Expertinnenrat zu „The Horror. The Horror“

Vor zwei Wochen hat sich Pitz unter dramatischem ‚Apocalypse now“-Titelzitat gefragt: Wie mit unausstehlichen, unguten, unliebsamen Freund_innen des eigenen Kindes umgehen? Wie bitte!? Wir haben Rat bei der Familienpsychologin Robin Menges eingeholt.

„Aus diesen Zeilen spricht ein sehr persönliches Dilemma, aber gleichzeitig auch ein grundsätzliches Thema der Kindesentwicklung und der Begleitung durch uns als Eltern. Unsere Kinder sind eigenständige Wesen, haben eigene Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und auch eigene Freund_innen. Und alle diese Bereiche können sehr konträr zu dem sein, wie wir uns fühlen, was wir denken, welche Bedürfnisse wir haben und auch zu unseren Sympathien. Wie bringen wir dieses Spannungsfeld zusammen?
Ich möchte in meinen Überlegungen drei Schritte mit Dir (der Schreiberin) durchlaufen: Zum einen wie ist es für Dich? Was macht diese Situation so verzweifelnd? Zum zweiten: wie können wir die Lebenswelt Deines Kindes in dieser Situation verstehen und zum dritten möchte ich ein paar Schlussfolgerungen daraus ziehen, wie Du in dieser Situation in Anbetracht der ersten beiden Bereiche handeln kannst.

Natürlich kann ich nur mutmaßen und zwischen Deinen Zeilen lesen, um diese ersten Fragen zu beantworten. Ich weiß also nicht, ob das wirklich Deine Gefühle und Gedanken sind, aber wenn ich mich in Deine Situation hineinversetze, spüre ich eine große Sehnsucht nach Deinem Kind, eine starke Liebe. Es scheint für Dich ein großer Schritt, Dein Kind in der Schule den ganzen Vormittag zu lassen. Du freust Dich sehr darauf Dein Kind in die Arme zu schließen. Du willst es spüren und hören, was es zu erzählen hat. Und genau da, wo Du offen und voll Liebe für Dein Kind bist, funkt Dir jemand gründlich dazwischen. Charlie trifft Dich in einem empfindsamen Moment und an einem sehr verwundbaren Punkt. Und er_sie ist Dir noch dazu äußerst unsympathisch. Das ist für Dich wirklich zum Verzweifeln! So stellt sich das für mich dar und das ist auch sehr verständlich.

Wenn ich nun auf Dein Kind schaue, finde ich die Situation in der das passiert auch wesentlich. Du willst DEIN Kind in Empfang nehmen, willst es begrüßen und wissen was so heraussprudelt, aber Dein Kind ist zwischen zwei Welten.
Die Schule ist ein Lebensbereich Deines Kindes. Dort lebt es sein „eigenes“ Leben. Es entscheidet zum ersten Mal wirklich unabhängig von Dir. Die Schritte vielleicht in die Kinderkrippe, dann in den Kindergarten und schließlich in die Schule sind auch Schritte in immer weitere Erfahrungskreise des Kindes. Schritte von seiner Familie weg, auch wenn die enge Verbundenheit bleibt. Ab dem Schulalter kommt eine neue Dimension dazu, weil Kinder beginnen, die Welt anders zu erobern, zu verstehen und wirklich „in die Welt hinaus zu gehen“. Sie werden eigenständiger und treffen selbstständig Entscheidungen. Auch wenn es Kinder gibt, die schon mit zwei, drei, vier und fünf sehr eigenständig sind, sind sie dennoch emotional noch eng mit den Eltern verbunden. Sie bewegen sich nicht so weit von diesem inneren Kern der Familie weg. Ab dem Schulalter lösen sich Kinder mit einer gesunden Basis deutlicher und ziehen weitere Kreise. Dein Kind freut sich offensichtlich auch auf Dich, ruft Dir auch schon was zu. Aber Dein Kind ist in dieser Situation noch zwischen diesen Welten (wahrscheinlich meiner Erfahrung nach, noch mehr „in“ der Schulwelt) und zu dieser anderen Welt gehört Charlie, den_die Dein Kind aus welchen Gründen auch immer mag, der_die es fasziniert. Mit dem es seinen Alltag teilt.

