn machen darf (…).“

Ein Buch voller Eltern-Alltag aus nicht zuende gedachten Gedanken, abgebrochenen Gesprächen und angerissenen Tätigkeiten. Nichtsdestotrotz langweilt das Lesen desselben nicht im geringsten. Im Gegenteil.

Ja, so fühlt es sich an, dieses ständig lauernde schlechte Gewissen, anderen Unrecht zu tun, anderen zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.

Ja, so laufen Gespräche ab, wenn kleine Kinder anwesend sind. Ein Pingpong-Spiel mit mehreren TeilnehmerInnen. Ständig auf der Suche nach einer Schlinge, um den roten Faden nicht sekündlich zu verlieren.

Ja, so fühlt es sich an, im Kopf an einem anderen Ort theoretische Probleme zu wälzen und mit dem Körper unbequem am Boden vorm Bett eines flennenden Kleinkindes zu hocken.

Ja, so fühlt sie sich an – diese Wut, wenn ein Erziehungsteil Nicht-Eltern-Dinge macht und man selber nicht die Möglichkeit dazu hat.

Ja, so fühlt sie sich an – diese Unprofessionalität, wenn sich Kinder-Angelegenheiten unerwartet und oder unaufhaltsam in Arbeitswelt-Räume zwängen.

Sarah Moss hat ihre Hauptfigur jedoch mit einer Gabe ausgestattet: Sie nimmt die Dinge, wie sie sind, und macht sich Unerwartetes zu nutze. Das Mädchen der Feriengäste etwa – das sich als formidable Babysitterin entpuppt. Oder die Vergangenheit der Insel, die sie nicht loslässt, und die sie schließlich in gewisser Weise für sich als Wissenschaftlerin zu nutzen weiß.

Diese Mischung aus Ehrlichkeit und Selbstironie, die nicht in die Slapstick-Falle tappt, sondern sich eine sympathische Ernsthaftigkeit bewahrt, zeichnet „Schlaflos“ aus. Fazit: Ein intelligentes Buch über das spezifische Dilemma einer Mutter, das in seiner detailreichen Schilderung vor allem eines zeigt – viele Facetten von Frauen- und Mütterleben.

Leseproben

„‚Hallo, Jake. Wie geht’s?‘ ‚Geht schon. Wo sind Ihre Jungs? Nicht bei ihrem Papa, den hab ich weggehen sehen.‘ Ich sah wieder auf den Bildschirm. Ich bezahle Jake, rief ich mir in Erinnerung, und zwar nicht als mein Gewissen. ‚Moth hält Mittagsschlaf und Ralph spielt Lego. Ich musste meine E-Mails checken, und Sie wissen ja, dass das Signal da drüben miserabel ist.‘ Er blickte auf den Computer, als hätter er mich dabei erwischt, wie ich Pornos runterlud. ‚Und ich lade mir ein paar Artikel runter, die ich lese, wenn ich mal wieder Gelegenheit habe.‘ Er hob die Arme und umfasste mit den Händen den Türsturz, womit er den Durchgang blockierte. Das Licht schien durch seine roten Haare, als wäre er ein Racheengel. ‚Meine Frau würd meinen Handrücken zu spüren kriegen, wenn sie unsere so behandeln würde wie Sie diese kleinen Jungs.‘ Der Wind drückte das Gras hinter ihm zu Boden. ‚Was?‘ ‚Ich hab zu arbeiten.‘ Er hob ein Werkzeug auf und fing an, damit Lärm zu machen. Ich wandte mich wieder zum Fenster und kam mir vor, als hätte er mich tatsächlich geschlagen.“

°°°

„Colsay House, 1. Nov. 1878. Liebe Miss Emily, ich schreibe in einiger Aufregung, da Mrs. Grice mir gerade eine außergewöhnliche Geschichte erzählt hat. (…) Auf vorsichtiges Nachfragen hin hat sie verraten, dass die ‚knieende Frau‘, deren Namen sie sich immer noch weigert mir anzuvertrauen, gewisse Rituale und Kniffe hat, die sie sowohl vor als auch nach der Geburt durchführt. Weder Mutter noch Kind werden allein gelassen, bevor das Kind getauft ist, denn die ‚Trows‘ oder das – wenn ich richtig gehört habe – ‚Hilduvolk‘ würden dafür sorgen, dass die Mutter stirbt, und das Baby gegen eines ihrer eigenen eintauschen, wenn sie sie unbedacht vorfinden. (…) Ich habe oftmals bei Geburten Hilfestellung geleistet, bei denen deutlich wurde, dass die jungen Mütter nicht verstanden hatten, wie das Baby ihren Körper verlassen würde, bevor die Niederkunft vollendet war.“

°°°

„Mir fallen die Augen zu. Ich mache mich wieder auf den Weg, um nicht einzuschlafen und zu Boden zu sacken. Hätte ich damals gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich dann Kinder bekommen? Ich denke an kinderlose, kinderfreie Freunde, die nicht nur nach New York fliegen, um ins Theater zu gehen, und nach Singapur, weil sie zu einer Hochzeit eingeladen sind, sondern die am Wochenende auch nicht vor elf Uhr angerufen werden dürfen, die die Samstagzeitung am Samstag lesen und zum Kochen beide Hände frei haben und ständig ‚aus‘ sind, wenn meine Kinder schlafen und ich anrufen könnte, um mir von Theaterstücken und Galerien und neuen Restaurants erzählen zu lassen. Dieses mysteriöse ‚Ausgehen‘ kinderloser Leute, die sich erlauben können, in Tarifzone zwei zu leben. Sie halten ihre Abgabetermine ein und bekommen die Jobs, um die wir uns alle bewerben. Würde ich es wieder tun, nachdem ich weiß, was ich damals nicht wusste: dass es ein Leben und länger anhält, wenn man als Mutter versagt, dass alles, was meinen Kindern und den Kindern meiner Kinder geschieht, meine Schuld ist? Dass meine Gereiztheit und meine Gemeinheit in die Zukunft sickern werden wie radioaktiver Abfall, in die Irische See? Nein. Nicht, weil ich meine Kinder nicht lieben würde – jeder liebt seine Kinder, auch Kinderschänder lieben ihre Kinder –, sondern weil ich das Muttersein nicht mag, und das merkt man erst, wenn es zu spät ist. Liebe ist nicht genug, wenn es um Kinder geht. So einfach ist das wohl.“


Erschienen in: des nächtens.

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Ein Kommentar

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