Schlaf, Kindlein, schlaf!

von Anna Lisa 

Drei Stunden an drei Tagen für mindestens drei Wochen. Das ist die Definition eines Schreibabys. Zugegeben, ich glaube nicht, dass meine Tochter so lang am Stück geschrien hat, aber sie hat es sich eben etwas anders eingeteilt. Mal hier ’ne Stunde, mal da ’ne Stunde…die Summe war allerdings nicht zu verachten. Die Studenten unter uns grüßten mit einem freundlichen „Na, Schreihals?!“.
Die Tage waren heiß und anstrengend, aber wir gingen viel spazieren, ich telefonierte mit Freundinnen und meiner Mutter und trug den schreienden Knopf die restliche Zeit in der Wohnung auf und ab, die sich in jenem Sommer auf kuschelige 35 Grad aufgeheizt hatte.

Nachts kam die Wut. Nicht direkt gegen sie, sondern eine unspezifische, starke Wut. Wenn es dunkel war und ich ihr süßes, rundes Gesicht nicht richtig sehen konnte, sondern nur ihre Stimme hörte, wurde ich manchmal richtig rasend. Nicht in der ersten schlaflosen Nacht und auch nicht in den ersten Wochen, aber nach ein paar zermürbenden Monaten ohne einmal mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen zu haben. Ich verstand plötzlich den Drang, ein Baby zu schütteln und ich fühle mich wirklich schlecht, das hier so zu schreiben. Ich tat viel, um die Aggressionen abzubauen: Ich schrie in Kopfkissen, schmetterte dieselben an die Wand, verprügelte meine Decke und knallte hin und wieder so mit einer Tür, dass der Schlüssel aus dem Schloss fiel. Einmal schmiss ich einen Stoffhasen so hart gegen den Schrank, dass ihm der Arm abfiel. Am nächsten Tag kam dann das schlechte Gewissen, weil ich nicht mit unendlicher Geduld gesegnet bin. Niemals hätte ich mir gedacht, dass ich wegen meines eigenen Kindes eine solche Wut verspüren könnte. Mit meiner Mutter und einer Freundin machte ich aus, dass ich sie zu jeder Zeit anrufen könnte und eine würde kommen, wenn es ganz unerträglich wurde. Allein das Wissen um diese Abmachung half so viel, dass ich ihre Hilfe nie mitten in der Nacht in Anspruch nehmen musste.

Zitate

                 

Anfangs schlief sie auf uns. Macht das ja nicht, daran gewöhnt sie sich!
Wir versuchten es mit dem Stubenwagen. Einmal schlief sie dann zwei Stunden – ich weiß noch, wie selig ich war. Meine Mutter quietschte begeistert ins Telefon: Jetzt habt ihr es geschafft, du wirst sehen, ab jetzt schläft sie dort! Denkste…
Wir versuchten es mit dem Gitterbett links von unserem Bett. Rechts davon, am Fußende, wir stellten die beide Betten von einer Ecke im Raum in die andere und dann mitten rein. Keine Veränderung.
Wir ließen sie die ganze Nacht bei uns liegen. Auch nicht besser.
Ich glaubte zu bemerken, dass sie immer dann unruhig wurde, wenn mein Mann spät ins Bett kam und verdonnerte ihn dazu, im anderen Raum zu schlafen. Wahrscheinlich war er mir dankbar, so schlief zumindest einer besser.
Irgendwann tauschten wir Wohn- und Schlafzimmer. So nutzten wir unsere Wohnfläche auf jeden Fall besser, geschlafen wurde dennoch nicht mehr.
Wir führten verschiedene Rituale ein. Wir badeten, massierten, sangen, stillten, trugen stundenlang bis spät in die Nacht – die Einschlafzeit verschob sich von 21:00 auf 1:00.
Wir versuchten es mit Homöopathie und Akupunktur, Tropfen und Globuli. Die Shiatsu Therapeutin riet uns, ihr Leber Qi mit der Farbe Grün zu stärken, was meiner Tochter und ihrem Leber Qi leider furzpiepegal war.
Sämtliche Tragetücher und -hilfen waren ihr (und uns) zu warm. Ebenso das viel gepriesene Pucken.

Die Überreste meines Grünshoppings. Erhältlich zu  der Zeit übrigens nur in der Bubenabteilung.

Die Überreste meines Grünshoppings. Zu der Zeit übrigens nur in der Bubenabteilung erhältlich.

Tagsüber ging ich vier Stunden im Stechschritt spazieren, um meine Frustration abzubauen und das Kind schlief wenigstens. Es ruhte sich aus für eine weitere Nacht und ich wurde immer müder. Natürlich probierten wir auch die Variante ohne Tagschlaf, aber das machte es gleich noch schlimmer – schließlich war sie im Grunde ja auch hundemüde. Meine Mutter musste sich tagtäglich anhören, wie oft und zu welcher Uhrzeit wir wie lange wach gewesen waren – für ihr offenes Ohr werde ich ihr immer dankbar sein. Manchmal wusste ich gar nicht mehr, ob ich bestimmte Begebenheiten geträumt oder wirklich erlebt hatte und wunderte mich, wenn gewisse Dinge doch nicht erledigt waren. Das hatte ich nur geträumt? Kann eine wirklich so verwirrt sein, wenn sie zu wenig schläft?

