Mon Cherie

Von Angelika

Erzähle mir eine Geschichte.

Du mir unbekannter naher Mensch.

Du Fremder aus meiner Mitte.

Du immer gewünschter unerwarteter Mensch,

du Träne aus dem Universum, direkt in mein Leben getropft.

Du Blutstropfen, der den Herzschlag erweckt.

So dachte Lene. Stunden, Minuten und wieder war das Leben gestaltet: Zehn lange Male sitzen und warten in einer Kinderarztpraxis. Das ohrenbetäubende Geschrei bei der ersten Impfung.

Danach Wimmern, unruhiges Schlafen. Aber es musste doch sein! Ich bin doch für mein Kind verantwortlich! Ich lasse mir nichts nachsagen. Das sagte sich Lene auch. Und ein weiteres Jahr die Windeltonne, von der Gemeinde als kostenloser Service zur Verfügung gestellt. Da war doch irgendwo eine Packung Mon Cheri.

Sie stand auf, zog eine Schrankschublade hastig auf, nestelte in ihr herum, ergriff die Cellophanpackung, die war aus Polypropylen, riss sie auf und atmete den Duft der Bitterschokolade und des Kirschlikörs ein, nahm den Deckel ab, dann das papierne Schutzpolster, das den Pralinengeruch noch etwas verstellt hatte, nahm ein Praliné, entkleidete es des rosa Papiers und stopfte es in den Mund.

Spürte wie der Kirschlikör den Rachen herunterrann. Schokolade und Alkohol lösten leichte Zahnschmerzen aus.

Die Dammnaht schmerzte. Sie nahm die nächste Praline, riss das Papier auf, stopfte sie in den Mund.

Die nächste, auf, Mund.

Nächste, auf, Mund.

Nächste, Mund.

Schokolade rann am Kinn herunter. Sie bemerkt sie nicht. Schokoladenspeichel tropfte auf ihre Hände, die Nächste.

Bis die Packung leer war und sich vor ihr federleichtes Pralinenpapier von wunderbarem Rosa befand. Sie hob die Schachtel an. Die Papiere flogen umher, sie erschrak. Ihre Speiseröhre kratzte ob dieser Mischung aus Alkohol, Kakao und Zucker. Sie hustete. Sie war beschwipst. Sie musste würgen.

Dann.

Die dunkelbraune Masse quoll aus ihrem Mund, Säuernis kroch hinterher, die Masse ergoss sich auf ihrem Schoß.

Paralysiert schaute Lene sich ihren Mageninhalt an. Der Alkohol, der schon im Blut war, vernebelte ihre Sinne.

Ich, was ist passiert? Sie wollte denken, dass sie diese Bescherung beseitigen und ihre Kleidung reinigen müsse, aber sie konnte es nicht.

Was konnte sie überhaupt noch?

Sie hob ihre Hände und schaute auf ihre Handteller, die mit Schokolade beschmiert waren und da lagen überall diese Papiere. Ihr Rock war durchgeweicht, die Flüssigkeiten des Magens machten sich auf den Oberschenkeln breit und dieses Rotbraun wird sich mit Braunrot des Wochenflusses vereinigen. Welche Produkte, die mein Körper in die Welt entlässt, die keiner sehen und riechen soll!

Sie kommt zu sich. Nun rollen Tränen ihre Wangen herunter, treffen auf Speichel und Schokolade, tropfen gemeinsam in den Schoß. Was wisst ihr vom Leben, ihr Hebammen, ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen! NICHTS!

Nichts. Der Blues. Dunkelbraun mit Kirschstückchen in Amarena war er und tropfte in ihr Leben.

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Ein Kommentar

  1. berit

    Bedrückend schön.

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