500 Meter

von Anna Lisa

Zwei kleine Kinder mit großem Bewegungsdrang, eine alte Hündin und das Ganze ohne Auto machen weitere Wege manchmal ganz schön schwierig. „Dir muss ja wirklich schon die Decke auf den Kopf fallen!“, höre ich oft. Anfangs ja, jetzt nicht mehr. Das habe ich einerseits einer guten Infrastruktur und der netten Nachbarschaft zu verdanken, andererseits habe ich in den vergangenen Monaten ziemlich an meiner Einstellung gearbeitet. Mensch kann auch auf kleinem Raum zufrieden sein – wenn auch vielleicht zeitlich begrenzt. 

Fünfhundert Meter Luftlinie. Ehrlich, weiter gehen wir nur in Ausnahmefällen und meistens ist das ziemlich stressig. Es kann natürlich auch lustig sein und tut uns auf lange Sicht gesehen gut, aber oft machen wir es nicht. Schneidet sich unsere Hündin mal wieder eine Pfote an einem Glassplitter auf oder hat einen Arthroseschub, beschränkt sich unsere Reichweite sowieso höchstens auf den Supermarkt die Straße runter. 

Meine Kinder sind jetzt 25 und neun Monate alt und nach der Geburt des zweiten dachte ich, dass sei nur ein kurzer Zustand. Bald würden wir zu viert umher ziehen und die Wälder am Stadtrand erkunden oder auch mal zur Abwechslung in eines dieser Spieleländer in einem Einkaufszentrum gehen. Anfangs habe ich mich gegen diese Beschränkung ziemlich gesträubt, aber wie sollte das funktionieren, wenn das Neugeborene eine halbe Stunde lang gestillt werden will und das Kleinkind währenddessen brüllend aus dem Kinderwagen köpfeln will, nur um dann das Weite zu suchen? Wir mussten uns also irgendwie arrangieren…und das war gar nicht mal so schwierig: Meine Mutter und meine Großmutter wohnen nur fünf Gehminuten entfernt, es gibt mehrere Supermärkte, einen Bioladen, Bank, Post, Apotheke und zwei Spielplätze in der nächsten Umgebung. In unserem Haus wohnt eine Tagesmutter, die wir mit ihren Schützlingen zusammen oft in dem kleinen Spielbereich auf dem Grundstück treffen. Alles, was wir hier nicht bekommen, bestellen wir im Internet. Mittlerweile kenne ich die anderen Mütter mit etwa gleichaltrigen Kindern aus der Nachbarschaft und langsam entsteht die ein oder andere Freundschaft. Meine eigene Mama ist Ärztin und kümmert sich um die alltäglichen Wehwehchen aller Familienmitglieder, ich kann mittlerweile einwandfrei stillen während der Kleine in der Trage sitzt und seit es einen mobilen Tierarzt in unserer Stadt gibt, hat sich auch dieser etwas umständliche Weg erledigt. 

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Unsere Nachbarschaft. Die grünen Punkte sollen Grünflachen darstellen, die wir zum Spielen nutzen können.

Trotzdem will ich es manchmal wissen – wie denn die Welt außerhalb unseres Radius aussieht. Deswegen habe ich im vergangenen Semester einen Eltern-Kind-Turnkurs gebucht. Die Kinder müssen ja auch mal raus, andere Leute treffen, den Horizont etwas erweitern. Mensch muss ja schließlich etwas mit ihnen tun! Ich will ja meine Kinder nicht beschränkt aufziehen. Also musste die Hündin am Vortag zu meiner Mutter, weil sie allein zu Hause so laut bellt, dass ich sie bei geschlossenen Fenstern noch auf der anderen Straßenseite hören kann. Zum Ort des Turnens mussten wir den Bus nehmen, freilich brauchen wir für so etwas eine Jause, bloß das Wasser nicht vergessen, am besten das Ticket schon vorher kaufen, weil ich es mühsam finde, die Fahrkarte beim Fahrer zu kaufen (ich denke da an das unsichere Gewackel durch den Bus mit Baby umgeschnallt, während das große Kind allein im Kinderwagen sitzt, den ich irgendwo abstellen muss).