Ich weiß nicht, woran es lag, dass unsere Nächte so schlimm waren. Warum sie fünfzehnmal zwischen 22:00 und 6:00 Uhr aufwachte, nachdem ich mich zwei Stunden lang abgeplagt hatte, sie endlich zum schlafen zu bekommen und manchmal stundenlang wach war und so viel schrie. Vielleicht war ja auch alles gar nicht so schlimm und es ist nur in meiner Erinnerung zu einer einzigen Katastrophe verschwommen oder ich hätte es eben einfach so hinnehmen sollen wie es war. Nicht mitzählen wie oft, nicht auf die Uhr schauen und einfach weiter singen, wiegen, schaukeln und im Moment leben. Aber ich weiß noch, dass ich das Gefühl gebraucht habe, alles erdenklich Mögliche zu probieren, um uns zu zwei Stunden Schlaf am Stück zu verhelfen. Ich denke, meine Tochter fühlte sich nicht wohl. Nicht in der Hitze und nicht in ihrer Haut und ich hätte ihr und uns so gern geholfen. Irgendwann wurde es dann besser, ohne dass ich etwas dazu getan hätte. Als das vermeintliche Bauchweh dann wirklich vorüber war, alle Zähne durchgebrochen waren und die unerklärlichen Schrei- und Tretattacken aufgehört hatten.

Da kam dann auch schon ihr kleiner Bruder, der sie mit ähnlich miesem Schlafverhalten in ihrer Rolle der Wachhalterin ablöste und auch nach einem Jahr noch in dieser wirklich aufgeht. Diesmal bin ich aber ein wenig schlauer: Ich zähle nicht mit, wie oft wir aufwachen und habe alle Uhren aus der Nähe des Bettes verbannt. Außerdem schreit er nicht. Naja, anfangs schon, aber welches Baby tut das nicht? Er hielt sich zumindest an feste Zeiten abends und ich konnte mich drauf einstellen. Nach etwas mehr als zwei Jahren Mama sein, weiß ich jetzt auch: Es ist nur eine Phase! Ich warte einfach auf jene, in der wir vier Stunden (oder auch mehr, aber ich will ja nicht zu optimistisch werden) am Stück schlafen.

Und was wurde aus der Wut? Sie wurde besser, als das scheinbar grundlose stundenlange Schreien aufhörte und verschwand, als wir in langen Wachphasen einfach aufstanden und spielten. Du kannst doch nicht nachts mit ihr spielen! Das gewöhnt sie sich an und will das jede Nacht!

Jaja…wir machen das jetzt so wie es gut FÜR UNS ist. Aber danke für den Tipp.

Der einarmige Stoffhase ist noch bei uns.

Der einarmige Stoffhase ist noch bei uns.


Erschienen in: des nächtens.

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4 Kommentare

  1. Liebe Anna Lisa,

    Ich kann das so genau nachvollziehen. Bei meinem Runzelfüßchen war es genauso, allerdings „nur“ die ersten Monate. Ich war, genau wie du, irgendwann an einem Punkt wo ich dachte: ich kann einfach nicht mehr. Wieso ist dieses Baby so „undankbar und ärgert mich“. Totaler Quatsch, aber Gefühle sind Gefühle. Und als in meinem Umfeld noch alle meinten, dass das bei Ihnen ja nie so gewesen wäre und es wohl an mir liegen müsste, da war ich kurz verzweifelt. Geholfen hat mir dann meine Hebamme bei der ich all den Frust mal rauslassen konnte.

    Liebe Grüße,

    Andrea

  2. Eva

    Also mein Mitgefuehl hast du. Ich fand die Phasen mit schlecht schlafenden Babys bei mir selbst extrem schlauchend, das Gefuehl auch tagsueber nicht richtig bei mir zu sein. Aber bei Dir hoert es sich noch viel stressiger an als unsere schlimmen Phasen.
    Danke fuer deinen Artikel!

  3. ispida

    Liebe Anna Lisa,
    vielen Dank für die offenen Worte. Diese Wut und Hilflosigkeit kenne ich auch. Und auch das schlechte Gewissen, weil man negative und aggressive Gefühle gegenüber seinem eigenen, hilflosen Baby hat.
    Ja, es ist nur eine Phase. Und die kann man am besten überstehen, wenn man seinen eigenen Weg geht und versucht, irgendwie durch diese Zeit zu kommen. Und nur, weil man in den Schlaf stillt, trägt, nachts spielt, das Baby im Bett/auf sich/im Arm schlafen oder das Baby nicht ewig schreien lässt, bedeutet das nicht, daß das zwangsläufig irgendwann zur Gewohnheit wird und Probleme macht.
    Alles Gute für Euch!
    ispida

  4. Kathi

    Liebe Anna Lisa,

    danke für den Text! Da gehört schon viel Courage dazu, so zu erzählen. Unsere Kleine ist über ein Jahr alt und vergleichsweise pflegeleicht, aber in den Phasen, in denen ich zu wenig Schlaf bekam, haben sich auch bei mir Wut und Aggression eingestellt. Das gehört zum Mamasein, auch wenns niemand hören will.
    Für wache Nachtstunden hab ich eine ähnliche Lösung: Wenn sie mitten in der Nacht so putzmunter ist, dass an Schlafen nicht zu denken ist, dann spielen wir eben. Sie wird irgendwann sicher wieder müde. Und ich hab mitgezählt: mehr als 4 Stunden am Stück ist sie nie wach – das gibt mir Kraft. 🙂 Außerdem der Satz „Zum Schlafen kann man niemand zwingen.“
    Ich denke, wenn ihr eine Lösung findet, die euch entspannter macht und zufriedener bei aller Schwierigkeit, ist schon viel erreicht. Das Schlimmste wäre (finde ich, weil ich das aus dem Freundeskreis kenne), zu leiden, sich selbst zu bemitleiden und den eigenen Kindern auf ewig bei jeder Gelegenheit vorzuhalten, wie schwierig sie als Babys waren. Dann lieber in der Nacht spielen und verwöhnen – das Kind und sich selbst.

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