Die große Frage ist nun, wie Du mit dieser Situation umgehen kannst. Wir können letztlich immer nur bei uns selbst ansetzen und haben nur was uns selbst betrifft auch Handlungsspielraum. Ich möchte Dir an dieser Stelle Mut machen. Mut, Dich einen Schritt weiter aus dem Ganzen herauszuhalten. Einen Moment (gefühlte Ewigkeiten) länger auf die wirkliche Begegnung mit Deinem Kind zu warten. Lass Dein Kind bei dir andocken, wenn es auf dich zugestürmt kommt, aber schraube Deine Erwartungen für Dich in diesem Moment etwas zurück. Beobachte Dein Kind, wie es auf Charlie reagiert. Wie die zwei miteinander tun und was sie sich noch zu sagen haben. Gib Ihnen noch ein paar Momente Zeit sich aus der Schulwelt herauszulösen, bzw. in dem „Dazwischen“ zu sein.
Du musst Charlie nicht mögen, aber wenn Dein Kind ihn_sie sich als Freund_in aussucht, solltest Du das zuallererst einfach akzeptieren. Erst auf dieser Basis kannst Du später, wenn sich Charlie wirklich als ‚ungute_r‘ Freund_in zeigen sollte, Dein Kind begleiten sich selbst daraus zu lösen. Wenn Du ihn_sie vorschnell abstempelst, kann es sein, dass Dein Kind gerade deshalb noch länger an Charlie interessiert ist, weil das eine Möglichkeit ist, sich abzugrenzen, das eigene Leben zu leben.

Du merkst schon, dass ich Charlie ziemlich außen vor gelassen habe. Den_Die kannst Du nicht ändern, und das ist auch nicht Deine Aufgabe und auch die Freundschaftsentscheidungen deiner Kinder solltest Du nicht beeinflussen. Was aber nicht heißt, dass Du Dich nicht mit klugen Fragen und in persönlichen Gesprächen für die Freundschaften Deines Kindes interessieren sollst und kannst. Wenn Charlie wirklich so ungut ist, wie Du ihn_sie erlebst, wäre das Beste, dass Dein Kind selber kommt und sagt: ‚Mama mit dem_der will ich nicht spielen, der_die ist so laut, aufdringlich‘, wie auch immer. Das passiert aber erst, wenn Dein Kind Deine Offenheit und Dein Interesse für ihn_sie spürt. Wenn es merkt, dass es Dich interessiert, wie es ihm mit ihren Freunden und Freundinnen geht. Dass Du ihm_ihr die Freiheit lässt, selber seine Erfahrungen zu machen. Damit vermittelst Du auch Deinem Kind den Wert, dass es auf seine eigenen Gefühle hören soll und vor allem kann. Und das ist eines der wertvollsten Dinge, die Du als Mutter deinem Kind mitgeben kannst.“

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3 Kommentare

  1. Ein schöner Text – ich hoffe, das kann ich mal so umsetzen, wenn es zu so einer Situation kommt. Zur Zeit finde ich, wenn überhaupt, die Ko-Eltern anstrengender als deren Kinder… aber das ist dann wenigstens eine Situation, in der mein Kind keine Aktien hat und ich nicht die Befürchtung habe, seine Gefühle zu verletzen.

  2. pitz

    Vielen Dank für diese schöne Antwort! Ich kann auf jeden Fall was daraus mitnehmen, was mit vorher so nicht bewusst war: dass die Schule der Ort ist, an dem mein Kind selbständig wird und ich beim Abholen wohl einfach etwas geduldiger sein muss mit dieser Zwischen-Tür-und-Angel-Situation. Das Abgeben in Krippe, Kiga, Schule, fiel mir nur am Anfang schwer, aber ja, das Band zwischen uns beiden ist so stark, dass ich manchmal nicht sicher bin, ob die Nabelschnur wirklich durchgeschnitten wurde.

    Wenn ich das Kind dann abhole, will ich auch die Supermutter sein, die gleich und sofort quality time mit dem Kind verbringt. Weil, wenn ich es erst nach vier im fast leeren Hort abhole und nicht, wie andere Mütter, schon eher, spüre ich auch einen gewissen Druck, jetzt für die Familie dazusein. Von der ersten Schicht sofort mit vollem Elan in die zweite Schicht, nach acht Stunden Arbeit weitere vier Stunden, in denen ich mein Bestes geben muss. Das merke ich jetzt erst, nachdem ich Deine Antwort gelesen habe. Irgendwie sehr schräg und ungut, dass dann das Kind bereit stehen muss, damit ich dem Druck, den ich als working mum empfinde, entsprechen zu können.

  3. berit

    Für mich der bisher beste Expertentext!

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