Vom Mythos der Mutterliebe

 von Cornelia

Wenn ich sage, ich liebe mein Kind,
dann bitte verwechselt das nicht mit Mutterliebe.
Über diese Liebe wisst ihr nämlich nichts!
Ihr wisst nicht, warum und wie und wann und wo sie sich äußert.
Ihr wisst nicht, wie intensiv sie (manchmal) (nicht) ist.
Und ihr wisst nicht, was sie mit mir macht.

Fünf Arten von Liebe hat der Sozialpsychologe Erich Fromm (In: „Die Kunst des Liebens“; 1956) beschrieben – Nächstenliebe, erotische Liebe, Liebe zu Gott, Selbstliebe und Mutterliebe. Mutterliebe, das sei jene Liebe, die an keine Bedingungen geknüpft ist. Fromm stellt sie der Vaterliebe gegenüber – diese erhält nicht jede_r, sondern nur der_die, der_die gehorcht. Für seine Gesellschaftskritik, auf die das Ganze hinausläuft, reizt Fromm die angenommene Dichotomie der Geschlechter unappetitlich aus. In jedem Fall sei es so, dass „Mutterliebe“ eine idealtypisch weibliche Charaktereigenschaft ist.

Aha.

Statt unnötig feministische Energieressourcen zu vergeuden, tut’s ein Blick in die Literatur: Im „Conversationslexikon für das deutsche Volk“ 1838 gab es diese ominöse „Mutterliebe“ nämlich noch nicht. Unter „Liebe“ ist neben Gatten- und Kindesliebe zusätzlich nur noch die Elternliebe angeführt.

Für die französische Philosophin Élisabeth Badinter ist „Mutterliebe“ („L’Amour en plus“; dt: „Mutterliebe“; 1980/81) schlichtweg eine Erfindung der Aufklärung*, um die Emanzipation der Frauen zu verhindern. Es ist in unserer Gesellschaft vermutlich nicht notwendig zu beschreiben, was das Konzept „Mutterliebe“ alles umfasst. Schriftsteller Georg Moritz Ebers (1837-1898) beschrieb das Ideal der Mutterliebe, wie es im Grunde auch heute noch gilt und von Medien und Menschen munter reproduziert wird, so: „Es gibt nur eine ganz selbstlose, ganz reine, ganz göttliche Liebe, und das ist die der Mutter für das Kind.“ Mutterliebe hat also immer mit Aufopferung, Selbstaufgabe und uneingeschränktem Zu-Dienste-Stehen zu tun.

„Wir meinen, dass jede Frau, wenn sie Mutter wird, die Antworten auf alle Fragen, die ihr neuer Zustand aufwirft, in sich selbst findet. Die Mutterliebe ist so häufig als etwas Instinkthaftes bezeichnet worden, dass wir gern glauben, ein solches Verhalten sei unabhängig von Raum und Zeit in der Natur der Frau verankert“, macht Badinter (In: SWR2 Leben: „Mythos Mutterinstinkt“) auf einen problematischen Aspekt des Konzepts „Mutterliebe“ aufmerksam.

Mutterliebe … einem Mythos auf der Spur (Bild: Amelia Bauer | http://www.ameliabauer.com)

Die Erfindung, Idealisierung, Generalisierung eines Gefühls und dessen Zuweisung zu einem Geschlecht passiert natürlich nicht im luftleeren Raum und hat Konsequenzen für die, von denen ein bestimmtes Gefühl erwartet wird. Dann nämlich, wenn es nicht in der Form vorhanden ist. Oder wenn es als Rechtfertigung für Verantwortung- und Aufgaben-Zuweisungen an ein Elternteil herhalten muss. Oder wenn es mit einer großen Ladung Schuldgefühlen daherkommt. Oder oder oder.

Das Konstrukt der Mutterliebe mag im ersten Moment schmeichelhaft für junge Mütter erscheinen; es gibt einem neuen Zustand einen Namen und macht ihn zu etwas Außergewöhnlich-Besonderem.