Doch schon beim zweiten Mal fing meine Tochter bereits bei der Haltestelle an zu brüllen, dass sie nicht turnen gehen will. In den darauf folgenden Wochen versuchte ich sie zu überreden und zu motivieren, verheimlichte ihr teilweise, wohin wir gehen, achtete darauf, dass sie nicht mitbekommt wie ich die Turnschuhe in die Tasche packe, aber es nützte alles nichts. Obwohl sie in den letzten paar Minuten der Turnstunde dann doch immer Spaß hatte – sie braucht nämlich meist etwa eine Dreiviertelstunde, um sich mit der Situation vertraut zu machen. Unsere Turnkarriere endete vorläufig damit, dass wir bei der letzten Einheit eine halbe Stunde vor der Hallentür standen und sie lautstark von sich gab, dass sie zurück vors Haus will, zurück und mit der Tagesmutter und ihren Kindern spielen. Wofür soll ich dann eigentlich diesen Aufwand betreiben, der mir selbst auch mehr Stress als Spaß bereitet? Anscheinend nur um mein Gewissen zu beruhigen…weil „alle anderen“ ja alles abklappern, was die Stadt an Unterhaltungsprogramm für unter Dreijährige zu bieten hat. 

Vergangene Woche waren wir  mit meiner Mutter in Italien und ja, auch dort betrug unserer Radius nicht viel mehr als 500 Meter. Aber es waren eben andere 500 Meter. Etwas anders sehen, Meer sehen! Das hat uns dreien richtig gut getan! Ein bisschen weiter unten schien die Decke zu Hause nämlich doch schon zu hängen. 

Jetzt sind wir zurück und ich habe beschlossen, erst einmal keine Kurse mehr mit den Kindern zu machen, weiterhin als spaßiges Nachmittagsprogramm in den Supermarkt zu gehen, um dort mit den kleinen Einkaufswagen herum zu düsen und alles andere auf mich zukommen zu lassen. Jetzt wo der Kleine anfängt zu gehen, weder lang getragen noch überhaupt auch nur eine Minute im Kinderwagen sitzen mag, beschränkt sich alles auch noch einmal etwas. Aber irgendwann wird es schon einfacher werden und ein Ausflug ins Buchgeschäft wird sich nicht mehr anfühlen wie ein Spießrutenlauf. Wir fühlen uns sehr wohl so wie es derzeit ist und ich möchte so stressfrei wie möglich durch diese Zeit mit zwei so kleinen Kindern kommen – es bleibt schließlich hektisch genug – und wir sind hier alles andere als einsam oder gelangweilt. Ganz im Gegenteil, während der letzten Monate, die wir so intensiv in unserer Nachbarschaft verbracht haben, durften wir liebe, interessante und hilfsbereite Menschen kennenlernen, an denen wir sonst vielleicht nur vorüber gehetzt wären. 

Ich hab aufgehört darüber nachzudenken, was ich alles verpassen könnte – und so viel wird das vermutlich gar nicht sein – und in Selbstmitleid zu versinken, weil ich kaum “raus komme”. Langsam lerne ich, Situation so anzunehmen wie sie sind und nicht auf Biegen und Brechen etwas erzwingen zu wollen. Das hilft mir übrigens auch bei vielen anderen Dingen im Zusammenleben mit meinen beiden Kindern.

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9 Kommentare

  1. pitz

    Uns hat so ein Kinderanhänger neue Welten eröffnet. Er hat neu 800 Euro gekostet, aber da wir kein Auto haben und selten Bahn fahren, haben wir uns vor drei oder vier Jahren durchringen können, uns diesen Luxus zu leisten. Es war eine ganz andere Welt! Der Gipfel war, dass wir mit dem voll besetzen Anhänger einen Wochenendeinkauf inklusive Bierkasten nach Hause karren konnten (jaja, jetzt haltet ich mich wahrscheinlich für eine Alkdrossel – sei’s drum) ohne, dass etwas weh tat oder Tränen flossen.

  2. Hallo – hier wie bei Pitz. Seit der Kleine im Kinderanhänger (gebraucht in der dritten Generation, glaube ich) mitfahren kann, eröffnen sich hier auch wieder neue Welten. So eine Freiheit. Obwohl ich bisher auch keine großen Ausflüge damit gemacht habe. Aber eben kleine Fluchten betrieben.
    Nur das mit dem Bier hab ich noch nicht probiert. Kann ich ja nächstes Mal. Statt Turnen.

  3. Anna Lisa

    Ich überlege mir die Anschaffung schon seit einiger zeit, aber was tu ich dann mit der Hündin? Das mit dem Alleinbleiben klappt leider gar nicht und ist auch nicht Sinn der Sache, weil ich dann zweimal raus müsste: erst mit den Kindern und dann noch mal mit allen. Ich liebäugle jetzt mit einem dieser holländischen Cargo Räder, darin hätten nämlich alle Platz. Und die bierkiste, die ich mir nach dem abstillen gönnen werde, auch 🙂 nur der Preis und dann wohin mit dem großen Ding, damit es nicht gleich geklaut wird.

  4. Ja, hier gibt es keinen Hund. Letztens habe ich einen Hundeanhänger gesehen. Aber man will ja kein Zug werden. Oder man kombiniert Anhänger und Kindersitz. Oder – wie Du schreibst. Man macht sich ein bissl frei.
    (Ich schätze unseren Anhänger auch als Kinderwagen. Wenn nämlich beide nebeneinander sitzen, gibt es wenig Gequengel. Keiner wird getragen, keiner soll laufen.)

  5. Hannah

    Hallo! Ich habe den Bericht ja so verstanden, dass es durchaus gut und richtig und mehr oder weniger luxuriös sein kann, nur einen kleinen Radius zu haben – zumal wenn alles Wichtige drin liegt. Nichts gegen Fahrradanhänger und Co., aber warum geht es jetzt im anschließenden Austausch um Radiuserweiterung statt um das Lob der kurzen Wege o.ä.? Ich meine, wo doch von einer erarbeiteten Einstellung die Rede ist, sich die Decke nicht mehr so leicht auf den Kopf fallen zu lassen, die ich sehr ‚vorbildlich‘ finde – das wird doch sehr relativert, wenn darauf zuerst mit Möglichkeiten der Radiuserweiterung geantwortet wird, nicht?

  6. Anna Lisa

    Liebe Hannah,
    Du hast Recht! Seltsamerweise habe ich gerade nach dem Schreiben des Textes und den darauf folgenden Kommentaren (viel weniger hier, als in meinem direkten Umfeld) irgendwie mit den derzeitigen Umständen gehadert, am nächsten Tag gleich probiert mit der ganzen Bande mit dem Bus durch die Stadt zu fahren, um eine Erledigung zu machen (Versuch gescheitert) und ernsthaft überlegt, wie wir den Radius doch etwas erweitern könnten. Resultat: alles unverhältnismäßig viel Aufwand. Wir bleiben wo wir sind, zumal uns hier wirklich nichts abgeht und ich wundere mich, wie leicht ich immer wieder davon abzubringen bin, dass unsere Situation vollkommen ok ist, solang es uns damit gut geht.

  7. pitz

    Jep, Hannah, ich habe meine Erfahrungen mit Erweiterungsmöglichkeiten des Radius geschildert, weil ich es für sinnvoll halte, sich nicht nur in unabänderliche Umstände zu fügen, wenn es die eigene Lage verbessert, sondern auch zu überlegen, ob die Lage wirklich so unabänderlich ist. Meine Erfahrung mit dem Thema ist zumindest diese: 1) für mich extrem einschneidende, deprimierende Einsicht in Radiusbeschränkung durch kleine Kinder – 2) Kauf eines Fahrradanhängers – 3) Steigerung der Lebensqualität in sagenhaftem Maß. Ich weiß nicht, ich würds nicht sinnvoll finden, am Ende dieses Textes zu sagen: gut, dass du aushältst, was mich selbst irre gemacht hat. Den Kommentar kann ich mir in meinen Augen sparen.

  8. Pingback: Diese Langsamkeit | feministmum

  9. madameflamusse

    Ich hab auch einen kleinen Radius, aber aus anderen Gründen. deiner klingt ziemlich schön, und es ist ja alles wichtige drin.. mir fehlt hier bissle das Grün und Oma/Mama o. Freundin ums Eck. Am Ende findet man in dem kleinem Radius auch trotzdem das meiste wieder was es imgroßen Radius gäbe. Ich versuche aber immer die Wege zu variieren oder auch mal zu anderen Zeiten was zu machen, das kann ganz interessant sein. Und am Ende wird das nur eine begrenzte Zeit sein die es soist bei Euch.

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