Nachstehend ein paar Gründe, warum die sozial, historisch und kulturell konstruierte Mutterliebe Müttern (und Eltern generell) mehr schadet als nützt:

Mutterliebe …

… grenzt aus (Väter und nicht-biologische Elternteile)

… verschleiert Probleme innerhalb von Eltern-Kind-Beziehungen und kann so verhindern, dass diese gelöst werden können

… ignoriert destruktive Mutter-Kind-Beziehungen und nimmt beiden Beteiligten die Chance auf einen Ausbruch daraus

… als Erwartungshaltung fordert bestimmtes Verhalten von der Mutter ein (selbstlos, uneigennütz)

… unterstützt die Diskriminierung der Frau (etwa durch das Still-Muss)

… stützt den Muttermythos, demzufolge für kleinere Kinder nur die Mutter die adäquate Betreuungsperson ist (was andere Bezugspersonen ausgrenzt und Kinderbetreuungseinrichtungen als „schlechte“ Entscheidung abstempelt)

… fördert die tradierte Rollenverteilung

… ignoriert die Perspektive der Mutter

… verhindert eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Mütterlichkeit und eine Entlastung von unrealistischen Erwartungshaltungen

… wird individuellen Gefühlen zu(m) Kind(ern) nicht gerecht

… ist ein ideologisches Konzept, dessen Ansprüche eben deshalb unerfüllbar sind, und das zu Schuldgefühlen und Gefühlen des Scheiterns führt

… fordert zur Erfüllung bestimmter gesellschaftlicher Pflichten gegenüber seinen Kindern auf

… bringt Mütter, die (manchmal oder anhaltend) Nicht-Liebe empfinden, zum Schweigen

… beziehungsweise deren „falsche“ Menge (zu viel, ebenso wie zu wenig) wird als Erklärung für Verhaltensweise von Kindern im Erwachsenenalter missbraucht (Schuldzuweisung an Mütter)

… ist ein Gefühl, dessen Hochstilisierung gleichzeitig dazu beiträgt, jenen, denen es „verweigert“ ist, sprich Nicht-Müttern, ein Defizit umzuhängen

… impliziert das Konzept der „guten Mutter“ und trägt somit dazu bei, den Rabenmutter-Mythos weiter am Leben zu halten

… und die Annahme ihrer Existenz führt zu einseitigen wissenschaftlichen Studien, die Bedeutung und Existenz darauf aufbauend belegen und blind sind für wesentliche andere Einflussgrößen von Älter-Werden und Eltern-Werden

 

Wenn ich also sage, ich liebe mein Kind,
dann bitte verwechselt das nicht mit Mutterliebe.

Mutterliebe: ideologisch belastet und mystisch verklärt (Bild: Amelia Bauer | http://www.ameliabauer.com)

 

* Claudia Opitz („Pflicht-Gefühl. Zur Codierung von Mutterliebe zwischen Renaissance und Aufklärung“. In: Querelles Jahrbuch) wies übrigens darauf hin, dass auch „Vaterliebe“ erst im 18. Jahrhundert in Zusammenhang mit einer neuen bürgerlichen Familienform als Konstrukt geschaffen wurde.

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9 Kommentare

  1. berit

    Sehr guter und wahrer Artikel. Selbst im Tierreich wird doch evident, dass weibliche Säugetiere das Muttersein auch erst erlernen müssen, wenn sie z.B. ihr Erstgeborenes aus Versehen ertrampeln.

    Ich bin mir sicher, dass Elternliebe geschlechtsunabhängig ausgebildet ist und das Talent zum Elternsein auf beiden Seiten unterschiedlich ausgeprägt sein kann.

  2. Mich befremdet an der Analyse, dass zwar die unsägliche Badinter bemüht wird, nicht aber Hedwig Dohm, die um die letzte Jahrhundertwende eigentlich alles über „Mutterliebe“ geschrieben hat, was es darüber zu sagen gibt.

    • Danke für den Hinweis auf Hedwig Dohm (von ihr habe ich leider noch nichts gelesen)! Dafür habe ich gerade ein schönes Zitat auf fembio.org gefunden: „Der Mütterlichkeit muss die Speckschicht der Idealität, die man ihr angeredet hat, genommen werden.“ (… aber Badinter finde ich gar nicht soo unsäglich)

  3. Pingback: Lesestoff… — mybeautyblog

  4. Für mich, die alles über-analysiert und über vieles zu viel nachdenkt, ist das Thema eben überanalysiert… Manchmal hört das Denken und beginnen Gefühle. So sehe ich meine Liebe zu meinem kleinen Kind. Ob ich es Mutterliebe oder sonstwie nenne, ich ziemlich gleichgültig.

  5. Ach so, ich sehe erst jetzt die Überschrift „für feministische Mütter“. Nein, das bin ich nicht. Um Gottes Willen. Bin sogar keine Feministin, ohne Mutter zu sein. 🙂

  6. Pingback: Über Mütter | umstandslos.

  7. Liebe Autorin,kann ich dein Gedicht am Anfang mit in meinem Vortrag mit einbauen? ich kann mich damit sehr gut identifinzeren und ich könnte es nicht besser wiedergeben…LG

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